Gezeichnet (jap. , Ningen Shikkaku, dt. etwa: „als Mensch disqualifiziert“) ist ein Roman von Osamu Dazai. Er wurde 1948 in der Zeitschrift Tembō () als dreiteilige Serie veröffentlicht und gilt als Opus magnum Dazais sowie als Meisterwerk der Nachkriegsliteratur.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Protagonisten Yōzo Ōba von seiner Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Dieser bemerkt schon in seiner Kindheit das Fehlen jeder Fähigkeit zur Empathie mit seinen Mitmenschen, wodurch ihm der Aufbau tiefgehender sozialer Bindungen verwehrt wird und wodurch er an die Überzeugung gelangt, nicht zur menschlichen Spezies dazuzugehören. Als Mittel der Geheimhaltung wählt er die Clownerie. Hierdurch gelingt es ihm zwar erfolgreich, sich in die Gesellschaft zu integrieren, zugleich bewirkt es aber auch seine vollständige Entfremdung. Diese mündet unter anderem in einen erfolglosen Doppelsuizid, sexuelle Exzesse und eine Alkoholabhängigkeit. Am Ende des Romans verfällt Yōzo seiner Morphium-Sucht vollständig und landet in einer psychiatrischen Klinik. Nach drei Monaten holt sein Bruder ihn zwar aus der Anstalt und bringt ihn in ein eigens für ihn gekauftes Haus. Yōzos tief empfundene Einsamkeit und innere Isolation hat derweil ihren Höhepunkt erreicht – in völliger Apathie und Lethargie fühlt sich Yōzo „als Mensch disqualifiziert.“
Die Erzählung ist in der 1. Person geschrieben und trägt autobiografische Züge. Sie behandelt wiederkehrende Themen aus dem Leben des Autors, darunter seinen Suizidversuch, soziale Entfremdung und Depression. Von Kritikern wird das Buch häufig als Dazais letzter Wille verstanden, da dieser sich kurz nach dessen Veröffentlichung im Tamagawa-Kanal (Tamagawa Jōsui) ertränkte.
Allein die Erstausgabe von Shinchōsha wurde mehr als 6,7 Millionen Mal verkauft. Es rangiert in der Liste der meistgelesenen Bücher in Japan auf Platz 2, hinter Kokoro von Natsume Sōseki.
Überblick Der Roman ist in fünf Teile gegliedert. Den Hauptteil bilden drei nachgelassene Hefte mit Aufzeichnungen des Protagonisten Yōzo. Die vorgeblich wahrheitsgemäße Wiedergabe der Aufzeichnungen ist eingeklammert von Prolog und Epilog eines Erzählers. Da dieser namenlos ist und es sich um einen Ich-Roman (, shishōsetsu) handelt, dient die Verwendung von Jibun (, ich selbst) und Wata(ku)shi (, ich) zur Unterscheidung des Protagonisten vom Erzähler. Der Protagonist erzählt von sich selbst mit Jibun, während der Erzähler das Personalpronomen Watakushi verwendet.Siehe japanische Textausgabe Abschnitt 1 und 2
Inhalt Prolog (, Hashigaki) Mit dem ersten Satz: „Ich habe drei Fotografien von ihm gesehen“ gibt der Erzähler sowohl die Gliederung als auch die Entwicklungsstufen der Handlung vor. Die erste Fotografie entstammt der Kindheit des Protagonisten. Sie zeigt ihn mit einem „hässlichen Grinsen“ oder „grimassenhaften Lächeln“, mit einem „nichtssagenden Gesicht“, das „Missfallen“ errege.
Die zweite Fotografie, in der Schul- oder StudienzeitIn der deutschen Übersetzung ist von Gymnasial- oder Studienzeit die Rede. aufgenommen, zeigt den noch namenlosen Protagonisten mit einem subtileren und zugleich auch „papiernen Lächeln“, „raffiniert und täuschend zugleich“. Obwohl er attraktiv ist, wirkt sein Lächeln „unaufrichtig“.
Die dritte und letzte Fotografie sei die „widerwärtigste“; sie zeigt ihn „ergraut und verwahrlost“ in einer Zimmerecke vor einer bröckelnden Wand sitzend. Das Lächeln ist vollständig geschwunden und das Gesicht so ausdruckslos geworden, dass es sich jeder Erinnerung daran entziehe.
Die nachfolgend dargebotenen Hefte verstehen sich als Aufzeichnungen des Protagonisten, die aus den Lebensabschnitten stammen, denen auch die Fotografien zugeordnet sind. Der Leser wird hierüber vom Erzähler allerdings erst im Epilog informiert.
Aufzeichnung – Heft 1 () mini|links|Dazais Kindheitshaus und heutige Dazai-Osamu-Gedenkstätte. Der Protagonist der Erzählung, Yōzo Ōba, wird vorgestellt und beginnt seine Lebensgeschichte mit den Worten: „Ich habe ein schändliches Leben geführt.“ Yōzo gesteht sein Unvermögen, Menschen und ihre Emotionen zu verstehen. Ihm fehlt jedwede Fähigkeit zur Empathie mit seinen Mitmenschen, außerdem hat er Angst vor ihnen. Um seinen Mangel auszugleichen, lernt er schon in jungen Jahren, die Rolle des Narren zu spielen. Eines Sommers beispielsweise trägt Yōzo die roten Leggings seiner kleinen Schwester über den Armen, so dass es aussieht, als würde er einen Pullover über einem Kimono tragen. Durch seine Albernheiten wird er schnell bei den Kindern seines Alters beliebt und bringt seine ganze Familie zum Lachen.
Bevor er eines Tages zu einer Geschäftsreise nach Tokio aufbricht, fragt Yōzos Vater seine Kinder nach Geschenkwünschen und notiert ihre Antworten in einem kleinen Notizbuch. Yōzo fällt jedoch nichts ein. Der Versuch von seinem Vater, ihn für eine Maske für den Löwentanz zu Neujahr zu begeistern, scheitert. Enttäuscht schließt Yōzos Vater sein Notizbuch, ohne etwas für ihn aufzuschreiben. Yōzo fürchtet, seinen Vater verärgert zu haben. In derselben Nacht schleicht er sich in die Stube seiner Eltern und notiert „LÖWENMASKE“ in das Notizbuch seines Vaters.
mini|300px|Ein Mönch mit einer Löwenmaske Als der Vater ein paar Tage später zurückkehrt, belauscht Yōzo seine Eltern in der Küche. Sein Vater erzählt seiner Mutter amüsiert, wie er im Spielzeugladen in Gelächter ausbrach, weil er erst dort bemerkte, dass Yōzo „LÖWENMASKE“ in das Notizbuch geschrieben hatte. Yōzo glaubt die Gunst seines Vaters wiedergewonnen zu haben. Ein anderes Mal überredet Yōzo einen der Bediensteten der Familie, wahllos auf Klaviertasten zu schlagen, und fängt an, wild zu tanzen. Ein weiteres Mal bringt seine Clownerei die Familie zum Lachen.
In der Schule ist Yōzo als intelligenter Junge bekannt. Obwohl er wegen seiner Kränklichkeit häufig den Unterricht verpasst, gehört er bei den Prüfungen am Ende des Schuljahres immer zu den Besten seiner Klasse. Dabei ist er kein aufmerksamer Schüler; er verbringt die Nachhilfestunden lieber damit, Cartoons zu zeichnen. Nachdem sein Lehrer ihn ermahnt, keine lustigen Geschichten im Unterricht mehr zu schreiben, trotzt Yōzo der Aufforderung, da er weiß, dass sie seinen Lehrern insgeheim gefallen. Er freut sich besonders, als sein Lehrer eine seiner Geschichten mit seinen Kollegen teilt.
An einer Stelle seiner Erzählung vertraut Yōzo dem Leser fast beiläufig an, dass er als Kind von einem Diener und einer Dienerin sexuell missbraucht wurde. Er hat niemandem davon erzählt, nicht einmal seiner Mutter und seinem Vater.
Yōzo glaubt, dass es zur menschlichen Sitte gehört, sich gegenseitig zu betrügen. Dieser Gedanke habe sich konkretisiert, als er miterlebte, wie die engsten Freunde seines Vaters über dessen Eröffnungsrede bei einer wichtigen politischen Versammlung lästerten. Als sie ihm hingegen gegenüberstanden, lobten sie ihn. Yōzo ist der Meinung, dass eine solche Täuschung für normale menschliche Beziehungen unerlässlich ist, glaubt aber nicht, sich daran beteiligen zu können.
Das Kapitel schließt mit einer Aussage von Yōzo, die thematisch in das nächste Kapitel leitet: Weil es vor allem Frauen gewesen sind, die immer seine Einsamkeit gespürt haben, konnten diese ihn besonders leicht ausnutzen.
Aufzeichnung – Heft 2 () Als Yōzo in die Oberschule kommt, zieht er zu seiner Tante, weil sich deren Haus in der Nähe des Schulgebäudes befindet. Bei seinen Mitschülern und Lehrern ist er wegen seiner offenen und lustigen Art beliebt; seine clownesken Streiche hat er perfektioniert. Dennoch fühlt er sich tief in seinem Inneren von allen anderen entfremdet. Einmal im Sportunterricht fällt Yōzo absichtlich vom Reck, um die anderen zum Lachen zu bringen. Während der Plan für die meisten Mitschüler aufgeht, wirft Yōzos Klassenkamerad Takeichi ihm vor, den Sturz vorgetäuscht zu haben. Die Tatsache, dass jemand seine aufgespielte Clownerie durchschaut hat, verunsichert Yōzo und er beschließt sich mit Takeichi zu befreunden, bevor dieser ihn enttarnt.
mini|Selbstporträt von Vincent van Gogh (1887) An einem regnerischen Tag bemerkt Yōzo, wie Takeichi nach dem Unterricht trübsinnig vor dem Schuleingang herumlungert. Er greift seine Hand und beide laufen durch den Regen zu Yōzos Haus. In Yōzos Zimmer angekommen, beklagt sich Takeichi über seine schmerzenden Ohren und Yōzo – nach wie vor erpicht, Takeichi zu seinem Freund zu machen – holt Watte und Alkohol, um die mit Eiter gefüllten Ohren zu reinigen. Als Yōzo Takeichis Kopf in seinem Schoß hält, denkt dieser darüber nach, dass sich im Laufe der Jahre wahrscheinlich viele Frauen in Yōzo verlieben werden. Eines Tages besucht Takeichi Yōzo in seinem Zimmer und trägt eine Reproduktion von Vincent van Goghs Selbstporträt mit sich, das er einen „Geist“ nennt. Vom Anblick des Gemäldes inspiriert, schwört Yōzo, dass auch er Bilder von „Geistern“ und anderen dämonischen Wesen malen wird. Er beginnt damit, Selbstporträts zu malen, auf denen sein inneres Unglück zum Ausdruck kommt. Obwohl er sie versteckt hält, damit niemand sein wahres Ich sehen kann, entscheidet er sich, die Bilder Takeichi zu zeigen. Dieser prophezeit, dass Yōzo eines Tages ein großer Maler werden wird.
Im Haus seiner Tante stürmen Yōzos zwei weibliche Cousinen nach Belieben in sein Zimmer, um ihm lustige Geschichten zu erzählen. Einmal zwingen sie ihn, eine Brille zu tragen, und lachen darüber, dass er wie der amerikanische Komiker Harold Lloyd aussieht. Dies veranlasst Yōzo dazu, dessen Verhalten zu studieren, um seine Clownerie weiter zu perfektionieren. Anstatt sich auf die Schule zu konzentrieren, liest und schaut Yōzo in den folgenden Wochen alles, was er von und über Lloyd in die Hände bekommt.
mini|links|Dazai als Student, 1928, zwei Jahre vor seinem versuchten Doppelsuizid Nachdem Yōzo die Oberschule abgeschlossen hat, wird er nach Tokio geschickt, um seine Hochschul-Ausbildung zu absolvieren. Er wohnt für kurze Zeit in einem Studentenwohnheim in Tokio und zieht dann in das Stadthaus seines Vaters nach Ueno. Immer wenn sein Vater zuhause ist, besucht er normal die Schule. Dessen häufige Geschäftsreisen nutzt Yōzo aber aus und bleibt dem Unterricht fern, um seine Tage mit Malen und Lesen zu verbringen. In seiner Freizeit besucht er einen Kunstkurs bei einem Maler in Hongo. Dort lernt er Horiki Masao kennen und verabredet sich mit diesem in einem nahegelegenen Café. Nach und nach findet Yōzo Gefallen an Horiki, der ihm beibringt, wie man trinkt, raucht und die Gesellschaft von Prostituierten genießt. Obwohl Yōzo Prostituierte für „niedere Wesen“ hält, kann er nicht anders, als echte Bindungen zu ihnen aufzubauen. Nach einer Weile zelebriert er seinen als Frauenheld und immer mehr Frauen gestehen ihm ihre Zuneigung.
Schließlich nimmt Horiki Yōzo zu einem geheimen Treffen der Kommunisten mit, wo Yōzo gegenüber den anderen Mitgliedern den dialektischen Materialismus von Karl Marx propagiert, obwohl er ihn insgeheim für unzureichend hält. Yōzo gewinnt an Beliebtheit bei seinen „Genossen“ und wird mit verschiedenen Botengängen betraut.
Yōzos Vater verkauft sein Stadthaus und zwingt seinen Sohn damit, in eine Pension nach Hongo zu ziehen. Obwohl er ein stattliches Taschengeld erhält, ist Yōzo nicht an den Mangel an Essen, Trinken und anderen Ressourcen gewöhnt, die es im Stadthaus im Überfluss gab. Er verprasst sein Taschengeld in zwei bis drei Tagen durch exzessive Trink- und Sexexzesse und verbringt den Rest des Monats in Armut. Zu dieser Zeit wird Yōzo auch von seinen Verpflichtungen gegenüber der marxistischen Organisation und den Frauen in seinem Leben, die romantische Gefühle für ihn hegen, bedrängt.