Der Fremdenlegionär (Originaltitel: Beau Travail) ist ein französischer Spielfilm von Claire Denis aus dem Jahre 1999.

Handlung In Marseille erinnert sich der ehemalige Feldwebel (adjudant-chef) der französischen Fremdenlegion Galoup an die Ereignisse, die zu seiner Entlassung aus der Legion geführt haben. Sein subjektiver, aus dem Off gesprochener Kommentar begleitet die Handlung des Films.

Eine Gruppe von fünfzehn jungen Legionären ist mit ihrem Ausbilder Galoup und dem Kommandanten Bruno Forestier am Golf von Dschibuti stationiert. Die jungen Legionäre sind Galoup widerspruchslos ergeben. Galoup hat eine harmlose Beziehung mit der jungen Rahel, aber im Wesentlichen kennt er nichts anderes als die Armee und seine Aufgabe. Die Ordnung wird durch den jungen, neu angekommenen Soldaten Gilles Sentain gestört, und da Sentain bald die Anerkennung des Kommandanten gewinnt, wächst in Galoup eine Eifersucht.

Um Sentain loszuwerden, stellt Galoup ihm eine Falle, infolge deren er einen Disziplinarverstoß begeht. Zur Strafe setzt Galoup ihn allein in der Salzwüste aus, händigt ihm vorher jedoch einen defekten Kompass aus, so dass er unmöglich zurück zum Lager finden kann.

Nachdem Galoups Manipulation aufgeflogen ist, teilt Kommandant Forestier ihm mit, dass er aus der Legion entlassen und in Frankreich vor ein Militärgericht gestellt werden wird. Dem Tode nahe, wird Sentain von einer Gruppe Einheimischer gefunden und gerettet. Galoup sieht, zurück in Marseille, außerhalb der Legion keine Zukunft mehr für sich. Die vorletzte Szene des Films deutet einen Suizid Galoups in seinem Zimmer an. Der Film endet mit einer energischen Tanzszene Galoups zu The Rhythm of the Night der Band Corona.

Neben dieser erzählenden Seite der Handlung zeigt der Film zahlreiche, oft choreografierte, Übungen der Legionäre, die zu einem großen Teil eher zu einer allgemeinen Steigerung ihrer Körper- und Willenskraft zu dienen scheinen als zu unmittelbaren Kampfaktionen. Dabei werden sie einige Male von kleineren Gruppen Einheimischer beobachtet, deren Blicke, wie es in einer Beschreibung des Films heißt, eher „amüsierte Neugier als Misstrauen oder Ehrfurcht“ ausdrücken.

Entstehung Claire Denis realisierte Der Fremdenlegionär als Auftragsfilm für den Fernsehsender Arte innerhalb der Serie „Terres étrangères“ (Fremde Länder).

Das Drehbuch schrieben Denis und Jean-Pol Fargeau in drei Schritten. Zunächst verfassten sie einen Entwurf als Galoups Notizbuch und schrieben dann das tatsächliche Drehbuch als Gegenentwurf dazu. Schließlich schrieb Denis den aus dem Off gesprochenen Kommentar Galoups inspiriert von ihrer Erinnerung an Jean-Luc Godards Der kleine Soldat (1960).

Filmanalyse Intertextualität Das Drehbuch zu Der Fremdenlegionär ist inspiriert von Herman Melvilles Erzählung Billy Budd. Dabei ist Galoup das Äquivalent zu Claggart in Melvilles Erzählung, während Forestier Kapitän Vere verkörpert und Sentain Billy Budd.Jonathan Rosenbaum: Unsatisfied Men. In: Chicago Reader, 25. Mai 2000. Sequenzen aus Benjamin Brittens Umsetzung der Erzählung als Oper untermalen mehrere Szenen des Films.Ausführlich zur Inspiration des Films durch Melvilles Erzählung bei Corinn Columpar: Beau Travail, S. 13–20 (s. Literatur).

Der Film bezieht sich in der Besetzung und Benennung des Kommandanten Bruno Forestier auf Godards Der kleine Soldat. In diesem Film spielte Michel Subor ebenfalls eine Figur mit diesem Namen. Wenn Galoup in seinem Off-Kommentar sagt, „vielleicht ist es Reue, mit der die Freiheit beginnt“ (»peut-être qu’avec le remords commence la liberté«)Claire Denis: Beau Travail, Timecode: 11:02. – er fügt noch hinzu, das habe er irgendwo einmal gehört –, dann ist dies ein fast wörtliches Zitat aus Godards Film. Dort ist es Forestier, der sagt, „vielleicht ist Reue der Anfang der Freiheit“ (»peut-être que le remords est le début de la liberté«).IMDb: Le Petit Soldat – Citations, abgerufen am 20. Juni 2026 (französisch) Auch auf der Bildebene gibt es ein direktes Zitat: Die Gesten, die Forestier einmal in Beau Travail vor einem Spiegel ausführt, sind dieselben wie vierzig Jahre zuvor die Figur mit demselben Namen, dargestellt vom selben Schauspieler, in Le petit soldat.Corinn Columpar: Beau Travail, Abbildungen, S. 26 (s. Literatur).

Jonathan Rosenbaum stellt fest, Der Fremdenlegionär stelle wie Godards genannter Film und Alain Resnais’ Muriel oder Die Zeit der Wiederkehr (1963), die beide vor dem Hintergrund des Algerienkriegs spielen, Alltagsbanalitäten Tragik und Gewalt gegenüber. Im Gegensatz zu den beiden Nouvelle-Vague-Filmen sei Der Fremdenlegionär allerdings klar postkolonialistisch.

Inszenierung von Körperlichkeit und Männlichkeit Der Fremdenlegionär enthält mehrere Szenen, in denen die Legionäre regelmäßige, aufeinander abgestimmte und routinierte Ausdauer- und Kraftübungen mit nacktem Oberkörper ausführen. Denis lehnt sich in ihrer ritualisierenden Darstellung des Trainings der Soldaten an zeitgenössischen Tanz an und hat dafür den Choreographen Bernardo Montet engagiert, der auch selbst einen der Legionäre spielt. Das weitgehende Fehlen von Dialogen lässt die US-amerikanische Autorin Gwendolyn Audrey Foster die Dramaturgie des Films eher mit Musiktheater vergleichen. Sie nennt Der Fremdenlegionär ein „männliches Musical“.Gwendolyn Audrey Foster: Performing Whiteness: Postmodern Re/Constructions in the Cinema. State University of New York Press, Albany 2003, ISBN 0-7914-5627-7. Alle wörtlichen Zitate im englischen Original: S. 110, 112.

Auf Foster wirkt Claire Denis’ Darstellung der Soldaten so, als seien sie „sprachlose, performative Vehikel maskuliner Künste“. Dabei nehme der Film die Erzählperspektive Galoups ein – er ist es, der im Off spricht und Auszüge aus seinem Notizbuch vorliest – und übernehme auch dessen „objektifizierenden Blick“ auf die Körper der Legionäre. Sie schreibt: „Da die Geschichte tatsächlich durch Galoups subjektive Vorstellungswelt erzählt wird – eine Vorstellungswelt, die eindeutig von Homophobie und der Verleugnung der eigenen Sexualität geprägt ist –, werden wir in die Subjektivität eines im Verborgenen lebenden Homosexuellen hineingezogen, der die Verkörperung von Exzess und Begehren darstellt.“ Foster führt aus, Galoup sei „so verzehrt von Eifersucht und Selbsthass, dass er mit uns nur seine geplagten und lustvollen Erinnerungen teilen“ könne.

Die schottische Filmkritikerin Hannah McGill schreibt: „Der Film rückt die männliche Schönheit ganz offen in den Vordergrund und unterstreicht damit die Spannung im Inneren einer militärischen Gemeinschaft, in der sich sentimentale Vorstellungen von Kameradschaft, Solidarität und Liebe unter Männern vom Tabu der Homosexualität abzugrenzen suchen.“ Erst mit der schlussgebenden Tanzszene, so resümiert Foster, könne Galoup sich von dem widersprüchlichen – einerseits homoerotischen, andererseits homophoben – Kontext der Legion und damit von der Unterdrückung seiner Sexualität lösen.Gwendolyn Audrey Foster: Performing Whiteness: Postmodern Re/Constructions in the Cinema, S. 115: „It is only after leaving the legion that Galoup allows himself to engage in a fantasy that seems to embrace his homosexuality. This final scene […] allows for a recontextualization of Galoup’s sexual identity.“

McGill weist darauf hin, dass der Film nicht ausschließlich aus der Perspektive Galoups erzählt, sondern Sequenzen und Szenen enthält, von denen er keine Kenntnis haben kann. Dies gilt zum Beispiel für Sentains Schicksal, nachdem ihn Galoup in der Salzwüste ausgesetzt hat. Andere Szenen, wie das „surreale“, fast „tango-artige“ Duell mit Sentain, finden aus ihrer Sicht gerade durch Galoups Erinnerung an sie eine Erklärung: „Es liegt nahe, anzunehmen, dass die abstraktesten und von Bewegung geprägten Sequenzen des Films Material darstellen, das Galoup in seiner Erinnerung so oft durchgegangen ist, dass es fragmentiert und surreal geworden ist – etwa ein Kampf mit Sentain, der sich in etwas Tango-Artiges verwandelt.“

Der Sicht, dass Beau Travail die Legionäre in einer objektifizierenden Weise darstelle, ihnen also Individualität und Autonomie abspreche, hat die Cutterin des Films, Nelly Quettier, vehement widersprochen. In einem Interview wurde Claire Denis’ Film in die Nähe von Leni Riefenstahls Olympia-Film aus 1938 gerückt. Quettier entgegnete darauf:

Rezeption Der Film feierte seine Uraufführung am 4. September 1999 auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo er in der Sektion „Cinema del Presente“ lief,IMDb: Venice Film Festival 1999, abgerufen am 23. Juni 2026 und wurde im Folgejahr unter anderem auch auf dem Sundance Film Festival und der Berlinale gezeigt.

Kritik Der Film genießt einen hervorragenden Ruf bei vielen Filmkritikern. In der alle zehn Jahre stattfindenden Umfrage der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound zu den besten Filmen unter Kritikern und Filmregisseuren wurde Der Fremdenlegionär 2022 auf den ungeteilten 7. (critics’ poll) bzw. geteilten 14. (directors’ poll) Platz gewählt. Eine BBC-Umfrage unter 368 Filmexperten aus 84 Ländern wählte Der Fremdenlegionär 2018 auf Platz 4 der besten Filme aller Zeiten, bei denen eine Frau Regie geführt hat.

Die FAZ bescheinigte dem Film bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2000 im Internationalen Forum des Jungen Films eine „Stilhöhe und Dichte, die im Forum nur wenige Spielfilme erreichen.“ Die schweizerische Zeitung Le Temps lobt: „Claire Denis filmt die Männer in einer nie da gewesenen Sinnlichkeit und einer Mischung aus Naivität und Stolz… einer der besten Filme des Jahres“.

Die Zeitung Libération sieht in diesem Werk den „körperlichsten, bildstärksten Film Claire Denis’“.

Auszeichnungen Beim Geneva International Film Festival des Jahres 1999 (damals noch unter dem Namen „Festival Tous Écrans“) wurde Claire Denis mit dem Spezialpreis für die Beste Regie ausgezeichnet.Liste der Preisträger des Jahres 1999 auf der Website des GIFF, abgerufen am 29. Juni 2026 (französisch). Agnès Godard gewann im Jahr 2001 für ihre Kameraführung den César und den Chlotrudis Award. Sie war hierfür auch für den Europäischen Filmpreis nominiert. Weitere kleinere Auszeichnungen auf einigen Filmfestivals, darunter auf dem International Film Festival Rotterdam, sprach man dem Film ebenfalls zu.

Literatur Corinn Columpar: Beau Travail. Bloomsbury Publishing (in der Reihe: BFI Film Classics), London 2026, ISBN 978-1-8390-2713-0. Online verfügbar in der Thomas Elsaesser Collection des DFF.

Weblinks

PDF des Originalfilmblatts des Internationalen Forums (Berlinale 2000): Beau Travail Hans Scheugl: Beau Travail

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1999 Kategorie:Französischer Film Kategorie:Independent-Film Kategorie:Filmdrama Kategorie:Homosexualität im Film Kategorie:Herman-Melville-Verfilmung Kategorie:Fremdenlegion im Film