Als Neuer Atheismus wird eine atheistische Bewegung des 21. Jahrhunderts bezeichnet, die ein humanistisches Vgl. Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Alibri, Aschaffenburg 2006, ISBN 3-86569-011-4. und naturalistischesVgl. Jack David Eller: Natural Atheism. AAP, Cranford, New Jersey 2004, ISBN 1-57884-920-9. Weltbild vertritt.

Ausgelöst wurde diese atheistische Bewegung im Wesentlichen als Gegenbewegung zum religiösen Fundamentalismus.Buskampagne, Sie erhielt vor allem durch einige sehr populäre Bücher breite Aufmerksamkeit.Sam Harris (Das Ende des Glaubens, 2004), Richard Dawkins (Der Gotteswahn, 2006), Daniel Dennett (Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen, 2006), Christopher Hitchens (Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet, 2007). Diese Bücher kritisieren, dass von Religion­sanhängern oft irrationale Argumente vorgebracht werden, und setzen sich für eine von Vernunft und Verstand geprägte Welt ein.

Die vier Autoren dieser Bücher werden auch „The Four Horsemen of the Non-Apocalypse“ („Die vier nicht-apokalyptischen Reiter“, zum Begriff siehe unten) genannt und gelten als Vorreiter der neuen atheistischen Bewegung. Sie machten zunächst im englischen Sprachraum von sich reden. Die Bewegung ist inzwischen auch in anderen Ländern einschließlich Deutschland unter diesem Begriff verbreitet.

Begriffsentstehung „Neue Atheisten“ bezeichnete zunächst die Autoren einiger populärer Bücher des beginnenden 21. Jahrhunderts, darunter Sam Harris, Richard Dawkins, Daniel Dennett und Christopher Hitchens. Der Begriff entstand als übergreifende Kennzeichnung aus journalistischen Kommentaren und Kritiken zu den Büchern.The New Atheists, Internet Encyclopedia of Philosophy, (online)Victor J. Stenger, The New Atheism. What’s New About The New Atheism?, Philosophy Now, Issue 78Victor J. Stenger: The New Atheism: Taking a Stand for Science and Reason. Prometheus Books, 2009, ISBN 978-1-59102-751-5.

Die erste Nennung des Begriffes findet sich in dem Artikel „The Church of the Non-Believers“ von Gary Wolf im Magazin Wired, 2006,Gary Wolf, The Church of the Non-Believers, Wired, Nov.2006, (online) ohne ihn genauer zu definieren. Der erste Versuch einer Definition des Begriffs „Neue Atheisten“ soll auf Andrew Brown zurückgehen,New Atheism, The Sceptics Dictionary, (online) der damit populäre säkulare Autoren bezeichnete, die Religion und Glauben für destruktive Kulturkräfte hielten. Er ordnete ihnen übergreifende Kernthesen zu, die ihnen gemeinsam waren.Andrew Brown, The New Atheism, a definition and a quiz, The Guardian, 2008. Die Selbstdefinition der Neuen Atheisten unterscheidet sich davon allerdings – Andrew Brown gilt als einer der vehementesten Kritiker des Neuen Atheismus.

Inzwischen wird der Begriff „Neuer Atheismus“ häufig in journalistischen Texten und Blogs verwendet – allerdings ohne eine einheitliche Definition in Abgrenzung zu den Positionen „klassischer“ Atheisten und anderer Religionskritiker. Teilweise wird als Unterscheidung genannt, dass Neue Atheisten konsequent naturalistisch argumentieren, eine aggressivere Position vertreten oder einen breiten Trend ausmachten. Insbesondere basiert der Begriff wohl auf dem trendartigen Aufkommen mehrerer atheistischer Bücher in Millionenauflage sowie der folgenden medienwirksamen und rhetorisch geschliffenen Auseinandersetzung der populärsten Protagonisten u. a. auch mit christlichen Vertretern.

The Four Horsemen 2007 kamen vier der prominentesten Vertreter der neu-atheistischen Bewegung – Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris, Daniel Dennett – zu einer Diskussionsrunde zusammen. Die Runde wurde später als Video unter dem Titel „The Four Horsemen“ verbreitet. Abgerufen am 2. Juli 2024. – in Anspielung an die vier apokalyptischen Reiter. Seitdem werden sie noch oft so bezeichnet. mini|The Four Horsemen: Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Sam Harris, Daniel Dennett

Definitionen

Begriffskritik Ulrich Berner kritisiert die „willkürliche Verwendung“ und „inhaltliche Unschärfe“ der Begriffe „Neuer Atheismus“ und „Neue Atheisten“.Ulrich Berner, Religion und Kritik in der Moderne, LIT Verlag Münster, 2012, S. 89 („Aufgrund ihrer willkürlichen Verwendung und der skizzierten inhaltlichen Unschärfe eignen sich die Begriffe ‚Neuer Atheismus‘ und ‚Neue Atheisten‘ nicht als analytische Kategorien wissenschaftlicher Forschung.“)

Michael Schmidt-Salomon erachtet den „Neuen Atheismus“ als bereits überholt und plädiert stattdessen für die Forcierung eines thematisch breiteren „neuen Humanismus“.Michael Schmidt-Salomon, Vom neuen Atheismus zum neuen Humanismus?, Vortrag auf der Tagung „Neuer Atheismus und moderner Humanismus“, Berlin 25.4.08, (PDF)

Ursachen Nick Spencer analysiert die lange Geschichte des Atheismus in Europa in Reaktion auf die Dominanz des Christentums und schließt für das Aufblühen des Neuen Atheismus, spezifisch für Großbritannien und die USA, wo Religion unerwartet Signifikanz im politischen Geschehen erreichte, auf dieselben Mechanismen: “This leads us to a somewhat paradoxical conclusion: we should expect to hear more about atheism in the future for the simple reason that God is back.”Nick Spencer: Atheists: The Origin of the Species. A&C Black, 2014.

Der Kanadier Stephen LeDrew analysierte in seiner Doktorarbeit an der York University in Ontario die genauen Ursachen, die zur neuen atheistischen Bewegung in Nordamerika führten. Die Säkularismusthese sei eher ein ideologisches Produkt statt auf empirischen Fakten basierend. Der Neue Atheismus könne daher als Maßnahme betrachtet werden, um doch noch den Erfolg des Säkularismus zu befördern. Er sieht den Neuen Atheismus in Reaktion auf Immigration, Multikulturalismus und religiöse Anpassung. Genau betrachtet sei der Neue Atheismus ein „säkularer Fundamentalismus, eine moderne utopische Ideologie“ und „im Kern politisch“. LeDrew stellt dabei heraus, dass sich der Atheismus mit der Evolutionstheorie von der simplen Negation religiösen Glaubens zu einer Bejahung des Liberalismus, der wissenschaftlichen Rationalität sowie der Legitimität und Methodik moderner Wissenschaft differenziert hat – also von reiner Religionskritik hin zu einem kompletten ideologischen System, mit einer Fülle an Prinzipien, die sich aus der Aufklärung entwickelt haben.Stephen LeDrew: The Evolution of Atheism: The Politics of a Modern Movement. Oxford University Press, 2015, ISBN 978-0-19-022517-9.

Victor J. Stenger verortet den Ursprung in dem fortdauernden Kampf mit konservativen Christen in den USA, die entgegen der Evolutionstheorie auch die kreationistische Schöpfung im Schulunterricht etablieren möchten.

Laut der „Buskampagne“ ist der Neue Atheismus als Gegenbewegung zu religiösem Fundamentalismus entstanden: „Ein neuer religiöser Fundamentalismus hat sich etabliert und den ‚neuen Atheismus‘ als entschiedene Gegenwehr auf den Plan gerufen. Evangelikale, Kreationisten und Islamisten beherrschen die öffentliche Wahrnehmung mit ihren Themensetzungen nicht länger allein“.

Hauptthesen einiger Vertreter Neben den vier „großen“ Autoren konnten in Europa einige weitere Autoren vor allem regionale Bedeutung entfalten:Albert J.J. Anglberger, Paul Weingartner (Hrsg.), Neuer Atheismus wissenschaftlich betrachtet, Walter de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-86838-098-9, S. 22. Piergiorgio Odifreddi (Italien), Michel Onfray (Frankreich) und Michael Schmidt-Salomon (Deutschland). Für den deutschen Sprachraum werden des Weiteren auch Peter Sloterdijk, Philipp Möller, Karlheinz Deschner, Carsten Frerk, Joachim Kahl und Herbert Schnädelbach als wesentliche Vertreter der Bewegung genannt,Stephen Bullivant, Michael Ruse, The Oxford Handbook of Atheism, Oxford University Press, 2013.Hans Albert, Kritik des theologischen Denkens, LIT Verlag Münster, 2013, S. 94. wobei sie in ihren Positionen zum Teil deutlich voneinander abweichen.

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins sieht in Religion eine Möglichkeit für Theologen, sich der Überprüfbarkeit zu entziehen. Ein göttliches Wesen, das auf irgendeine Weise mit dem Weltgeschehen interagiere, betrete damit zwangsläufig naturwissenschaftliches Terrain und stehe dazu in Erklärungskonkurrenz. Außerdem seien Fragen, die von der Naturwissenschaft nicht im Prinzip beantwortet werden können, der Theologie ebenso unzugänglich.

Karlheinz Deschner verfasste eine Kriminalgeschichte des Christentums, die zahlreiche Verbrechen von Kirchenvertretern auflistet.

Herbert Schnädelbach löste am 11. Mai 2000 mit seiner Kritik an der mea-culpa-Erklärung von Johannes Paul II. eine Debatte aus. In den darauf folgenden Beiträgen verteidigte er als „frommer Atheist“ die Aufklärung der Theologie und stellte den „neuen“ Atheismus wegen seiner naturwissenschaftlichen Engführung als konfessionelle Gefahr dar.

Der Völkerkundler Pascal Boyer versuchte 2004 (Und Mensch schuf Gott), Feuerbachs Projektionsthese hirnphysiologisch zu untermauern: Ein bestimmtes Modul, das Sinneseindrücke verarbeite, führe Veränderungen in der Umwelt leicht auf Lebewesen zurück und lasse aus unklaren Wahrnehmungen Vorstellungen von übernatürlichen Akteuren, wie zum Beispiel Göttern oder Geistern, entstehen.

Andreas Kilian deutete Religion 2010 als biologisch selektierte nicht-logische Argumentationsebene, um den individuellen Egoismus gegenüber anderen besser rechtfertigen und durchsetzen zu können.Andreas Kilian: Die Logik der Nicht-Logik, Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heute biologisch definieren kann, Alibri, 2010, ISBN 978-3-86569-062-3, S. 176

Thomas Grüter weist 2010 auf konstituierende Elemente magischen Denkens in Religionen hin.Thomas Grüter: Magisches Denken, Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst, Scherz Verlag, 2010, ISBN 978-3-502-15158-6

Kritik Der Oxford-Professor für Wissenschaft und Religion, Alister McGrath, führt das Aufblühen des Neuen Atheismus auf die Enttäuschung über das Scheitern der Säkularisierungsthese zurück, also die Annahme, dass Religiosität langfristig an Bedeutung verlieren würde, und erklärt damit auch das teilweise konfrontative Vokabular. Er ordnet dem Neuen Atheismus Parallelen zu religiösem Fundamentalismus zu und tituliert das „aggressive“ Auftreten der Atheismusverfechter seinerseits als einen „Kreuzzug“ gegen Religion.Alister McGrath, Reflections on the New Atheism, Catalyst, 2013, (online) Der evangelische Theologe Ulrich Körtner hat 2013 die Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich als Vertreterin eines Neuen Atheismus kritisiert, der „das elementare Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit infrage“ stelle und damit „in seinen Konsequenzen freiheitsgefährdend“ sei.Ulrich H. J. Körtner, Kontra Kirchenprivilegien: Atheismus und Religionsfreiheit. In: Die Presse. 4. April 2013, S. 26, abgerufen am 11. Februar 2020. Diese Kritik wurde 2019 von einem Präsidiumsmitglied der Atheistischen Religionsgesellschaft in einem Gastkommentar in der Wochenzeitung Die Furche zurückgewiesen.Wilfried Apfalter, Wie viel Religion wollen wir?. In: Die Furche. 13. Juni 2019, Nr. 24/2019, S. 14, abgerufen am 11. Februar 2020.

Ausgehend von der weiteren Entwicklung der Mitglieder der „Four Horsemen“, insbesondere Dawkins und Harris, zog Steven Poole 2019 den Schluss, dass für einige Mitglieder der Neue Atheismus vor allem ein Subgenre des rechten Backlash gegen „Political Correctness“ gewesen sei. 2021 kritisierte der Philosoph Émile P. Torres auf Salon.com, dass der Neue Atheismus inzwischen im Rechtsextremismus und dem Intellectual Dark Web aufgegangen sei, und griff die Vertreter persönlich heftig an.

Neuatheistische Organisationen Brights – internationaler Zusammenschluss von Personen, die ein Weltbild vertreten, das frei vom Glauben an Übernatürliches ist