Akt ohne Worte I (Acte sans paroles I)Samuel Beckett: Akt ohne Worte I Aus dem Französischen von Elmar Tophoven In: Samuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 47–53 ist Samuel Becketts erste Pantomime (gefolgt von Akt ohne Worte II). Wie viele seiner Arbeiten verfasste Beckett auch dieses Stück zuerst in französischer Sprache und übersetzte es später selbst ins Englische. Beckett schrieb es 1956 auf Bitte des Tänzers Deryk Mendel. Die Uraufführung fand am 3. April 1957 am Royal Court Theatre in London statt, wo es im Anschluss an eine Aufführung von Becketts Stück Endspiel gezeigt wurde. Die Originalmusik zum Stück wurde von John S. Beckett, einem Cousin des Autors geschrieben, der später auch mit ihm zusammen am Hörspiel Words and Music arbeitete.

Handlung Die Handlung spielt in einer Wüste, die von „blendendem Licht“Beckett, S., Collected Shorter Plays of Samuel Beckett (London: Faber and Faber, 1984), p. 43: "dazzling light" beleuchtet wird. Das Stück ist mit nur einer männlichen Figur besetzt, die zu Beginn des Stücks „rücklings auf die Bühne geworfen“Samuel Beckett: Akt ohne Worte I Aus dem Französischen von Elmar Tophoven In: Samuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 49Beckett, S., Collected Shorter Plays of Samuel Beckett (London: Faber and Faber, 1984)', p. 43: "flung backwards" wird. Danach hört der Mann einen Pfiff von rechts. Er „hält das Geräusch für eine Art Ruf, und nachdem er ein wenig darüber nachgedacht hat, geht er in diese Richtung, nur um wieder zurückgeworfen zu werden. Daraufhin ertönt das Geräusch von links. Die Szene wird seitenverkehrt wiederholt.“Lamont, R. C., ‘To Speak the Words of "The Tribe": The Wordlessness of Samuel Beckett’s Metaphysical Clowns’ in Burkman, K. H. (Ed.) Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett (London and Toronto: Fairleigh Dickinson University Press, 1987), p. 60: He "takes the sound for some kind of call, and after a bit of reflection, proceeds in that direction only to find himself hurled back again. Next the sound issues from the left. The scene is repeated in reverse." Es gibt offensichtlich keinen Ausweg. Er sitzt auf dem Boden und betrachtet seine Hände.

Danach werden eine Reihe von Gegenständen in die Szene herabgelassen, zuerst ein Bäumchen mit „nur einem Ast, etwa einen Meter über dem Boden“,Beckett, S. 1984 p. 43: “a single bough some three yards from the ground” eine „Karikatur des Baums des Lebens“.Lamont, R. C., ‘To Speak the Words of “The Tribe”: The Wordlessness of Samuel Beckett’s Metaphysical Clowns’ in Burkman, K. H. (Ed.) Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett (London and Toronto: Fairleigh Dickinson University Press, 1987) p. 60: “a caricature of the Tree of Life.” Seine Ankunft wird – ebenso wie die Ankunft aller weiteren Gegenstände – von dem gleichen scharfen Pfiff angekündigt. Als der Mann dadurch auf ihn aufmerksam wird, bewegt er sich in den Schatten des Baums und betrachtet seine Hände. „Eine Schneiderschere sinkt vom Schnürboden herab“,Beckett, S. 1984 p. 43: “A pair of tailor’s scissors descends from the flies” aber wieder bemerkt er sie nicht, bis er einen Pfiff hört. Daraufhin beginnt er, sich die Fingernägel zu schneiden.

Im Verlauf des Stücks werden noch andere Gegenstände von oben herabgelassen: drei Würfel verschiedener Größe, ein Stück Seil und – immer außerhalb seiner Reichweite – eine „kleine Karaffe, die am Hals ein großes steif abstehendes Etikett mit der Aufschrift Wasser trägt“.Samuel Beckett: Akt ohne Worte I Aus dem Französischen von Elmar Tophoven In: Samuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 50Beckett, S., Collected Shorter Plays of Samuel Beckett (London: Faber and Faber, 1984), p. 44:“tiny carafe, to which is attached a huge label inscribed WATER.”

Der Rest des Stücks ist eine Studie über durchkreuzte Anstrengungen. „Mit zwei natürlichen Werkzeugen ausgestattet: mit seinem Verstand und mit seinen Händen, die Werkzeuge, die ihn von den niederen Tieren unterscheiden, versucht er zu überleben, versucht er, ein bisschen Wasser in der Wüste zu erlangen. Der Verstand funktioniert, wenigstens zum Teil: Er lernt: der kleine Würfel auf den großen Würfel; er erfindet, oder er erhält die Erfindungen Schere, Würfel und Seil. Aber sobald er gelernt hat, seine Werkzeuge nutzbringend einzusetzen, werden sie ihm entzogen: Die Schere, als er darüber nachdenkt, sich statt der Fingernägel den Hals abzuschneiden; die Würfel und das Seil, als er entdeckt, dass er sie als Galgen verwenden könnte.“Gontarski, S. E., ‘Birth Astride a Grave: Samuel Beckett’s Act Without Words I’ in The Beckett Studies Reader (Gainesville: University Press of Florida, 1993), pp 29-34: “Armed with two natural tools, mind and hands, those tools, which separate him from lower orders of animals, he tries to survive, to secure some water in the desert. The mind works, at least in part: he learns – small cube on large; he invents, or is given inventions – scissors, cubes, rope. But when he learns to use his tools effectively, they are confiscated: the scissors, when he reasons that in addition to cutting his fingernails, he might cut his throat; the blocks and rope, when he discovers that they might make a gallows.” (Am Ende von Warten auf Godot erwägen auch Vladimir und Estragon, sich auf diese Weise umzubringen.) Beckett bezieht sich hier auf die von ihm gesehenen Stummfilmkomödien von Buster Keaton, Ben Turpon und Harry Langdon, die alle mit Gegenständen zusammentreffen, die einen eigenen Willen zu haben scheinen.

Schließlich sieht es so aus, als hätte der Mann aufgegeben. Er sitzt auf dem großen Würfel. Nach einer Weile wird dieser unter ihm weggezogen, und er bleibt auf dem Boden zurück. An diesem Punkt entscheidet er, das Spiel nicht weiter mitzuspielen: Selbst als die Wasserkaraffe unmittelbar vor seinem Gesicht baumelt, macht er keine Anstrengungen, sie zu ergreifen. Die Palmblätter des Bäumchens öffnen sich und bieten noch einmal Schatten, aber er rührt sich nicht. Er sitzt einfach da im blendenden Licht und betrachtet seine Hände.

Interpretation Auf einer Ebene scheint Akt ohne Worte I „ein verhaltensbiologisches Experiment innerhalb eines klassischen Mythos zu sein“,Ackerley, C. J. and Gontarski, S. E. (Eds.) The Faber Companion to Samuel Beckett, (London: Faber and Faber, 2006), p. 3: [Act Without Words I] “seems a behaviourist experiment within a classical myth” und zwar innerhalb des Tantalus-Mythos. Tantatus stand bekanntlich in einem Teich, dessen Wasser immer dann zurückwich, wenn er sich hinunterbeugte, um davon zu trinken. Über ihn neigte sich ein Obstbaum, der seine Zweige jedes Mal dann anhob, wenn er nach den Früchten greifen wollte, um davon zu essen. In den dreißiger Jahren las Beckett das Buch von Wolfgang Köhler The Mentality of Apes (deutscher Originaltitel: „Intelligenzprüfungen an Anthropoiden“) über die Affenpopulation auf Teneriffa. Dort waren Experimente durchgeführt worden, bei denen Affen Würfel übereinander stapelten, um an eine Banane zu gelangen.Knowlson, J., Damned to Fame: The Life of Samuel Beckett (London: Bloomsbury, 1996), p. 419 Offensichtlich bezieht sich Beckett mit dem Stück auf diese Lektüre.

Tantalus war nicht ohne Grund bestraft worden. In Becketts Stück wird jedoch nicht gezeigt, dass der Mann tatsächlich für nichts anderes bestraft wird als seine bloße Existenz. Wie beim Erzähler in Der Außgestoßene, dessen Geschichte damit einsetzt, dass er von dem Ort, an dem er lebt, in eine Umgebung verstoßen wird, „in der er weder existieren, noch aus der er entkommen kann“,Beckett, S., The Expelled and Other Novellas (London:Penguin Books, 1980) gibt es hier eine externe Macht, wohingegen in Warten auf Godot die Existenz Godots fraglich bleibt.Ackerley, C. J. and Gontarski, S. E. (Eds.) The Faber Companion to Samuel Beckett, (London: Faber and Faber, 2006), pp. 3,4 Diese externe Macht wird durch einen „scharfen, unmenschlichen, körperlosen Pfiff repräsentiert.“Lamont, R. C., ‘To Speak the Words of "The Tribe": The Wordlessness of Samuel Beckett’s Metaphysical Clowns’ in Burkman, K. H. (Ed.) Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett (London and Toronto: Fairleigh Dickinson University Press, 1987), p 60: „represented by a sharp, inhuman, disembodied whistle“ Sie erlaubt dem Mann nicht wegzugehen. Sein Fall(en) kann als Darstellung des Sündenfalls verstanden werden.

Der Umstand, dass der Mann im wahrsten Sinne des Wortes, zumindest in den Augen des Publikums, in seine Existenz geworfen wird, erinnert an das Heideggeresche Konzept der Geworfenheit.Oppenheim, L., ‘Anonymity and Individuation: The Interrelation of Two Linguistic Functions in Not I and Rockaby’ in Davis, R. J. and Butler, L. St J. (Eds.) ‘Make Sense Who May’: Essays on Samuel Beckett’s Later Works (Gerrards Cross: Colin Smythe, 1988)', p. 42 Heidegger verwendet diesen Begriff im metaphorischen Sinn: Er beschreibt damit die akzidentelle, zufällige Natur der menschlichen Existenz in einer Welt, die nicht durch eigene bewusste Wahl zur Welt des Menschen geworden ist. Ebenso metaphorisch geht Beckett vor: Der Mann wird, ähnlich wie das Neugeborene aus der Gebärmutter, vom Nichtsein ins Sein hinausgeworfen, aus der Dunkelheit in das gleißende Bühnenlicht. Der Darsteller ist ohne Namen, er könnte jeder sein. „Wie Beckett seinem amerikanischen Verleger Barney Rossett 1957 mitteilte, ist er nur ‚menschliches Fleisch, oder Knochen‘“.Ackerley, C. J. and Gontarski, S. E. (Eds.) The Faber Companion to Samuel Beckett, (London: Faber and Faber, 2006), p. 4: “As Beckett told Barney Rossett, his longtime U.S. publisher, in 1957: he is just ‘human meat or bones.’”

Als er zum ersten Mal seine Hände betrachtet, ist es, „als ob er zum allerersten Mal Notiz von seinem eigenen Körper nähme […] Als ihm sein Dasein bewusst wird […] [ist er bereit], die Anwesenheit der verschiedenen Seienden [Heideggers Bezeichnung für existierende Dinge] zu akzeptieren“.Lamont, R. C., ‘To Speak the Words of "The Tribe": The Wordlessness of Samuel Beckett’s Metaphysical Clowns’ in Burkman, K. H. (Ed.) Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett (London and Toronto: Fairleigh Dickinson University Press, 1987)', p. 60: „as though [he is] noticing his own body for the first time … Having become cognizant of his Dasein … [he is willing to] accept the presence of various Seiendes“ Nachdem, als eines der Seienden, die Schere erscheint, fängt der Mann an, seine Fingernägel zu schneiden, „aus keinem anderen Grund, als dass der richtige Gegenstand dafür auf einmal verfügbar ist“. Natürlich kann die Schere hier für jeden anderen nutzbaren Gegenstand des täglichen Lebens stehen, wie ein Haus oder Auto, Dinge, deren Vorhandensein im Allgemeinen als selbstverständlich gilt.Lamont, R. C., ‘To Speak the Words of "The Tribe": The Wordlessness of Samuel Beckett’s Metaphysical Clowns’ in Burkman, K. H. (Ed.) Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett (London and Toronto: Fairleigh Dickinson University Press, 1987), p. 60: „for no other reason than the sudden availability of the correct object. The scissors of course could stand for any other useful object of daily living such as a house or car, objects whose thereness is most often taken for granted.“