mini|Scan einer Ausgabe von 1874 Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga ist ein 1845 in Santiago de Chile erschienenes Buch, das bis zur ersten Auflage in Deutschland 2007 in vielen Sprachen verlegt wurde. Der Autor, der Argentinier und spätere Präsident Argentiniens Domingo Faustino Sarmiento, lebte dort im Exil. Der Originaltitel lautet: Facundo: Civilización i barbarie. Vida de Juan Facundo Quiroga, i aspecto físico, costumbres i hábitos de la República Arjentina. Das Werk gilt als Klassiker des lateinamerikanischen LiberalismusMichael Riekenberg: Kleine Geschichte Argentiniens, C. H. Beck: München 2009, S. 80. oder auch als „ein Gründungsbuch der argentinischen Nation und ganz Lateinamerikas“.Berthold Zilly im Nachwort (S. 421) zur deutschen Übersetzung: Domingo Faustino Sarmiento: Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga. Ins Deutsche übertragen und kommentiert von Berthold Zilly, Eichborn: Frankfurt am Main 2007. – Die folgenden Verweise auf das Buch beziehen sich auf diese Ausgabe. Sarmiento favorisiert eine vor allem an Frankreich orientierte, von Buenos Aires ausgehende zentralistische Nationenbildung Argentiniens, indem er seine Zeitgenossen Juan Facundo Quiroga und Juan Manuel de Rosas, der ihn ins Exil zwang, des Verrats an der europäischen Zivilisierungsmission bezichtigt, weil sie den ländlichen Raum – die „Barbarei“ – gegen die städtische Zivilisation, für die das europäische Buenos Aires steht, ausspielen.
Inhalt Das Buch erschien 1845 zunächst in etlichen Folgen in der chilenischen Tageszeitung El Progreso, bevor es dort als Buch gedruckt wurde. Sarmiento fasste es innerhalb von zwei Monaten als „politisches Fanal gegen die damals herrschende Diktatur des Juan Manuel Rosas“ ab.Berthold Zilly im Nachwort (S. 421) zur deutschen Übersetzung von „Barbarei und Zivilisation“. Es ist sowohl eine Biografie Juan Facundo Quirogas, der als Vorläufer von Rosas gesehen wird, wie auch eine Analyse der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung Argentiniens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einführung Sarmiento misst sich an Alexis de Tocqueville und dessen Werk Über die Demokratie in Amerika (1835/1840), weil er es für unabdingbar hält, dass Argentinien einen Forschungsreisenden verdiente, der sich dem Land „ausgerüstet mit Gesellschaftstheorien“ nähert und vor allen Dingen „den Europäern und namentlich den Franzosen“ die Daseinsform der Argentinischen Republik vor Augen führte (S. 11). Sein Ziel ist, dafür zu arbeiten, Argentinien der europäischen Einwanderung zu erschließen. Für ihn gibt es kein amerikanisches Volk wie das argentinische, das berufen wäre, „unverzüglich die Bevölkerung Europas aufzunehmen, das überläuft wie ein volles Glas“, und zwar deshalb, weil er in Amerika eine „menschenleere Welt“ sieht (S. 16). Facundo Quiroga steht deshalb im Mittelpunkt seines Interesses, weil er in ihm eine Verkörperung der beiden Tendenzen sieht, die Argentinien spalten. Er gilt ihm nicht als ein Zufallscharakter, sondern als ein Ergebnis argentinischer Lebensart, wie sie sich durch die Kolonisation gebildet habe und die in der Gestalt des Caudillo in dieser gesellschaftlichen Phase ihren Spiegel finde (S. 19), aber zu überwinden sei.
Erstes bis viertes Kapitel Diese Kapitel umreißen den Zustand des Landes und geben einen Abriss des historischen Hintergrundes, vor dem eine Gestalt wie Facundo Quiroga in den Augen Sarmientos zu verstehen ist. Sie umfassen die Jahre von der Mai-Revolution im Jahre 1810, dem Gründungsdatum der argentinischen Nation, und die auf sie folgenden bürgerkriegsähnlichen Kämpfe bis 1840.Der Charakter des argentinischen Territoriums werde durch „ungeheure Landstrecken“ geprägt, die „gänzlich unbewohnt“ seien; die schiffbaren Flüsse würden nicht befahren; alles sei unermesslich. „Im Süden und Norden lauern die Wilden, die auf die mondhellen Nächte warten, um wie ein Rudel Hyänen über das Vieh auf den Weiden und über die wehrlosen Siedlungen herzufallen“ (S. 27–28). Sarmiento spricht durchweg von Wüste, wenn er das weite Land beschreibt. Er meint damit weniger die ariden Llanos, sondern die von Indianern besiedelten Gebiete, „das Land, das immer noch des Auftrages harrt, Pflanzen und alle Arten von Saaten hervorzubringen“ (S. 29) (Siehe hierzu Wüstenkampagne). So werden die Indianer für ihn zu „amerikanischen Beduinen“, die ihre Opfer „abkehlen“ (span. degollar = köpfen, umbringen) (S. 34). Aber auch das Hirtendasein auf den Weideflächen jenseits der Städte erinnert Sarmiento an Asien.Ricardo Piglia schreibt, dass Sarmiento Vergleiche mit Asien, dem Orient, Afrika und Algerien benutze, um das Bekannte aus Südamerika mit dem Unbekannten zu erklären, das jedoch bereits durch europäische Augen beurteilt und definiert wurde. Es handle sich um Gegenden, die von Europa aus zu „zivilisieren“ seien (R. Piglia, Sarmiento’s Vision, S. 74, in: Joseph T. Criscenti [Hg.], Sarmiento and his Argentina, Lynne Rienner Publishers, Boulder/Colorado – London 1993, S. 71–76.). Alles Zivilisierte sei dort verpönt, zumal sich dort die Spanier mit den Eingeborenen vermischt hätten (S. 34). Wer sich dort städtisch kleide, werde Gegenstand des Spottes und roher Handgreiflichkeiten der Landbevölkerung. So ersticke der Fortschritt, „denn Fortschritt kann es nicht geben ohne dauerhafte Inbesitznahme des Bodens, ohne die Stadt, die ihrerseits die gewerblichen Fähigkeiten des Menschen entwickelt und ihm erlaubt, seine Erwerbungen auszuweiten“ (S. 39). Die Gauchos mit ihren dichtbärtigen Gesichtern ähneln den „asiatischen Arabern“ und verachten den sesshaften Städter, der Bücher lese, aber auf dem Land nicht überlebensfähig wäre (S. 44). Hingegen seien die Siedlungen der DeutschenSarmiento als Werber um deutsche Auswanderer 1846 oder Schotten im Süden der Provinz Buenos Aires vorbildlich: hübsch, reinlich und verziert „und die Bewohner immerzu in Bewegung und Tätigkeit“ (S. 35).Sarmiento stellt vier Figuren als typisch für das argentinische Landleben vor: den „rastreador“ – den „Spurensucher“; den „baqueano“ – den „Wegeführer“, den „gaucho malo“ – den „bösen Gaucho“; den „cantor“ – eine dem Barden des Mittelalters ähnliche Figur. Alle stehen sie für die barbarische, amerikanische, „fast eingeborene“ Seite der argentinischen Zivilisation, die vor 1810 bestand und in Sarmientos Gegenwart die städtische Zivilisation unter Druck setzt. Dabei ist ihm die Gestalt des „gaucho malo“ besonders wichtig, weil sie Eigenschaften für Caudillo-Figuren wie Facundo Quiroga und Rosas spiegle: Er sei ein Outlaw, ein Squatter, ein Misanthrop besonderer Art, der in den Liedern des „cantor“ zum geheimnisvollen „Wüstenhelden“ werden könne. Zu ihm gehöre der Diebstahl von Pferden genauso wie die Entführung von Mädchen (S. 60–62). Wie für alle Gauchos ist das Messer sein ihm eigenes Zubehör, nicht nur Waffe, sondern Werkzeug. Es ist für ihn „wie der Rüssel des Elefanten: sein Arm, seine Hand, sein Finger, sein Alles“ (S. 69).Indem die Mai-Revolution von 1810 sich wie Nordamerika am europäischen und dabei vor allem am französischen Erbe der Aufklärung orientiert habe, sei in der Gegenreaktion ein „barbarisierendes Milieu“ auf den Plan getreten, das vom Binnenland auf die Städte mit Buenos Aires an der Spitze übergreife und „vortreffliche“ Bürger zur Auswanderung zwinge. Aber der letzte Schuss der argentinischen Revolution sei noch nicht gefallen (S. 82).
Kapitel 5 bis 13 150px|right|mini|Juan Facundo QuirogaDiese Kapitel beinhalten die Lebensbeschreibung des Juan Facundo Quiroga von seiner Kindheit bis zu seiner Ermordung. Als Einstieg dient dem Autor eine Geschichte, in der Facundo Quiroga zunächst einem Jaguar ausgesetzt ist, ihn aber in Gesellschaft eines Freundes mit Lasso und Messer zur Strecke bringt, was ihm zu dem Beinamen „Tigre de Los Llanos“ verholfen habe (S. 95–96). Sein von Haargestrüpp überwuchertes Gesicht und „seine schwarzen, feurigen, von buschigen Wimpern überschatteten Augen flößten demjenigen, auf den sie sich zufällig hefteten, ein unwillkürliches Grauen ein“ (S. 96).
1788 in der Provinz La Rioja geboren, habe sich Facundo Quirogas „überheblicher, schroffer, ungeselliger“ und zur Aufsässigkeit neigender Charakter schon in der Schule gezeigt (S. 97). In der Pubertät habe sich eine Spielleidenschaft seiner bemächtigt, die seine vermögenden Viehzüchtereltern dazu gebracht hätte, sich von ihm zu trennen, so dass er seinen Lebensunterhalt als Peon verdienen musste. Immer wieder sei er dadurch aufgefallen, dass er missliebigen Menschen seines Umfeldes Hunderte von Peitschenhieben verabreichte oder verabreichen ließ. 1810 sei er als Rekrut in Buenos Aires eingezogen worden, habe sich aber dem Kasernenleben nicht fügen können und sei in seine Heimat zurückgekehrt. „Er fühlte sich berufen, zu kommandieren, schlagartig aufzutauchen und ganz allein, der zivilisierten Gesellschaft zum Trotz und als ihr Feind, sich eine Laufbahn nach seinem Geschmack zu schaffen, die Tapferkeit mit dem Verbrechen verbindend, die Ordnung mit der Zerrüttung“ (S. 101).Seinen Eintritt in die Öffentlichkeit verdankte Facundo Quiroga einem Vorfall in einem Gefängnis der westlichen Provinz La Rioja, als gefangen gesetzte spanische Offiziere, die gegen die südamerikanische Unabhängigkeit kämpften, sich befreien wollten, Quiroga aber, selbst wegen seiner Mitgliedschaft in einer MontoneraDie Montonera ist eine bewaffnete Privatarmee mächtiger Großgrundbesitzer, die in den Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen mit Guerrilla-Taktiken neben den oft schlecht ausgerüsteten Regierungstruppen kämpfte. Ihre Anhänger, die Montoneros, dienten mit ihrem Namen in den 1970er Jahren als Patrone einer argentinischen Guerrillerogruppierung (Berthold Zilly in den Anmerkungen zu Barbarei u. Zivilisation, S. 390). im Gefängnis, vierzehn von ihnen getötet und ein Anerkennungsschreiben des Vaterlandes erhalten habe (S. 103–104). In der Stadt La Rioja wurde er daraufhin von einer der beiden führenden Familien in einem Streitfall zu Hilfe gerufen und zum Oberhauptmann der Milizen von Los Llanos ernannt, was die Autorität eines Landkommandeurs bedeutete (S. 112 f.).Landkommandeure wurden von den Provinzregierungen ernannt. Sie spielten in den Unabhängigkeitskriegen, den sich anschließenden Bürgerkriegen und bei der Ausrottung der Indianer eine Rolle (Berthold Zilly in den Anmerkungen zu Barbarei u. Zivilisation, S. 384 f.). Facundo Quiroga schaltete beide Familien aus und wurde zum mächtigsten Herrn der Provinz: „Die überlieferten Regierungsmethoden verschwanden, die Formen verkümmerten, die Gesetze wurden zum Spielball ruchloser Hände; und inmitten dieses verwüsteten, von Pferdehufen zertretenen Landes wurde nichts ersetzt, wurde nichts aufgebaut. Bequemlichkeit, Muße, Sorglosigkeit sind des Gauchos höchstes Gut. Hätte La Rioja, wie es einst Doktoren besaß, Statuen besessen, sie wären zum Anpflocken der Pferde verwendet worden“ (S. 118). Der von Sarmiento bewunderte Bernardino Rivadavia, die Verkörperung eines „poetischen, großartigen, die ganze Gesellschaft beherrschenden Geistes“ und der Ideale der Mai-Revolution, muss sein Werk den Händen von Caudillos überlassen, die alles Angefangene in die Barbarei zurückführen: „Er holte europäische Gelehrte für die Presse und für die Lehrstühle ins Land, Siedler für die Wüsten, Schiffe für die Flüsse, Anerkennung und Freiheit für alle Glaubensrichtungen; Aufbau von Kreditwesen und Nationalbank zur Förderung des Gewerbefleißes; alle großen Gesellschaftstheorien der Zeit, um seine Regierungsarbeit zu gestalten: kurz, er holte Europa, um es mit einem Schlage auf dem amerikanischen Kontinent in eine neue Form zu gießen und in zehn Jahren das Werk zu vollbringen, wozu man früher Jahrhunderte benötigt hätte“ (S. 137 f.).