Harburg ist der südwestliche der sieben Bezirke der Freien und Hansestadt Hamburg und bezeichnet gleichzeitig den Landkreis Harburg. Dieser Artikel behandelt die Entstehung und Entwicklung von Hamburg-Harburg.

Die Horeburg mini|hochkant=1.4|Harburger Schloss, 1620

Ungefähr 800 n. Chr. wurde die Horeburg („Sumpfburg“) am Südufer der Süderelbe, auf der später so genannten Schlossinsel, im heutigen Harburger Binnenhafen vermutlich als Grenzfestung der Grafen von Stade angelegt. Heute finden sich hier die Reste des Harburger Schlosses. Zwischen 1133 und 1137 wird die Horeburg erstmals urkundlich erwähnt. Im 12. Jahrhundert war Harburg als Grenzfestung im Besitz des Stiftes Bremen, fiel dann an das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Unterhalb der Burg bildete sich entlang eines Dammes, der durch die Marsch von der Burg zur Geest führte und dem Straßenverlauf der heutigen Harburger Schlossstraße entspricht, eine Siedlung, die ebenfalls Harburg genannt wurde. Hier lebten Burgmannen, Handwerker und andere Personen, die der Versorgung der Burg dienten. Diesem oppidum wurden am 6. Mai 1288 durch eine Urkunde König Rudolfs von Habsburg Freiheitsrechte verliehen: Harburg wurde nun ein eigener Rechts- und Gerichtsbezirk innerhalb des Fürstentums Celle-Lüneburg. Anlass der Beurkundung war Vermählung Mechthilds, der Enkeltochter König Rudolfs, mit Herzog Otto II. von Braunschweig, denen beiden die Siedlung, die Burg und die Vogtei zu Lehen gegeben wurden.Dietrich Kausche: Harburg und das Jahr 1288. In: Jürgen Ellermeyer, Klaus Richter, Dirk Stegmann (Hrsg.): Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288–1938. Christians, Hamburg 1988, S. 11–15. Diese Herauslösung aus dem Landrecht war eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung der Siedlung zur Stadt.

1297 erhielt die Siedlung Harburg das Stadtrecht nach Vorbild Lüneburgs. 1303 war Harburg noch unbefestigt, eine Stadtbefestigung ist 1389 durch die Nennung eines Stadttores dokumentiert. 1307 wurde eine Kapelle erwähnt, eine eigene Pfarrgemeinde bildete sich erst im 15. Jahrhundert. Zuvor unterstand die Stadt dem Pfarrer von Wilstorf.

In den Jahren 1397 bis 1517 verpfändeten die Herzöge aus Geldmangel Schloss, Amt und Stadt an die Hansestädte Hamburg und Lüneburg. In der Folge wurde Harburg von beiden Städten ausgebeutet. Keine hatte Interesse, eine konkurrierende Stadt unter eigener Regentschaft zu haben.Historie von Harburg. harburg-geschichte.de

1527 heiratete Otto zu Braunschweig und Lüneburg die nicht ebenbürtige Meta von Campe und wurde mit einem eigenen Herrschaftsbereich, der Herrschaft Harburg auf Schloss Harburg, abgefunden. Unter Herzog Otto bis zum letzten Harburger Herzog 1642, war Harburg ein eigenes Herzogtum. Die Herzöge bauten das Harburger Schloss zu einem Renaissance-Schloss aus. Von 1620/1621 an bestand die Anlage aus drei Gebäudeflügeln.

1533 traten Harburger Schiffer als Gilde in Erscheinung. Mit durchschnittlich 17 kleinen und großen Ewern transportierten und lagerten sie Waren Hamburger Kaufleute. Harburg diente als Umschlagplatz für den Warenverkehr zwischen Hamburg und dem Binnenland südlich der Elbe. Dabei wurden die Harburger Kaufleute im Nahbereich durch Fuhrleute aus Hamburg, im Fernbereich durch mitteldeutsche Frachtfahrer unterstützt. Schiffer und Fuhrleute entwickelten sich zur führenden sozialen Schicht in Harburg, die den Rat der Stadt stellte.

Festung Harburg mini|hochkant=1.4|Festung Harburg 1654 auf einem Stich von Merian

Nach dem Aussterben der Herzogslinie 1641 fiel Harburg wieder an das Fürstentum Celle-Lüneburg zurück. In Hinblick auf die unruhigen Zeiten in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges sowie die Tatsache, dass Schweden im benachbarten Bremen-Verden und Dänemark in Holstein militärisch präsent waren, ließen die Celler Herzöge zwischen 1644 und 1660 um das alte Harburger Schloss eine moderne Festung nach niederländischem Muster errichten. Die Schlossinsel erhielt ihre fünfeckige Sternform. Dem Festungsbau fiel ab 1650 das gesamte Nordende der Altstadt zum Opfer. Die Marienkirche mit den Pastorenhäusern und Schule musste ebenso abgebrochen werden wie das gegenüberliegende Lagerhaus mit Kran und Waage. Der Kirchengemeinde wurde von der Regierung das Gelände des ehemaligen herzoglichen Lustgartens als Ersatz zur Verfügung gestellt (heutige Dreifaltigkeitskirche, Lämmertwiete und Umgebung). Für den Wiederaufbau des Lagerhauses bestimmte die Regierung das Gelände der ehemaligen herzoglichen Ziegelei (heute an der Buxtehuder Straße, Ecke Blohmstraße). Damit hatte sich Harburgs wirtschaftliches und kulturelles Zentrum nach Süden hin verlagert.

Mit dem Anschluss des Fürstentum Lüneburg an das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg wurde Harburg 1705 Teil des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg (umgangssprachlich „Kurfürstentum Hannover“).Hans-Cord Sarnighausen: Hannoversche Amtsjuristen von 1705 bis 1866. In: Harburger Jahrbuch, 23 (2012), S. 133–176.

Mit der Festung änderte sich Harburgs Sozialstruktur radikal: Es wurde Garnisonstadt. Die Garnison war teils auf der Festung kaserniert, teils in Bürgerquartieren untergebracht. Solange Harburg Grenzfestung war, das heißt bis 1715, als die ehemals schwedischen Herzogtümer Bremen-Verden endgültig an Kurhannover fielen, besaß die Garnison eine beträchtliche Stärke. Danach nahm sie ab; die Festung wurde vernachlässigt, bis man sie im Winter 1783/84 teilweise entfestigte. Die arbeitsfähige Bevölkerung Harburgs bestand nun überwiegend aus ehemaligen Soldaten, ihren Frauen und Witwen. Beschäftigung fanden sie hauptsächlich in der Textilindustrie.

Franzosenzeit mini|Karte der französischen Besetzung von 1812 mini|Holzbrücke aus dem Jahr 1813 zwischen Hamburg und Harburg

Während des Siebenjährigen Krieges wurde die Festung Harburg 1757 durch französische Truppen eingenommen, jedoch kapitulierten die Franzosen am 29. Dezember 1757 nach Belagerung durch die Armee des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, wodurch das Harburger Schloss an die hannoverischen Truppen übergeben wurde.

Im April 1813 besetzte Louis-Nicolas Davout die Stadt und behielt sie bis zum ersten Pariser Frieden 1814.Wilhelm Christian Ludewig: Geschichte des Schlosses und der Stadt Harburg. Harburg 1845Fritz Hoffmeyer: Harburg und die nächste Umgegend. Harburg 1885. In der Franzosenzeit gelangte Harburg unter der Herrschaft von Napoleon hamburg1813.de zu erstem wirtschaftlichem Aufschwung. Dies erforderte hohe Abgaben, Zwangsausweisungen und Zwangsarbeitseinsätze zum Beispiel beim Bau einer Heerstraße, der Bremer Chaussee in Eißendorf (seit 1856 in Bremer Straße umbenannt).

Vom 1. Januar 1811 an gehörte Harburg zum Département des Bouches de l’Elbe. Im Zuge einer von Napoleon geplanten Chaussee Hamburg – Paris über Harburg wurden 1813 nördlich und südlich eines gebauten Steindamms auf der Elbinsel Wilhelmsburg insgesamt vier Kilometer lange Brücken aus Holz über die durch Überschwemmungen gefährdeten Niederungen der weiteren Inseln in nur 83 Tagen errichtet, sodass nur noch die beiden Hauptströme der Norder- und Süderelbe mit Fähren überquert werden mussten. Diese Brücken wurden nach dem Abzug der Franzosen durch Eisgang zerstört und 1817 abgerissen.

19. Jahrhundert Das Königreich Hannover entstand 1814 auf dem Wiener Kongress als Nachfolgestaat des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Harburg etwa 3000 Einwohner. Diese Zahl änderte sich schlagartig, als die Industrialisierung einsetzte und Harburg 1847 an die Kreuzbahn angeschlossen wurde. Die Eröffnung der Strecke Celle–Harburg erfolgte am 1. Mai 1847 durch die Königlich Hannöverschen Staatseisenbahnen.

Ab 1818 bestand eine regelmäßige Dampfschiffsverbindung mit der nördlichen Nachbarstadt Hamburg, zu der ab 1853 eine feste Chaussee über die Elbinsel(n) Wilhelmsburg mit Fähr- und regelmäßiger Pferdeomnibus-Bedienung hinzu kam.

1845 bis 1849 baute der Hannoversche Staat die alten Festungsgräben zu einem für damalige Zeiten modernen Seeschiffshafen aus. Wichtigste Voraussetzung für die Industrialisierung Harburgs war aber der Anschluss des Königreichs Hannover 1854 an den Deutschen Zollverein (nachdem der Steuerverein gescheitert war). Da Hamburg jedoch bis 1888 Zollausland blieb, erfolgte der Grundstein für eine moderne Industrie durch Unternehmer aus Hamburg oder mit Hilfe Hamburgischen Kapitals.

mini|Fertigungsgebäude der „New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie“ in Hamburg-Harburg (unter Denkmalschutz) mini|Fabrik Thörl in der Schloßstraße in Hamburg-Harburg im 19. Jahrhundert

1854 verlegte der Hamburger Fabrikant Heinrich Christian Meyer einen Teil seiner Fabrik, in der außer Stöcken vor allem Stuhlrohr und Fischbein hergestellt wurden, nach Harburg. Zur Verarbeitung der von ihm in Hamburg aus Rohkautschuk angefertigten Hartgummiplatten für Kämme wurde dann 1856 unter führender Beteiligung Meyers die „Harburger Gummi-Kamm-Compagnie“ gegründet (später New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie). Ebenfalls 1854 gründete der Württemberger German Koeber eine Maschinenfabrik, die später die Kautschuk- und Pflanzenölbranche mit Spezialmaschinen belieferte: die Harburger Eisen- und Bronzewerke (später Krupp, heute Harburg-Freudenberger).

1855 erbaute Henri Noblée aus Lille eine Hydrocarbonfabrik (Gasanstalt) zur Belieferung einer zuvor installierten Straßenbeleuchtung in Harburg. Aus der später zusätzlich aufgenommenen Verarbeitung ölhaltiger Palmkerne entwickelten sich dann die Ölfabriken und Speisefettraffinerien der Firma Noblée und Thörl, heute Archer Daniels Midland (ADM).

1856 ließen sich die aus einer Hamburger jüdischen Familie stammenden Brüder Albert und Louis Cohen in Harburg nieder und begannen mit der Herstellung von Gummischuhen und vulkanisiertem Gummi. Sie war die erste ihrer Art in Deutschland. Die Brüder konnten auf die in Frankreich gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. Noch heute als „Phoenix AG“ ist sie damals wie heute größter Industriebetrieb Harburgs.

Harburg in Preußen mini|Preußisches Amtsgericht Harburg von 1872 mini|Preußisches Rathaus Harburg von 1892

1866 verlor das Königreich Hannover seine Unabhängigkeit nach dem verlorenen Krieg mit Preußen. Die hannoversche Armee musste nach anfänglichen Erfolgen in der Schlacht bei Langensalza gegenüber den preußischen Truppen am 29. Juni 1866 kapitulieren, die Welfen wurden entthront, das Königreich Hannover wurde annektiert und Harburg Teil der Landdrostei Lüneburg in der preußischen Provinz Hannover.

Am 12. September 1867 wurden die Städte Harburg und Winsen (Luhe), und die Ämter Harburg, Tostedt und Winsen finanz- und militärverwaltungstechnisch zum Steuerkreis Harburg zusammengefasst.

1870/1871 kam es nach dem siegreichen Krieg Preußens gegen Frankreich zur Ausrufung des Deutschen Reiches. Auch an diesem Krieg nahmen Harburger, selber gerade erst seit vier Jahren Preußen, teil. Ihnen und den Gefallenen zu Ehren wurde das Kriegerdenkmal gestiftet, das heute im Schwarzenbergpark steht.

1870–1872 erfolgte der Bau der Elbbrücke und damit Eisenbahnanschluss nach Norden (Hamburg, Altona/Elbe, Kiel, Glückstadt).

1872 wurde das neue Amtsgericht an der Buxtehuder Straße gebaut. Um 1875 war Harburg bereits ein Industriezentrum mit 49 größeren Betrieben und 18.000 Einwohnern.Bezirksamt Harburg (Hrsg.): Phoenix-Viertel. Hamburg 1981, S. 2. Zwei der größten Harburger Fabriken lagen an der Wilstorfer Straße: Die Kohleöl- und Gasfabrik des Franzosen Noblée und die Gummifabrik der Hamburger Albert und Louis Cohen. Im Jahr 1888 wurde ein Bebauungsplan von der Stadt Harburg verabschiedet, um Wohnraum für die dort beschäftigten Arbeiter zu schaffen.Adalbert Holtz, Horst Homann: Die Straßennamen von Harburg nebst Stadtgeschichtlichen Tabellen und einem Stadtplan. Hamburg 1970, S. 46. Um 1895 war das Gebiet des Phoenix-Viertels bereits vollständig bebaut.