mini|Karl Wilhelm Hermann Pemsel (1869)

Karl Wilhelm Hermann Pemsel (* 7. Dezember 1841 in Naila; † 20. November 1916 in München) war ein deutscher Jurist und Unternehmer. Er war Mitgründer und Aufsichtsrat der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, Allianz Versicherungs-AG und der Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren und zugleich als Anwalt, zunächst in Nürnberg, seit 1878 in München tätig.

Leben Pemsel studierte Jura an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und der Georg-August-Universität Göttingen. 1862 legte er in Erlangen das erste, 1865 das zweite juristische Staatsexamen ab und promovierte im selben Jahr summa cum laude zu einer handelsrechtlichen Arbeit. Pemsel wurde zunächst Konzipient in der Kanzlei des Vaters in Erlangen und war bei verschiedenen Gerichten tätig u. a. 1867–1869 in München, wo er sich als überzeugter Liberaler Verdienste in der Kampagne zur Freigabe der Advokatur erwarb. 1869 in die Kanzlei des Vaters nach Erlangen zurückgekehrt, wurde er 1870 zum Kgl. Advokaten ernannt und übernahm die Nürnberger Anwaltskanzlei Dr. Merck, bis dahin Rechtsvertreter des bayerischen Industriellen und Finanziers, des Reichsrats Theodor Freiherr von Cramer-Klett.

Merck ging 1870 auf Cramer-Kletts Wunsch nach München, um mit dessen Kapital und in Verbindung mit der Hausbank, der Darmstädter Bank für Handel und Industrie, das Privatbankhaus Merck, Christian & Co., später Merck Finck & Co, aufzubauen. Als Nachfolger von Merck bestellte Cramer-Klett Pemsel und erteilte ihm 1872 Generalvollmacht.Am 1. Juni 1872 erteilte der Reichsrat Theodor Freiherr von Cramer-Klett dem Rechtsanwalt Dr. jur. Hermann Pemsel eine Generalvollmacht. (Original im Familien-Archiv Cramer-Klett, Aschau, Mappe „Pemsel“; Kopie im Nachlass Pemsel, Bayerische Staatsbibliothek, Handschriftenabteilung, Sign. Ana 586) Außerdem entsandte er ihn in die Aufsichtsräte mehrerer Unternehmen, die zu seiner Holding gehörten u. a. der Süddeutschen Bodencreditbank und der Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg, die 1896 mit der Augsburger Maschinenfabrik zur Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) fusionierte.

Im Mai 1870 heiratete Pemsel Sophie Helbig aus Erlangen, Tochter des Besitzers der Henninger Brauerei in Erlangen, Wilhelm Helbig, mit der er seit 1867 verlobt gewesen war. 1872 wurde der Sohn Hermann, ein Jahr später der zweite Sohn Wilhelm und 1880 die Tochter Emmy geboren.

1878 folgte Pemsel Cramer-Klett nach München, wohin dieser seinen Wohnsitz verlegt hatte, um sich intensiver in der Kammer der Reichsräte engagieren zu können, und eröffnete eine Anwaltskanzlei. Im selben Jahr wurde die Advokatur in Bayern freigegeben und Pemsel zum Mitbegründer der Münchener Anwaltskammer, zu deren erstem Vorstand er gehörte.

Zusammen mit Cramer-Klett, dem Bankier und Industriellen Wilhelm Finck, dem Bankier und Politiker Friedrich von Schauß, dem Bankier Philipp Schmidt-Polex sowie dem Versicherungsagenten Carl von Thieme gehörte er 1880 zu den Gründern der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft und übernahm bis zu seinem Tode im Jahre 1916 den stellvertretenden Vorsitz des Aufsichtsrats.Diese Funktion übte er bis zu seinem Tode im Jahre 1916 aus. Nach dem Tode Cramer-Kletts 1884 wurde Pemsel einer der Vormünder von dessen 1874 geborenem Sohn und mit der Witwe, Wilhelm Finck, Friedrich Hensolt, Jean Kempf sowie Gustav von Schlör Verwalter des Cramer-Klettschen Vermögens. Pemsel war vor allem für die Werte in München und den Fideikommiss-Besitz, die Herrschaft Hohenaschau im Chiemgau, zuständig.Offenbar hat Pemsel nach dem Tode Cramer-Kletts 1884 seine aus der Vormundschaft rührenden Zuständigkeiten für Hohenaschau sehr restriktiv gehandhabt und gelegentlich einen den dortigen Mitarbeitern rüde erscheinenden, strengen Ton angeschlagen. Jedenfalls werden die Jahre 1884–1895, als die „Herrschaft“ unter vormundschaftlicher Verwaltung stand, vom Chronisten Siegl als die „mageren Jahre“ bezeichnet, in denen es mehrfach Konflikte mit der Vormundschaft gab. [Vgl. M. Siegl: Die Cramer-Klett's, eine Industriellen-Familie und ihre Bedeutung für das Priental. (…) Aschau 1998, S. 94–100 (Chronik Aschau i. Ch., Quellenband III)]. 1885 erfolgte die Ernennung zum Kgl. Justizrat. Von 1888 bis 1916 war Pemsel auch Mitglied des Aufsichtsrats der Bayerischen Vereinsbank und 1890 Mitbegründer der Allianz Versicherungs-Aktiengesellschaft, in deren Aufsichtsrat er eintrat.Dies Mandat nahm er ebenfalls bis zu seinem Tode wahr.

1895 entsandte die bayerische Regierung Pemsel in die „Kommission zur Begutachtung des Entwurfs eines Handelsgesetzbuchs“ nach Berlin.Pemsel nahm als eines der 19 „berufenen Mitglieder“ an allen 21 Sitzungen der „Kommission zur Begutachtung des Entwurfs eines Handelsgesetzbuchs“ teil, die vom 21. November – 18. Dezember 1895 in Berlin tagte. [Vgl. Nachdruck der Protokolle in: W. Schubert (Hrsg.): Quellen zum Handelsgesetzbuch von 1897. Band II, 1. Halbbd., Frankfurt am Main 1987, S. 275–520.]. Für die erworbenen Verdienste um das Königreich Bayern wurde Pemsel am 27. Dezember 1895 der Titel Königlicher Geheimer Hofrat verliehen. Am 2. April 1903 folgte die Verleihung des Ritterkreuzes des Königlichen Verdienstordens der Bayerischen Krone und damit die Erhebung in den persönlichen Adelsstand.Vgl. Kopie des Matricular-Extracts vom 23. Mai 1903 mit der Abbildung des Wappens. [Nachlass Pemsel, Bayer. Staatsbibliothek, Handschriftenabt., Ana 586] Pemsel war darüber hinaus Träger weiterer bayerischer Orden.

Pemsel erwarb 1889 das Grundstück Georgenstr. 2 in Schwabing, auf dem er eine Stadtvilla im italienischen Stil errichten ließ, die die Süddeutsche Bauzeitung 1891 in einem Artikel vorstellte und als „eines der feinsten Familienhäuser Münchens“ bezeichnete.Vgl. Süddeutsche Bauzeitung, 1. Jg., vom 8. Oktober 1891, Nr. 2, S. 16. Im Jahr 1900 kaufte er als einer der ersten ein 78.000 m² großes Grundstück auf dem Höhenberg in Feldafing am Starnberger See, dessen Erschließung die Heilmann’sche Immobilien-Gesellschaft seit 1897 vorangetrieben hatte, und ließ sich dort eine repräsentative Sommervilla bauen. Die Villa kann als Baudenkmal für den Landhausstil des Fin de siècle gelten.Vgl. die Darstellung mit Abbildung in G. Schober: Frühe Villen und Landhäuser am Starnberger See. Zur Erinnerung an eine Kulturlandschaft. 2. Auflage. Waaskirchen-Schaftlach 1999, S. 222f. Zur Besiedlung des Höhenbergs in Feldafing D. Gribl: Villen-Kolonien in München und Umgebung. Der Einfluß Jakob Heilmanns auf die Stadtentwicklung. Phil. Diss. Universität München, München 1999, S. 220–240. Das Anwesen Georgenstr. 2 verkaufte er 1904 und zog in eine 16 Zimmer auf 800 Quadratmetern umfassende Etagenwohnung in dem Jugendstilhaus Friedrichstr. 18 in Schwabing um, das heute im Besitz der Reuschelbank ist.Bankhaus Reuschel (Hrsg.): Ein Haus in Schwabing. Friedrichstr. 18. Selbstverlag, München 1990.

Im Jahr 1900 gab Pemsel die Zulassung bei den Gerichten auf und zog sich damit aus dem anwaltlichen Tagesgeschäft zurück. 1911 starb seine Frau Sophie, mit 62 Jahren, und 1916 auch Hermann Pemsel, an einer Lungenentzündung.

Leistungen Die Leistungen Pemsels bestanden zunächst in seiner Mitwirkung als Generalbevollmächtigter an der Konsolidierung des Cramer-Klettschen industriellen und finanziellen Vermögens während der „Gründerkrise“ 1873–1879 sowie im gleichzeitigen Ausbau und der juristischen wie wirtschaftlichen Absicherung des Fideikommisses Hohenaschau.Das Herrschaftsgut Hohenaschau ging lt. Urkunde des kgl. Notars August Otto, Gesch. Reg. No. 118, am 7. Oktober 1875 in das Eigentum Cramer-Kletts über. [Siegl: Die Cramer-Klett's. 1998, S. 55.] Am 10. November 1877 wurde das Statut des Familienfideikommisses im Bayerischen Gesetzblatt veröffentlicht. [Siegl: Die Cramer-Klett's. 1998, S. 63.] Zu Pemsels Aufgaben gehörte u. a. die Arrondierung des Besitzes, der zu einem „Mustergut“ ausgebaut werden sollte, einerseits durch Erweiterung des Fideikommisses, andererseits durch Ablösung von zahlreichen Alm- und Weiderechten; eine Aufgabe, bei der Pemsel offenbar durch Gustav von Schlör unterstützt wurde. [Vgl. Siegl: Die Cramer-Klett's. 1998, S. 79–83.]. Weiterhin war er Consulent des Bayerischen Brauerbundes, gehörte dem Vorstand des Deutschen Anwaltvereins an und war Obmann des Münchener Anwaltvereins. Für den Deutschen Anwaltvereins verfasste er anlässlich der 1894 vom Preußischen Justizministerium erlassenen Zugangsbeschränkungen zum Anwaltsberuf einen „Bericht über die Zulässigkeit von Beschränkungen der freien Advokatur“Im Auftrag des Vorstands des deutschen Anwaltvereins für den XII. deutschen Anwaltstag. In: Juristische Wochenschrift. (1894), Beilage. deren Zulässigkeit und Verhältnismäßigkeit er verneinte.

Durch ein Rechtsgutachten und persönliche Verhandlungen gelang es Pemsel 1889 einen jahrelang schwelenden Konflikt zwischen dem Königreich Bayern und dem Herzogtum Sachsen-Meiningen über die Verbindung der bayerischen Staatsbahnen mit der sächsischen Werrabahn zu einem für beide Seiten befriedigenden Ergebnis zu bringen. Das Herzogtum verlieh Pemsel dafür das Komturkreuz II. Klasse des Herzoglich Sachsen-Ernestinischen Hausordens der regierenden Herzöge von Sachsen-Meiningen und Sachsen-Coburg und Gotha.Vgl. dazu die Unterlagen in der Personalakte Pemsel, BayHStA, MJu 21570, Nr. 51, vom 13. Oktober 1890. Er beteiligt sich am Entwurf für ein neues deutsches Handelsgesetzbuch im Herbst 1895 in Berlin im Auftrag des bayerischen Justizministeriums.

Pemsel wirkte mit in den Aufsichtsräten der Allgemeinen Gesellschaft für Dieselmotoren, Allianz Versicherungs-AG, Bayerische Vereinsbank, Deutsche Lebens- und Pensions-Versicherungs-Anstalt Anker, Heilmannsche Immobilien-Gesellschaft AG, Maschinenbau-Actiengesellschaft Nürnberg, Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft sowie der Nationale Unfall-Versicherungs-Aktiengesellschaft, Budapest; Pomotsch, St. Petersburg; Providentia, Wien.