Um Risikodiversifizierung (auch Risikodiversifikation) handelt es sich in der Betriebswirtschaftslehre und in der Risikobewältigung, wenn ein einheitliches Gesamtrisiko in mehrere, möglichst nicht positiv miteinander korrelierende Einzelrisiken aufgespalten wird und hierdurch eine breite Streuung der Einzelrisiken entsteht. Das Kompositum Risikodiversifizierung besteht aus den Worten Risiko und Diversifizierung. Während unter Risiko (im Sinne der Risikodiversifizierung) Verlustgefahren verstanden werden, die aus der mangelhaften Vorhersehbarkeit (Eintrittswahrscheinlichkeit) künftiger Ereignisse resultieren können, hat die Diversifikation die Ausweitung von bestehenden Monostrukturen zum Ziel. Aus der Kombination beider Wortbestandteile ergibt sich mithin sprachlich, dass ein einheitlich wirkendes Gesamtrisiko durch Aufteilung in viele Einzelrisiken aufgeteilt wird.
Die Strategie der Diversifikation kommt in vielen Wirtschaftsbereichen zum Einsatz, zum Beispiel im Absatz- und Beschaffungsbereich. Ein anderes Beispiel ist das diversifizierte Humankapital: Anstatt ein Einzelunternehmen zu gründen, kann ein Unternehmen auch aus mehreren Mitgliedern bestehen, sodass Fehlentscheidungen vorgebeugt werden kann. Allen Anwendungsgebieten liegt jedoch ein einheitlicher Gedanke zu Grunde, nämlich durch Diversifikation soll das Risiko reduziert werden.Hendrik Garz, Stefan Günther, Cyrus Moriabadi: Portfolio-Management – Theorie und Anwendung. 2. Auflage. Bankakademie e. V., Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-933165-09-1, S. 17 f., 34–41, 47 f., 58, 139–141.
Geschichte Naive Diversifikation Das angelsächsische Sprichwort „“, das deutsche Sprichwort „Man soll nicht alles auf eine Karte setzen“ und Erasmus’ Warnung im 15. Jahrhundert „Vertraue nicht all deine Waren einem einzigen Schiff an“ sind Hinweise auf ein lange tradiertes Wissen über die Möglichkeit der Risikominderung durch Diversifikation.Klaus Spremann: Portfoliomanagement. 2. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2003, ISBN 3-486-27269-1, S. 22–26, 184–186, 191–193, 201–204, 302 f.Investment bankert-finanz.de, abgerufen am: 27. November 2010.
Talmudische ⅓-Regel Der babylonische Talmud enthält eine frühe Handlungsanweisung zur Aufteilung eines Vermögens in Anlagenformen mit unterschiedlicher Liquidität und unterschiedlichem Risiko. In der deutschsprachigen Fassung von Lazarus Goldschmidt heißt es:
Diese, auch als – Regel bekannte, etwa anderthalb bis zwei Jahrtausende alte Anweisung geht auf die im Hintergrund liegenden Überlegungen nicht weiter ein. Sie wird gelegentlich auf die heutige Situation übertragen als ein Rat, ein Drittel in Immobilien anzulegen, ein weiteres Drittel in Aktien zu investieren und ein Drittel liquide oder in Form von Staatsanleihen zu halten. Eine weitere Übertragung ist die – Regel, die Investition ohne Rückgriff auf die Eigenschaften der modellhaft gleichmäßig verteilten, verfügbaren Anlageklassen. Experimentell fanden Benartzi und Thaler, dass ein substantieller Anteil von Personen, die in Defined Contribution Saving Plans investierten, implizit nach einer -Regel entschied.Shlomo Benartzi, Richard H. Thaler: Naive Diversification Strategies in Defined Contribution Saving Plans. In: American Economic Review. Los Angeles 2000.
Frühe Neuzeit Der Grundgedanke der Risikodiversifikation lässt sich auch im Jahre 1738 bei Daniel Bernoulli finden, der als Beispiel den Transport von Waren per Schiff erwähnt.Daniel Bernoulli: Exposition of a new Theory on the Measurement of Risk. 1738, S. 30 (im lateinischen Original: Specimen Theoriae Novae de Mensura Sortis – Commentarii Academiae Scientiarum Imperialis Petropolitanae). Der Importeur sei sich der Tatsache bewusst, dass von den 100 Schiffen, die zwischen Amsterdam und St. Petersburg verkehrten, 5 verlorengingen.
Der Government & Guaranteed Securities Permananent Trust legte sich bei seinen Geldanlagen im Juni 1872 eine Höchstgrenze von 10 % je Einzelinvestment auf. Francis Galton veröffentlichte im Dezember 1888 den ersten wegweisenden Artikel über Korrelationen,Francis Galton: Co-relations and their Measurement. In: The Royal Society. 20. Dezember 1888. doch erst sein Neffe Karl Pearson gilt als Vater der Korrelationsrechnung.Karl Pearson: The Life, Letters and Labours of Francis Galton. Band III, 1930. Der Aktuar George May von der Prudential Assurance Company stellte 1912 Regeln auf, wie Versicherungsportfolien diversifiziert werden sollten.George May: The Investment of Live Insurance Funds. In: The Institute of Actuaries. 1912, S. 136 und 151 f.
Portfolio-Selection-Modell von Markowitz Ausgangspunkt ist, dass ein Investor sein Kapital auf unterschiedliche, risikobehaftete Anlagen aufteilen kann und dabei stets im Zielkonflikt zwischen Risiko und Rendite steht. Die naive Diversifikation lässt den erwarteten Ertrag und das Risiko, insbesondere die Korrelation der Risiken, unberücksichtigt. In den Jahren 1950–1970 untersuchte die angelsächsische Forschung das Problem der optimalen Diversifikation, woraus sich die klassische Portfoliotheorie entwickelte. Die ersten Ideen zu diesem Thema publizierte Harry M. Markowitz 1952 im Journal of Finance.Harry M. Markowitz: Portfolio Selection. In: Journal of Finance. 1/1952, S. 77–91. Im Jahre 1959 stellte er in seinem Buch Portfolio Selection: Efficient Diversification of Investments das sogenannte Portfolio-Selection-Modell vor, mit dem sich effiziente Portfolios herleiten lassen. Unter anderem A. D. Roy, William F. Sharpe und James Tobin entwickelten anschließend daraus die klassische Portfoliotheorie, welche das Problem korrelierter Risiken unter einigen Annahmen zunächst einmal löste.
Im Gegensatz zur naiven Diversifikation ist die klassische Portfoliotheorie durch ein bedeutendes Element gekennzeichnet: Die Diversifikation wird mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Statistik untersucht. Das Portfolio-Selection Modell von Markowitz ist ein stochastisches Ein-Perioden-Modell. Die Erträge der einzelnen Assets im Portfolio sind korrelierte Zufallsvariablen und der risikoscheue Investor orientiert sich im Zielkonflikt zwischen erwarteter Rendite und Risiko bei seiner Entscheidung über ein Portfolio ausschließlich am Erwartungswert und an der Standardabweichung (auch Volatilität) der Portfolio-Rendite. Im Kern geht es somit um die Abweichung der Zufallsvariable (hier die Rendite) von ihrem Erwartungswert . Die Rendite berechnet sich als Verhältnis zwischen der Summe aus der Kursentwicklung und der Dividende und dem eingesetzten Kapital. Da die Zukunft ungewiss ist, werden Erwartungswert und Standardabweichung häufig durch den empirischen Erwartungswert und die empirische Standardabweichung aus Historienreihen festgelegt. Je höher die Standardabweichung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Erwartungswert deutlich verfehlt wird.Martin Bösch: Finanzwirtschaft – Investition, Finanzierung, Finanzmärkte und Steuerung. Verlag Franz Vahlen, München 2009, ISBN 978-3-8006-3634-1, S. 59. Alternativ können Erwartungswert und Standardabweichung durch Expertise prognostiziert werden (basierend auf Research oder einer Finanzanalyse).
Markowitz zeigte in seinem Modell, dass es in Abhängigkeit von der Risikobereitschaft des Investors vorteilhafter sein kann, in mehrere verschiedene Anlagen zu investieren, anstatt eine Investition in nur eine Anlage mit der höchsten erwarteten Rendite zu tätigen. Seine Theorie untersuchte zuerst das Investitionsverhalten an Kapitalmärkten, insbesondere bei Wertpapieren wie Aktien und Anleihen. Die Untersuchung unterschied zwischen einem systematischen und einem unsystematischen Marktrisiko. Das systematische Risiko besteht darin, dass veränderte makroökonomische Rahmenbedingungen, verifiziert durch Fundamentaldaten (etwa Zinsniveau, Arbeitslosigkeit, Absatzkrise, Rezession), sich auf das gesamte Wertpapierportfolio auswirken können. Das unsystematische Risiko hat mit der Bonität der Emittenten von Aktien und Anleihen zu tun und wirkt sich auf einen Teil des Wertpapierportfolios aus. Ausgehend vom Idealfall des optimal diversifizierten Portfolios, wo das unsystematische Risiko vollständig eliminiert ist, wird versucht, die tatsächlichen Portfolien dem Idealportfolio gegenüberzustellen und an es anzupassen.
Das Modell geht ferner von einem vollkommenen Kapitalmarkt aus. Weitere Prämissen des Modells lauten:Horst Gräfer, Bettina Schiller, Sabrina Rösner: Finanzierung – Grundlagen, Institutionen, Instrumente und Kapitalmarkttheorie. 6. Auflage. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-503-10686-8, S. 249–260. Der Markt ist informationseffizient. Das bedeutet, dass die Marktteilnehmer die gleichen Informationen besitzen und sie gleich verarbeiten. Der Investor handelt rational und nutzenmaximierend. Alle Marktteilnehmer haben einen Marktzugang. Es existieren weder Steuern noch Transaktionskosten. Alle Wertpapiere sind beliebig teilbar. Demnach existieren auch halbe Aktien.
Das wichtigste Ergebnis von Markowitz lautet, dass das Portfoliorisiko nicht dem durchschnittlichen Risiko seiner Bestandteile entspricht, sondern durch die Korrelationskoeffizienten dieser Bestandteile bestimmt wird. Zusammenfassend bedeutet es, dass der im Folgenden dargestellte Diversifikationseffekt durch drei Parameter gekennzeichnet wird: durch die erwartete Rendite, die Streuung und durch den Korrelationskoeffizienten.
Die Anfänge der klassischen Portfoliotheorie stellten einen Meilenstein in der Finanzierungstheorie dar, da durch die Kalkulation von Risiken und Renditen Empfehlungen zu Finanzanlagen gegeben werden konnten. Deshalb wird die Portfoliotheorie auch als normative Theorie bezeichnet. Sie bildet aber auch die Grundlage für die neoklassische Finanzierungstheorie. Aus dem Fondsmanagement und dem Versicherungswesen ist die Portfoliotheorie außerdem nicht mehr wegzudenken.Neil A. Doherty, Andreas Richter: Moral Hazard, Basis Risk, and Gap Insurance. In: The Journal of Risk and Insurance. Band 69, Nr. 1, 2002, S. 10.
Anwendungsmöglichkeiten In der Portfoliotheorie gilt das Prinzip „Nicht alle Eier in einen Korb legen“. Ausgehend von Wertpapierportfolien wird die Risikodiversifizierung auch bei Portfolien wie Kreditportfolien angewandt, die im günstigsten Fall eine hohe Granularität und geringe Klumpenrisiken aufweisen. Die Streuung kann nach Kreditnehmern, Fremdwährungen, Bonitätsklassen, Branchen, Regionen und Staaten (Klumpenrisiko) oder nach Kredithöhe (Granularität) erfolgen. Die limitierenden Vorschriften für Großkredite bei Kreditinstituten zielen auf eine Verbesserung der Granularität ab. Der Ausschluss von Anlagen mit hohem Kreditrisiko (spekulative Bonität, siehe Hochzinsanleihe) trägt zwar ebenfalls zur Risikominderung, aber nicht zur Risikodiversifizierung bei.
Innerhalb des Marktrisikos ist die Risikodiversifizierung insbesondere für Kursrisiken (bei Aktien, Anleihen, Investmentzertifikaten, Devisen oder Sorten) und deren Streuung relevant.Henner Schierenbeck: Grundzüge der Betriebswirtschaftslehre. 2003, S. 448 ff. Investmentgesellschaften und Kapitalanlagegesellschaften dürfen daher Gelder nur nach dem Grundsatz der Risikomischung anlegen (so u. a. , , KAGB), worunter eine Risikodiversifizierung zu verstehen ist. Ähnlich gehen auch Hedgefonds vor, wobei für Dach-Hedgefonds nach KAGB ebenfalls risikobegrenzende Anlagevorschriften vorhanden sind.
Innerhalb eines produzierenden Unternehmens können durch Risikodiversifikation voneinander unabhängige Risiken regional, objektbezogen oder personenbezogen gestreut werden: Regionale Streuung erfolgt etwa durch Herstellung desselben Produkts in verschiedenen Betriebsstätten (Parallelproduktion); objektbezogene Diversifizierung erfolgt beispielsweise durch Schaffung mehrerer gleichartiger Produktionsanlagen (Redundanz);