mini|Stralsund: Rathaus und Nikolaikirche mini|Lübeck – „Königin der Hanse“ und „Mutter der Backsteingotik“ mini|hochkant|Marienkirche Lübeck mini|hochkant|Beginn der Backsteingotik (Übergangsstil) in Dänemark: Chor der Roskilde Domkirke Die Backsteingotik (, ) umfasst gotische Bauwerke, die aus oder mit sichtbarem Backstein errichtet wurden. Sie ist vor allem in Norddeutschland, dem Ostseeraum und den Niederlanden verbreitet. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich im Westen bis an die Straße von Dover und im Südosten bis nach Kleinpolen. Der oft auch verwandte Begriff Norddeutsche Backsteingotik erfasst daher nur einen Teil der gesamten Backsteingotik. Gotische Backsteinarchitektur in Italien und Südfrankreich wird in der Regel allein den dortigen Regionalstilen zugerechnet.
Die mittelalterliche Verwendung von Backstein als Baustoff setzte nördlich der Alpen im 12. Jahrhundert ein. Die ältesten Bauten gehören deshalb noch der so genannten Backsteinromanik an. Im 16. Jahrhundert ging die Backsteingotik in die Backsteinrenaissance über. Die geografische Verbreitung des Bauens aus Backstein und mit sichtbarem Backstein unterlag vom Beginn des Hochmittelalters bis in die frühe Neuzeit aber durchaus Veränderungen. So gab es in Teilen des Münsterlandes zwischen Pionierbauten der Romanik und dem starken Backsteineinsatz in Renaissance und Barock eine zeitliche Lücke.
Viele von der Backsteingotik geprägte Altstädte und Einzelbauten wurden in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen.
„Backsteingotik“ und „Norddeutsche Backsteingotik“
Der Begriff Backsteingotik unterscheidet sich von den meisten anderen Baustilen dadurch, dass hier ein Stil über den Baustoff definiert worden ist. Hinzu kommt die verbreitete, aber nicht dem Architekturbestand entsprechende Vorstellung einer Beschränkung auf Norddeutschland und die Länder um die Ostsee. Georg Dehio, der mit seinem in erster Auflage 1918 fertiggestellten und 1919 erschienenen Werk Geschichte der deutschen Kunst wesentlich zu den Vorstellungen über die Backsteingotik beigetragen hat, definierte in diesem Werk Stile grundsätzlich als Ausdruck nationaler Charaktere, nachdem er vor dem Ersten Weltkrieg angefeindet worden war, weil er internationale Kunsteinflüsse und nicht zuletzt den französischen Ursprung der Gotik betont hatte.Erich Hubale: Georg Dehio 1850–1832 – Seine Kunstgeschichte der Architektur. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 46. Bd., H. 1 (1983), pp., Deutscher Kunstverlag GmbH Munchen Berlin (Preview in jstor.org)
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde vor allem von der „Norddeutschen Backsteingotik“ und – Backsteinbauten der Romanik und Renaissance einschließend – vom „Norddeutschen Backsteinbau“ gesprochen. Diese Bezeichnungen sind für Betrachtungen angemessen, die westlicher und südlicher gelegene Werke der Backsteingotik ausklammern. Da aufgrund der Grenzverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg annähernd die Hälfte der damit bezeichneten Bauwerke heute in Polen steht, wird das Adjektiv „norddeutsch“ häufig weggelassen. Angesichts des Umfangs und der teilweise großen Ähnlichkeit der übrigen Backsteingotik als Ausdruck der mittelalterlichen Kulturbeziehungen gewinnt ein unvollständiges Bild, wer die Norddeutsche Backsteingotik isoliert betrachtet.
Grundzüge Geografie
Der Raum der nördlichen gotischen Backsteinarchitektur erstreckt sich westwärts bis an die Straße von Dover (Niederlande, belgisches und französisches Flandern, deutsches Niederrheingebiet). Grundsätzlich findet man hier dieselbe Formensprache wie im Ostseeraum. Einige Beispiele gibt es sogar in England, allerdings fast ausschließlich Landsitze aus der Tudorzeit.
Am entgegengesetzten Ende lag Galizien. Nachdem das Fürstentum Halytsch-Wolodymyr zum Königreich Polen gekommen war, baute man hier römisch-katholische Kirchen (poln.: koscioł / ukr.: kostel) in Stein oder eben Backstein, solche für orthodoxen Ritus (cerkiew/cerkwa) weiterhin überwiegend aus Holz.
Bauherren Die Staufer ließen in Süddeutschland und im Pleißetal Backsteinbauten an Orten errichten, an denen durchaus Bruchstein verfügbar war. Mit der aus Italien importierten Bauweise demonstrierten sie ihre Weltläufigkeit. Bauhistoriker wie Claudia Trummer verweisen darauf, dass die Qualität der Ziegel bei diesen frühen Bauten höher und gleichmäßiger war als bei vielen späteren.Claudia Trummer: Backstein an der Peripherie? – Romanische Backsteinbauten in Sachsen und Südbrandenburg, siehe Literaturliste Auch Heinrich der Löwe, der großen Anteil an der Einführung des Backsteinbaus in Norddeutschland hatte, war 1154/1155 zusammen mit Kaiser Friedrich Barbarossa in Italien gewesen. Für die Zeit nach der Entmachtung der Welfen hebt der Historiker Ernst Badstübner hervor, dass in der Markgrafschaft Brandenburg zunächst vor allem an den Orten in Backstein gebaut wurde, an denen die askanischen Markgrafen als Bauherren oder Stifter beteiligt waren, während Bauten anderer Trägerschaft dort noch lange vorwiegend aus Feldstein errichtet wurden.
Mönchsorden, sowohl solche mit zivilisatorischer Zielrichtung wie Zisterzienser und Prämonstratenser als auch Bettelorden wie die Dominikaner, errichteten in natursteinarmen Gebieten Klöster aus Backstein, anderswo solche aus Naturstein. Der Bauforscher Jens Christian Holst weist darauf hin, dass die Bevorzugung von Backstein oder Naturstein im Kirchenbau teilweise mittelalterliche Bistumsgrenzen nachzeichnet.
Mit der Zeit aber wurde Backstein vor allem zum bevorzugten Baustoff der aufstrebenden Städte.Walter Gross: Mittelalterliches Mauerwerk in Augsburg - 17. Bericht der Naturf.Ges.Augsburg / Seite 43–78 / 25. Dez.1964 () Wo in Franken und südlich der Donau heute verputzte Giebel nur noch durch ihre Struktur anzeigen, dass sich unter dem Putz Backsteinmauerwerk befindet, gab es im Spätmittelalter nachgewiesenermaßen auch viel Sichtmauerwerk und Zierrat aus gebrannten Ziegeln.
Stilelemente mini|links|Natursteinsäulen, Formsteinfriese und Terracottaelemente am Dom von Cremona, Lombardei mini|hochkant=0.7|Herzogsburg in Dingolfing (Niederbayern), geschlämmter Backstein, Luftfenster mit Maßwerk aus Formsteinen Typische Elemente der Backsteingotik wie Maßwerk und Friese aus Formsteinen findet man auch in manchen Gebäuden des nordwestlichen gotischen Backsteinbaus. Beispiele von Backsteinornamenten finden sich in der Italienischen Gotik, in Einzelfällen sogar an überwiegend aus Werkstein errichteten Gebäuden. Zusätzlich zu den aus dem Ostseebereich bekannten Schmuckformen finden sich an manchen Backsteinbauten der italienischen Gotik Terracottafriese.
Während im norddeutschen Binnenland und in Großpolen Werkstein tatsächlich kaum verfügbar war, konnten Städte mit Seehandel sich leicht welchen verschaffen. So hat die Lübecker Marienkirche, allgemein als Musterbeispiel der Norddeutschen Backsteingotik angesehen, zwei Portale aus Sandstein. In den Kanten der Türme sind Natursteinquader in einer Weise verbaut, die sonst für Niederlande und Niederrhein typisch ist, und die schlanken Pfeiler der Briefkapelle sind aus Bornholmer Granit. In den gotischen Backsteintürmen der Wismarer Kirchen und von St. Nikolai in Stralsund wurde Naturstein zwar nicht zu plastisch gestalteten Bauteilen verarbeitet, aber für farblichen Kontrast eingesetzt. Vergleichbar damit wurde der Turm der Marienkirche in Stargard (Hinterpommern) mit einer Stargarder Blende versehen. Bei der Danziger Marienkirche sind alle fünf Seitenportale und ein paar einfache aber lange Simse aus Werkstein.
Anderseits hat Heinrich Brunsberg an der Katharinenkirche in Brandenburg an der Havel und anderen Bauten gezeigt, dass fast alle der preziösen Formen der Werksteingotik durchaus auch aus gebranntem Ton herzustellen waren.
Regionen mini|links|hochkant=1.5|Europaübersicht des gotischen Backsteinbaus, Zusammenfassung der detaillierten Verbreitungskarten im Atlas der Backsteingotik Zusammenhängendes nördliches Verbreitungsgebiet
mini|hochkant=0.7|Ehemaliger Kirchturm: Leuchtturm Westkapelle, Seeland, Niederlande Backsteinarchitektur findet sich in erster Linie in Gebieten, in denen es keine ausreichenden Vorkommen an Naturstein gibt. Dies ist insbesondere im norddeutschen Tiefland und östlich angrenzenden Gebieten südlich der Ostsee der Fall, nicht minder in den westlich anschließenden bis nach Flandern. Südlicher Ostseeraum Die Norddeutsche Backsteingotik wird auch als Ostseegotik oder Baltic-Gothic bezeichnet. Ein Unterschied der Landschaften entlang der südlichen Ostseeküste gegenüber Dänemark, Nordwestdeutschland, den Niederlanden aber auch dem polnischen Binnenland war, dass hier die Einführung des Materials Backstein mit der Einführung des Steinbaus (im Sinne von Mauerwerk) überhaupt zusammenfiel, vielerorts sogar mit der Christianisierung (Fürstentum Rügen und das Baltikum einschließlich der Landschaft Preußen).
Da die Verbreitung der nördlichen Backsteingotik deutliche Gemeinsamkeiten mit dem einstigen Einflussgebiet der Hanse hat (außer im Südwesten und Süden), ist sie zu einem Symbol dieses Städtebundes geworden. Besonders zahlreich sind die Werke der Backsteingotik im hochmittelalterlichen Kolonisationsgebiet nördlich und östlich der Elbe mit seinen zahlreichen Stadtgründungen. Der Kulturraum der südwestlichen Ostsee hatte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit großen Einfluss auf Skandinavien und Polen und intensive Wechselbeziehungen mit der südlichen Nordseeküste bis nach Calais. Als Beispiel mögen die „flämischen“ Paralleldächer auf den Schiffen der meisten großen Kirchen Danzigs (sowie je einer in Elbląg (Elbing) und in Toruń (Thorn)) dienen. Auch der Turm der Danziger Marienkirche, bekanntlich völlig anders gestaltet als die Lübecker Marientürme, hat große Ähnlichkeit mit Türmen an der südwestlichen Nordseeküste. mini|hochkant|St. Stanislaus und Wenzel in Świdnica (Schweidnitz), Niederschlesien: Turmjoch böhmische Werksteingotik, Schiff Backsteingotik
Die Südgrenze der Ostseegotik ist nicht scharf, zumal es für den hoch- und spätmittelalterlichen Backsteinbau nördlich der Alpen keine wirkliche Südgrenze gibt. Wie im Abschnitt Bauherren dargestellt, erreichte er Thüringen (Beispiel: die Bergkirche von Altenburg) und Sachsen (Beispiel: Roter Turm in Chemnitz) nicht im Umweg über Norddeutschland. Entlang der Oder erstreckt sich der Bereich der Backsteingotik vom Mündungsbereich mit Wolgast und Stettin von Stadt zu Stadt bis hinauf nach Racibórz (Ratibor) am Fuß des Sudetengebirges, im Einzugsgebiet der Weichsel bis nach Krakau und Tarnów im Süden und Lublin im Osten.
Die neu gegründeten Städte des südlichen Ostseeraums schlossen sich bald der Hanse an und bildeten darin das wendische Quartier um das Zentrum Lübeck bzw. das gotländisch-livländische Quartier mit dem Vorort Tallinn (Reval). Die wohlhabenden Kaufmannsstädte der Hanse waren besonders von kirchlichen und profanen Repräsentationsbauten geprägt, wie Pfarrkirchen, Rathäusern, Bürgerhäusern reicher Kaufleute oder Stadttoren. Der Deutsche Orden errichtete seine oft prächtigen Ordensburgen in Preußen aus Backstein. Die mit ihm verbündeten Schwertbrüder in Kurland und Livland baute hingegen fast alle seine Burgen aus Naturstein, der dort auch zu gewinnen war.
Viel Backstein verwendete hingegen das Großfürstentum Litauen, das sich im Widerstand gegen die Ritterorden herausbildete. Genannt seien die Burgen in Trakai und Medininkai. Für die orthodoxen slawischen Untertanen und Würdenträger des zunächst noch heidnischen Staates entstanden gotische Bauten, die heute auch als Belarussische Gotik bezeichnet werden, großenteils in Backstein. Heute weisen die Bauten der Gotik in Litauen bei geringer Gesamtzahl eine große Formenvielfalt auf. mini|hochkant|Backsteinbau des Liberiet (ehem. Dombibliothek) vor dem Dom zu Lund (Basilika aus Sandstein)
Dänemark und Schweden mini|links|Granitquaderbasiika in Skarp Salling, 5 km vom Limfjord, DK