Die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung war eine deutsch-russische Organisation in München, die in Bayern Anfang der 1920er Jahre bestand und sich aus germanophilen Monarchisten und russischen Emigranten zusammensetzte. Erklärtes Ziel der 1920/1921 von Max Erwin von Scheubner-Richter in München gegründeten Vereinigung war die Förderung der Zusammenarbeit nationaler wirtschaftlicher und politischer Kreise, um die vorrevolutionäre Ordnung in Europa, insbesondere in Russland, wiederherzustellen. Über Aufbau und deren Mitglieder gelangten Gedankengut der extremen Rechten in Russland und der Bolschewiki, aber auch Erfahrungen mit den letzteren, in die NSDAP.Walter Laqueur: Russia and Germany, A Century of Conflict. Little Brown and Company, 1965. (Reprint: Transaction Publishers, 1990, ISBN 0-88738-349-1, S. 91, 137.)Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Fodor's Travel Guides, New York 1994, ISBN 0-679-76184-5, S. 258.S. 214, 273.S. 84, 278, 279.
Mitglieder Gründer und Geschäftsführer war Max-Erwin von Scheubner-Richter. Als Präsident und Vizepräsident agierten Freiherr Theodor von Cramer-Klett junior bzw. Fürst Biskupski.Bettina Dodenhoeft: Vasilij von Biskupskij. Eine Emigrantenkarriere in Deutschland, in Karl Schlögel Hg.: Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg. Oldenbourg Akademie, München 1995, ISBN 3050028017, S. 219–228 Die 150 Mitglieder bestanden aus bayerischen Monarchisten und vor allem Deutsch-Balten sowie russischen und ukrainischen Emigranten. Weitere Mitglieder dieser multinationalen Vereinigung waren Vladimir Kleppen und Boris Brazol, die wichtige amerikanische Kontakte hatten und Georgi Nemirovič-Dančenko, ein ehemaliger Presseleiter General Pjotr Nikolajewitsch Wrangels auf der Krim, der Experte für Fragen zur Ukraine war.S. 130–132 Der ukrainische Oberst Ivan Poltavec-Ostranica, der mit den deutschen Streitkräften während deren Besetzung der Ukraine zusammengearbeitet hatte, trat der Organisation 1921 bei.
Die Mitglieder dieser antibolschewistischen, antisemitischen, aber nicht antislawischen Organisation,S. 138–9. hatten zum großen Teil selbst Erfahrungen mit den Bolschewiki gemacht.S. 60, 83, 84, 117. Außerdem befanden sich unter den russischen Flüchtlingen frühere Mitglieder der protofaschistischen Schwarzen Hundertschaften wie Fjodor Wiktorowitsch Winberg, Biskupski und Schabelski-Bork.S. 43, 49, 94. Letzterer gab sich als Patensohn der Schriftstellerin Elsa von Schabelsky aus, hatte laut einem Bericht der Gestapo die antisemitische Fiktion Die Protokolle der Weisen von Zion bei seiner Reise nach Deutschland mitgeführt und sie dem Publizisten Ludwig Müller von Hausen gegeben, der sie übersetzen ließ und veröffentlichte.S. 44, 63, 65.
Zu den deutschbaltischen Mitgliedern zählten Alfred Rosenberg und Arno Schickedanz, die die Revolution in Moskau miterlebt hatten,S. 42, 83.Woldemar Helb: Album Rubonorum. 4. Auflage. Philisterverband der Rubonia, 1972. Otto von Kursell, der in der russischen Armee gedient hatte,S. 82. und Max Erwin von Scheubner-Richter, ein Reichsdeutscher, der in Riga aufgewachsen war und deutscher Vizekonsul im türkischen Erzerum war. In dieser Position verfolgte er 1915 den Völkermord an den Armeniern mit und erstattete darüber Bericht. Später war er Leiter der Pressestelle Ober Ost in Riga. Nach dem Einmarsch der Bolschewiki in die Stadt wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt, konnte sich aber mit maßgeblicher Hilfe seiner Frau befreien und entkam nach Deutschland.Ernst Piper: Alfred Rosenberg, Hitlers Chefideologe. Pantheon, 2007, ISBN 978-3-570-55021-2, S. 62. Zu den deutschen Mitgliedern zählten General Erich Ludendorff, sein Mitverschwörer im Kapp-Putsch Oberst Max Bauer und der Geschäftsführer der NSDAP, Max Amann.S. 129, 132.
Hintergrund Hintergrund in Russland und Sowjetrussland Zwischen der Jahrhundertwende und 1917 gab es in Russland rechtsextreme Gruppen, die als „Schwarze Hundertschaften“ bezeichnet werden. Zeitlich waren sie zwischen den reaktionären Bewegungen des 19. und den rechtsextremen Bewegungen des 20. Jahrhunderts angesiedelt, und sie verfügten über enge Verbindungen zu Monarchie und Kirche. Im Unterschied zu früheren, vergleichbaren Bewegungen hatten sie die Bedeutung der Massenmobilisierung erkannt. Diese Gruppen verbreiteten politische Propaganda, verübten aber auch Pogrome und politische Morde.Walter Laqueur: Black Hundred: The Rise of the Extreme Right in Russia. 1. Auflage. Harpercollins, 1993, ISBN 0-06-018336-5, S. 21, 22.
Vor der Revolution hatten die Schwarzen Hundertschaften das Schreckbild verbreitet, dass die Juden der Untergang des russischen Reiches seien.Walter Laqueur: Russia and Germany, A Century of Conflict. Little Brown and Company, 1965. (Reprint: Transaction Publishers, 1990, ISBN 0-88738-349-1, S. 95.)S. 46–47. Tatsächlich aber gab es in jüdischen Kreisen vor 1917 nur geringe Sympathien für die Bolschewiki und trotz der starken Diskriminierung der Juden in Russland waren vor 1917 unter den Mitgliedern der Bolschewiki weniger als 1000 Juden.Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Fodor's Travel Guides, New York 1994, ISBN 0-679-76184-5, S. 113. Eine Karriere in Verwaltung und Armee war Juden bis zum Ersten Weltkrieg versperrt und sie durften nur in dem als Ansiedlungsrayon bezeichneten begrenzten Gebiet Russlands wohnen.Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Fodor's Travel Guides, New York 1994, ISBN 0-679-76184-5, S. 100, 101. Die Entwicklung nach der Oktoberrevolution aber schien das Schreckbild zu bestätigen, da die jüdische Emanzipation in Russland mit den Auswirkungen der Oktoberrevolution und somit mit Millionen von Toten durch Krieg, Misswirtschaft und Vernichtungspolitik zeitlich zusammenfiel. (Die Vernichtungspolitik sei, so Robert Conquest, Ausdruck einer Bereitschaft, die in der Einstellung der Bolschewiki gegenüber dem Klassenkampf angelegt sei, denn bereits vor der Oktoberrevolution hat Felix Edmundowitsch Dserschinski Überlegungen formuliert, wonach eine Vernichtungspolitik ein potentielles Instrument des Klassenkampfes seiRobert Conquest: The Harvest of Sorrow. Oxford Univ. Press, New York 1986, ISBN 0-19-504054-6, S. 24. und Sinowjew sagte 1918 die Vernichtung von 10 % der Bevölkerung voraus.Joachim Fest: Die geschuldete Erinnerung. 3. Auflage. Piper Verlag, 1987, ISBN 3-492-10816-4, S. 107. (Historikerstreit)Richard Pipes: The Russian Revolution. Vintage Books, 1990, ISBN 0-679-73660-3, S. 820.)
Die Rechtsextremen nutzten den überproportional hohen Anteil von Personen mit jüdischer Abstammung unter den politischen Führern der Bolschewiki, der den Mythos einer jüdischen Verschwörung zu belegen schienSaul Friedländer: Nazi Germany and the Jews, The Years of Persecution 1933–1939. Weidenfeld & Nicolson, 1997, ISBN 0-297-81882-1, S. 93. und verwiesen auf einen überproportional hohen Anteil von Juden unter den Mitarbeitern der Tscheka.Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Fodor's Travel Guides, New York 1994, ISBN 0-679-76184-5, S. 104. Beim Bürgerkrieg in der Ukraine waren Mitarbeiter mit jüdischer Abstammung in der Tscheka sogar zahlenmäßig völlig in der Überzahl,Lincoln W. Bruce: Red Victory, A History of the Russian Civil War. Da Capo Press, 1989, ISBN 0-306-80909-5, S. 314. was den Antisemitismus dort gefördert hat. Die Protokolle der Weisen von Zion, denen viele Rechtsextreme vor der Revolution noch skeptisch gegenüberstanden, wurden jetzt als Weissagung interpretiert.Walter Laqueur: Russia and Germany, A Century of Conflict. Little Brown and Company, 1965. (Reprint: Transaction Publishers, 1990, ISBN 0-88738-349-1, S. 131.)Richard Pipes: Russia under the Bolshevik Regime. Fodor's Travel Guides, New York 1994, ISBN 0-679-76184-5, S. 256.
Mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk wurde die Ukraine als selbständiger Staat anerkannt, der dann in die deutsche Interessensphäre rückte. Als sowjetische Streitkräfte nach dem Frieden in der Ukraine aufmarschierten, erfolgte der Einmarsch deutscher und österreichischer Truppen. Dies führte zu einer Zusammenarbeit von deutschen und weißen Offizieren. Diese Zusammenarbeit hatte eine vertrauensbildende Wirkung und beim Rückzug der deutschen Truppen aus der Ukraine Ende 1918 folgte eine größere Anzahl von weißen Offizieren mit.S. 62, 77. Unter ihnen waren auch Rechtsextreme und frühere Mitglieder der schwarzen Hundertschaften.
Hintergrund im Baltikum und in Deutschland Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und weißen Militärs in der Ukraine hatte Vorbildcharakter.S. 77. Deutsche Freikorps kämpften im Baltikum gemeinsam mit russischen Verbänden und teilweise auch unter russischer Fahne (Eiserne Division) in der Westrussischen Befreiungsarmee.Robert G. L. Waite: Vanguard of Nazism, The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. 1952, ISBN 0-393-00181-4, S. 125. Die Führung der Freikorps betrachtete Lettland als einen Brückenkopf für Militäroperationen gegen die Sowjetunion. Man erhoffte sich eine gegen die Alliierten gerichtete Annäherung zwischen Deutschland und einem künftigen, restaurierten, antikommunistischen Russland. Eine wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit sollte die außenpolitische Isolation nach dem Ersten Weltkrieg beenden helfen.S. 86, 94. Einige Freikorps-Führer sahen zudem das Baltikum als nützlichen Stützpunkt bei einem eventuellen Putsch gegen die deutsche Regierung.Robert G. L. Waite: Vanguard of Nazism, The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. 1952, ISBN 0-393-00181-4, S. 106, 136.
Die lettische Regierung Ulmanis bat um Unterstützung gegen die Rote Armee durch deutsche Freikorps. Mit dem Einverständnis der deutschen Regierung und Großbritanniens vertrieben die Freikorps die Bolschewiki und das von den ihnen besetzte Riga wurde am 22. Mai 1919 eingenommen.Robert G.L. Waite: Vanguard of Nazism, The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. 1952, ISBN 0-393-00181-4, S. 100–112, 118. Spätere Mitglieder von Aufbau waren an der Operation im Baltikum beteiligt: Von Scheubner-Richter unterstützte sie in seiner Funktion als politischer Berater von August Winnig, dem Generalbevollmächtigten für die besetzten baltischen Länder.S. 84. Arno Schickedanz nahm als Mitglied der baltischen Landeswehr an der Einnahme Rigas teil und weiße Emigranten beteiligten sich an der Anwerbung von Russen in Deutschland für den Militärdienst im Baltikum.S. 86, 87, 90. Biskupski agierte in Berlin als Vertreter der Westrussischen Befreiungsarmee.S. 113.
Aus Sicht der deutschen Freikorps war ihre Intervention im Baltikum aus politischen Gründen gescheitert.Robert G. L. Waite: Vanguard of Nazism, The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. 1952, ISBN 0-393-00181-4, S. 132–134. Auf Druck der Entente hin sperrte die deutsche Regierung am 6. Oktober 1919 die ostpreußische Grenze und unterbrach den Nachschub. Teile der Freikorps unterstellten sich erneut dem deutschen Befehl, beteiligten sich aber nach dem Auflösungsbefehl für die Freikorps am Kapp-Putsch.S. 100, 107.Robert G.L. Waite: Vanguard of Nazism, The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. ISBN 0-393-00181-4, S. 100–112, 150. Mehrere der oben erwähnten Russen unterstützten den Kapp-Putsch.S. 106. Außerdem war Scheubner-Richter von Wolfgang Kapp als Pressechef der neuen Putsch-Regierung vorgesehen.S. 256. Nach dem Fehlschlagen des Putsches flohen die Beteiligten nach Bayern, wo sie von den Polizeibehörden geschützt wurden.
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