Strukturalismus ist ein in den 1950er Jahren in Lateinamerika entstandener entwicklungsökonomischer Ansatz. Als Strukturalismus wird dieser Ansatz bezeichnet, da er sich mit globalen Wirtschaftsstrukturen, Entwicklungshemmnissen und Marktungleichgewichten beschäftigte.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 100–125. S. 101. Ausgangspunkt war dabei das Beziehungsgefüge in einem Zentrum-Peripherie-Modell der Weltwirtschaft.José Gabriel Palma: „Structuralism“ In: Amitava Krishna Dutt, Jaime Ros: International Handbook of Development Economics. Edward Elgar Publishing, 2008, ISBN 1-84542-327-5, S. 136.Vgl. auch Ludwig Schätzl: Wirtschaftsgeographie. 9. Auflage. UTB, 2003, ISBN 3-8252-0782-X, S. 189. Die lateinamerikanischen Strukturalisten waren die ersten, welche die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Entwicklungsländern (Peripherie) einerseits und den Industrienationen (Zentrum) andererseits systematisch erforschten.
Der Strukturalismus führte zu wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die speziell auf die Situation von Entwicklungs- und Schwellenländern ausgerichtet waren. Eine entsprechende Strukturalistische Wirtschaftspolitik wurde maßgeblich von der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika (CEPAL (span.) / ECLA (engl.)), insbesondere während der Amtszeit von Raúl Prebisch, vorangetrieben. Sie war in der lateinamerikanischen Wirtschaftspolitik von den 1960er bis Mitte der 1980er Jahre dominierend.
Geschichtliche Einordnung miniatur|CEPAL-Hauptquartier in Santiago de Chile
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in Südamerika eine exportorientierte Wirtschaftspolitik betrieben, die vom klassischen Wirtschaftsliberalismus und insbesondere von Ricardos Modell der komparativen Kostenvorteile inspiriert war. In der Weltwirtschaftskrise ab 1929 erwiesen sich die exportorientierten Entwicklungsländer aber gegenüber den Auswirkungen der Depression der Weltwirtschaft als besonders verwundbar.Sandra Kuntz Ficker: From Structuralism to the New Institutional Economics: The Impact of Theory on the Study of Foreign Trade in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 145–162. S. 146, 147. So kollabierte beispielsweise innerhalb kurzer Zeit die stark exportorientierte brasilianische Kaffeeproduktion. Kaffee hatte vor der Krise 70 % des brasilianischen Exports ausgemacht.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 100–125. S. 113. Auch beobachteten zeitgenössische Ökonomen, dass die Preise für Primärgüter wie Lebensmittel und Rohstoffe in der Krise schneller verfielen als die Preise für Industriegüter. Infolge der problematischen Resultate der exportorientierten Wirtschaftspolitik in der Weltwirtschaftskrise verbreitete sich in Lateinamerika die Ansicht, dass die Spezialisierung der Entwicklungsländer auf Primärgüterexporte volkswirtschaftlich eher nachteilig sei (Export-Skepsis).Sandra Kuntz Ficker: From Structuralism to the New Institutional Economics: The Impact of Theory on the Studyof Foreign Trade in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 145–162. S. 146, 147. Infolge des massiven Einbruchs der Primärgüterexporte (Cash Crops) entstand ein Devisenmangel, der den Warenimport stark begrenzte. Die Notwendigkeit, die durch den Devisenmangel entstandenen Marktlücken zu füllen, bewirkte die erste Welle der importsubstituierenden Industrialisierung in Lateinamerika.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 100–125, S. 114. Diese wurde in der Phase strukturalistischer Wirtschaftspolitik ab den 1960er Jahren weitergeführt, durch eine stärkere Planung (z. B. Input-Output-Analyse) sollte der importsubstituierenden Industrialisierung aber eine sinnvolle Richtung gegeben werden.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 100–125. S. 103. Die Strukturalistische Wirtschaftspolitik wurde maßgeblich von der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika CEPAL vorangetrieben, vor allem während der Amtszeit von Raúl Prebisch (1964–1969). Abgelöst wurde diese in den 1980er Jahren von einer bis um das Jahr 2000 reichenden Phase einer am Washington Consensus orientierten Wirtschaftspolitik.Joseph L. Love: The Rise and Decline of Economic Structuralism in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 100–125. S. 107.
Theoretische Grundlagen Vorläufer Eine europäische Wurzel des Strukturalismus ist die Historische Schule der Nationalökonomie. Insbesondere in Anlehnung an Friedrich List gingen die Strukturalisten davon aus, dass es unterschiedliche volkswirtschaftliche Entwicklungsstufen gibt, die jeweils eine unterschiedliche Wirtschaftspolitik erfordern. Um an dem wirtschaftlichen Fortschritt voll teilhaben zu können, müsse ein Land die oberste Entwicklungsstufe „Industrieland“ erreichen.Matthias P. Altmann, Contextual Development Economics, Springer Science + Business Media, 2011, ISBN 978-1-4419-7230-9, S. 112 Erst in der industrialisierten Volkswirtschaft entfalte sich die volle wirtschaftliche Dynamik durch fortschreitend höher verarbeitete Produkte. Diese Dynamik wirke sich positiv auf die wissenschaftlich-technische Entwicklung und auf Qualifikation und Weiterbildung der Bevölkerung aus. In unterentwickelten Ländern fänden solche Prozesse nicht statt. Das Charakteristikum dieser Volkswirtschaften sei und bleibe eine Ausbeutung endlicher Vorkommen von Naturressourcen, um den Luxuskonsum der Eliten der Peripherie zu finanzieren.Stockmann, Menzel, Nuscheler: Entwicklungspolitik. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, ISBN 978-3-486-58998-6, S. 104. Der Theorie Lists folgend gingen die Strukturalisten davon aus, dass aufgrund der größeren Konkurrenzfähigkeit der bereits bestehenden ausländischen Industrien die oberste Entwicklungsstufe ohne eine vorübergehende Periode protektionistischer Wirtschaftspolitik nicht erreichbar sei (Erziehungszollgedanken).Matthias P. Altmann: Contextual Development Economics. Springer Science + Business Media, 2011, ISBN 978-1-4419-7230-9, S. 112.
Einflussreich waren auch frühe Entwicklungsökonomen wie Albert O. Hirschman, William Arthur Lewis und Gunnar Myrdal. Diese Autoren gingen entgegen der neoklassischen Vorstellung vom Marktgleichgewicht davon aus, dass der freie Markt keine zwangsläufige Gleichgewichtstendenz hat. Die Marktkräfte würden je nach den Umständen zum Gleichgewicht hin oder vom Gleichgewicht weg tendieren. Kleinste Vorteile oder Nachteile bestimmter Regionen könnten so im Lauf der Zeit zu großen Vorteilen oder Nachteilen gegenüber anderen Regionen anwachsen. Deshalb befürworteten die Strukturalisten internationale Entwicklungshilfe und eine aktive Rolle des Staates, der in den Entwicklungsländern die Industrialisierung anstoßen sollte.Sandra Kuntz Ficker: From Structuralism to the New Institutional Economics: The Impact of Theory on the Studyof Foreign Trade in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 145–162. S. 146Hendrik Hansen: Politik und wirtschaftlicher Wettbewerb in der Globalisierung. 1. Auflage. GWV Fachverlag, 2008, ISBN 978-3-531-15722-1, S. 133.
Überblick Die lateinamerikanischen Strukturalisten lenkten erstmals die Aufmerksamkeit auf die fundamentalen Unterschiede zwischen den lateinamerikanischen Volkswirtschaften und den Volkswirtschaften der klassischen Industrienationen Europas und Nordamerikas. Sie argumentierten, dass diese Unterschiede in der neoklassischen Theorie zum Teil nicht gesehen bzw. nicht ausreichend berücksichtigt würden (siehe im folgenden Welthandelstheorie und Deformation des Marktprozesses in Entwicklungsländern).Sandra Kuntz Ficker: From Structuralism to the New Institutional Economics: The Impact of Theory on the Study of Foreign Trade in Latin America. In: Latin American Research Review. Bd. 40 Nr. 3 (2005), S. 145–162. S. 146, 148.
Den Arbeiten Hirschmanns folgend setze sich unter den Strukturalisten die Strategie des ungleichgewichtigen Wachstums durch. Diese Strategie ist dadurch gekennzeichnet, dass die begrenzten finanziellen Ressourcen von Entwicklungsländern in die konzentrierte Förderung einzelner Schlüsselindustrien (Produktionsstufen) fließen sollen. Von diesen Schlüsselindustrien aus würde dann eine positive Entwicklung auf Zulieferbetriebe und schließlich auch auf die restliche Wirtschaft ausgehen.Sigurd Klatt, Manfred Wilms, Strukturwandel und makroökonomische Steuerung. Festschrift für Fritz Voigt zur Vollendung des 65. Lebensjahres, Duncker & Humblot, 1975, ISBN 978-3-428-03286-0, S. 211 Diese Entwicklungsstrategie wurde wegen des geringeren Kapitalbedarfs als realistischer eingeschätzt als die Strategie des gleichgewichtigen Wachstums.S. Charushila: Structuralism and Individualism in Economic Analysis. Routledge, 2005, ISBN 0-415-94927-0, S. 59.
Welthandelstheorie miniatur|Das Zentrum-Peripherie-Modell des Strukturalismus wurde auch von der Dependenztheorie und der Weltsystemtheorie aufgegriffen.Reinhard Stockmann, Ulrich Menzel, Franz Nuscheler: Entwicklungspolitik: Theorien – Probleme – Strategien. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2010, ISBN 978-3-486-58998-6, S. 102. Hier: Länder im Zentrum des Welthandels (blau), Länder der Peripherie (rot) und Länder der Semi-Peripherie (violett) nach Christopher Chase-Dunn, Yukio Kawano und Benjamin Brewer, Trade Globalization since 1795
Die klassische Außenwirtschaftstheorie postuliert, dass die internationale Arbeitsteilung zu einer Wohlfahrtsmehrung aller am Handel beteiligter Länder führt. Nach dem Heckscher-Ohlin-Theorem müssten sich die Faktoreinkommen aller am Welthandel beteiligten Länder angleichen. Die Unterentwicklung der Entwicklungsländer wird demnach als Folge mangelhafter Integration in den Welthandel gesehen. Demgegenüber sehen die Strukturalisten die Einkommensunterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern als Konsequenz des Welthandels, nämlich der internationalen Arbeitsteilung.Werner Lachmann: Entwicklungspolitik, Band 1 Grundlagen. 2. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-25139-2, S. 87.Christian Watrin: Ökonomische Theorien und wirtschaftspolitisches Handeln. In: Theoretische und Institutionelle Grundlagen der Wirtschaftspolitik – Festschrift für Theodor Wessels. Duncker & Humblot, Berlin 1967, S. 20.
Demgegenüber unterscheidet der Strukturalismus ein Zentrum des Welthandels von einer Peripherie des Welthandels (Zentrum-Peripherie-Modell). Das Zentrum wird von den Industrieländern gebildet, die über eine vergleichsweise homogene ökonomische Struktur und ein diversifiziertes Angebot verfügen. Die Peripherie hat hingegen eine heterogene ökonomische Struktur (u. a. Dualismus, hohe Arbeitslosigkeit) und kann nur bestimmte Primärgüter anbieten (Monostruktur). Der Welthandel begünstige nach Ansicht der Strukturalisten nur das Zentrum, da die Peripherie durch ungleiche Handelsbedingungen (Terms of Trade) benachteiligt werde (Prebisch-Singer-These). Nach der Prebisch-Singer-These ist die internationale Arbeitsteilung für Entwicklungsländer nachteilig, da diese ganz überwiegend Primärgüter exportieren.
So besteht bei Primärgütern eine niedrige Einkommenselastizität der Nachfrage: Steigende Einkommen führen also nicht dazu, dass gleichermaßen die Nachfrage z. B. nach Kaffee steigt. Andererseits wurde bei Industriegütern eine hohe Einkommenselastizität der Nachfrage festgestellt. Steigende Einkommen führen also dazu, dass die Nachfrage nach Industriegütern überproportional steigt.