Großröhrsdorf ist eine sächsische Kleinstadt im Landkreis Bautzen.

Geografie Die Stadt an der Großen Röder liegt etwa 20 Kilometer östlich der Landeshauptstadt Dresden. Sie zieht sich südlich von Pulsnitz etwa vier Kilometer an der Alten Poststraße entlang. Autobahnanschlussstellen sind Ohorn und Pulsnitz an der A 4.

Die nächstgelegenen Ortschaften im Umkreis der Stadt sind die unmittelbar östlich anschließenden Großröhrsdorfer Ortsteile Bretnig und Hauswalde sowie weiter östlich Rammenau, weiterhin der Ortsteil Kleinröhrsdorf, der Wachauer Ortsteil Leppersdorf, die zur Verwaltungsgemeinschaft Pulsnitz gehörenden Gemeinden Lichtenberg und Ohorn, der Arnsdorfer Ortsteil Wallroda, der Großharthauer Ortsteil Seeligstadt sowie die Städte Radeberg und Pulsnitz.

Der ursprünglich als zweizeiliges Reihendorf entstandene und bis heute in der Form eines Waldhufendorfes bestehende Ort am Rande des Landschaftsschutzgebietes Westlausitz ist teils von landwirtschaftlich genutzten Flächen und ausgedehnten Waldgebieten umgeben, dem Niederforst nördlich des Ortes und der etwa 1500 ha großen Massenei am südlichen Ortsende. Diese besteht überwiegend aus dem alten Landeswald, der bis 1892 sächsisch-kurfürstliches Jagdgebiet war. „Massenei“ entstammt vermutlich dem mittelhochdeutschen „mastunge“, etwa dem heutigen Wort „Schweinemast“ entsprechend. Früher trieb man häufig die Schweine der Umgebung zur Mast in den Wald.

Die höchste Erhebung ist der nördlich der Stadt gelegene Oswaldsberg mit einer Höhe von 312 Metern, an seinem Hang ist ein ehemaliger Steinbruch.

Geschichte mini|Ortsansicht um 1900

Die bereits um 1250 gegründete Ansiedlung wurde erstmals urkundlich als Kirchdorf Grozen-RudigersdorfErnst Eichler (Hrsg.): Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen. Band II (M–Z). Akademie-Verlag, Berlin 2001, S. 301. (nach dem Lokatornamen Rüdiger) im Jahre 1349 erwähnt. Die Wahl des Ortsnamens resultiert aus der mittelalterlichen Verfahrensweise, neue Siedlungsgründungen nach den Kolonistenführern zu benennen. Ursprünglich zur Herrschaft Pulsnitz gehörend, fiel Großröhrsdorf um etwa 1400 an das markgräfliche Amt Radeberg.

Der Dreißigjährige Krieg sowie schwere Pest-Epidemien forderten dem Ort und seinen Einwohnern erhebliche Belastungen ab, allein in den Jahren 1631 bis 1633 fielen dem „Schwarzen Tod“ 304 Menschen zum Opfer.

In dem einstigen Bauerndorf siedelten seit dem 16. Jahrhundert kleine Gewerbebetriebe. Im Jahre 1680 führte George Hans die Bandweberei in Großröhrsdorf ein. Die Einführung dieses Industriezweigs beschleunigte den wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes und sollte über Jahrhunderte das prägende Gewerbe für die Region bleiben. Seit 1768 werden erste Bandfabrikanten in Pulsnitzer Gerichtsakten erwähnt. Der Ort erlangte große Bedeutung als wichtiger Zulieferer für zahlreiche Industriezweige, sogar bis über die Grenzen des Landes hinaus. Mitte des 19. Jahrhunderts war Großröhrsdorf mit 32 Bandfabriken und mehr als 1000 Bandwebstühlen eines der größten Zentren der Band- und Gurtweberei in Deutschland. 1834 zählte Großröhrsdorf bereits 2742 Einwohner. Im Zuge der Industrialisierung der Bandmacherei im Jahre 1855 wurden auch erste produktionstechnische Neuerungen eingeführt, 1857 nahm der erste mechanische Bandwebstuhl englischer Produktion seinen Betrieb auf. Der größte Betrieb vor Ort war die Firma C. G. Großmann, die um 1850 gegründet wurde. Bereits um 1900 beschäftigte sie mehr als 1100 Arbeiter, davon 800 in der Fabrik. Die Eigentümerfamilie schuf wichtige Einrichtungen zur Verbesserung der Infrastruktur wie das Carl-Großmann-Stift, zur Förderung von Schulzwecken (Emil-Großmann-Stiftung) und zur Unterstützung von Arbeitern außerhalb der Krankenkassen. 1893 stellte die Firma C. G. Großmann auf der Weltausstellung in Chicago aus und wurde mit einer Medaille geehrt.

Weiterhin entstanden metall- und holzverarbeitende Fabriken in der stetig wachsenden Industriegemeinde, die 1871 Anschluss an die Eisenbahnstrecke Radeberg–Kamenz erhielt. 1887 eröffnete eine Dampfbrauerei, das heutige Böhmisch Brauhaus Großröhrsdorf. Am 11. Oktober 1924 wurde Großröhrsdorf das Stadtrecht verliehen.

1945 verurteilte ein sowjetisches Militärtribunal fünf Jugendliche im Alter von 18 und 19 Jahren (davon zwei Mädchen) unter der Anschuldigung zum Tode, einer Untergrundorganisation „mit feindlicher Einstellung gegen den Kommunismus“ anzugehören. Zwei Todesurteile wurden vollstreckt, darunter an einem der Mädchen. Die anderen Jugendlichen wurden zu 10 Jahren Arbeitslager „begnadigt“ und 1950 bzw. 1954 aus Zuchthäusern entlassen. Die gesamte Gruppe wurde 1996 von russischer Seite rehabilitiert.Benno Prieß: Die Jugendlichen von Großröhrsdorf/Sachsen. In: Erschossen im Morgengrauen. Eigenverlag, Calw 2002, ISBN 3-926802-36-7, S. 127–131. (Mitherausgeber: Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR)

Von 1972 bis 1978 erfolgte endgültig die Verstaatlichung aller Bandindustriebetriebe und eine Zusammenfassung zum VEB Bandtex im VEB Kombinat Baumwolle mit etwa 5000 Beschäftigten. Die meisten Anlagen und Betriebsmittel befanden sich 1989 in einem extrem vernachlässigten Zustand. Nach der Wende in der DDR kam auch die Bandherstellung größtenteils zum Erliegen, heute führen nur noch vier Betriebe das traditionsreiche Gewerbe fort. Aus dem VEB Dekoband ging die heutige Firma „F.A. Schurig“ hervor und aus dem VEB Solidor die heutige Firma „Solidor“.Horst Jäkel (Hrsg.): DDR unvergessen. Christian Müller: Erfahrungsaustausch ist die billigste Investition, S. 83ff., ISBN 978-3-89819-430-3, Schkeuditz 2016

Am 1. Januar 1998 wurde Kleinröhrsdorf eingemeindet.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands auf destatis.de Zum 1. Januar 2017 folgte Bretnig-Hauswalde.Sächsisches Amtsblatt Nr. 51/2016 vom 22. Dezember 2016, abgerufen am 31. Dezember 2016 Damit endete auch die Verwaltungsgemeinschaft Großröhrsdorf.

Bevölkerungsentwicklung Vor der Eingemeindung von KleinröhrsdorfHistorischen Ortsverzeichnis von Sachsen Jahr 1551 1764 1834 1871 1890 1910 1925 1939 1950 1964 1990 Großröhrsdorf 72 besessene Mann,18 Häusler,97 Inwohner,60 Hufen 68 besessene Mann,12 Gärtner,98 Häusler,57 Hufen je 16–20 Scheffel 2742 4452 5862 8012 8372 8844 9221 9037 6898 Kleinröhrsdorf(seit 1998 nachGroßröhrsdorfeingemeindet) 19 besessene Mann,1 Häusler,25 Inwohner,16 Hufen 20 besessene Mann,5 Gärtner,14 Häusler,16 3/4 Hufen 371 407 446 542 592 666 701 709 563 Nach der Eingemeindung von KleinröhrsdorfStatistisches Landesamt, Freistaat Sachsen: 7. Regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung für den Freistaat Sachsen 2019 bis 2035, Datenblatt Gemeinde Großröhrsdorf, Stadt (Bevölkerungsfortschreibung) Jahr 2000 2004 2008 2012 2015 2018 2025 Großröhrsdorf 10.897 10.567 10.093 9.574 9.545 9.510 9 340 (Prognose)

Politik

Stadtrat Seit der Stadtratswahl am 9. Juni 2024 verteilen sich die 17 Sitze des Stadtrates folgendermaßen auf die einzelnen Gruppierungen:

+Vergangene Stadtratswahlen Partei/Liste202420192014Sitzein %Sitzein %Sitzein % Bürger für Großröhrsdorf631,9–––– CDU525,7630,4947,4 AfD325,0116,2–– Freie Wähler Rödertal* 211,2424,9317,1 SPD16,316,3211,2 FDP––316,2315,7 Linke––16,018,7 Wahlbeteiligung69,4 %62,8 %51,1 % * 2014: FW Gegenwind Großröhrsdorf mini|Rathaus Großröhrsdorf

Bürgermeister Bürgermeister ist seit 2019 Stefan Schneider (CDU). Er wurde 2026 als Einzelbewerber gegen eine Mitbewerberin wiedergewählt. +Vergangene BürgermeisterwahlenWahlBürgermeisterVorschlagWahlergebnis2026Stefan SchneiderSchneider85,8 %2019CDU95,2 %2012Kerstin TernesTernes99,2 %200567,5 %2001Klaus EckertEckert84,6 %199435,9 %

mini|hochkant=0.7|Bandwebschützen, ähnlich dem auf dem Stadtwappen

Stadtwappen Mit der Stadtrechtsverleihung 1924 erhielt der Ort als Ergebnis eines Preisausschreibens das in seiner heutigen Form seit 1926 bestehende Stadtwappen. Es zeigt einen silbernen Bandwebschützen auf blauem Grund. Vor der Erlangung des Stadtrechtes führte Großröhrsdorf ein Gemeindesiegel, welches zwei gekreuzte Breitwebschützen, einen Bienenkorb und zwei Getreideähren zeigte. Sie versinnbildlichten das bestimmende Handwerk des Ortes und den Fleiß seiner Bewohner.

Wirtschaft Das von 1887 bis 2023 produzierende Böhmisch Brauhaus Großröhrsdorf befand sich in der Bahnhofstraße. Das bereits in den 1990er Jahren erschlossene neue Gewerbegebiet von Großröhrsdorf beherbergt einen Branchenmix aus Kunststoff- und Metallverarbeitung, Maschinenbau und IT-Dienstleistungen. 2007 siedelte sich auch die Solarindustrie an. Am 1. Juni 2007 erfolgte der erste Spatenstich für eine 60-MW-Dünnschichtmodul-Produktionsstätte der Firma Sunfilm AG, welche nur ein Jahr nach deren Fertigstellung Insolvenz anmelden musste. Im Oktober 2010 wurde Sunfilm durch das Bielefelder Unternehmen Schüco aufgekauft und die Produktionsstätte weitergeführt. Im Jahr 2012 erfolgte die endgültige Schließung des Standortes.

Verkehr mini|Bahnhof Großröhrsdorf

Der Bahnhof Großröhrsdorf liegt an der Bahnstrecke Kamenz–Radeberg und wird im Personenverkehr von der S-Bahn-Linie S8 bedient. Die Züge fahren in der Relation Dresden – Langebrück (Sachs) – Radeberg – Großröhrsdorf – Kamenz (Sachs) und befahren dabei unter Umgehung des Bahnhofs Arnsdorf die Arnsdorfer Kurve. Nördlich tangiert die Bundesautobahn 4, die über die Anschlussstellen Ohorn und Pulsnitz erreichbar ist, das Stadtgebiet.

Bildung Die Stadt Großröhrsdorf verfügt über eine Grundschule, die „Praßerschule“, bei lienig-baumeister-architekten.de und das teilweise neuerbaute „Ferdinand-Sauerbruch-Gymnasium“. Dieses bildet seit dem Sommer 2012 gemeinsam mit der sanierten Mittel- bzw. Oberschule das Schulzentrum Großröhrsdorf. Weiterhin ansässig ist das private Institut für Gesundheit und Soziales.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Die barocke Stadtkirche wurde in den Jahren 1731/1736 errichtet. Altar und Taufstein stammen aus dem Jahre 1745, die Bildnisse Martin Luthers und Philipp Melanchthons von 1614. Die Kirche war 2011 Drehort für Hochzeitsszenen der TV-Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“. auf radiolausitz.de, 29. September 2011.Wo Tellkamps Turm verfilmt wird. auf sz-online.de Durch ein Feuer in den frühen Morgenstunden des 4. August 2023 brannte die Kirche vollständig aus.Kirche in Großröhrsdorf abgebrannt - auch Landrat und Landesbischof bestürzt. Artikel in der Sächsischen Zeitung vom 4. August 2023

Das Rathaus wurde 1907/1908 im Jugendstil erbaut und ist Zeugnis des um die Jahrhundertwende industriell aufstrebenden Ortes. Zudem prägen zahlreiche, großzügig angelegte Jugendstilvillen und Herrenhäuser das Stadtbild.

In der Kulturfabrik befindet sich das Technische Museum, das einen Einblick in die umfangreiche Geschichte der Bandweberei in Großröhrsdorf gibt.Bernd Schöne: Das technische Museum der Bandweberei in Großröhrsdorf/Oberlausitz. In: Volkskunde in Sachsen, Bd. 7, 1999, S. 183–186. Das Heimatmuseum in der Mühlstraße ist in einem Umgebindehaus von 1798 eingerichtet.

Am Rande der Massenei befindet sich das Massenei-Bad. Nach seiner Eröffnung im Jahre 1935 wurde es in den Jahren 1994 bis 1996 aufwändig saniert. Das Bad ist für seine ruhige Lage und seiner Eingliederung in den Masseneiwald bekannt.

Sport Überregional bekannt ist der 2009 gegründete Handballverein HC Rödertal, welcher in der Saison 2017/18 in der Handball-Bundesliga der Frauen spielte und momentan in der 2. Bundesliga spielt. Der Sportverein SC 1911 Großröhrsdorf bietet neben der Fußballabteilung, welche in der achtklassigen Kreisoberliga Westlausitz agiert, noch Schach an.

Naturdenkmale

Söhne und Töchter der Stadt Carl Gottlob Boden (1797–1877), Band- und Gurtfabrikant, ließ 1865 den Äußeren Friedhof von Großröhrsdorf errichten Johanna Juliane Schöne (geb. Schurig; 1807–1841), HutfabrikantinLebensdaten nach dem Eintrag in der Sächsischen Biografie Carl Friedrich Richter (Pseud. Carl Rosen; 1811–1862), Dichter und Revolutionär auf SACHSEN.digital August Berthelt (1813–1896), Pädagoge