mini|St. Ursula in Köln (Ansicht von Südwesten) mini|Ansicht von Südosten mini|Grundriss der Kirche Die römisch-katholische Kirche St. Ursula ist eine der zwölf großen romanischen Kirchen in Köln. Sie ist der heiligen Jungfrau und Märtyrin Ursula und ihren Gefährtinnen gewidmet. Papst Benedikt XV. erhob St. Ursula 1920 zur Basilica minor.

Geschichte Vorgeschichte und spätantike Vorgängerbauten mini|Die Clematius-Inschrift ist heute in der Südwand des gotischen Chors angebracht. Die Vor- und Frühgeschichte von St. Ursula wird heute anhand archäologischer Funde der Kriegs- und Nachkriegszeit sowie der kritischen Interpretation der Legenden rund um die „Kirche der heiligen Jungfrauen“ rekonstruiert. Hinzu kommt die steinerne Clematius-Inschrift,Zur Inschrift siehe Josef Kremer, Studien zum frühen Christentum in Niedergermanien, Diss. Bonn 1993, S. 153–200 (Digitalisat).Cher Casey: Transmitting Sacred Authority through Stone: The Clematius Inscription and Cologne’s Cult of the Holy Virgins. In: Megan Henvey, Amanda Doviak, Jane Hawkes (Hrsg.): Transmissions and Translations in Medieval Literary and Material Culture. Leiden-Boston 2022, S. 145–161.Winfried Schmitz: Zum Ursprung der Ursulalegende: Die Inschrift des Clematius. In: Wolfgang Rosen u. a. (Hrsg.): Quellen zur Geschichte der Stadt Köln 1. Antike und Mittelalter. Von den Anfängen bis 1396/97 Köln 1999, S. 53–58. die vielleicht aus dem 8., 9. oder 10. Jahrhundert stammt, aber auch, wie früher angenommen um das Jahr 400 entstanden sein könnte:

Ferner enthält die Inschrift, dass in der Kirche, unter Androhung des Höllenfeuers bei Zuwiderhandlung, nur die Gebeine der heiligen Jungfrauen bestattet (deposuerit) werden sollen (Beispiel: Viventia-Legende und Sarkophag, weiter unten bei Ausstattung). Erstaunlicherweise ist in dieser Inschrift vom Martyrium der himmlischen Jungfrauen, erschienen aus dem Morgenland, die Rede.

mini|Grabstein für die Jungfrau Ursula, auf dem Gräberfeld unterhalb der Kirche gefunden Die archäologischen Ausgrabungen ergaben einen Saalbau aus dem vierten Jahrhundert mit einer Ostapsis. Um- und Ausbaumaßnahmen fanden vor allem im 6. Jahrhundert statt. Dass das römische Gräberfeld, auf dem St. Ursula errichtet wurde, bereits im 12. Jahrhundert auf der Suche nach Reliquien stark durchwühlt wurde, erschwerte die archäologischen Auswertungen der 1940er Jahre – exakte Klarheit über die Veränderungen an dem Bau lässt sich wohl nicht mehr erzielen. Nachgewiesen ist der Unterbau eines schlüssellochförmigen Ambos, wie er auch unterhalb des Kölner Domes, in Trier und in Boppard gefunden wurde. In diesen Orten stammen solche Kanzeln aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts.

Gründung des Stifts und ottonischer Vorgängerbau Eine Besitzumschreibung des Erzbischofs Gunthar erwähnt 866 erstmals ein Kanonikerstift; offenbar gab es zu dieser Zeit noch keine Stiftsdamen. Durch den Raubzug der Normannen in Köln im Jahr 881/882 wurde die Basilika beschädigt; eine Schenkung aus dem Jahr 911 bezeugt die weitere Existenz des Stifts – unklar bleibt allerdings, ob zu diesem Zeitpunkt noch Kanoniker für das Kloster zuständig waren oder bereits Stiftsdamen. Eindeutig wird die Lage aus heutiger Sicht erst, als 922 die Damen des Gerresheimer Stifts vor einem Überfall der Ungarn nach Köln flohen und von Erzbischof Hermann I. aufgenommen wurden. Dieser erneuerte den Altarbereich durch ein T-förmiges Monument mit 11 Bestattungsplätzen bzw. Reliquiengräbern sowie eine Nebenapsis. Die gewählte Zahl 11 könnte der Ursprung der genau 11 – oder später dann 11.000 – legendären Märtyrinnen um die heilige Ursula sein. Dabei bezieht sich der Name Ursula offenbar auf einen im Umfeld der Kirche gefundenen Grabstein einer Achtjährigen aus dem 4./5. Jahrhundert. Siehe dazu den Artikel Ursulataler.

Weitere Baumaßnahmen sind zunächst nicht dokumentiert; Erzbischof Wichfrid schenkte dem Stift im Jahr 927 die Pfarrkirche St. Maria Ablass. Eine großzügige Schenkung des Erzbischofs Warin – enthalten ist auch St. Aposteln – diente der Reparatur der Kirchendächer und der Verbesserung der Beleuchtung.

Romanischer Neubau mit gotischen Erweiterungen Als im Jahr 1106 die Stadtbefestigung erweitert wurde und man bei den Arbeiten ein großes Gräberfeld entdeckte, wurde die Ursulalegende weiter ausgeschmückt. Einige Reliquien gingen zunächst an St. Kunibert. Die reichhaltigen Funde und der Handel mit Reliquien führte zu einigem Wohlstand, so dass in der Folge ein vollständiger Kirchenneubau möglich wurde. Dokumente hierzu liegen kaum vor. Der einzige Hinweis ist die Notiz über die Konsekration eines der heiligen Cordula geweihten Altars aus dem Jahr 1135. Dies und die Interpretation der Bauformen erlaubt die Datierung des Baus auf das zweite Viertel des 12. Jahrhunderts.

Der neue Bau übernahm die Mittelachse des ottonischen Vorgängerbaus. Er wurde als dreischiffige Emporenbasilika mit flach gedecktem Mittelschiff und kreuzgratgewölbten Seitenschiffen realisiert. Der Wandaufbau ist unter den heute erhaltenen Kirchen Kölns einmalig. Unter dem Kreuzaltar vor dem Chor befand sich eine gewölbte Reliquienkammer; westlich vorgelagert kam ein neues Stiftsgebäude dazu.

Die Vollendung des Turms nimmt man für die Zeit um 1230 an. Etwa zu dieser Zeit erhält das nördliche Seitenschiff Fächerfenster. Eine erfolgreiche Spenden-Sammelaktion im Bistum Paderborn erlaubte es um 1247/1267, den großen gotischen Chor an der Ostseite der Basilika anzubauen. Er wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts vollendet, anscheinend aber erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von Kanonikern und Stiftsdamen genutzt. Seine elf (sic!) Fenster umgeben den Chor wie ein „gläserner Schrein“.Werner Schäfke: Kölns romanische Kirchen. Architektur Kunst Geschichte. Emons, Köln 2004, ISBN 3-89705-321-7, S. 221. Noch vor 1300 kam an der Südseite der Basilika ein zweites Seitenschiff hinzu, die so genannte Marienkapelle. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erfuhr die Kirche umfassende Renovierungen; nach einem Sturmschaden wurde auch die Turmspitze zunächst mit einem spätgotischen Knickhelm versehen.

Ein bedeutendes Werk der gotischen Kölner Malerschule entstand 1464, das Everhard von Hirtze stiftete und der Meister des Marienlebens schuf. Das Werk befindet sich heute mehrheitlich in der Münchener Pinakothek.

mini|Die goldene Kammer. Die vier Wände der begehbaren Reliquienkammer werden vom größten aus menschlichen Gebeinen angefertigtem Mosaik bedeckt.Paul Koudounaris:

Zeitalter des Barock Das 17. Jahrhundert brachte gravierende, dem Zeitgeschmack entsprechende Umbauten für St. Ursula mit sich. Der mittelalterliche Lettner wurde abgerissen, die Kirche erhielt neue Maßwerkfenster und zwischen den Dienstbündeln barocke Reliquienkästen.

Die berühmte „goldene Kammer“ zur Aufbewahrung von Reliquien stiftete 1643 der kaiserliche Reichshofrat Johann Krane und seiner Ehefrau Verena Hegemihler, ebenso wie die Nikolauskapelle an der Nordseite. Nikolaus de Groote folgte mit der Stiftung der südlichen Johann-Baptist-Kapelle.

Als 1680 ein Brand der Dächer eine Reparatur erforderlich machte, erhielt der stämmige Westturm eine barocke Haube mit einer „britischen Krone“,Heinz Firmenich: St. Ursula und die Maria-Ablaß-Kapelle in Köln. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 1976, ISBN 3-88094-150-5, S. 6. der an die Herkunft der heiligen Ursula erinnern sollte. 1767 versuchte man einen einheitlichen Raumeindruck dadurch zu erreichen, dass die Seitenschiffemporen zum Mittelschiff hin vermauert und mit spätbarocken Freskenmalereien versehen wurden.

Auflösung und Niedergang 1802 teilte St. Ursula das Schicksal aller Klöster in Köln. Im Rahmen der Säkularisation wurde es aufgehoben und 1804 der Gemeinde St. Maria Ablass als Pfarrkirche zugesprochen, die bisherige Pfarrkirche wurde bis auf eine Kapelle abgerissen. Die Basilika war in einem desolaten und statisch bedenklichen Zustand und wurde 1810 zunächst teilweise durch die Gemeinde wiederhergerichtet. Stadtbaumeister Weyer ließ 1832 den Vorhallenbogen des Kirchturms vermauern, um ihn vor dem Einsturz zu sichern.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Basilika zu weiten Teilen wieder in den ursprünglichen romanischen Zustand zurückgebaut. Dabei erhielt der Innenraum durch J. Osten eine „zwar gut gemeinte, aber heute unverständliche Ölmalerei.“ Diese wurde eine Generation später bereits wieder entfernt. 1890–91 wurde auch der Turm wiederhergestellt.

Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und Wiederaufbau 1942 verbrannten nach Bombenangriffen sämtliche Dächer der Basilika. Bei Kriegsende waren Gewölbe, Turm, Teile des Südseitenschiffes sowie des Chors stark beschädigt; St. Ursula war eine Ruine.

Die Gemeinde feierte trotz der Zerstörungen in einem Notraum unterhalb des Turms ihre Gottesdienste; bereits vor der Währungsreform begann man 1949 mit dem Wiederaufbau unter Leitung des Architekten Karl Band. Diese Arbeiten zogen sich bis 1972 hin. Während im gotischen Chorhaus die Gewölbe rekonstruiert wurden, verzichtete man im Mittelschiff des romanischen Langhauses auf die Wiederherstellung der spätgotischen Einwölbung; nur die zum Teil figürlichen Konsolen blieben an Ort und Stelle. Nach Entwürfen Karl Bands wurde eine flach gewölbte hölzerne Kassettendecke eingezogen, welche die romanische Gliederung des Obergadens sichtbar lässt. Flache Decken erhielten auch die Querannexe im Norden und Süden. 1972 bis 1978 folgte die Restaurierung der Goldenen Kammer, einer Schatzkammer im Südflügel des Westbaus in der die unzähligen Ursulareliquien aufbewahrt werden. Die Dachlandschaft von Langhaus und Chor wurde sehr differenziert und elegant gestaltet; der Chor erhielt 1964 einen Dachkamm mit zwei Knäufen nach Entwurf von Karl Matthäus Winter. Von 1960 bis 1962 hatte der romanische Westturm die barocke Haube samt Laterne und Krone zurückerhalten.

Um die Jahrhundertwende 1999 bis 2004 erfolgte unter Leitung des Architekten Rolf Link erneut eine umfassende Restaurierung, um die Marienkapelle, das südliche Seitenschiff erneut in voller Länge zugänglich zu machen und zum Kirchenraum hin zu öffnen. Nach Abbau der Orgel aus der Nachkriegszeit wurde auch die Westempore erstmals wieder als sakraler Raum erlebbar; hier wurde eine weitere Schatzkammer eingerichtet. Langhaus und Chor erhielten eine neue Farbfassung; die Holzdecken aus der Nachkriegszeit wurden hellgrau gefasst.

Gedenkstätte für die Märtyrer der Gegenwart Im Jahr 2003 entwickelte sich die Idee, in der Basilika St. Ursula einen Gedenkort für die Kölner Märtyrer des 20. Jahrhunderts zu schaffen. Als Kontrapunkt zur historischen Kirche entstand ein kleiner, moderner Kapellenraum vor der Apsis des südlichen Querannexes, in der Achse des Marienschiffs. Dieser Kapellenraum besteht aus einer zweischaligen, innen mit Namen, Daten und Zitaten der Märtyrer bedruckten, leicht transparenten Leinwandkonstruktion. An der hellsten Stelle der Kirche errichtet, leuchtet der entstandene Andachtsraum aus sich heraus. Baubeginn war 2003 und die Aufstellung der fertigen Kapellentafeln war im Jahr 2005. Die Firma „Kister Scheithauer Groß – Architekten und Stadtplaner GmbH“ aus Köln und Leipzig war für die Ausführung des Projektes verantwortlich. 2006 wurde während einer Messe eine Messerattacke auf den Kapellenraum verübt und dabei mehrere Leinwände zerschnitten. Im Jahre 2008 wurde der Kapellenraum mit dem Artheon-Kunstpreis ausgezeichnet.Artheon Kunstpreis 2008, Andachtsort für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts im Marienschiff der Basilika St. Ursula Köln, Kister Scheithauer Gross Architekten und Stadtplaner GmbH

Ursula-Legende mini|Romanische Emporenbasilika und gotischer Chor