mini|Der Anfang der Briefe des Plinius in der Handschrift Cesena, Biblioteca Malatestiana, Ms. S.XX.2, fol. 1r (15. Jahrhundert) Die Plinius-Briefe sind eine Sammlung von Briefen () des römischen Schriftstellers Plinius der Jüngere (61 oder 62 – ca. 113). Mit ihrer Publikation begründete er ein eigenes Genre und verschaffte sich den von ihm angestrebten Nachruhm.

„Sie sind einerseits“, konstatierte der Philologe Matthias Ludolph, „als stilistisch geformtes und veröffentlichtes Werk, Bestandteil der studia und gehören damit von Haus aus zu den Mitteln, mit denen man im Rom des Prinzipats Ruhm gewinnen kann. Darüber hinaus sind publizierte Briefe im höchsten Maße geeignet, in ganz unaufdringlicher Weise den Ruhm ihres Verfassers zu befördern.“Matthias Ludolph: Epistolographie und Selbstdarstellung. Untersuchungen zu den ‚Paradebriefen’ Plinius des Jüngeren. Tübingen 1997, S. 18.

368 Briefe sind in zehn Büchern zusammengefasst. Die ersten neun Bücher enthalten 247 Briefe, die Plinius an 105 verschiedene Adressaten gerichtet hatte. Dies waren Freunde, persönliche Bekannte und namhafte Zeitgenossen. Diese Briefe veröffentlichte Plinius selbst, bevor er als Statthalter des Kaisers Trajan nach Bithynien ging. Das zehnte postum von unbekannter Seite publizierte Buch umfasst seine Korrespondenz mit Trajan (121 Briefe, auch Antwortschreiben des Kaisers). Nur die Briefe im 10. Buch sind chronologisch geordnet.

Die Briefsammlung ist von herausragender Bedeutung als historische Quelle für das späte 1. und beginnende 2. Jahrhundert. „Das hohe Ansehen, das die Briefe von historischer Seite genießen, wird von literarisch-philologischer Seite zumeist nicht geteilt. Den Plinianischen Briefen widerfährt ein ähnliches Schicksal wie beinahe der gesamten nachklassischen Literatur, die nur sehr schwer aus dem Schatten ihrer klassischen Vorgänger heraustreten kann.“Frank Beutel: Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius. Frankfurt am Main 2000, S. 129. In jedem der Briefe behandelte Plinius unter Einhaltung der äußeren Form (Adressat, Absender, Grußformel) ein bestimmtes Thema. Nahezu alle Bereiche des Lebens der römischen Oberschicht werden angeschnitten. Die meisten dieser in einem sprachlich „mittleren Stil“ verfassten Mitteilungen wurden für die Veröffentlichung wohl noch einmal überarbeitet. Sie geben detaillierte Einblicke, sowohl in das Alltags- als auch in das politische Leben und in die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rom. Enthalten sind persönliche Anliegen und Beziehungen, Reflexionen über Politik, Rechts- und Gerichtswesen, Literatur und Kultur, Bildungsfragen, daneben Landschaftsschilderungen.

Bekannt sind die Beschreibungen seiner Villen Tuscum im Apennin und Laurentinum südlich von Ostia am Mittelmeer.Eckard Lefèvre: Plinius-Studien I. Römische Baugesinnung und Landschaftsauffassung in den Villenbriefenn (2,17; 5,6). In: Gymnasium 84 (1977), S. 519–541. Reinhard Förtsch: Archäologischer Kommentar zu den Villenbriefen des jüngeren Plinius. Mainz 1993.

Zu den bekanntesten Einzelstücken gehören die Schilderung des Vesuvausbruchs im Jahr 79 für TacitusPlinius, Briefe 6,16. und der Briefwechsel mit Trajan bezüglich der Frage, wie mit Christen zu verfahren sei.Plinius, Briefe 10,96–10,97.

Zwecke, Erscheinungsweise und Art der Briefe

Neben dem auf literarischen Nachruhm zielenden Motiv und einer autobiographischen Absicht werden die Briefe neuerdings auch als Versuch angesehen, mit der zeitgenössischen Öffentlichkeit unter dem Aspekt der politisch-moralischen Einflussnahme zu kommunizieren.Frank Beutel: Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius. Frankfurt am Main 2000, S. 138 und 170 f. Für die von Plinius selbst vorgenommenen Veröffentlichungen werden drei aufeinander folgende Publikationszeitpunkte als wahrscheinlich angegeben: die ersten zwei oder drei Bücher zwischen den Jahren 101 und 104, die Bücher vier bis sieben etwa 107/108, die Bücher acht und neun 109 oder 110 n. Chr.Plinius Secundus: Sämtliche Briefe. Herausgegeben von Walter Rüegg. Eingeleitet und übersetzt von André Lambert. Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg (Originalausgabe: Artemis Verlag, Zürich und München 1969), S. 23. Vieles spricht dafür, dass es sich nicht um Briefe handelt, die von Plinius tatsächlich in dieser Form verschickt worden sind, sondern um für die Veröffentlichung überarbeitete Fassungen oder um rein artifizielle Erzeugnisse zum Zweck der Publikation. Erwogen werden auch Mischformen zwischen dem Rückgriff auf tatsächliche Korrespondenz und fiktiven Ergänzungsprodukten.Frank Beutel: Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius. Frankfurt am Main 2000, S. 132 f. Angeregt wurde die Veröffentlichung, wie Plinius im ersten Buch bemerkt, durch den Prätorianerpräfekten Gaius Septicius Clarus.

Der oft – auch von Plinius selbst – hergestellte Vergleich mit Ciceros Korrespondenz, so Lambert, sei fragwürdig. Bei Ciceros Briefen handle es sich um aus dem Moment heraus verfasste „echte“ Briefe, die „uns das Handeln, Denken, Fühlen dieses Mannes beinahe von Tag zu Tag miterleben lassen.“ Auch seien die Briefe Ciceros im Unterschied zu denen des Plinius datiert und erst nach seinem Tode unter anderen von seinem Sekretär Tiro herausgegeben worden.Plinius Secundus: Sämtliche Briefe. Herausgegeben von Walter Rüegg. Eingeleitet und übersetzt von André Lambert. Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg (Originalausgabe: Artemis Verlag, Zürich und München 1969), S. 15.

Gesellschaftliche Einblicke

Gesellschaftliche Ungleichheit war für Plinius nicht nur eine vorgefundene Selbstverständlichkeit im römischen Alltag, sondern ein zu wahrendes Gut. Bei der Ordnung des Rechtswesens in den Provinzen gelte es für die Verantwortlichen, durch Leutseligkeit sowohl die Honoratioren sich gewogen zu halten als auch die einfachen Bürger zu gewinnen. Es komme sehr darauf an, die Standes- und Rangunterschiede sorgfältig zu beachten, denn „sind sie einmal verwischt, getrübt, vermengt, dann ist nichts ungleichwertiger als diese Gleichwertigkeit.“Plinius, Briefe 9,5; Übersetzung nach Helmut Kasten (Hrsg.): Plinius: Briefe. 1990, S. 499.

Bei der Eheschließung zwischen unterschiedlich wohlhabenden Partnern erschien es Plinius hingegen nötig, noch rechtzeitig einen insgesamt standesgemäßen Ausgleich herbeizuführen. Der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsenen Tochter seines offenbar geschätzten Briefpartners Quintilianus stellte er 50.000 Sesterzen als eigenen Beitrag zur Ausstattung mit Kleidung und Dienerschaft in Aussicht, „Dinge, von denen die innere Würde zwar nichts gewinnt, aber doch Schmuck und Glanz erhält.“ Dies sei angesichts des hochangesehenen Bräutigams geboten, „dem die Rücksicht auf seine zivilen Verpflichtungen eine gewisse Eleganz gebietet.“Plinius, Briefe 6,32; Übersetzung nach Helmut Kasten (Hrsg.): Plinius: Briefe. 1990, S. 365.

Plinius nimmt in seinem Briefwerk vielfach Frauen gegenüber eine wertschätzende Haltung ein und greift im Einzelfall auch zu superlativischen Attributen wie probatissima (die Ehrbarste), honestissima (höchst Angesehene), sanctissima (die Erhabenste).Hans-Peter Bütler: Die geistige Welt des jüngeren Plinius. Heidelberg 1970, S. 90. Doch auch was es an Rühmlichem und Bemerkenswertem zu erfahren gibt, hänge ab von der gesellschaftlichen Stellung der Betroffenen, stellt Plinius fest. Eher zufällig habe er bei einer Segelpartie auf dem heimischen Comer See (Larius Lacus) durch den Hinweis eines Freundes von dem außergewöhnlichen gemeinsamen Tod eines Ehepaars von einfachem Stande erfahren, obwohl es sich dabei um Landsleute aus heimatlicher Umgebung handelte. Die Frau hatte den an einem unheilbaren Geschwür leidenden Ehemann mit sich selbst zusammengebunden und war ihm voraus und ihn mitreißend aus einem auf den See hinausgehenden Zimmerfenster in den Freitod gesprungen.Plinius, Briefe 6,24.

Über die Anzahl seiner Sklaven macht Plinius keine Angaben. Sie bilden für ihn einen selbstverständlichen Bestandteil des über eine Reihe eigener Güter verteilten Hausstands. Er bezeichnet sie als „meine Leute“ (mei) und hält es bei der Orientierung auf Sklavenmärkten für geboten, nicht nur nach dem Augenschein zu gehen, sondern vor allem die Ohren offen zu halten, um bestätigt zu bekommen, dass die in Aussicht Genommenen auch brav und gut verwendbar sind (ut frugi sint).Plinius, Briefe 1,21. Dennoch gelte es als Herr stets wachsam zu sein gegenüber den eigenen Sklaven, erläutert Plinius am Beispiel des Larcius Macedo, eines von seinen Sklaven übel zugerichteten und bald darauf verstorbenen, aber wohl auch besonders strengen und harten Herrn, dem Sohn ausgerechnet eines Freigelassenen:

In der Alltagsnormalität fühlt sich Plinius von den eigenen Sklaven nicht hinreichend umsorgt, anders als wenn er zu Besuch bei der Schwiegermutter ist und von deren Sklaven bedient wird. So bittet er sie um einen Gegenbesuch, damit der in den Alltagsroutinen verloren gegangene Respekt seiner Leute wieder aufgefrischt werde.Plinius, Briefe 1,4.

In die Vielfalt der römischen Klientelverhältnisse, die die persönlichen Beziehungen in einem Geflecht von Abhängigkeit, wechselseitiger Unterstützung und Belohnung nicht allein im kleinen Kreis bestimmten, sondern sich von rechtlicher Vertretung über politische Unterstützung bis zu militärischer Gefolgschaft erstreckten, gibt Plinius Einblick unter anderem in einem Brief an seinen Freund Maximus. Diesen lobt er dafür, dass er auf der Ebene der Klientelpflege, die auch ganzen Bürgergemeinden gelten konnte, den Veronesern ein Gladiatorenspiel ausgerichtet hat, als Geste der Dankbarkeit und zur Belohnung für die ihm nachhaltig erwiesene Achtung und Verbundenheit:

Bildungshorizonte

Als studia bezeichnet Plinius in der Regel die zentralen Felder seiner geistigen Betätigung vor allem in den Bereichen Rhetorik und Literatur, wichtigen Bestandteilen seiner Ausbildung zum Anwalt und Politiker.Hans-Peter Bütler: Die geistige Welt des jüngeren Plinius. Heidelberg 1970, S. 28 f. Sie nahmen breiten Raum schon in der Zeit des Aufwachsens bei seinem Onkel ein, bei Plinius dem Älteren. In der alltäglichen Praxis fallen Ausarbeitung und Vortrag von Gerichtsreden im Begriff der studia bei Plinius zusammen. So lobt er zwei junge Anwaltskollegen nach Plädoyers gegeneinander für ihr Bestreben, sich mit den Studien (ex studiis) einen Ruf zu erwerben. Unter ihren auf diese Weise der Allgemeinheit zugute kommenden Eigenschaften erwähnt er außergewöhnliche Rechtschaffenheit, Charakterfestigkeit und Anstand, eine mannhafte Stimme und sprachliche Gewandtheit, ein sicheres Gedächtnis, großes Talent sowie Urteilsvermögen.Plinius, Briefe 6,11. Seine an einen jungen Mann gerichtete Empfehlung zur Anlage der Studien betonen zunächst den Wert von Übersetzungen aus dem Griechischen ins Lateinische und umgekehrt. Damit seien präzises Ausdrucksvermögen, eine Fülle von Redewendungen (copia figurarum) wie auch die Darstellungskraft zu schulen.

Die Beschäftigung mit der Wissenschaft biete ihm Freude und Trost (et gaudium mihi et solacium in literis), bekennt Plinius; nichts könne mehr Freude spenden, nichts die Trauer wirksamer lindern. Zwar ließen die Studien ihn Unglücksfälle tiefer empfinden, aber auch geduldiger ertragen.Plinius, Briefe 8,19.