mini|Naika Foroutan (2014) Naika Foroutan (persisch ; * 24. Dezember 1971 in Boppard, Rheinland-Pfalz) ist eine deutsche Politik- und Sozialwissenschaftlerin. Sie war von 2018 bis 2023 Leiterin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (an der Humboldt-Universität zu Berlin) und leitet seit der Gründung die Abteilung Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Seit 2017 ist sie Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Leben Naika Foroutan ist Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters. Sie ist Schwester der Schauspielerin Melika Foroutan. Ihr Vater Bahman Foroutan ist Fußballtrainer. Er war unter anderem von 2010 bis 2014 Trainer verschiedener Berliner Amateurvereine.Bahman Foroutan – Trainerprofil, transfermarkt.de, abgerufen am 14. Mai 2018. Naika Foroutan lebte 11 Jahre lang in Teheran und verließ die Islamische Republik Iran 1983 zusammen mit ihrer Familie.Naika Foroutan: Kulturdialoge zwischen dem Westen und der islamischen Welt: eine Strategie zur Regulierung von Zivilisationskonflikten, Vorwort. DUV, 2004, ISBN 3-8244-4604-9 books.google.de () An der Universität zu Köln studierte Foroutan Politikwissenschaften, Romanistik und Islamwissenschaft. In den Jahren 2000 bis 2004 promovierte sie an der Georg-August-Universität Göttingen bei Bassam Tibi im Themenbereich „Inter-zivilisatorische Kulturdialoge zwischen dem Westen und der islamischen Welt“; in der Folge war sie dort als Lehrbeauftragte im Fachbereich Internationale Beziehungen tätig. Zwischen 2006 und 2009 lehrte Foroutan an der Arbeitsstelle Politik des Vorderen Orients am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, um 2009 an das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin zu wechseln. Von 2008 bis 2013 leitete sie zunächst zusammen mit ihrer Kollegin Isabel Schäfer, ab 2013 eigenständig das Forschungsprojekt „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle (HEYMAT)“. Das von der VolkswagenStiftung finanzierte Projekt wurde Ende Juni 2015 abgeschlossen.
mini|Naika Foroutan (2011) Weiterhin organisierte Foroutan für die Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit der Stiftung Mercator die „Junge Islam Konferenz – Berlin 2011“. Im Jahr 2012 fand eine weitere „Junge Islam Konferenz“ unter ihrer Leitung statt. Im Verlauf der Konferenz wurde bekannt gegeben, dass die „Junge Islam Konferenz“ und ein korrespondierendes Forschungsprojekt „Junge islambezogene Themen in Deutschland“ (JUNITED) unter Foroutans Federführung bis zum Jahr 2016 mit zwei Millionen Euro durch die Stiftung Mercator gefördert werden. Von Mai 2012 bis September 2013 leitete sie gemeinsam mit Thomas Scheffer das Forschungsprojekts „Concepts for the Development of Intelligence, Security and Prevention“ (CODISP), gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Von April 2014 bis Mai 2018 war Foroutan stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung und leitet den Arbeitsbereich „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“. Im Juni 2015 wurde sie zur W2-Professorin für „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ durch die Humboldt-Universität zu Berlin berufen.Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM): Prof. Dr. Naika Foroutan In: Personen. 2020 wurde sie von der Humboldt-Universität zu Berlin zu einer W3-Professur „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ auf Lebenszeit berufen. Von Mai 2018 bis 2023 war sie Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Sie leitet weiterhin die Abteilung "Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik" am BIM. Seit 2017 ist sie Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).https://www.dezim-institut.de/das-dezim-institut/
Seit 2017 war Foroutan als Visiting Researcher an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten tätig, darunter am Havens Center for Social Justice an der University of Wisconsin-Madison, als DAAD Fellow an der Johns Hopkins University und zuletzt 2023 am BMW Center for German and European Studies der Georgetown University.
mini|Naika Foroutan (2026) 2025 verlieh ihr die Universität Lund die Ehrendoktorwürde für ihre wissenschaftliche Exzellenz in der Migrations- und Integrationsforschung. Im selben Jahr wurde ihr die Caroline von Humboldt-Professur durch die Humboldt-Universität zu Berlin verliehen. Diese höchste Auszeichnung für Professorinnen an der Universität ist mit 80.000 Euro dotiert. Foroutan erhielt den Preis für ihre wissenschaftliche Exzellenz und Innovationskraft, ihre Errungenschaften in der Institutionalisierung ihres Forschungsgebiets und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie die internationale Strahlkraft ihrer Forschungsarbeiten.
Naika Foroutan ist verheiratet und hat drei Kinder.Alem Grabovac: Gespielt wird auf dem Platz. In: Die Tageszeitung, 9. April 2011.
Schwerpunkte und Positionen In der Zeit zwischen 2000 und 2007 arbeitete Naika Foroutan hauptsächlich zur Thematik des interzivilisatorischen Kulturdialogs. Seit 2008 liegt ihr Schwerpunkt im Themengebiet der Migrationsforschung und sie befasst sich mit Identitätsbildungsprozessen von Muslimen und Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund in Deutschland. Mit ihrer Junited-Forschungsgruppe erhob sie repräsentative Daten zur Gesamtbevölkerung (Fallzahl 8100 mit Survey-Experimenten, bundesweit bzw. bundesländerspezifisch) und thematisierte Anerkennungs- und Ausgrenzungsdynamiken sowie wiederkehrende Narrative, Diskurselemente und Interpretationsmuster. Ein zentrales Ziel ihrer Arbeit ist eine Theorie des Postmigrantischen. Die bisherigen inhaltlichen Arbeiten in den Themenfeldern Hybridität und der kulturellen, ethnischen, religiösen und nationalen Narrative (Heymat und Junited) mündeten in einem neuen Feld, der postmigrantischen Gesellschaft.
2019 verglich Foroutan in einer StudieForoutan, Naika; Kalter, Frank; Canan, Coşkun; Simon, Mara (2019): Ost-Migrantische Analogien I. Konkurrenz um Anerkennung. Unter Mitarbeit von Daniel Kubiak und Sabrina Zajak. Berlin: DeZIM-Institut, die Diskriminierungserfahrungen muslimischer Migranten und mit denen von Ostdeutschen. Die Journalistin Jana Hensel lobte Foroutans Studie in der Zeit. Der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer bezeichnete den Ansatz der Studie als Identitätspolitik, die sich auf beliebige weitere vermeintliche Opfergruppen ausweiten lasse. Das Portal Übermedien kritisierte die Studie als unausgewogen, da sie die Migrationserfahrungen von Menschen nichtdeutscher Herkunft in Ostdeutschland nicht berücksichtige. Der Artikel wies zudem darauf hin, dass Foroutan Hensels Publikationen zitiere. Die beiden traten wiederholt zusammen auf und veröffentlichten 2020 ein gemeinsames Buch im Aufbau-Verlag.
Kontroverse zur Sarrazin-Debatte Im September und Oktober 2010 formulierte Naika Foroutan ihre Einwände gegen das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin im Fernsehen,Fernsehen Late Night „MAYBRIT ILLNER“; Erst Özil und Boateng. Und dann kam Sarrazin. Die Welt, 3. September 2010. Radio und in Zeitungen.
Nach einem Talkshow-Auftritt zum Thema erhielt Foroutan verschiedene „Hass-Mails“, auf der Website Politically Incorrect wurde sie als „iranisches Barbie-Püppchen“ verhöhnt.Dorothea Jung: Gefahr für die Gesellschaft – Die Islamfeindlichkeit in Deutschland nimmt zu In: DLF Hintergrund, 7. Oktober 2010. Der Soziologe Gunnar Heinsohn warf Foroutan vor, einzelne statistische Angaben zu Abiturquoten von Deutsch-Türken hervorgehoben und andere nicht erwähnt zu haben, wobei er ihre Zahlen zum Bildungsaufstieg türkischer Migranten teilweise bestätigte. Konkret kritisierte Heinsohn eine „Unterschlagung“ der gestiegenen Sozialhilfequote unter Türkischstämmigen in Deutschland:
Im FAZ-Artikel vom 16. September 2010 antwortete Foroutan auf die Vorwürfe Heinsohns:
Auf der Homepage ihres Forschungsprojekts Heymat hat Foroutan unter dem Titel Dossier zur Sarrazin-Debatte 2010 die von ihr verwendeten Zahlen veröffentlicht. Unter dem Titel Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand publizierte sie einen „empirischen Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland“ in Broschürenform.Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand – Ein empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen zu Muslimen in Deutschland. Humboldt-Universität zu Berlin, Dezember 2010
Der FAZ-Journalist Jürgen Kaube kommentierte, die „Berliner Broschüre“ träfe durchaus „den amateurhaften Umgang mit Forschung bei Sarrazin“. Bezüglich der Gegenrechnung kritisierte er, die Forscher folgten einem „unverstandenen Zahlengestöber“ genau so wie Sarrazin, „mal treuherzig, mal strategisch, nur halt in der Gegenrichtung“. Die „Beziehung des Datensalats zur sozialen Wirklichkeit“ würde „nicht eine Sekunde reflektiert“. Kaube kam zu dem Fazit, man habe „nicht den Eindruck, als verstünden die Sarrazin-Überprüfer wesentlich mehr von Soziologie als Sarrazin selbst“.
Auszeichnungen und Ehrungen 2005 Rave-Forschungspreis Auswärtige Kulturpolitik, verliehen vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). 2006 Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis, verliehen durch die sozialwissenschaftliche Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen für die beste Dissertation 2005. 2011 Auszeichnung als eine der „100 Frauen von morgen“ durch die Initiative Deutschland – Land der Ideen unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.„100 Frauen von morgen“. AcademiaNet, 15. November 2011 2011 Berliner Integrationspreis, verliehen vom Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen, für das öffentliche Eingreifen in die „Sarrazin-Debatte“ im Jahr 2010 und die Debatte über Integration in den Jahren 2010 und 2011.Dr. Naika Foroutan erhält den Berliner Integrationspreis 2011. Humboldt-Universität, Pressemitteilung, 8. Dezember 2011. 2012 Wissenschaftspreis der Fritz Behrens-Stiftung. 2014 IDIZEM Dialogpreis des- „Interkulturellen Dialogzentrums München“ in der Kategorie „Akademiker“. 2016 Höffmann-Wissenschaftspreis für Interkulturelle Kompetenz der Universität Vechta., abgerufen am 3. September 2016 2021 In Würdigung ihrer Leistungen als Wissenschaftlerin und Forscherin wurde ihr anlässlich der Wissensstadt Berlin 2021 im Rahmen der Ausstellung „Berlin – Hauptstadt der Wissenschaftlerinnen“ eine Ausstellungstafel gewidmet. 2025 Ehrendoktorwürde der Universität Lund für ihre wissenschaftliche Exzellenz in der Migrations- und Integrationsforschung. 2025 Caroline von Humboldt-Professur, verliehen durch die Humboldt-Universität zu Berlin
Mitgliedschaften Mitglied im wissenschaftlichen Beirat für das „Zentrum für Bildungsintegration. Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften“ an der Universität Hildesheim Mitglied im Vorstand des Avicenna-Studienwerks Mitglied in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) Mitglied im Kuratorium von „Aktion Sühnezeichen Friedenszeichen e. V.“ Mitglied im Beirat von „Schule ohne Rassismus“ Mitglied im Beirat des Projektes „ZuRecht – Die Polizei in der offenen Gesellschaft“ Mitglied der SPD-Grundwertekommission
Veröffentlichungen Bücher Kulturdialoge zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Eine Strategie zur Regulierung von Zivilisationskonflikten. Deutscher-Universitäts-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-8244-4604-9. mit Marwan Abou-Taam, Jost Esser: Zwischen Konfrontation und Dialog. Der Islam als politische Größe. VS, Wiesbaden 2010. mit Christian Geulen, Susanne Illmer, Klaus Vogel, Susanne Wernsing: Das Phantom „Rasse“. Zur Geschichte und Wirkungsmacht von Rassismus. Böhlau, Köln 2018. mit Juliane Karakayali, Riem Spielhaus: Postmigrantische Perspektiven: Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Campus, Frankfurt am Main 2018. Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. transcript, Bielefeld 2019.