mini|hochkant|Maryam und ʿĪsā, Maria mit dem Jesuskind in der Wüste unter einer Dattelpalme. Persische Miniatur im Stil von Qazvin, um 1595. Sādiq Beg (1533–1610) zugeschrieben ʿĪsā ibn Maryam (, auch ʿĪsā bin Maryam) ist eine im Koran erwähnte Person, die mit Jesus von Nazaret identifiziert wird, und als Prophet und als unmittelbares Wort Gottes angesehen wird.Vgl. Sure 3:45-46: »Wie da die Engel sprachen: O Maria! Gott / Verheißet dir ein Wort von sich, / Sein Nam’ ist der Messias, Jesus, Sohn Marias, / Geehrt in dieser Welt und in der andern, / Und von den Nahgestellten. / Der redet zu den Menschen in der Wieg’ und als Erwachsner, / Und ist der Guten einer.« (Übersetzung: Friedrich Rückert, Der Koran, hrsg. v. Hartmut Bobzin, Würzburg 2000), sowie Johannes 1,1.14: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. / Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.« (Übersetzung: Martin Luther, Die Bibel, Wien 1981).

Die Darstellung Jesu im islamischen Schrifttum zeigt Gemeinsamkeiten, aber auch bestimmte Unterschiede zu neutestamentlichen Darstellungen und Beschreibungen Jesu Christi: Jesus wird im islamischen Schrifttum als , ein Prophet (der letzte von 24 Vorgängern Mohammeds; ), Wort Gottes und Grundform: ; vgl. H. Wehr: Arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1968, S. 808 f., nicht aber als Sohn Gottes bezeichnet.Vgl. Theologie des Arianismus.

Namensform Der Koran verwendet ʿĪsā () anstelle der Standard-aramäischen Jeschua-Form, die für andere Rabbanim verwendet wurde. Es wird angenommen, dass Mohammed diese Form nicht bekannt war. Arabische Christen verwenden Yasūʿ ().

Die arabische Namensform ʿĪsā trägt den spezifischen semitischen Konsonanten ʿAin oder Ajin, der mit ʿ transliteriert wird, am Anfang des Wortes, die aramäisch-hebräische Form Yešūʿ hingegen am Ende. Dies ist das Ergebnis der Geschichte des Namens, die über Mittelgriechisch isus (ιησους) und Aramäisch (Syrisch) isôʿ (ܝܫܘܥ) führt. Eine andere mögliche Quelle ist die von Juden als Beleidigung intendierte Form Yešū,Dazu siehe: Jane Dammen McAuliffe (Hrsg.): Encyclopaedia of the Qurʼān. Georgetown University, Washington DC; Brill Academic 2003. Bd. 3 (s. n. ʿIsā): „Muhammad learned this name from them not realizing that it was an insult (see JEWS AND JUDAISM; POLEMIC AND POLEMICAL language). […] the final ʿayin would have been retained in Aramaic sources which mention him. In the Talmud, however, he is called Yeshu.“ die allerdings kein Ajin am Anfang enthält.

Jesus im Koran Im Koran ist Jesus Sohn der Maria, wie der arabische Name ʿĪsā ibn Maryam schon besagt:

Er ist das Ergebnis eines schöpferischen Aktes Gottes, entstanden durch das Wort „sei!“ (Sure 3,47). Darin „ist er vor Gott gleich wie Adam“ (Sure 3,59). Die Geburt Jesu ohne einen biologischen Vater, seine jungfräuliche Geburt, ist auch aus islamischer Sicht ein Wunder. Maria wurde durch Gottes Macht schwanger. Der Heilige Geist (der im Koran oft als Erzengel Gabriel erscheint) brachte Maria diese Botschaft:

Jesus ist der Gesandte Gottes (rasūlu ʾllāh: Sure 4,157) und ein Prophet (nabī: Sure 19,30). Er hat eine eigene Schrift empfangen (Sure 5,46), das Evangelium (Indschil) (Sure 57,27). Er konnte bereits in der Wiege sprechen (Sure 3,46) und Vögeln aus Ton Leben einhauchen, Blinde und Aussätzige heilen und Tote erwecken (Sure 5,110). Jesus ist das „Wort der Wahrheit“ (qaul al-haqq, Sure 19,34). Gott stärkte Jesus mit dem „heiligen Geist“ (ar-rūḥ al-qudus) und lehrte ihn die „Schrift, die Weisheit, die Thora und das Evangelium“ (Sure 5,110).

Jesus ist der Messias bzw. Christus (Sure 4,172) und:

Jesus ist Gottes Geist:

Jesus ist aber nicht der „Sohn Gottes“:

Im Koran wird jedwede Göttlichkeit Jesu abgelehnt, dies erklärt auch den Umstand, dass der Wortlaut „Geist von Ihm“ (rūḥ min-hu) nicht ausschließlich auf Jesus begrenzt ist. In Sure 15,29 spricht Gott über Adams Entstehung und beschreibt diesen Prozess u. a. mit den Worten: „Und wenn ich ihn dann geformt und Geist von mir (min rūḥī) eingeblasen habe“ (Übersetzung Paret). Ferner wird in Sure 32,9, in der es um die Kreation des menschlichen Embryos geht, selbiges verwendet: „Und ihn hierauf (zu menschlicher Gestalt) geformt und ihm Geist von sich (min rūḥihi) eingeblasen hat […]“ (Übersetzung Paret). Da laut dem Koran jedes menschliche Wesen einen Teil von Gottes Geist (rūḥ) bekommt, ist obiger Zustand die Norm. Zum biblischen Hintergrund des eingehauchten Geistes siehe: Ruach.

Außerdem wird Jesus als „einer von denen, die (Gott) nahestehen“ (min al-muqarribīn), der „im Diesseits und Jenseits angesehen sein“ wird, beschrieben (Sure 3,45). Die Koranexegese versteht ihn somit als Propheten in dieser und als Fürsprecher in der anderen Welt.A. J. Wensinck, J. H. Kramers: Handwörterbuch des Islam. Brill, Leiden 1941, S. 216.

Man versteht ihn auch als „gesegnet“ (mubārak): „Und er hat gemacht, dass mir, wo immer ich bin (die Gabe des) Segen(s) verliehen ist“ (Sure 19,31), dessen Sendung ein Zeichen (Āya) und eine Barmherzigkeit (raḥma) ist, „damit wir ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen, und weil wir (den Menschen) Barmherzigkeit erweisen wollen“ (Sure 19,21).

Jesus ist im Besitze von klaren Beweisen (bayyināt) und der Weisheit (ḥikma): „Und als Jesus mit den klaren Beweisen (zu den zeitgenössischen Kindern Israels) kam, sagte er: ‚Ich bin mit der Weisheit zu euch gekommen‘“ (Sure 43,63).

Die Kreuzigung Jesu in der islamischen Tradition Im Koran wird Jesu Scheiden aus dem irdischen Leben mehrfach erwähnt. So wird von Jesu „Abberufung“ berichtet:

Ähnlich lässt der Koran Jesus sprechen, dass er gestorben ist:

Doketismustheorie Nach der Doketismustheorie wird Jesus nur zum Schein gekreuzigt. Seine Schmerzen und seine Leiden sind nur eine Illusion für die Beobachter.Andreas Maurer Basiswissen Islam: Wie Christen und Muslime ins Gespräch kommen SCM Hänssler im SCM-Verlag 2010, ISBN 978-3-7751-7012-3 Abschnitt 2.3.4 Jesus selbst wird stattdessen zu Gott erhoben. Hier finden sich Parallelen zu (gnostizistischen) christlich-doketischen Vorstellungen, in denen das eigentliche (göttliche) Wesen nicht getötet werden kann, wenn auch der Körper vernichtet wird.Sören Rekel Jesus Christus - Die Manifestation Gottes: Das Jesusbild der Bahá'í-Religion Sören Rekel ISBN 978-3-7323-3001-0 Abschnitt 11

Substitutionstheorie Die Substitutionstheorie lehnt die Vorstellung einer Kreuzigung Jesu ab und geht davon aus, dass statt seiner eine andere, ihm optisch ähnliche Person gekreuzigt worden ist:

Die entscheidende Stelle im obigen Koranvers ist der Passus: „Vielmehr erschien ihnen [ein anderer] ähnlich, [so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten]“ – im Originaltext: wa-lākin šubbiha lahum. Das Verb bedeutet allgemein „ähnlich machen“ oder „als ähnlich ansehen“,R. Dozy: Supplément aux dictionnaires arabes. (3. Aufl.), Brill, Leiden; G.P.Maisonneuve et Larose, Paris 1967. Bd. 1. S. 725a, Zeile 1–3: šabbahtu-ka li-fulān: prendre quelqu'un pour un autre das daraus abgeleitete Substantiv (tašbīh) heißt dann „Verähnlichung“ oder „Verwechslung“.Heribert Busse (2001), S. 161–162 Diese Grundbedeutungen spielen auch in der Exegese des Verses eine zentrale Rolle. Der Koranexeget Ibn 'Atiya († 1151 oder 1152) aus Córdoba führt hierzu aus:

In der Tat verzeichnen die Traditionssammlungen keinen Prophetenspruch, in dem die fragliche Koranstelle erläutert wäre. at-Tabari, der in seinem Korankommentar die Auslegung dieser Koranstelle: („Vielmehr erschien ihnen (ein anderer) ähnlich“) auf 5 Seiten darstellt, zitiert ebenfalls keinen Prophetenspruch, sondern referiert lediglich die ältesten Koranexegeten, unter ihnen Mudschāhid ibn Dschabr († 722) und andere aus dem späten 7. und frühen 8. Jahrhundert.

Die Koranexegeten waren bestrebt, die Koranstelle (Sure 3, Vers 55) und das dort erhaltene Gotteswort „mutawaffī-ka wa-rāfiʿu-ka“ – „ich werde dich [nunmehr] abberufen und zu mir [in den Himmel] erheben“ genau zu deuten. Der Koranexeget und Theologe Muqātil ibn Sulaimān († 767 in Basra)Fuat Sezgin (1967), S. 36–37 bestätigt zwar, dass das entsprechende Verb zu „mutawaffī-ka“ (tawaffā) „den Tod durch Gott bewirken“ bedeutet, dies im Fall Jesu jedoch erst nach dessen Rückkehr eintreten wird. Für Muqātil liegt hier ein hysteron proteron (arabisch taqdīm al-muʾaḫḫar) vor, denn es heißt an der Stelle: „ich werde dich aus dieser Welt zu mir erheben und dich abberufen, nachdem du vom Himmel zur Zeit des Daddschāl herabgestiegen bist.“ aṭ-Ṭabarī und Ibn Kathir stellen mehrere exegetische Traditionen zusammen, in denen ebenfalls nicht vom Tod, sondern nur von einem Schlaf Jesu die Rede ist. Denn spätestens seit al-Hasan al-Basri ließ man selbst den Propheten zu den Juden sprechen: „ʿĪsā ist nicht gestorben, er wird [vielmehr] vor dem Tag der Auferstehung zu euch zurückkehren“.Gabriel Said Reynolds (2009), S. 245 und 247 mit Quellenangaben.

Außerhalb der Koranexegese beschäftigt sich auch eine weitere literarische Gattung des islamischen Schrifttums mit der koranischen Kreuzigungsgeschichte: die Prophetenlegenden (qiṣaṣ al-anbiyāʾ). Ihr ältester Vertreter Wahb ibn Munabbih († gegen 728–732)Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums, Bd. 1, Brill, Leiden 1967, S. 305–307. berichtet im Korankommentar von at-Tabari, Jesus habe unter seinen Jüngern jemanden gesucht, der für ihn sterben würde. Als ein Freiwilliger, dessen Name im Bericht unerwähnt bleibt, hervortrat, ergriffen ihn die Juden.

Wahb ibn Munabbih, der als Kenner der Schriften der Juden und Christen im islamischen Schrifttum bekannt warR.G. Khoury: Wahb b. Munabbih. 1. Der Heidelberger Papyrus PSR Heid. Arab 23, Leben und Werk des Dichters. (Einleitung. Wiesbaden 1972). Über seine Geschichte Davids und über die Prophetenbiographie, siehe ders.: Die Bedeutung der arabischen literarischen Papyri von Heidelberg für die Erforschung der klassischen Sprache und Kulturgeschichte im Frühislam. In: Heidelberger Jahrbücher 19 (1975), S. 24ff., schildert in einer Überlieferungsvariante bei at-Tabari die Passionsgeschichte ausführlich und schließt seinen Bericht mit den Worten ab: „Bis sie (die Juden) ihn zu dem Holz brachten, an dem sie ihn kreuzigen wollten. Da hob Gott ihn zu sich empor, und sie kreuzigten, was ihnen [Jesus ähnlich gemacht] wurde“.Heribert Busse (2001), S. 167 mit weiteren Quellenangaben zur Übersetzung.

Die Kreuzigung wurde somit durch eine Veränderung verhütet, die einen anderen Jesus ähnlich gestaltete. Dabei wird aber die Himmelfahrt Jesu offenbar in einem irdischen und nicht in einem verklärten Leib angenommen.A. J. Wensinck und J. H. Kramers: Handwörterbuch des Islam. Brill, Leiden 1941, S. 216.

Dieser alte Bericht wird in der koranexegetischen Literatur mehrfach und mit einigen Varianten überliefert. In der späteren Koranexegese, die stets auf die Berichte von Wahb ibn Munabbih zurückgreift, identifiziert man den bis dahin unbekannten Gekreuzigten mit Judas Iskariot: „Gott warf die Ähnlichkeit Jesu auf denjenigen, der sie zu Jesus geführt hatte – er hieß Judas – und sie kreuzigten ihn an seiner Statt, wobei sie glaubten, es sei Jesus.“Heribert Busse (2001), S. 168; Gabriel Said Reynolds (2009), S. 241. Diese Version wird auch im sogenannten Barnabasevangelium aufgegriffen.