mini|SS-Standartenführer Walther Rauff (rechts), 1945 Hermann Julius Walther Rauff (* 19. Juni 1906 in Köthen; † 14. Mai 1984 in Santiago de Chile) war in der Zeit des Nationalsozialismus Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), maßgeblich am Einsatz von Gaswagen beteiligt und Chef eines Einsatzkommandos im Nordafrikafeldzug. Rauff tauchte nach 1945 zunächst in Italien und Syrien unter und flüchtete 1949 nach Südamerika, wo er sich ab 1958 als Militärberater in Chile betätigte. Zwischen 1958 und 1962 wurde er vom Bundesnachrichtendienst (BND) als nachrichtendienstliche Verbindung geführt. Er nahm nach dem Putsch in Chile 1973 leitende Funktionen im chilenischen Geheimdienst Dirección de Inteligencia Nacional (DINA) wahr.

Leben Der Sohn eines Bankprokuristen legte nach dem Schulbesuch in Magdeburg 1924 das Abitur ab. Nach eigenen späteren Aussagen wurde er von seinen Eltern „in nationalem und soldatischem Sinne erzogen“.Zitiert bei Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 139 f. Rauff trat 1924 in die Reichsmarine ein. Zuletzt als Kapitänleutnant Kommandant eines Minensuchbootes schied er Ende 1937 auf eigenen Wunsch aus, um einer drohenden unehrenhaften Entlassung wegen Ehebruchs zuvorzukommen.Cüppers: Immer davongekommen. S. 72.

Zum 1. Mai 1937 trat Rauff in die NSDAP (Mitgliedsnummer 5.216.415)Bundesarchiv R 9361-III/549323 und im Januar 1938SS-Eintritt nach: Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 140. Mitgliedsnummern und Beförderungsdaten in der SS sind der Dienstaltersliste der SS von 1944 entnommen. in die SS (SS-Nummer 290.947) ein, in der er am 20. April 1938 den Rang eines SS-Hauptsturmführers erhielt. In seiner SS-Personalakte wurde Rauff als „Alter Kämpfer“ geführt, dies deutet darauf hin, dass er bereits vor Hitlers „Machtergreifung“ 1933 die NSDAP unterstützte, als Marineangehöriger der Partei jedoch nicht beitrat.Breitman, Goda, Brown: Gestapo. S. 154, 168. Ab Januar oder April 1938Laut eigener Aussage in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile am 28. Juni 1972 beim NS-Archiv ab Januar 1938, nach Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 140; ab April 1938 beim SD. arbeitete Rauff im SD-Hauptamt als Referent für Mobilmachungsangelegenheiten. In dieser Funktion prüfte er, wer vom SD-Personal im Kriegsfall „unabkömmlich“ war.

Nach dem Überfall auf Polen 1939 nahm Rauff an den Besprechungen der Amtchefs der Sicherheitspolizei und des SD unter Reinhard Heydrichs Leitung teil und protokollierte die seit Kriegsbeginn von den Einsatzgruppen durchgeführten Massenmorde in Polen. 1940 und 1941 war Rauff nach freiwilliger Meldung zur Marine Kommandeur einer Minensuchflottille an der Küste des Ärmelkanals, dann kehrte er zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zurück. Seit 9. November 1940 SS-Sturmbannführer, übernahm er im RSHA die Leitung der Gruppen II D und VI F, die beide für technische Angelegenheiten zuständig waren. Mit der Ernennung Heydrichs zum Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren folgte er diesem nach Prag und organisierte das „Technische Nachrichtenwesen“ der dortigen Dienststelle. Zwischen Rauff und Heydrich bestand offenbar eine persönliche Freundschaft.Breitman, Goda, Brown: Gestapo. S. 154. In seiner Vernehmung 1972 weiß Rauff von Manipulationen beim Doppelkopfspiel gegen Heydrich zu berichten. Eine Gemeinsamkeit lag darin, dass auch Heydrich wegen seines privaten Lebenswandels unehrenhaft aus der Marine ausgeschieden war.

Entwicklung der Gaswagen Nach dem Angriff auf die Sowjetunion war Rauff als Gruppenleiter II D des RSHA einer der zentral Verantwortlichen für Völkermorde wie den Holocaust, den Völkermord an den damals „Zigeuner“ genannten Sinti und Roma und Kommunisten in der Sowjetunion.Mathias Beer: Die Entwicklung der Gaswagen bei dem Mord an den Juden. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1987, 35, S. 403–417; ifz-muenchen.de (PDF; 7,6 MB) Schon bald nach Beginn der Massenmorde wurde nach Alternativen zu den Massenerschießungen gesucht: Neben den von Arthur Nebe und Albert Widmann durchgeführten Morden mit Sprengstoff wurden Tötungen mit Gaswagen diskutiert, wie sie seit Anfang 1940 vom Sonderkommando Lange in Polen praktiziert wurden. Bei den Gaswagen handelte es sich um Lastwagen mit geschlossenem Aufbau, in die Auspuff-Gase eingeleitet wurden. Rauff selbst äußerte 1972: „Ob ich damals Bedenken gegen den Einsatz der Gaswagen hatte, kann ich nicht sagen. Für mich stand damals im Vordergrund, dass die Erschiessungen für die Männer, die damit befasst wurden, eine erhebliche Belastung darstellten und dass diese Belastung durch den Einsatz der Gaswagen entfiel.“Aussage von Rauff in der deutschen Botschaft in Santiago de Chile am 28. Juni 1972 beim NS-Archiv.

Die Initiative zur Entwicklung der Gaswagen ging offenbar von Heydrich aus, Himmler war informiert. Heydrich beauftragte im September oder Oktober 1941 Rauff, der den Auftrag an seinen Untergebenen Friedrich Pradel vom RSHA-Referat II D 3a weitergab. Der für die Kraftfahrzeuge der Sicherheitspolizei zuständige Pradel bestätigte Rauff nach kurzer Zeit die „Machbarkeit“ eines Gaswagens. Rauff befahl Pradel, sich zum Bau der Gaswagen mit dem Chemiker Walter Heeß vom Kriminaltechnischen Institut (KTI) in Verbindung zu setzen, und beauftragte die Firma Gaubschat aus Berlin-Neukölln mit der Lieferung der Kastenaufbauten, während das RSHA die Fahrgestelle der Gaswagen beschaffte. Anfang November wurden zur „Erprobung“ des ersten Gaswagens 30 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen vergast. Es wurde zunächst eine Serie von fünf oder sechs Gaswagen gebaut; ein erster Einsatz eines Gaswagens erfolgte im November in Poltawa durch das Sonderkommando 4a bei der Einsatzgruppe C. Für den 8. Dezember 1941 ist der Einsatz von Gaswagen im Vernichtungslager Kulmhof bezeugt. Vor dem 14. Dezember 1941 erteilte Rauff dem Chemiker August Becker den Befehl, den Einsatz der Gaswagen bei den Einsatzgruppen im Osten zu überprüfen.

Wahrscheinlich noch vor Jahresende 1941 wurden 30 weitere Gaswagen in Auftrag gegeben, die auf der Basis größerer Lastwagen gebaut werden sollten. Bis zum 23. Juni 1942 waren 20 davon ausgeliefert. Rauff war hierbei nicht allein für technische Fragen zuständig, sondern koordinierte den Einsatz der Fahrzeuge bei den Einsatzgruppen und wurde über dabei auftretende Probleme informiert.Der Schriftverkehr im Nürnberger Dokument PS-101. Harvard Law School Library. Auf Anforderung von Harald Turner, Chef des Verwaltungsstabes beim Militärbefehlshaber in Serbien, war ein Gaswagen zwischen April und Juni 1942 in Serbien im Einsatz. Nach einem Vermerk vom 5. Juni 1942, gefertigt im Rauff unterstehenden Referat II D 3a des RSHA, wurden seit Dezember 1941 allein mit drei beispielhaft angeführten Gaswagen 97.000 Menschen ermordet.Vermerk … Spezialwagen, Nummer im RSHA: II D 3 a (9) Nr. 214/42 g.Ra. – vom 5. Juni 1942. ns-archiv.de

Einsatzkommando in Nordafrika Im Sommer 1942 war Rauff Chef eines Einsatzkommandos, das – nach den Erfolgen der Achsenmächte im Afrikafeldzug – Juden in Palästina und anderen Teilen des Vorderen Orients systematisch ermorden sollte. Die Nationalsozialisten gingen von einer verbreiteten Kollaborationsbereitschaft der Araber aus: „Die außergewöhnlich deutschfreundliche Stimmung der Araber ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß man hofft, ‚daß Hitler kommen möge‘, um die Juden zu vertreiben“,Zitiert nach: Kerstin Eschrich: (Historisches Institut der Universität Stuttgart, abgerufen am 22. Oktober 2011). so im Sommer 1942 der Chef des Auslandsgeheimdienstes, Walter Schellenberg. Mit zu dieser Einschätzung beigetragen hatte der islamische Geistliche und palästinensische arabische Nationalist Mohammed Amin al-Husseini, der sich ab 1941 im Exil in Deutschland aufhielt. Die anfänglichen Erfolge der Deutschen und Italiener im Afrikafeldzug weckten im Sommer 1942 Erwartungen an einen raschen Vorstoß nach Ägypten und weiter nach Palästina.

Die Aufstellung eines Einsatzkommandos wurde im Juli 1942 beschlossen und rasch umgesetzt:Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 137f., 186. Am 1. Juli 1942 sprachen Walter Schellenberg und Himmler über einen „Einsatz in Ägypten“; offenbar am gleichen Tag erteilte auch Hitler seine Zustimmung. Am 13. Juli wurde eine Richtlinie zwischen der SS und dem Oberkommando der Wehrmacht vereinbart, die weitgehend den Vereinbarungen für den Massenmord in der Sowjetunion entsprach: Das Einsatzkommando, so die Vereinbarung, sei berechtigt, „im Rahmen seines Auftrages in eigener Verantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung Exekutivmaßnahmen zu treffen.“Zitiert nach: Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 138. Das unter Rauffs Kommando stehende, 24 Mann starke Einsatzkommando wurde am 29. Juli nach Athen verlegt. Rauff, seit 30. Januar 1942 im Rang eines SS-Obersturmbannführers, war am 20. Juli nach Tobruk geflogen, um von Generalfeldmarschall Erwin Rommel Befehle für den Einsatz des Kommandos entgegenzunehmen. Eine persönliche Begegnung zwischen Rommel und Rauff gilt als unwahrscheinlich, da sich zeitgleich – 500 km von Tobruk entfernt – die erste Schlacht von El Alamein in ihrer Endphase befand.Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 138. Rauff selbst gab später an, sich in Tobruk mit dem Stabschef Rommels, Oberstleutnant Siegfried Westphal, getroffen zu haben.Angaben Rauffs gegenüber Karl Wolff und Gerd Heidemann im Juni 1979, siehe: Cüppers: Immer davongekommen. S. 76. Die Schlacht bei El Alamein stoppte die deutsche und italienische Offensive; deshalb wurde Rauffs Kommando nach dem 18. September 1942 von Athen nach Deutschland zurückverlegt.

Rauffs Einsatzkommando kam dann ab dem 24. November 1942 in Tunesien zum Einsatz: Am 8. November waren alliierte Truppen in der Operation Torch in Marokko und Algerien an Land gegangen. Auf Befehl Hitlers landeten daraufhin deutsche Truppen in Tunesien, das bis dahin unter Kontrolle des Vichy-Regimes stand. Rauffs Einheit bestand zunächst aus 24 Mann und wurde dann auf 100 Mann aufgestockt.Mallmann, Cüppers: Halbmond. S. 202 ff. Am 6. Dezember einigte sich Rauff in einer Besprechung mit dem General Walther Nehring und dem deutschen Diplomaten Rudolf Rahn auf den Einsatz von jüdischen Zwangsarbeitern zum Ausbau der deutschen Frontlinien. Rauff befahl anschließend führenden Vertretern der jüdischen Gemeinde in Tunis, einen Judenrat zur Umsetzung der deutschen Anordnungen zu bilden sowie sofort 2.000 jüdische Zwangsarbeiter bereitzustellen. Zudem sollten die Zwangsarbeiter auf dem Rücken einen gelben Stern tragen; bei Nichtbefolgung des Befehls drohte er mit der Verhaftung von 10.000 Juden. Der jüdischen Gemeinde war es in der Kürze der Zeit nicht möglich, die geforderten Zwangsarbeiter zu stellen. Deshalb ließ Rauff am 9. Dezember die Hauptsynagoge stürmen, die dort Betenden verhaften und in das Lager Cheylus, 65 Kilometer südlich von Tunis, deportieren. Die Zahl der jüdischen Zwangsarbeiter wurde beständig erhöht, zuletzt am 21. April 1943. In Tunesien existierten zwischen 30 und 42 Arbeitslager,30 oder 42, siehe die „Haftstätten im Rahmen der Anerkennungen des Artikel 2-Abkommens mit der Jewish Claims Conference (JCC)“ mit insgesamt 1650 zum Teil redundanten Positionen in denen die Zwangsarbeiter unter teilweise katastrophalen Bedingungen untergebracht waren.