Die Geschichte der Volksrepublik China von 1949 bis 1957 ist die Zeit der Konsolidierung der maoistischen Herrschaft und des Wiederaufbaus nach über 100 Jahren Fremdherrschaft, staatlichem Zerfall und Bürgerkrieg.
Die Zeit 1949–1952 Als die Volksrepublik China gegründet wurde, war China, durch ein Jahrhundert mit fremder Invasion und Bürgerkrieg verwüstet, eines der ärmsten Länder der Welt, mit Hungersnöten und einer Lebenserwartung von 35 JahrenJoseph Ball: Did Mao really kill millions in the Great Lead Forward? . Seit dem Sturz des Kaisers im Jahr 1911 gab es keine Zentralgewalt mehr und in den Provinzen herrschten Kriegsherren, Großgrundbesitzer oder auch Banditen, die sich ihre eigene „Armee“ aus hungernden Arbeitslosen rekrutiert hatten. Die Hauptproblematik zeigte der amerikanische Außenminister Dean Achinson auf, der in seinem berühmt gewordenen Brief vom 30. Juli 1949 an Präsident Truman schrieb: „Im achtzehnten und im neunzehnten Jahrhundert hat sich die chinesische Bevölkerung verdoppelt, was einen unerträglichen Druck auf das Land ausübt. Die wichtigste Aufgabe jeder chinesischen Regierung besteht darin, diese Bevölkerung zu ernähren. Bislang ist noch jede erfolglos geblieben.“Rainer Hoffmann: Kampf zweier Linien, Seite 12, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1978
Nach der Gründung des neuen Staates wurde eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung aufgebaut und China erlebte eine Stabilität, wie sie seit den Opiumkriegen nicht mehr existierte. Die Furcht vor einem erneuten Auseinanderbrechen Chinas und ein daraus abgeleiteter oft übertriebener Kampf gegen vermeintliche Abweichler und Konterrevolutionäre blieb aber eine Konstante in der chinesischen Politik.
Die Landreform war ein entscheidendes Thema der Politik, da 85 % der Bevölkerung Bauern waren. Die Bauern wurden von der Regierung aufgerufen, das Land der Großgrundbesitzer unter sich aufzuteilen. Die Klasse der Großgrundbesitzer wurde ausgeschaltet, viele von ihnen getötet. Die Einkommensunterschiede der Bauern wurden eingeebnet. Auf dem Land wurde eine quasi klassenlose Gesellschaft geschaffen.
Zunächst war die Partei auf die Mithilfe des Bürgertums angewiesen. Mao proklamierte deshalb im Frühjahr 1949 die langfristige Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien und bezeichnete diese Zusammenarbeit als „demokratische Diktatur“. Neben der Kommunistischen Partei wurden 8 weitere Parteien zugelassen, die mithelfen sollten, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in den neuen Staat zu integrieren und es wurde eine „Allianz der Proletarier, Mittelbauern, Kleinbürger und der nationalen Bourgeoisie“ in der Volksrepublik China ausgerufen. Mittelbauern waren Bauern mit 15 bis 25 Ar Grundbesitz, zur nationalen Bourgeoisie gehörten die kleineren Unternehmer. Politische Macht hatte jedoch nur die Kommunistische Partei, die sich selbst die Vertretung der Arbeiter und Bauern vorbehielt.
Nach der Konsolidierung des Staates machten sich die chinesischen Kommunisten daran, die Menschen umzuerziehen. In Anbetracht der wirtschaftlichen Rückständigkeit des Landes wollten sie ein noch nicht vorhandenes „proletarisches Bewusstsein“ in der Bevölkerung durch entsprechende Ausbildung schaffen.
China brauchte seine gebildeten Eliten, seine Experten, um den Aufbau des Landes voranzutreiben, besonders weil es nur so wenige waren. Die breite Masse der Bevölkerung waren Analphabeten. Doch ideologisch waren die Intellektuellen und Fachleute den Bauern und einfachen Arbeitern untergeordnet und seitens der kommunistischen Regierung klar benachteiligt. Mao waren die Intellektuellen suspekt und er sagte über sie: „Mögen die Hände der Bauern schwarz und ihre Füße mit Kuhmist beschmutzt sein, sie sind dennoch sauberer als die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intellektuellen.“
Konsolidierung und erste Weichenstellungen Bei der Gründung der Volksrepublik stand die Kommunistische Partei China vor einem Berg von Problemen. Die Landwirtschaft war angeschlagen, das Bewässerungssystem durch Sprengung der Flussdeiche beschädigt, Transportwesen und Industrie nur noch bedingt funktionstüchtig. In manchen Städten war die Lebensmittelversorgung wegen Spekulation und Korruption zusammengebrochen, die Menschen verhungerten auf der Straße. In dieser Phase brauchte es eine Organisation, welche mit festem Zupacken und Disziplin die dringendsten Probleme anging. Die KPCh und die Volksbefreiungsarmee brachten zu diesem Zeitpunkt dafür die besten Voraussetzungen mit. Die Kommunisten, die seit 20 Jahren nur noch wenig Berührung mit Chinas Städten hatten, gingen in einer Weise an die Arbeit, die den Städtern Respekt und teilweise auch Bewunderung abnötigte. Noch wurden die Trümmer beseitigt, die Umkrempelung der Gesellschaft sollte später kommen.
Der neue Stil zeigte sich schon dadurch, dass die Truppen bei der Bevölkerung keinen Wohnraum beanspruchten. Die Soldaten kampierten, wie im Krieg, im Freien, sorgten dafür, dass wieder Ordnung in den Städten einkehrte und halfen bei der Reparatur der Kriegsschäden. Für die Unterbringung der Bettler wurde gesorgt und die Lebensmittelverteilung organisiert. Dabei kam den neuen Herren das Glück zu Hilfe, dass die KMD (Kuomintang) große Lager von Lebensmitteln zurückgelassen hatte. Zusätzlich wurden 1 Mio. Tonnen Getreide von der Mandschurei nach Ostchina transportiert. All dies, während der Bürgerkrieg noch weiterging. Bei der Gründung der Volksrepublik standen noch 2 Mio. Soldaten der KMD auf dem Boden von Festlandchina.
Die Verstaatlichung von größeren Betrieben wurde sofort nach der Gründung des Staates in die Wege geleitet. Übernahmekomitees besetzten die Betriebe und Betriebsverwaltungskomitees wurden gegründet. Sie bestanden aus einem Direktor, einem Stellvertreter und Aufpassern der Kommunistischen Partei. Die Kleinbetriebe waren von den Verstaatlichungen ausgenommen. Mao verkündete die Nationale Allianz der Proletarier, Mittelbauern, Kleinbürger und nationalen Bourgeoisie.
Mitte des Jahres 1950 hatte man die dringendsten Probleme im Griff. Die Kommunistische Staatsführung konnte damit beginnen, die Gesellschaft in ihrem Sinne umzugestalten. Überschattet waren die ersten Jahre der Volksrepublik durch den Koreakrieg. Er dauerte von Juni 1950 bis Juli 1953, kostete eine Million chinesischer Soldaten das Leben und verschärfte das innenpolitische Klima. Die Kommunisten betrachteten das Vorrücken der amerikanischen Armee bis an die chinesische Grenze als eine existenzielle Bedrohung für die eben erst gegründete Volksrepublik.
Zerschlagung der bisherigen Gesellschaftsordnung Kampagnen als Element des Veränderungsprozesses Mit dem Ziel der Zerschlagung der alten feudalistischen Ordnung und der Schaffung einer neuen Gesellschaft mit veränderten Menschen, wurden ab Mitte 1950 exakt organisierte Massenkampagnen durchgeführt. Die Massenkampagnen sollten das Bewusstsein der Volksmassen verändern. Jede Kampagne stand unter sorgfältiger Lenkung der Kommunistischen Partei, die die Durchführung der vier Elemente einer Kampagne (Vorbereitung, Mobilisierung des Umfelds, Durchführung und Ergebniszusammenfassung) einschließlich der Zeitdauer genau festlegte.
Richtete sich eine Kampagne gegen eine bestimmte Schicht in der Bevölkerung, wie gegen die ehemaligen Grundbesitzer oder Vertreter des alten Staats, so wurden die Anzahl der zu ermittelnden Opfer und ihre Behandlung schon im Voraus festgelegt. Die Opfer einer Kampagne hatten ihre Rolle zu spielen, auf individuelle Schuld kam es nicht so sehr an. Ein Opfer hatte sich nicht zu verteidigen, sondern zerknirscht und schuldbewusst zu sein, andernfalls bekam es sofort „die Wut der Volkesmassen“ zu spüren. Auch durfte kein Familienmitglied oder Freund die tiefe „Schuld“ des Opfers anzweifeln oder vielleicht Mitgefühl oder Verständnis zeigen, und damit den Ablauf der Kampagne stören. Die Verurteilung des Opfers sollte durch Anfrage an die anwesenden Volksmassen erfolgen und war in aller Regel ein Todesurteil. Von 1949 bis 1952 wurden sechs große Kampagnen durchgeführt.
Die Kampagnen Bodenreform Die mit Abstand einschneidendste Massenkampagne war die Bodenreform. Im dicht besiedelten China hatte sich die Ackerfläche pro Kopf der Bevölkerung durch die Zunahme der Bevölkerung bis auf ein Minimum verringert und das Land war ungleichmäßig verteilt. Es gab Grundbesitzer, die von der Verpachtung ihres Bodens lebten, es gab reiche Bauern, die ihren Boden selber bearbeiteten, es gab aber auch arme Bauern und völlig Landlose. Die armen Bauern und die Landlosen waren völlig abhängig von den Grundbesitzern. Ohne Pacht von deren Land gab es kein Überleben. Chinaweite Statistiken über die Landverteilung weichen stark voneinander ab. Ein Beispiel für Landverteilung in den chinesischen Dörfern wurde 1948 von C.K.Yang anhand des Dorfes Nanjing in Guangdong vorgestellt.
Das Dorf Nanjing bestand aus 230 Familien und teilte sich folgendermaßen auf: 5 Grundbesitzer mit im Durchschnitt jeweils 2 Ha Land, 25 reiche Bauern mit jeweils 30–70 Ar, 70 Mittelbauern mit 20–30 Ar, 100 Arme Bauern mit 5–15 Ar, 20 Familien hatten gar keinen Grundbesitz. 70 % des Ackerlands des Dorfes wurde von den Grundbesitzern verpachtet, 30 % wurde von den Eigentümern selbst bearbeitet.
Das Ergebnis dieser Aufstellung ist: Der Ertrag der Mittleren Bauern lag in normalen Jahren noch knapp über dem Ernährungsminimum, der Ertrag der armen Bauern nicht, sie waren darauf angewiesen, von den Grundbesitzern Boden pachten zu können. Die Pachtgebühr für ein Reisfeld mittlerer Qualität war jedoch 40 %. Dazu kamen noch 7 % Steuer und 7 % für Saatgut und Düngemittel. Es war ein Schlüssel für den Sieg der Kommunisten, dass die Bauern daran glaubten, dass nach einem Sieg der Kommunisten das Land neu verteilt würde.
Am 30. Juni 1950 wurde ein Bodenreformgesetz verabschiedet. Die Grundbesitzer, d. h. Personen die ihr Land verpachteten, seien zu enteignen und das Land sei einheitlich und gleich an die bisher landlosen und armen Bauern zu verteilen. Die reichen Bauern und die Mittelbauern durften ihr Land noch behalten. Insgesamt wurden 300 Mio. ehemals Landlosen oder armen Bauern 700 Mio. Mu (1 Mu = 6,6 Ar) Land zugeteilt.
Die nach dem Bodenreformgesetz definierten Grundbesitzer waren bald der tödlichen Gefahr von Schauprozessen ausgesetzt. Arbeitsgruppen aus den Kreisparteikomitees kamen auf das Land, um die Bauern aufzustacheln und mit ihnen Schauprozesse gegen die Grundbesitzer vorzubereiten. Der alte Landadel, die früheren Großgrundbesitzer, wurden bei diesen Schauprozessen nicht mehr erreicht. Sie hatten sich schon lange vorher in Sicherheit gebracht. Auf dem Land blieben nur die kleinen Fische übrig, die sich nicht aus dem Staub machen konnten.
Die für den Angeklagten stets tödlichen Schauprozesse dienten nicht nur zur Auslöschung der Klasse der Grundbesitzer, die Bauern sollten sich am Prozess gegen den Grundbesitzer beteiligen und dadurch eigenes Selbstvertrauen und eigenes Klassenbewusstsein entwickeln. Sie sollten miterleben, wie sich die Machtverhältnisse umgedreht hatten.
Der Prozess begann meist mit einer Anklage, bei der der „Ortskaiser“ vor versammelter Bauernschaft vorgeführt und schlimmster Verbrechen angeklagt wurde. Anschließend erging an die Dorfbewohner die Aufforderung, einzeln vorzutreten und dem Angeklagten seine Verbrechen ins Gesicht zu schreien. Bisher hatte kein Bauer gewagt, dem Grundbesitzer offen entgegenzutreten, doch das gut einstudierte Schauspiel nahm seinen Lauf. Langsam kochte die Wut bei den Bauern hoch, und das „ins Gesicht schreien“ steigerte sich zum „ins Gesicht schlagen“. Als die Wut der bisherigen Habenichtse richtig hochkochte, kam der Augenblick, an dem der Tribunalrichter die Menge um einen „gerechten Urteilsspruch“ bat. Es konnte eigentlich nur das Todesurteil sein.