mini|Ralf Rothmann, 2023 Ralf Rothmann (* 10. Mai 1953 in Schleswig) ist ein deutscher Schriftsteller. In seinen Romanen, Erzählungen und Gedichten wird ein Panorama des Lebens von der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart der Bundesrepublik Deutschland entworfen. Rothmann erhielt für sein Werk zahlreiche Literaturpreise.
Leben mini|Ralf Rothmann Rothmann wurde im norddeutschen Schleswig geboren und lebte bis zu seinem fünften Lebensjahr auf dem Gut Fahrenstedt bei Böklund. Der Vater, Walter Rothmann, in Essen geboren, und die Mutter Elisabeth, gebürtige Isbahner, ursprünglich aus Konitz in Westpreußen, arbeiteten dort als Melker. Nach der Geburt eines Bruders zog die Familie nach Oberhausen im Ruhrgebiet, wo Arbeitskräfte im Kohlebergbau gesucht wurden und die Verdienstmöglichkeiten besser waren. Der Umzug aus der ländlichen Idylle Schleswig-Holsteins in die verrußte Industrielandschaft des Ruhrgebiets bedeutete einen Schock für den Fünfjährigen (was auch in einigen Werken Rothmanns thematisiert wird). Der Vater arbeitete als Kohlenhauer in der Zeche Haniel, die Mutter als Kellnerin in einer Bahnhofsgaststätte. Nach der Volksschule und einem kurzen Besuch der Handelsschule machte Rothmann zunächst eine Lehre als Maurer. Er arbeitete einige Jahre auf dem Bau und anschließend in verschiedenen Berufen, zum Beispiel als Koch und Fahrer in einer Großküche und als Hilfs-Krankenpfleger im Universitätsklinikum Essen. In dieser Zeit begann er intensiv zu lesen und schrieb seine ersten Gedichte.
1976 zog er nach Berlin, zunächst nach Schöneberg, wo er in der Bohème- und Hausbesetzer-Szene um den Winterfeldtplatz herum die ersten Schriftsteller und Künstler kennenlernte. Während er die ummauerte Stadt erkundete und sich mit Gelegenheitsjobs wie Drucker oder Koch in einer Kneipe finanzierte, entstand der erste Lyrikband, der 1984 in einem kleinen Westberliner Verlag erschien. Außerdem unternahm Rothmann ausgedehnte Reisen durch die USA und durch Südamerika (Mexiko, Peru, Ecuador). Als Prosaautor debütierte er 1986 mit der Erzählung Messers Schneide; der erste Roman Stier erschien 1991 und wurde im Literarischen Quartett besprochen. Danach lebte er ein Jahr lang in Paris. Ein Großteil seines Werkes entstand während längerer Aufenthalte in Griechenland (Ithaka, Hydra, Thassos, Spetses), aber auch an der Ostsee (Glücksburg, Ahrenshoop, Travemünde). 1994 war Rothmann writer in residence in Oberlin (Ohio, USA), im Wintersemester 1999/2000 poet in residence an der Universität Essen. Immer aber blieb Berlin für ihn das Zentrum seines Arbeitens. Nach der Maueröffnung, die er in Kreuzberg erlebte, zog er in den ehemaligen Ostteil der Stadt, nach Friedrichshagen am Müggelsee.
Heute lebt er mit seiner Frau, einer Literaturwissenschaftlerin, in Berlin-Frohnau.
Werk Von den ersten, noch im Ruhrgebiet angesiedelten Romanen Stier, Wäldernacht, Milch und Kohle und Junges Licht an sind Rothmanns Romane „autobiographisch getönt“,Ich sehe keinen Anfang und kein Ende. Rothmann im Gespräch mit Steffen Richter. In: der Freitag. 28. Juli 2000. Auf Freitag.de, abgerufen am 13. Februar 2022. wie er in einem Gespräch mit dem Literaturkritiker Steffen Richter sagte. Nicht intellektuelle Exkursionen also, sondern persönliche, auf den Reisen und in den verschiedenen Berufen gewonnene Erfahrungen sind ihm Anlass für seine Literatur. Auch das Leben in Berlin findet seinen Niederschlag in Erzählungsbänden und Romanen wie etwa Flieh mein Freund!, Hitze, Rehe am Meer oder Feuer brennt nicht. Außerdem setzt er sich in dem Roman Im Frühling sterben von 2015, in fünfundzwanzig Sprachen übersetzt und von der Kritik in seiner Intensität mit Im Westen nichts Neues von Remarque verglichen, und in den darauf folgenden Romanen Der Gott jenes Sommers und Die Nacht unterm Schnee mit der Generation seiner Eltern auseinander, mit ihrem Schweigen und Verschweigen in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte.
Ruhrgebietsromane Die Ruhrgebietsromane (Stier, Wäldernacht, Milch und Kohle, Junges Licht) Rothmanns stehen in einem engen Zusammenhang, nicht nur bezogen auf Ort und Zeit des Geschehens. Es gibt Rückkehrerfiguren, die es nach langer Abwesenheit noch einmal in die Region verschlägt, es gibt die Welt der Jugendbanden und ihrer Regelverstöße und es gibt die Kinder, die in den Arbeitersiedlungen groß werden. Dabei unterscheidet sich das Erzählen Rothmanns deutlich von den politischen Schreibkonzepten der Dortmunder Gruppe 61 oder dem späteren Werkkreis Literatur der Arbeitswelt.
Rothmann schildert die Welt der kleinen Leute an der Ruhr aus der Außenseiterposition, aus der Sicht der Kinder, von Aussteigern, von Künstlern. Wenn er die Arbeitswelt der Bergleute durchaus kenntnisreich schildert, bekommt seine Darstellung schnell einen mythischen Zug. Die Wäldernacht, das Dunkel der in der Steinkohle konservierten Wälder, erscheint eher als geheimnisvolle Gegenwelt der Väter, wie sie sich deren Kinder vorgestellt haben mögen. Rothmanns Romane sind stark autobiographisch geprägt, von den Erfahrungen der Kindheit an der Ruhr ebenso wie in der Distanz des freien Autors, der prägende Ereignisse aus der Berliner Distanz erneut reflektiert. Das Ruhrgebiet in seiner Gleichnishaftigkeit (man gräbt sich den Boden unter den Fußen weg, um eine genehme Höhe des Lebensstandards zu erreichen) ist ihm dabei ein existentieller Raum.
Stier Thema des Romans ist die Jugendkultur der 70er Jahre im Ruhrgebiet. Mit Rockmusik, Drogen, wilden Partys und ersten WGs sucht eine kleine Szene von Außenseitern neue Lebenswege. Erzählt wird die Geschichte des Berliners Kai Carlsen, seine Erinnerung ans Ruhrgebiet. In der Welt der Bergarbeitersiedlungen wird Kai Carlsen Maurer, aber sucht gleichzeitig nach der großen Liebe, nach alternativen Lebensentwürfen. Mit der Figur Eckhart Eberwein setzt Rothmann denen ein Denkmal, die an der Ruhr erste Treffpunkte für die Subkultur ins Leben riefen, Konzerte veranstalteten und wilde Partys feierten. Der frühere Bauingenieur betreibt die Diskothek Blow up in Essen, Kai Carlsen beginnt bei ihm zu arbeiten, zieht schließlich sogar bei Eberwein ein. Die wilde Szene gerät aber, vor allem durch Drogen, in immer heftigere Probleme, persönliche Katastrophen zeichnen sich ab. Kai Carlsen entkommt in einen Job als Pflegehelfer und qualifiziert sich dort weiter, indem er den Umgang mit einer komplexen Maschine zur „Blutwäsche“ erlernt. Ein kunstbegeisterter Kolumbianer und die Krankenschwester Marleen helfen ihm, in der Welt schwerer Krankheiten und des täglichen Todes zu überleben. Trotz aller Katastrophen wird die Rock-Szene als Lebenswelt geschildert, die dem jungen Carlsen neue Perspektiven eröffnete, als Befreiung aus dem dumpfen Mief der Elterngeneration. Insofern ist Stier ein Bildungsroman. Die Zeit der wilden 70er repräsentiert für den Erzähler Kai Carlsen die Sehnsucht nach einem anderen Leben und erscheint trotz aller negativen Entwicklungen als Aufbruchszeit.
Wäldernacht Der Roman Wäldernacht schildert das Ruhrgebiet aus der Perspektive des Außenseiters. Der Künstler Jan Marrée kehrt auf Einladung eines Kunstmäzens in seine Heimatstadt zwischen Bottrop und Oberhausen zurück. Er erinnert sich an seine Jugendzeit mit Rockern, Konzerten und ersten Liebesabenteuern. Er trifft dabei auf die gealterten Figuren seiner Jugend. Prägende Figur ist dabei „Racko“, der als Zuhälter und Dealer versucht, seinen Traum vom anderen Leben mit Gewalt weiterzuleben. Der Titel verweist auf die versunkenen Wälder der Urzeit, die in den Tiefen des Ruhrgebiets als Steinkohle ruhen. Gleichzeitig spielt er auf literarische Quellen an, der Begriff erscheint unter anderem bereits in Torquato Tassos Versepos Das befreite Jerusalem (6. Gesang)Torquato Tasso. Befreites Jerusalem. auf: projekt-gutenberg.org und in Friedrich Hölderlins Roman Hyperion.
Milch und Kohle mini|Band 1440 der Bibliothek Suhrkamp Der Roman Milch und Kohle wendet sich noch einmal dem Ruhrgebiet der 60er Jahre zu. Nach seiner Schilderung der Berliner Welt der 90er aus der Sicht eines Jugendlichen zieht es Rothmann noch einmal zurück ins Ruhrgebiet, in die spießige Welt der Arbeiter und ihrer Familien. Beobachtet und geschildert wird diese Welt aus der Sicht eines Arbeitersohns. Es ist die Beobachtung eines Scheiterns. Die Träume der Erwachsenen von heiler Welt zerbrechen an finanziellen Sorgen, an Staublunge, in Alkoholexzessen. Wie in Flieh, mein Freund! bricht die Mutter aus der Familienordnung aus. Es ist aber nicht die große Flucht der Berlinerin in Drogen und weite Reisen, sondern die kleine Flucht ins Tanzcafé, zu einem italienischen Liebhaber.
Junges Licht
Der Roman Junges Licht schildert die Sommerferien des zwölfjährigen Bergarbeitersohns Julian und in einer zweiten Erzählebene die Arbeit des Vaters unter Tage. Die Welt der Bergleute und ihrer Kinder um 1960 erscheint dabei wesentlich aus der Perspektive des Jungen. Rothmann erhielt für den Roman 2004 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, der von Deutschlandradio und der Stadt Braunschweig verliehen wird.
Berliner Romane Flieh, mein Freund!
Der Roman Flieh, mein Freund! spielt in Berlin. Erzähler und Zentralfigur ist der 20-jährige Louis Blaul, genannt „Lolly“. Als Sohn der 1968er-Generation ist er bei den Großeltern aufgewachsen. Seine Mutter Mary hat seinen Vater Martin bei einer Anti-Atomkraft-Demonstration kennengelernt. Die Mutter ist aber alles andere als politisch, eher esoterisch und flippig. Als Drogenkurier geschnappt, verbrachte sie Lollys Kinderzeit in Gefängnis und Psychiatrie und interessiert sich auch nachher wenig für die Familie. Der Vater als Gegenfigur hat sich mit einer eigenen Werbeagentur etabliert, heißt deshalb in der Familie sarkastisch „Onkel Umsatz“. Kernthema des Romans ist Lollys erste große Liebe zu einer pummeligen Frau, die er sehr erotisch findet. Gleichzeitig schämt er sich aber für ihr Aussehen. Der Roman kommt in der flapsigen Sprache des Berliner Jugendlichen daher, bemüht sich sehr um Bonmots und kleine, witzige Episoden aus dem Berliner Alltag.
Hitze Der Tod seiner Lebensgefährtin hat Simon deLoos Leben aus der Bahn geworfen. Statt als Kameramann arbeitet er inzwischen als Hilfskoch und Fahrer in einer Großküche in Berlin-Kreuzberg. Er begegnet einer polnischen Stadtstreicherin, in der er seine tote Frau wiederzuerkennen glaubt, überlässt ihr deren Wohnung und die Kleider, doch Lucilla ist selbst auf der Flucht vor Ereignissen in ihrer Vergangenheit. Ein zentrales Anliegen des Romans ist die Schilderung der Welt der kleinen Leute, der Kneipen, der Großküchen, der Straße. Der Wortwitz der Gescheiterten fasziniert Rothmann auch im Roman Hitze. Christoph Bartmann schreibt in seiner Rezension für die Süddeutsche Zeitung: