Kommen und Gehen (engl. Originaltitel: Come and Go; franz. Titel: Va et vient) ist ein kurzes TheaterstückDer Autor selbst bezeichnet es auf der Titelseite als “dramaticule” von Samuel Beckett, das er seinem Verleger John Calder gewidmet hat. Es wurde zwar ursprünglich im Januar 1965 auf Englisch geschrieben, aber zuerst in Becketts eigener Übersetzung in französischer Sprache veröffentlicht und am 14. Januar 1966 in der Übersetzung von Erika Tophoven und Elmar Tophoven in deutscher Sprache am Schillertheater uraufgeführt.Dies ist die Angabe der meisten Quellen, so etwa: Ruby Cohn: A Beckett canon. The University of Michigan Press: Michigan 2001, S. 290. Andere Quellen geben zum Teil andere Daten oder auch andere Aufführungsorte der Uraufführung an, so zum Beispiel: Gay McAuley: Samuel Beckett's Come and Go In: Educational Theatre Journal 1966: 7. März 1966, Odéon Théâtre de France; Deirdre Bair: Samuel Beckett. A Biography. Simon & Schuster 1991: 28. Februar 1966, Petite Salle, Odéon Théâtre de France; Die Premiere in englischer Sprache folgte am 28. Februar 1966 am Peacock Theatre in Dublin.
Das Stück enthält, abhängig von der Fassung, 121 oder 127 Wörter.James Knowlson, John Pilling: Frescoes of the Skull. The Later Prose and Drama of Samuel Beckett. John Calder, London 1979, S. 121 Aufgrund seiner Kürze wird Kommen und Gehen selten allein, sondern meist zusammen mit anderen Werken aufgeführt. Das Stück besteht aus drei nahezu identischen Teilen, in denen sich jeweils zwei der drei agierenden Frauen kurz über die Dritte austauschen, ohne dass diese davon erfährt. Eine Deutung des Geschehens ist, dass alle drei unheilbar krank sind, ohne davon zu wissen. In diesem Sinne wird Kommen und Gehen als stark reduzierte, kondensierte Form eines Dramas über das Schicksal menschlicher Sterblichkeit interpretiert.
Handlung + SitzordnungKommen und Gehen. S. 211; Samuel Beckett: The Complete Dramatic Works. Faber & Faber 2006, S. 356 1 LO MEI SU 2 LO SU LO SU3 MEI LO SU4 MEI SU MEI SU5 MEI SU LO6 MEI LO MEI LO7 SU MEI LO
Drei ähnlich gekleidete Frauen „unbestimmte[n]“Aus der Übersetzung von Erika und Elmar Tophoven: Samuel Beckett: Kommen und Gehen. In: Samuel Beckett: Nacht und Träume. Gesammelte kurze Stücke. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 207–212 – Alle Seitenangaben des deutschen Stücktextes beziehen sich auf diesen Band.“indeterminable” (Samuel Beckett: Come and Go. in Collected Shorter Plays of Samuel Beckett. London: Faber and Faber, 1984, S. 193. – Alle Seitenangaben des englischen Textes beziehen sich auf diese Quelle) Alters, Mei, Su und Lo,im englischen Original: Vi, Ru, Flo sitzen still und von Dunkelheit umgeben eng nebeneinander auf einer Bank. Sie sind Freundinnen seit Kindertagen. So wie jetzt haben sie bereits auf dem Schulhof zusammengesessen, als sie noch gemeinsam den Unterricht von „Fräulein Weels““Miss Wade's” (Come and Go. S. 194) besuchten.
mini|Keltischer Knoten mit der Topologie der gekreuzten Hände in Come and Go Die drei Figuren tragen „dunkle Hüte unbestimmter Form mit Rändern, die breit genug sind, um die Gesichter zu beschatten“,Kommen und Gehen, S. 211–212“Drab nondescript hats […] shade [their] faces.” (Come and Go., S. 196) und sind – für Beckett ungewöhnlich – in bunte, aber mit der Zeit verblichene Mäntel gehüllt, sodass sie wie drei verblühte Blumen wirken. Nach kurzer Zeit steht die in der Mitte sitzende Mei auf und verlässt die Bühne. Sobald sie außer Hörweite ist, wird Su von Lo gefragt, was sie von Meis Aussehen halte. Su antwortet: „Wie gewöhnlich, meine ich.“Kommen und Gehen. S. 209“I see little change,” (Come and Go., S. 194) Dann rutscht Lo in die Mitte, um Su, für die Zuschauer unhörbar, ein Geheimnis zuzuflüstern. Su entfährt ein schockiertes „Oh!“, Lo verlangt von ihr Verschwiegenheit, indem sie ihr den Finger auf die Lippen legt. Als Mei zurückkehrt, nimmt sie Los alten Platz ein.
Das gleiche Spiel – „steif, langsam, puppenhaft“Beckett verlangte in einem Brief, das Stück solle sehr formal, der Ablauf „steif, langsam, puppenhaft“ sein. Siehe Maurice Harmon (Hrsg.): No Author Better Served: The Correspondence of Samuel Beckett and Alan Schneider. Harvard University Press, Cambridge und Massachusetts 1998, S. 417: “stiff, slow, puppet-like” – wiederholt sich zweimal mit nahezu identischen Dialogen und Reaktionen, „mit einer Choreographie, die an Hütchenspieler erinnert“,Lois More Overbeck: “Getting On” Ritual as Façon in Beckett’s Plays. In Katherine H. Burkman (Hrsg.): Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett Fairleigh Dickinson University Press, London und Toronto 1987, S. 24: “[w]ith choreography suggestive of the sleight-of-hand artist (button under the thimble)” bis schließlich Mei wieder in der Mitte sitzt, während Su und Lo ihre Sitzplätze getauscht haben. Auf diese Weise haben alle drei Frauen einmal den mittleren Platz besetzt und alle werden in ein (anscheinend erschreckendes) Geheimnis über je eine der anderen eingeweiht.
Zum Schluss des Stücks fassen sich die drei verschränkt bei den Händen. Auf diese Weise bilden sie einen keltischen Knoten und Lo schließt mit den Worten: „Ich fühle die Ringe“,Kommen und Gehen. S. 210“I can feel the rings” (Come and Go., S. 195) obwohl die Figuren laut Regieanweisung explizit keine Ringe tragen.
Form mini|Becketts Anweisungen für das Händereichen am Ende des SpielsEntsprechend der Zeichnung in Samuel Beckett: The Complete Dramatic Works. Faber & Faber 2006, S. 256 nachgezeichnet.
In Kommen und Gehen wird jede Szene auf ihr Minimum – die Auf- und Abtritte einer Figur – reduziert.Rolf Breuer: Der späte Beckett. In: Samuel Beckett: Eine Einführung. S. 65–67. Nicht zuletzt diese extreme Kürze (im Original 121 Wörter) ist charakteristisch für Becketts Spätwerk, das ja vor allem durch zunehmende Reduktion gekennzeichnet ist.
Die Struktur des Stücks ist kreisförmig:Lois More Overbeck: “Getting On” Ritual as Façon in Beckett’s Plays. In Katherine H. Burkman (Hrsg.): Myth and Ritual in the Plays of Samuel Beckett Fairleigh Dickinson University Press, London und Toronto 1987, S. 24 Es ist unterteilt in drei exakt gleiche Teile zu je sieben Zeilen, in denen jeweils eine Figur geht, wiederkommt und den Platz einer anderen einnimmt. So kreisen die Figuren ringförmig um ihre Sitzplätze, wobei ihre Choreographie von der Wiederholung und deren Nuancen geprägt ist.
In für Beckett typischer Weise sind die Regieanweisungen sehr detailliert. Wegen der komplizierten Bewegungen im Stück fügte Beckett eine Graphik ein, in der die Positionen jeder Figur im Verlauf der Aufführung eingetragen sind. Ebenfalls beigefügt ist eine Darstellung der oben genannten Ringe und der Art und Weise, wie sie von den Händen der Schauspieler gebildet werden sollen. Aufgrund solch präziser Angaben sieht die Beckett-Forscherin Ruby Cohn den Text nicht als Lesedrama, sondern in erster Linie als Anweisung zur Herstellung des Bühnengeschehens: „Nur im Theater kann man das tänzerische Spiel von Bewegung und Stille, Gehen und Kommen, Frage und Antwort, Gestik und Melodie verstehen.“Ruby Cohn: A Beckett canon. The University of Michigan Press: Michigan 2001, S. 290: “Only in the theatre can one appreciate the terpsichorean play of movement and stillness, going and coming, question and answer, gesture and melody of Come and Go.”
Interpretation Namen Die Namen der drei „verblühten“ Frauen werden als Verweis auf jene Blumen interpretiert, die in Shakespeares Hamlet die wahnsinnige Ophelia nach dem Tod ihres Vaters Polonius vor König Claudius und seinem Hof ausstreut.Anthony Roche: Samuel Beckett: The Great Plays After Godot. In Samuel Beckett – 100 Years. New Island, Dublin 2006, S. 69: “Their names, especially Ru’s, recall the names of the flowers which Ophelia distributes to King Claudius and his court in her mad scene.” (Hamlet – 4. Akt, 5. Szene): Demnach erinnert „Ru“ im Englischen an “rue”, die Raute, „Vi“ an “violet”, das Veilchen, und „Flo“ an “flower”, die Blume. Diese Deutung wird durch die Kenntnis unterschiedlicher Manuskripte gestützt, als deren Weiterentwicklung das Drama Come and Go entstand. In einer solchen Vorstufe, die Beckett mit Good Heavens betitelte, treten drei Frauen mit den Namen Viola (Veilchen oder Stiefmütterchen), Rose (Rose) und Poppy (Mohnblume) auf. Die Blumennamen der Frauen werden dort als Anspielung auf den von Beckett häufiger zitierten Psalm 103:15-16 gedeutet,Hersh Zeifman: Come and Go. A Criticule. In: Morris Beja, S. E. Gontarski, Pierre Astier (Hrsg.): Samuel Beckett: Humanistic Perspectives. Ohio State University Press 1983, S. 140 der von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens handelt: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras; er blühet wie eine Blume auf dem Felde / Wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“Psalm 103:15-16 in der Bibel-Übersetzung Martin Luthers Auch in der Hamlet-Szene sind Raute und Veilchen eng mit dem Tod verbunden, denn Ophelia sagt: „da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich – ihr könnt eure Raute mit einem Abzeichen tragen. – Da ist Maßlieb – ich wollte euch ein paar Veilchen geben, aber sie welkten alle, da mein Vater starb. – Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.“William Shakespeare: Hamlet. 4. Akt, 5. Szene, übersetzt von August Wilhelm von Schlegel und Ludwig TieckWilliam Shakespeare: Hamlet. 4. Akt, 5. Szene: “[…] there's rue / for you; and here's some for me: we may call it / herb-grace o' Sundays: O you must wear your rue with / a difference. There's / a daisy: I would give you / some violets, but they withered all when my father / died: they say he made a good end, […]”
Die Übersetzer Erika und Elmar Tophoven haben diese Interpretation allerdings nicht in ihre deutsche Übertragung mit einbezogen, sondern sehen die Namen als bloße Kurzformen weiblicher englischer Vornamen: „Flo“ für Florence, „Vi“ für Violet und „Ru“ für Ruby. Weil die Tophovens fürchteten, dass die drei Silben im Deutschen zu missverständlichen Assoziationen führen könnten (z. B. zu Flo/Floh und Ru/Ruhe), wählten sie andere Kurzformen aus: „Lo“ für Leonore, „Mei“ für Meike und „Su“ für Susanne.Erika und Elmar Tophoven in: Samuel Beckett: Werke. Bd. 1, Suhrkamp 1976. S. 390, ISBN 3-518-02106-0
Schicksal und Tod Einige Interpretationen stellen Mutmaßungen darüber an, welche Geheimnisse sich die Figuren ins Ohr flüstern. Jede Antwort (Su über Mei: „Weiß sie es nicht?““Does she not realise?” Mei über Lo: „Hat man es ihr erzählt?““Has she not been told?” Lo über Su: „Ahnt sie denn nichts?““Does she not know?”) lässt sich damit erklären, dass jede einzelne unwissentlich todkrank ist. Diese Deutung wird unterstützt durch die Beobachtung, dass Meis Frage zu Beginn des Stücks: „Wann waren wir drei zuletzt zusammen?““When did we three last meet?” (Come and Go., S. 196) offensichtlich auf die drei Hexen in Shakespeares Macbeth anspielt, die dort mit „Wann treffen wir drei uns das nächste Mal?““When shall we three meet again”, William Shakespeare: Macbeth, Akt 1, 1. Szene das Drama eröffnen. In Macbeth fungieren die drei Hexen als Schicksalsgöttinnen, indem sie Macbeth mit ihrer sich selbsterfüllenden Prophezeiung ins Unglück stürzen.Vgl. Hersh Zeifman: Come and Go. A Criticule. In: Morris Beja, S. E. Gontarski, Pierre Astier (Hrsg.): Samuel Beckett: Humanistic Perspectives. Ohio State University Press 1983, S. 140 Daher interpretiert Rolf Breuer die drei Frauen als „Todesboten“.Rolf Breuer: Der späte Beckett. In: Samuel Beckett: Eine Einführung. S. 65
mini|Die drei Grazien. Marmor. Römische Kopie der Kaiserzeit nach einem Hellenistischen Original.