mini|Die Lage des Kastells am niederpannonischen Donaulimes.

Das Kastell Mohács-Kölked () war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) zuständig war. Die Anlage befand sich in der Antike unmittelbar an der heute rund drei Kilometer weiter nordöstlich verlaufenden Donau. Der Strom bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die heute unter landwirtschaftlich genutztem Boden verborgenen Überreste liegen in den nördlichen Gemarkungen der ungarischen Gemeinde Kölked, südlich der Stadt Mohács im Komitat Baranya.

Lage

mini|Nur mehr sehr schwach zeichnen sich auf Luftbildern die Umrisse des Kastells im Gelände ab. Im Vordergrund die von der Donau geformte Landschaft, im hellen Feld, links der Buschgruppe, befindet sich das Kastellareal.

Das nahe der heutigen ungarischen Südgrenze gelegene Areal wurde bereits seit der frühen Bronzezeit besiedelt. So fanden sich bis 1991 im Bereich des ehemaligen Lagerdorfes unter den römerzeitlichen Schichten immer wieder bronzezeitliche Gruben und auch zwei Gräber der Badener Kultur.Zsuzsa Katona-Győr: Kölked, Himberg (Kom. Baranya) (XXIV). In: Archaeologiai értesítő. Bd. 118. Akadémiai Kiadó, Budapest 1991, S. 123. Fluviale Erosionen und Akkumulationen bildeten ein Auenrelief, das sich als eine von leichten Bodenwellen geprägte Landschaft manifestiert hat. Das seit der Antike stark veränderte Geländerelief zeigt alte Gerinnebettmuster, Abflussregime und spätere Überformungen. Um das nach Nord-Ost ausgerichtete Kastell vor Überflutungen durch die Donau zu schützen, wurde es auf einer kleinen Anhöhe, Vártető genannt, errichtet. Heute markiert ein nordöstlich der Anhöhe vorbeifließender Bach einen ehemaligen Altarm des Flusses, der nach Aufgabe des Kastells im Laufe der Zeit einen Teil der Praetentura, d. h. den vorderen Lagerbereich, abgeschwemmt hat. Die vom nördlich gelegenen Kastell Dunaszekcső kommende Limesstraße gabelte sich kurz vor Altinum, eine Trasse verlief mutmaßlich an, bzw. unter der heutigen Landstraße 56 etwas westlich des römischen Kastells von Kölked. Die andere, teilweise erstmals durch ein Luftbild von 1962 nachgewiesene Trasse stieß von Nordwesten aus fast unmittelbar auf die westlichen Kastellgräben und vereinigte sich südlich der Wehranlage mit der aus dem Südtor kommenden Via principalis, einer der beiden Hauptstraßen des Kastells.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 107. In der Spätantike war Altinum das südlichste Lager der Provinz Valeria.

Name

Altinum wird in zwei antiken Hauptquellen genannt. So im Itinerarium Antonini,Itinerarium Antonini 244. einem Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert, und dem spätantiken Staatshandbuch Notitia dignitatum.Notitia dignitatum occ. 33, 95.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 117.

Forschungsgeschichte Bereits der Offizier und Gelehrte Luigi Ferdinando MarsigliZsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 125. (1658–1730) berichtete im 17. Jahrhundert von römischen Funden. Seinen Schilderungen folgte Georg Klimo (1710–1777), Bischof der königlichen Freistadt Fünfkirchen (Pécs), der dort als bedeutender autodidaktischer Gelehrter neben einer öffentlichen Bibliothek (1774) und der ersten Druckerei auch ein Münzkabinett gestiftet hatte. Auch Flóris Rómer (1815–1889), der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie in Ungarn, grub vor Ort, seinem Beispiel folgten bald weitere Archäologen.

Nach einem Tiefpflügen der örtlichen Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) gruben Anfang der 1970er Jahre Hobbyarchäologen in größeren Stil und fertigten hierfür auch eine Zeichnung an. 1975 wurden der Archäologe und damalige Generaldirektor des Ungarischen Nationalmuseums, Ferenc Fülep (1919–1986) sowie seine Mitarbeiterin Alice Sz. Burger mit kleineren Sondierungen in Altinum tätig. Anschließend wurde das Gebiet zum archäologischen Schutzgebiet erklärt und sollte somit für zukünftige weitere Untersuchungen gesichert werden.József Korek: Die Ausgrabungstätigkeit des ungarischen Nationalmuseums im Jahre 1975. In: Folia archaeologica. Bd. 28. Budapest 1977, S. 213. Doch ab 1984 fanden ohne Absprache mit den Experten illegale Ausgrabungen durch die LPG statt. Erst 1988 konnte diesem zerstörerischen Treiben Einhalt geboten werden. Im Frühjahr desselben Jahres unternahm Zsolt Visy eine Feldbegehung. Ihm folgte Zsuzsa Katona-Győr, die bereits 1986 im Lagerdorf tätig gewesen war und nun von 1987 bis 1989 umfangreiche Notgrabungen im Kastell durchführte.Zsuzsa Katona-Győr: Altinum Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 133. Eine im Februar 2009 durchgeführte geophysikalische Prospektion eröffnete erstmals die Möglichkeit, die Strukturen von Kastell und Vicus näher kennenzulernen.

Baugeschichte

Der ursprünglich rechteckige Kastellgrundriss war rund 230 Meter lang, die noch erhalten gebliebene Breite wurde mit 150 bis 180 Metern eingemessen. An allen vier Längsseiten befand sich je ein Tor. Wie bei den Lagern der mittleren Kaiserzeit üblich, besaß auch diese Anlage abgerundete Ecken (Spielkartenform), die durch einen Wachturm gesichert wurden. Amateurarchäologen, die zu Beginn der 1970er Jahre die Wehrmauern abschnittsweise aufgegraben hatten, fanden noch drei der ursprünglich vier Ecktürme vor. Es zeigte sich, dass diese ursprünglich rechteckigen Türme später durch fächerförmige Exemplare ersetzt worden waren. Mit dieser Art von Türmen wurden in der Spätantike viele pannonische Kastelle ausgestattet. Eine während der Grabungen am Kastell Baracspuszta (Annamatia) gefundene Münze, die während der Herrschaft des Kaisers Konstantin II. (337–340) geprägt worden war, gilt dort als frühester Zeitpunkt für diesen Umbau.Endre Tóth: Gruppe C. Festungen mit fächerförmigen Eck- und. U-förmigen Zwischentürmen. In: Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. Archaeologiai Értesitő 134. Budapest 2009, S. 44.

Kurze Zeit nach den Hobbyforschern setzten wissenschaftliche Ausgrabungen unter Fülep ein. Neben dem völlig zerstörten östlichen Teil der Anlage fanden die Archäologen auch den westlichen und südlichen Teil stark erodiert vor. Fülep schnitt die West- und Südmauer der Anlage an, um den Aufbau der Umwehrung zu klären. Dabei wurde an der westlichen Seite deutlich, dass sich vor der Errichtung der steinernen Umwehrung an gleicher Stelle eine ältere Holz-Erde-Befestigung befunden haben muss. Dies konnte Katona-Győr bestätigen. Sie stellte fest, dass das frühe Lager durch eine starke hölzerne Palisade geschützt war, deren Pfostengruben in drei parallelen Reihen standen. Zur Vorfeldsicherung war das Kastell durch einen drei Meter tiefen Graben geschützt. Aufgrund des Fundmaterials nahm die Archäologin an, dass Altinum gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. gegründet worden war.Zsuzsa Katona-Győr: Altinum Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 134.

Frühere wissenschaftliche Grabungen haben sich unter anderem auch auf die Principia, das Stabsgebäude des Kastells, konzentriert. Allerdings war hier das Gelände schon so stark und tief durchwühlt, dass die Ausgräber meist nur noch Ausbruchstellen bzw. die Unterkante der Fundamente feststellen konnten. So ließ sich weder eine Türschwelle mehr in situ aufdecken, noch konnten irgendwelche Spuren der Eingänge ausgemacht werden.Eduard Anthes, Wilhelm Unverzagt: Das Kastell Alzei. 1: Die Kastellbauten in Alzei und verwandte Anlagen. 2: Die Zeitbestimmung. In: Bonner Jahrbücher. Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Bd. 122, 1912. S. 154.

Die Wohnbaracken der Soldaten zeichneten sich noch durch dünne Mauern aus Steinen und Ziegeln im Gelände ab. Drei dieser Bauten, die sich am Erddamm der Lagerumwehrung orientierten, legte Katona-Győr frei. Sehr nahe an der Umwehrung wurden elf Backöfen vorgefunden.

Truppe

Die Cohors I Lusitanorum (1. Kohorte der Lusitanier), möglicherweise eine teilberittene Truppe, lag nach Meinung des Epigraphikers Barnabás Lőrincz (1951–2012) zwischen 118/119 und 180 als Stammbesatzung in Altinum.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 52. Im Jahr 167 n. Chr. erscheint diese Kohorte immer noch in den pannonischen Truppenlisten, möglicherweise nahm sie auch an den Markomannenkriegen (166–180) teil. Im Anschluss daran sind die Lusitanier offenbar nicht mehr nach Altinum zurückgekehrt, sondern wurden vielleicht in das wissenschaftlich nicht nachweisbare, etwas nördlicher gelegene Kastell Szekszárd verlegt. Aufgrund der im Jahr 2000 entdeckten Grabinschrift eines Kohortenzenturios der Cohors I Lusitanorum, die aus den Gräberfeldern des südlicher gelegenen Kastells Cuccium stammt, wäre statt in Szekszárd jedoch auch dort mit der Anwesenheit dieser Einheit zu rechnen. Lőrincz verortet die Inschrift auf das Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.Barnabás Lőrincz: Zu den Besatzungen der Auxiliarkastelle in Ostpannonien. In: Miroslava Mirkovic (Hrsg.): Römische Städte und Festungen an der Donau. Filozofski fakultet, Belgrad 2005, ISBN 86-80269-75-1, S. 63. Die der Cohors I Lusitanorum in Altinum nachfolgende Truppe blieb bis heute unbekannt. Laut Lőrincz könnte es sich dabei um die Cohors I Alpinorum peditata (1. Infanteriekohorte der Alpenländer) gehandelt haben, die zuvor nachweislich im Kastell Dunakömlőd (Lussonium) gelegen hat.Barnabás Lőrincz: Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. Teil I: Die Inschriften. Forschungsgesellschaft Wiener Stadtarchäologie, Wien 2001, ISBN 3-902086-02-5, S. 28. Nach anderen Forschermeinungen könnten die Alpenländer zur selben Zeit allerdings auch von Lussonium aus in das Kastell Őcsény-Szigetpuszta, dem mutmaßlichen Alisca, verlegt worden sein.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 111.

Für das 4. Jahrhundert sind für Altinum Equites sagittarii, berittene Bogenschützen, die laut Meinung des Archäologen Sándor Soproni um 380 nach Dunafalva verlegt worden sein könnten, als Besatzungstruppe nachgewiesen.Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. C.H. Beck. München 1985, ISBN 3-406-30453-2. S. 76. Möglicherweise wurde ihre Verlegung schon etwas früher, in der valentinianischen Epoche (364–375), angeordnet. Nachuntersuchungen der Archäologen Zsolt Mráv und Éva Maróti an den baugleichen Ländeburgi in Dunakeszi (2002) und Szigetmonostor-Horány (1995) bestätigen diese Annahme. Als letzte für Altinum nachweisbare Truppe ist eine Reiterschwadron, der Cuneus equitum Fortensium, bekannt.Notitia dignitatum occ. XXXII 28.

Vicus und Gräberfeld

Wie Feldbegehungen zeigten, umgab der Vicus, das zum Kastell gehörende Lagerdorf, die Fortifikation halbkreisförmig. Dessen östlicher Teil wurde allerdings von der Donau zerstört. Katona-Győr erschloss bis 1991 an der Südostseite des Kastellhügels Teile von römischen Steingebäuden. Neben den Befestigungen kamen im Vicusbereich Häuser mit Stampfböden, Öfen und Gruben ans Licht. Römische Gräber sind laut Aufzeichnungen Rómers und seiner Nachfolger vor allem unmittelbar vor der westlichen Lagerfront bekannt geworden.