miniatur|hochkant=1.4|Der unterirdische Schauraum „Erasmuskapelle“

Die Erasmuskapelle war eine im 13. Jahrhundert erbaute, zeitweise als Doppelkapelle eingerichtete katholische Friedhofskapelle. Sie stand bis zu ihrem Abbruch 1857 neben der seit dem 16. Jahrhundert von der evangelischen Gemeinde genutzten St.-Mang-Kirche in Kempten (Allgäu). Das Erdgeschoss der Kapelle war dem Erzengel Michael, das Untergeschoss als ehemaliges Beinhaus dem heiligen Erasmus geweiht.

Auf dem St.-Mang-Platz wurden bei archäologischen Untersuchungen in den Jahren 2003 und 2008 bis 2010 etwa 500 Grabstellen eines ehemaligen Friedhofs freigelegt. Die Archäologen konnten damit Zusammenhänge der Stadtbesiedlung in der Frühzeit deuten und erklären. Die erhaltenen Teile des Bodendenkmals wurden im Jahr 2010 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und gelten seither als Sehenswürdigkeit. In diesem Schauraum wird die Geschichte des Sakralbaus und die der Stadt in multimedialer Präsentation erläutert.

Geschichte Historiker teilen die Bau- und Entstehungsgeschichte des heutigen Bodendenkmals in sieben Phasen ein. Die erste beschreibt die Erbauung gegen Ende des 13. oder, aus Sicht der Bauforschung, eher im 14. Jahrhundert,Azer Arasli: Stabsstelle - Bauforschung. In: Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege. Nr. 62/63, 2008/09, ISBN 978-3-422-06985-5, S. 261 ff. die zweite die Renovierung nach einem Brand, die dritte und vierte Bauphase die Erweiterung. In der fünften Phase wurde die Kapelle profaniert und in der sechsten durch einen Anbau erweitert. Der Abriss des oberirdischen Teils der Kapelle im Jahr 1857 erfolgte in der siebten Phase.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 10–19.

Wiederentdeckt wurden die Fundamente und Grundmauern im Zweiten Weltkrieg, als ein Splittergraben angelegt und dabei Mauerwerk durchbrochen wurde. In die öffentliche Aufmerksamkeit gelangten sie wieder Anfang des 21. Jahrhunderts in Verbindung mit ersten Planungen zur Erneuerung des St.-Mang-Platzes.

Der Versuch, die Erasmus- und Michaelskapelle als Gruftkapelle eines Klosters an Stelle der St.-Mang-Kirche zuzuordnen scheiterte, nachdem die Archäologie- und Geschichtsforschung die Existenz eines Klosters an jener Stelle widerlegte.

Erbauung als Beinhaus und Brand Zunächst entstand vermutlich im Zuge einer Friedhofserweiterung die Karnerkapelle St. Michael. Das Erdgeschoss bildete den Kirchenraum, das Untergeschoss mit eigenem Zugang diente als Beinhaus, wo die beim Anlegen neuer Gräber zutage gekommenen Gebeine aufgestapelt wurden. Die Außenmaße betrugen etwa 12,7 × 7,7 Meter. Diese Kapelle wurde erstmals im Jahr 1313 schriftlich erwähnt. Im 14. Jahrhundert wurde das Gebäude durch einen Brand stark beschädigt und anschließend wiederaufgebaut. Im Westteil wurde die ehemalige Holzkonstruktion durch ein Tonnengewölbe aus Ziegelsteinen ersetzt, das in höherem Maße feuersicher war. Der Brand verfärbte das Gestein im Untergeschoss nachhaltig rot.

Vergrößerungen zur Notkirche Anfang des 15. Jahrhunderts kam es zu vielen baulichen Veränderungen. Beide Kapellen wurden um einige Meter erweitert. Im Untergeschoss wurden nach Osten und Westen Kreuzgratgewölbe mit Gurtbändern angelegt. Im größeren Teil, dem östlichen Raum, trafen die Gewölbebögen in der Mitte auf eine Sandsteinsäule. Diese Säule wurde später hinter der St.-Mang-Kirche in einem Ölberg. aufgestellt. Zur Eröffnung des Schauraumes wurde sie wieder an der alten Stelle platziert.

Als Beweis für die religiöse Nutzung des Untergeschosses gelten die Apostelkreuze links und rechts des heutigen Eingangs, sie ähneln stark denen der St.-Mang-Kirche. Die Michaelskapelle erhielt im Osten einen mehreckigen Chor, hierdurch vergrößerte sich die Außenlänge auf 24 Meter. Diese Erweiterung könnte mit dem Aus- und Umbau der romanischen Nachbarkirche St. Mang in den gotischen Baustil im Jahr 1426 zusammenhängen. In der mehrjährigen Um- und Ausbauphase fehlte wahrscheinlich der Platz, um Gottesdienste zu feiern. Daher wurde die Doppelkapelle zeitweise vermutlich als Notkirche genutzt.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 12f.

Auf dem Dachfirst befanden sich zwei Dachreiter mit Geläuten. Diese hatten einen unterschiedlichen Klang, damit die Bevölkerung wusste, ob für die Erasmus- oder die Michaelskapelle geläutet wurde.

Profanierung und Umbau zu einem Zweckbau miniatur|Verbreiterter Abgang im Norden

1527 schloss sich die Reichsstadt Kempten der Reformation an, die Kapelle blieb jedoch Eigentum der katholischen Bischofskirche von Augsburg. Wegen Platzmangel im Kirchenbezirk wurde der Friedhof 1535 an den Hang der Burghalde verlegt: Es entstand der Evangelische Friedhof.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 23ff. Im Jahre 1557 ging das profanierte Gebäude in den Besitz der Reichsstadt über. Diese ließ das Erdgeschoss in ein Leinwandschauhaus umbauen, im Untergeschoss wurde eine Trinkstube mit Weinkeller eingerichtet. Im Leinwandschauhaus wurde das von Kemptener Webern hergestellte Leinen auf Qualität kontrolliert und mit Bleimarken versehen.

Um das Leinen auch bei feuchtem Wetter ausrollen zu können, wurde südlich vom Erdgeschoss ein hölzerner Laubengang angebaut. Der Innenraum erhielt zur Vergrößerung der Nutzfläche eine Zwischendecke; die Malereien im Untergeschoss wurden übermalt. Der Eingang im Norden wurde teilweise verbreitert, damit die Weinfässer nicht im Türgewände stecken blieben. Eine Stadtansicht von 1628 zeigt die profanierte Kapelle mit beiden Dachreitern, was bedeutet, dass sie während der Umbaumaßnahmen erhalten blieben.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 16f.Azer Arasli: Stabsstelle - Bauforschung. In: Jahrbuch der Bayerischen Denkmalpflege. Nr. 62/63, 2008/09, ISBN 978-3-422-06985-5, S. 263 ff.

Anbau des Schmalzwaaghauses und Abbruch miniatur|rechts|Die Kapelle im 19. Jahrhundert als Warenkontrollhaus mit dem neuen Anbau auf der Westseite. Der mehreckige Abschluss im Osten ist der letzte Hinweis auf die ehemalige kirchliche Nutzung des Gebäudes. Dahinter die St.-Mang-Kirche.

Im Jahr 1664 kam im Westen das Schmalzwaaghaus als Anbau hinzu. Dessen Erdgeschoss war im Verhältnis zum restlichen Gebäude deutlich höher und ermöglichte die Einfahrt von hohen Pferdekarren. In diesem Haus wurden Fette für die Herstellung von Seifen, Salben, Schmiermitteln und Brennstoffen auf ihre Qualität überprüft. Der Anbau war mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Fachwerkkonstruktion. Bei den archäologischen Ausgrabungen wurden keine Fundamentmauern dieses Anbaus gefunden.

1857 wurde der Abriss des inzwischen baufälligen Gebäudes beschlossen.Friedrich Zollhoefer: Die Fresken in der ehemaligen St. Michaelskapelle auf dem St. Mangplatz in Kempten. In: Allgäuer Geschichtsfreund. 70, 1970, S. 31ff. Der obere Raum der Michaelskapelle wurde trotz Protesten geschichtsbewusster Kemptener abgerissen, das Gewölbe der Erasmuskapelle darunter eingeschlagen und das Loch mit Bauschutt aufgefüllt. Als Maße wurden beim Abbruch angegeben: Länge 23,35 Meter, Breite 5,55 Meter, Höhe 5,84 und 7 Meter. Das Gemäuer war einen Meter dick. Die Krypta bzw. die alte Gruft war 16,6 Meter lang und 5,25 Meter breit. Die damals gefundenen Wandmalereien wurden von Joseph Buck abgemalt und dokumentiert.

Zweiter Weltkrieg Erst im Zweiten Weltkrieg wurde das im Boden verbliebene Gemäuer zufällig entdeckt. Beim Bau eines Erdbunkers und Schützengrabens auf dem St.-Mang-Platz wurde die westliche Mauer der unterirdischen Ruine durchbrochen. Ausgrabungen im Jahr 2010 brachten unter anderem scharfe Munition zutage, darunter Leuchtspurgeschosse mit weißem Phosphor für den deutschen Militär-Karabiner Mauser System 98 und eine Patrone für ein italienisches Carcanogewehr.Infoflyer der Stadt Kempten (PDF, abgerufen am 12. Juni 2012; 419 kB)Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 30.

Ausgrabungen und erste Pläne für den Schauraum miniatur|Die Mauerreste der Erasmuskapelle während der archäologischen Ausgrabungen, hinten der St.-Mang-Brunnen.

Vor der geplanten Neugestaltung des St.-Mang-Platzes waren archäologische Voruntersuchungen nötig. Bereits 1988 war durch Sondagen bekannt, dass sich nicht sehr tief unter dem Waschbetonplattenbelag der 1960er Jahre mittelalterliche Gräber des 1535 aufgegebenen Friedhofs befanden.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 3. Es wurden jedoch keine umfassenderen, großflächigen Ausgrabungen getätigt. 2003 wurden weitere Sondagen auf einer anderen Teilfläche durchgeführt. Von 2008 bis 2010 fand auf einem Großteil der Platzfläche eine umfangreiche Rettungsgrabung statt, um die Gräber des Friedhofs und die Fundamente der Kapelle zu untersuchen.Schauraum Erasmuskapelle, Kempten. In: allgaeu-erleben.com. (abgerufen am 12. Juni 2012) Dabei wurden über 500 christliche Bestattungen gefunden. Das älteste Skelett stammt aus dem 7. Jahrhundert und belegt, dass hier bereits 50 bis 100 Jahre vor dem angeblichen Eintreffen des „Allgäu-Apostels“ Magnus von Füssen, was heute mehr als Legende gedeutet wird, christliche Bestattungen stattgefunden hatten. Bei tiefgründigeren Ausgrabungen wurden weitere Funde gemacht. Die Grundmauern waren in größerer Tiefe erhalten als lange Zeit angenommen; Fensternischen, Putzflächen, Türöffnungen und Gewölbeansätze waren noch zu erkennen. Das Ausheben des Schutts aus dem Innenraum war aus Sicherheitsgründen notwendig, um sich bei der oberirdischen Überbauung wegen möglicher Hohlräume abzusichern.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 5ff.

Aufgrund der regionalen Berichterstattung in Tages- und Wochenzeitungen strömten interessierte Besucher zu den Ausgrabungen, die zu einem Bestandteil von Stadtführungen wurden. Es gab gut besuchte Grabungsführungen durch das Gemäuer. Weil die Untersuchungen zwei Winter lang dauerten, wurden die Mauern zum Schutz vor Umwelteinflüssen mit einem Bierzelt überbaut.Birgit Kata: Der Schauraum Erasmuskapelle in Kempten (Allgäu). 1. Auflage. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu 2011, ISBN 978-3-89870-706-0, S. 8ff.

Während der archäologischen Arbeiten wurde mehrfach der Wunsch geäußert, die Erasmuskapelle dauerhaft zugänglich zu machen. Der Stadtrat und seine Ausschüsse prüften Möglichkeiten zum Erhalt der Funde. Statt die Grundmauern nach der Dokumentation und Konservierung wieder mit Kies für etwa 350.000 Euro anzufüllen, wurde der unterirdische Gebäudeteil für 1,4 Millionen Euro zum heutigen Schauraum ausgebaut. Mit dieser Maßnahme schloss sich der Stadtrat im März 2009 mit Mehrheit dem Wunsch der Bevölkerung an, den Raum zugänglich zu machen.

Bau und Eröffnung des Schauraums miniatur|hochkant|Informationstafel vor dem Eingang in die Kapelle