Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist die größte Gewerkschaft des Eisenbahn- und Transportwesens in Deutschland und Europa. Stand 2025 gehören rund 185.000 Mitglieder zur Gewerkschaft. Sie vertritt nicht nur die Beschäftigten der Deutschen Bahn inklusive ihrer Busgesellschaften,Wann endet der Bahn-Tarifkonflikt? In: Oberhessische Zeitung. 17. Juni 2023, S. 8. sondern auch der Nichtbundeseigenen Eisenbahnen. Die EVG ist eine politische Organisation mit Hauptsitz in Frankfurt am Main und Berlin.
Geschichte Vorgeschichte mini|Buddy Bär in Berlin-Mitte Im 19. Jahrhundert, mit der Einführung der Eisenbahn in Deutschland, entstanden erste Interessenvertretungen der Eisenbahner, die meist lokal und auf betrieblicher Ebene tätig waren. Mit der Industrialisierung und dem Wachstum des Eisenbahnwesens wuchs der Bedarf an einer stärkeren kollektiven Vertretung. Nach der Reichsgründung 1871 führte die Regierung das Sozialistengesetz ein, das Gewerkschaften verbot. Dennoch organisierten sich die Eisenbahner weiter, und 1896 wurde in Hamburg der erste deutsche Verband der Eisenbahner gegründet,Eine Dampflok lebt. In: Saarbrücker Zeitung. 9. März 2016. um ihre sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu vertreten.
Im Mai 1908 schloss sich der Hamburger Verband der Eisenbahner Deutschlands (VdED) dem Deutschen Transportarbeiter-Verband an. Trotz dieser Fusion gelang es dem Deutschen Transportarbeiter-Verband nicht, hohe Mitgliederzahlen unter den Eisenbahnern zu erreichen. Daraufhin wurde 1916 der Deutsche Eisenbahner-Verband (DEV) gegründet, der 1917 stark wuchs und über 37.000 Mitglieder verzeichnete. Bis 1918 stieg die Anzahl der Mitglieder auf über 55.000.
Nach der Novemberrevolution profitierte der DEV von den politischen Veränderungen wie der Einführung des Streikrechts. In den folgenden Jahren wuchs der Verband weiter und fusionierte am 1. Juli 1920 mit dem süddeutschen Verband des Deutschen Verkehrspersonals. Mit der Einführung von Arbeitsrechten und der Koalitionsfreiheit im Rahmen der Weimarer Verfassung stabilisierte sich die Position der Gewerkschaften und insbesondere der Eisenbahnervertretungen.
Am 27. Juni 1925 schlossen sich der DEV und die Reichsgewerkschaft Deutscher Eisenbahnbeamten zum Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands (EdED) zusammen. Der Verband übernahm die gewerkschaftliche Einheitsorganisation für das gesamte beschäftigte Eisenbahnpersonal, einschließlich aller Angestellten in den Nebenbetrieben.
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die freien Gewerkschaften zerschlagen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 löste das NS-Regime die bestehenden Gewerkschaften auf und ersetzte sie durch die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die die Interessen der Arbeitnehmenden im Sinne des Regimes gleichschaltete und jegliche unabhängige Arbeitervertretung verhinderte. Viele Gewerkschafter wurden verfolgt oder in Konzentrationslager deportiert. Die Geschichte und die Rolle der Eisenbahnergewerkschaften und ihrer Beschäftigten während der NS-Zeit wurde unter anderem von der EVG in der Publikation Der ständige Kampf zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen 1835–2017 aufgearbeitet.
Nach dem Kriegsende wurden ab 1945 Gewerkschaften neu gegründet; 1948 erfolgte die Gründung der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) in der Bundesrepublik sowie die Gründung der Gewerkschaft Deutscher Reichsbahnbeamten und Anwärter (GDRA) für das Land Nordrhein-Westfalen. Die GDRA änderte ihren Namen im Mai 1949 in Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten und Anwärter im Deutschen Beamtenbund (GDBA).
2000 änderte die GdED ihren Namen in Transnet.GdED jetzt Transnet. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 18. Mai 2000, Nr. 115, S. 17.
Gründung der EVG Bereits in den frühen 2000er Jahren entwickelten Transnet und GDBA eine Kooperation, so wurde 2005 die Tarifgemeinschaft Transnet/GDBA gegründet, die fortan die Tarifverträge bei der Deutschen Bahn und anderen Unternehmen einheitlich verhandelte.Transnet und GDBA dementieren Fusionsgerüchte. In: Deutsche Verkehrs-Zeitung. 11. August 2009.
Juristisch wurde die EVG am 30. November 2010 nach den satzungsrechtlichen Beschlüssen durch Zusammenschluss der beiden Gewerkschaften Transnet und Verkehrsgewerkschaft GDBA gebildet. Die politische Gründung erfolgte am 1. Dezember 2010. Dies war das erste Mal, dass eine DGB- und eine Beamtenbundsgewerkschaft miteinander fusionierten. Erster Vorsitzender wurde Alexander Kirchner. Ein Jahr nach der Gründung sank die Mitgliederzahl um etwa 5 %Weniger Mitgliederverlust bei Gewerkschaften. In: Handelsblatt. 21. Januar 2012. und Anfang 2012 zählte die Gewerkschaft rund 220.000 Mitglieder.Detlef Esslinger: In unserer Hand. In: Süddeutsche Zeitung. 30. Oktober 2012.
Am 12. November 2019 wurde Torsten Westphal zum neuen Vorsitzenden der EVG gewählt.Torsten Westphal. In: Frankfurter Rundschau. 13. November 2019, S. 16. Am 22. April 2020 trat Westphal vom Vorsitz zurück. Am 30. November 2020 wurde Klaus-Dieter Hommel auf einem digitalen, außerordentlichen Gewerkschaftstag zum neuen Vorsitzenden gewählt. Beim ordentlichen Gewerkschaftstag im Oktober 2022 trat Klaus-Dieter Hommel aus Altersgründen nicht mehr an und der zuvor stellvertretende Vorsitzende Martin Burkert wurde zum neuen Vorsitzenden gewählt.
Die EVG feierte im Jahr 2021 ihr 125-jähriges Bestehen.
Organisationsstruktur Die EVG ist demokratisch aufgebaut. Die Mitglieder bestimmen unmittelbar oder mittelbar durch gewählte Vertreter die Funktionsträger der Gewerkschaft. Die Organisation der EVG gliedert sich in verschiedene Ebenen, beginnend auf der Ortsebene (Ortsverbände) über die Landesverbände bis zur Bundesebene. Innerhalb dieser Struktur ist die Arbeit der sogenannten Personengruppen Frauen, Jugend und Senioren ebenfalls demokratisch aufgebaut. Auf Landesebene wird die Arbeit durch Landesverbandsvorstände koordiniert.
Auf betrieblicher Ebene sind die Mitglieder in Betriebs- und Dienststellengruppen organisiert, die ebenfalls Vertreter in einen bundesweiten Ausschuss entsenden.
Die Bundesebene umfasst zentrale Organe wie den Gewerkschaftstag, die Bundeskonferenz, den Bundesvorstand, den Beschwerdeausschuss sowie die Revisionskommission. Zusätzlich bestehen spezifische Gremien für verschiedene Berufsbereiche (Fach- und Berufsgruppen) sowie für beamtenpolitische und sozialpolitische Themen sowie die Interessenvertretung für Menschen mit Behinderung.
Diese Gremien sollen der Beratung und Unterstützung der Gewerkschaftsorgane dienen und den Zusammenhalt sowie die Solidarität innerhalb der Mitgliedschaft fördern.
Wie zuvor die Transnet gehört die EVG dem DGB an. Sie ist darüber hinaus Mitglied der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF).
Seit 2022 ist Martin Burkert Vorsitzender der Gewerkschaft.
Mitglieder Die EVG organisiert Mitarbeiter bei Bahnen und Bussen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig. Neben den Mitarbeitern der Deutschen Bahn und verschiedener Privatbahnen, zählen auch Beamte des Bundeseisenbahnvermögens (BEV), des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA) und des Bundesamtes für Logistik und Mobilität (BALM) zu den Mitgliedern. Darüber hinaus organisieren sich in der EVG zum Beispiel auch Beschäftigte der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See (DRV KBS), der Bahn-BKK, der Seil- und Bergbahnen, der Bodensee-Schiffsbetriebe, der Vital-Kliniken und der DEVK. Die EVG-Jugend organisiert Menschen unter 30 Jahren. Sie ist sowohl auf Bundesebene als auch auf Landes- und Ortsebene aktiv. Dabei arbeitet sie mit den Jugend- und Auszubildendenvertretungen der organisierten Betriebe zusammen und vernetzt diese. Ebenso sind die EVG-Frauen regional aktiv.
Bei ihrer Gründung hatte die Gewerkschaft rund 240.000 Mitglieder, davon 210.000 Mitglieder der Transnet und 30.000 der GDBA. Stand 2025 zählt die EVG rund 192.000 Mitglieder.
Standorte Die unmittelbare Betreuung der Mitglieder vor Ort und in den Betrieben ist in 32 hauptamtlich besetzten Geschäftsstellen sowie ehrenamtlich zusammengesetzten Ortsverbänden organisiert.
Aufgabe Zu den Aufgaben der EVG gehört die Interessenvertretung ihrer Mitglieder auf sozialer, beruflicher, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene. Die EVG handelt Tarifverträge aus, die faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder sicherstellen sollen. Dabei werden neben der Vergütung auch Arbeitszeiten, Mehrarbeit und Sonderzahlungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld berücksichtigt. Die Gewerkschaft bietet Arbeits- und Sozialrechtsschutz sowie Privat-, Familien- und Wohnungsrechtsschutz für ihre Mitglieder an. Über den Fonds soziale Sicherung unterstützt die EVG ihre Mitglieder beim Erhalt ihrer Gesundheit, bei individueller Weiterbildung oder bei persönlichen Notlagen.
Weiterhin fördert sie die Jugendarbeit sowie die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder. Die Europäische Akademie für umweltorientierten Verkehr EVA ist dabei die Bildungs- und Beratungsgesellschaft der EVG und unterstützt ihre Mandatsträger in Betriebs- und Aufsichtsräten. Das Bildungs- und Förderungswerk (BFW) arbeitet im Bereich Beratung, Bildungsfinanzierung und Versicherungsleistungen für Mitglieder.
Für die Mitglieder gibt die Gewerkschaft seit Dezember 2010 eine monatliche Mitgliederzeitschrift mit dem Titel imtakt heraus.
Laut Zeitungen wie der Frankfurter RundschauDie Brandmauer der Gewerkschaften. In: Frankfurter Rundschau. 8. April 2024, S. 2. gehört die EVG zu den Gewerkschaften, die sich „klar gegen Rechtsextremismus, Hassparolen und auch gegen die AfD“ positionieren. Sie fasste als eine der ersten Gewerkschaften in Deutschland einen Unvereinbarkeitsbeschluss zur AfD.Jonas de la Chaux: Abgrenzung ja, Unvereinbarkeit nein? In: Segeberger Zeitung. 25. März 2024, S. 10.
Verkehrspolitische Aktivitäten
Zu den verkehrspolitischen Aktivitäten gehört die Förderung des Schienenverkehrs und der Einsatz für die Verbesserung der Infrastruktur. Sie fordert eine langfristige und verlässliche Finanzierung der Infrastruktur sowie eine Sanierung, da der Schienenverkehr stark vom Sanierungsrückstau betroffen sei. Hierfür startete die EVG 2019 die Kampagne Mehr Bahn für die Menschen, mit der sie unter anderem auf den maroden Zustand von Bahnanlagen (Schienen, Bahnhöfen, Brücken) aufmerksam machen wollte.Bahn-Betriebsräte schlagen Alarm. In: Stuttgarter Zeitung. 16. Mai 2019, S. 13.Thomas Wüpper: Es klemmt an allen Ecken und Enden. In: Tagesspiegel. 3. Februar 2020, S. 14. Laut der EVG seien Stand 2024 mehr als 9000 Eisenbahnbrücken über 100 Jahre alt.Johanna Apel: Dresdens Beinahe-Katastrophe. In: Frankfurter Rundschau. 12. September 2024, S. 34.
Die EVG spricht sich zudem gegen eine Zerschlagung der Deutschen Bahn AG aus,Katja Gelinsky: Die Bahn zerschlagen? Wissing und Gewerkschaften kritisieren Union. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 4. Februar 2025, S. 18. befürwortet aber Strukturreformen. Unter anderem befürwortete sie die Verschmelzung der DB Station und Service AG auf die DB Netz AG und anschließende Umbenennung in DB InfraGO AG.Klare Ziele für Infrastruktur gefordert. In: Deutsche Verkehrs-Zeitung. Heft 41/2023, S. 5. Bereits während der Koalitionsverhandlungen 2021 hatte sich die EVG mit der Kampagne Hände weg von der Bahn gegen eine Trennung von Netz und Betrieb eingesetzt.