Gefühl ist ein psychologischer Oberbegriff für unterschiedlichste psychische Erfahrungen und Reaktionen wie etwa Angst, Ärger, Komik sowie Mitleid, Eifersucht, Furcht, Freude und Liebe, die sich (potenziell) beschreiben und damit auch versprachlichen lassen. Obwohl es vielseitige neurophysiologische Ansätze der Messung von Gefühlen gibt, sind diese nicht als einheitlich und überindividuell gültig anerkannt. Dies wiederum legt die Deutung von Gefühlen als individuelle oder subjektive Bewusstseinsqualitäten oder Ichzustände nahe.Wilhelm Arnold u. a. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8, Spalte 684–691. Gefühle sind das Produkt der Verarbeitung von Reizen, die ihren Ursprung in unseren Sinnesorganen nehmen. Sie vermitteln damit ein Bild von der uns umgebenden Welt, aber auch von Vorgängen unseres eigenen Körpers. Gefühle sind nicht nur Ausdruck äußerer Tatsachen, sondern auch unserer eigenen Beurteilung.

mini|Die Feinfühlige (Skulptur von Miguel Blay um 1910)

Begriffe

Der Begriff Gefühl wird meist synonym mit dem älteren Begriff Gemüt verwendet.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. (1914) 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, 1. Teil: Die Einzeltatbestände des Seelenlebens, 1. Kap.: Die subjektiven Erscheinungen des kranken Seelenlebens (Phänomenologie), § 5 Gefühle und Gemütszustände, S. 90 ff.; (a) zu Stw. „Synonymität von Gefühlen und Gemütszuständen“: siehe vorgenannte Kap.-Überschriften; (b) zu Stw. „Kategorienbildung“: S. 90 f. (Abs. „Psychol. Vorbemerkungen“)Hans Walter Gruhle: Verstehende Psychologie. (Erlebnislehre). 2. Auflage. Georg Thieme, Stuttgart 1956; Kap. II Phänomenologie, Abs. E. Das Gemüt, S. 39–56; (a) zu Stw. „Definition Gemüt“: S. 39 („Gemüt ist der Sammelnamen für alle Gefühlsregungen.“); (b) zu Stw. „Sensibilität“: S. 324; (c) zu Stw. „Verliebtsein – ein ungerichtetes Gefühl?“: S. 46, 49 ff.; (d) zu Stw. „Energetischer Aspekt“: S. 40 f. Die Bezeichnungen Affekt, Gefühl, Emotion werden sowohl im allgemeinen Sprachgebrauch als auch bei den verschiedenen Autoren zum Teil übereinstimmend als auch unterschiedlich definiert und benutzt. Übereinstimmung besteht darin, dass es bei Gefühlen fast ausnahmslos um Organfunktionen geht, die der Steuerung durch das autonome Nervensystem unterliegen.Karl-Ludwig Täschner: Praktische Psychiatrie. Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1989; zu Kap. 2.6 „Affekt“: S. 26. Eine Unterscheidung zwischen Gefühl und Emotion legt die James-Lange-Theorie nahe. William James schreibt: „Wir sind traurig, weil wir weinen, wütend, weil wir zuschlagen, wir haben Angst, weil wir zittern.“William James: The principles of psychology. Holt Rinehart & Wilson, New York, 1950 (2 vols.); S. 450 Die motorischen Reaktionen des Weinens, Zuschlagens, Zitterns sollten entsprechend der lat. Herkunft des Wortes „Emotion“ von movere = bewegen als Gemütsbewegungen aufgefasst werden, während die rein sensorische Erfahrung des Traurigseins, der Wut und der Angst als Gefühlswahrnehmung bezeichnet werden sollte. Auch von der Wortbedeutung ausgehend wäre nach der Abgrenzung zum Begriff der Emotion zu fragen.

Etymologische Wortgruppierungen Die Herkunft des Worts fühlen ist unklar. Es besteht eine Verwandtschaft mit engl. to feel. Die Grundbedeutung ist wohl „tasten“. Sie wurde auf alle körperlichen und im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert auch auf seelische Empfindungen übertragen. Daher wird ursprünglich unter Gefühl der Tastsinn und die daraus resultierende seelische Stimmung (17. Jh.) verstanden. Eine ähnliche Wortbildung wie Ge-fühl ist das Wort Ge-schmack, das jedoch aus einer anderen Sinnesmodalität gebildet ist. Auch hier besteht eine übertragene Bedeutung ins Ästhetische und Kulturelle (Geschmack als humanistischer Wert), vgl. daneben auch die formal ähnlichen Wortbildungen wie Gehörsinn, Gesichtssinn mit der Vorsilbe Ge- als eines Sammelbegriffs; vgl. Berg – Gebirge / Busch – Gebüsch. Da Sinneseindrücke immer nur Ausschnitte aus den physikalischen Gegebenheiten vermitteln können, kommt jeder Sinnesmodalität jeweils auch eine spezifische psychologische Qualität zu, vgl. → Abstraktionstheorie.

Interessant erscheint im sprachvergleichenden Zusammenhang auch der Bedeutungswandel von dt. „tasten“ zu engl. to taste = „kosten, schmecken, versuchen, genießen, erleben“, und englisch tasteful = „geschmackvoll“.Günther Drosdowski: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Die Geschichte der deutschen Wörter und der Fremdwörter von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. Dudenverlag, Band 7, 2. Auflage, Mannheim 1997, ISBN 3-411-20907-0; (b) zu Sachartikel „Emotion“: S. 154; (b) zu Sachartikel „Fühlen“ S. 209. Ein wahrscheinlich anderer Wortstamm ist das altgriechische πάσχω [pas-cho] = 1) „einen Eindruck empfangen, erfahren, erleben, mir begegnet, mir widerfährt, mich trifft, es geht mir, ich mache es mir, es gemahnt mich, mir wird zu Mute, ich bin der Stimmung, begehre“; 2) im üblen Sinne: „etwas (Übles) erfahren, erleiden, erdulden, ausstehen, sich Leid zufügen, sich abmühen“; 3) im guten Sinne: „Gutes erleiden oder empfangen, sich wohl befinden, Wohltaten genießen, Belohnungen einernten, Dienste erhalten“.Gustav Eduard Benseler et al.: Griechisch-Deutsches Schulwörterbuch. B.G. Teubner, 13. Auflage, Leipzig 1911, S. 705 Im Lateinischen ist damit das Verb pati = „erleiden“ im gleichen Zusammenhang zu erwähnen. Das altgriechische Wort bringt die Ichqualität der jeweiligen Eindrücke und Erfahrungen ebenso wie das dt. Verb fühlen eindeutig zum Ausdruck. Daneben werden auch die aktiven und passiven Gefühle in der Bedeutung von πάσχω mit eingeschlossen.

Wissenschaftsgeschichte mini|320px|Titelseite der Originalarbeit von René Descartes: Les passions de l’âme. Paris 1649

Von Platon über Aristoteles bis René Descartes präsentierte sich die Psychologie des Gefühls als eine Lehre von den Affekten und Leidenschaften bzw. von den „Passiones“ (Dualismus von Seele und Körper).Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; (a) zur „Definition“ S. 124; (b) zum Stw. „Gefühl und Vegetative Organfunktionen“: S. 125 f.; (c) zum Stw. „Die Zerknirschung und Schuldfrage bei körpernahen Gefühlen“: S. 125, 206; (d) zum Stw. „Ethische Konsequenzen“: S. 125. Der Begriff der körpernahen Gefühle (Zönästhesien) geht auf die französische Schule der Vitalisten zurück. Der experimentalpsychologische Forschungsansatz, etwa Gefühle zu messen, geht auf Wilhelm Wundt (1832–1920) zurück. Wundt unterschied bei Gefühlen die Dimensionen a) Lust-Unlust, b) Spannung-Lösung und c) Erregung-Beruhigung.Wilhelm Wundt: Grundriß der Psychologie. Band I. S. 35 ff. Die Dimension a) wäre als subjektiver Anteil der Gefühle, b) als energetischer Aspekt und c) als motorische oder Handlungskomponente zu bezeichnen. Diese Handlungskomponente ist dem Begriff Emotion eigen und darf nicht mit dem energetischen Aspekt verwechselt werden. Die Messung von Gefühlen muss sich z. T. auf den energetischen, neurophysiologischen Aspekt der Gefühle beschränken, siehe EKG, EEG und HGR, z. T. werden testpsychologische Verfahren (Fragebögen, Skalen usw.) in Ansatz gebracht. Wundt stellte weiter fest, dass sich jeder Empfindung ein Gefühlston hinzugesellt.Wilhelm Wundt: Grundzüge der physiologischen Psychologie. Bd. I, S. 350 ff. Mit der Frage der „Empfindungsgefühle“ hat sich auch Carl Stumpf befasst.Carl Stumpf: Empfindung und Vorstellung. Abh. Preuß. Akad. d. Wiss. phil.-hist. Kl., 1918 Die Elektroenzephalographie (EEG) entsprang deutschem Erfindergeist und hat Gedanken der deutschen Metaphysik, Philosophie und Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts fortgesetzt. Hans Berger (1873–1941) ist als Begründer dieser Untersuchungstechnik zu nennen. Berger hat ursprünglich beabsichtigt, das EEG als fruchtbare Methode zur Aufklärung des Leib-Seele-Verhältnisses verwendbar zu machen. Davon ist heute vielfach nur die objektivierbare Seite dieser Untersuchung zurückgeblieben und hat sich somit überwiegend in der Neurologie angesiedelt, während die Psychiatrie diesem Verfahren bisher eher wenig abgewinnen konnte. In neuerer Zeit wurden emotionale Faktoren als Ursache von EEG-Anomalien von Pateisky (1957) beschrieben und können als sog. Aktivationsmethoden bei der Ableitung der Hirnstromkurven angewandt werden.Johann Kugler: Elektroenzephalographie in Klinik und Praxis. Eine Einführung. 3. Auflage. Thieme, Stuttgart 1981, ISBN 3-13-367903-1, S. V und 72.K. Pateisky: Die elektroencephalographische Aktivierung bei Epilepsie unter Berücksichtigung von Mechanismen des Erregungsumfanges. Wien. klin. Wschr. 69/38–39 (1957) 713–715. Hans Berger kam zu der für ihn recht enttäuschenden Feststellung, dass das EEG bei Psychosen keine spezifischen Reaktionsmuster aufweist. Lediglich eine „Verkürzung der Alphawellen“ wurde von ihm ähnlich wie bei Gesunden im Falle einer ängstlich gespannten Erregung festgestellt (3. und 12. Mitteilung).Walter Christian: Klinische Elektroenzephalographie. Lehrbuch und Atlas. 2. Auflage. Georg Thieme, Stuttgart 1977, ISBN 3-13-440202-5; S. 353Hans Berger: Über das Elektroenkephalogramm des Menschen. III. Mitteilung. Arch. Psychiat. Nervenkr. 94 (1931) 16Hans Berger: Über das Elektroenkephalogramm des Menschen. XII. Mitteilung. Arch. Psychiat. Nervenkr. 106 (1937) 165

Begriffliche Abgrenzungen mini|320px|Verschiedene Gefühlszustände