mini|Der nördliche Abschnitt des Vorderen Limes mit dem älteren, westlicher gelegenen Neckar-Odenwald-Limes mini|Lage des Kastells in Murrhardt 1892 Das Kastell Murrhardt war ein römisches Kohortenkastell des Prinzipats am „Vorderen Limes“, einem Abschnitt des im Jahre 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen „Obergermanisch-Raetischen Limes“. Die auf dem Gebiet der heutigen Stadt Murrhardt im Rems-Murr-Kreis, Baden-Württemberg.

Lage Die mit der Längsachse nordöstliche Orientierung des Kastells im tief eingeschnittenen Tal der Murr wird sowohl vom Verlauf des Limes als auch vom Fluss, der im Bereich der Garnison in ostwestliche Richtung abfließt, bestimmt. Wie an den meisten Kastellplätzen in den Limesgebieten wurde versucht, die Prätorialfront, die dem Feind zugewandte Seite des Lagers, weitgehend zur Grenze hin zu orientieren. Der Standort am Hang des Riesbergs war hochwassersicher an der südlichen Talsohle ausgewählt worden. Die Flanken dieses Berges wurden erst seit den 1960er Jahren mit Häusern und Kleingartenanlagen überbaut. Die heutige Riesbergstraße folgt dem Verlauf einer der ehemaligen Lagerhauptstraßen, der Via principalis. Das heutige evangelische Pfarramt II liegt über der einstigen Vorhalle des Stabsgebäudes (Principia). Die antike Grenze befindet sich in 1,2 Kilometern Entfernung und verläuft fast genau in Nord-Süd-Richtung. Eine Erklärung für den ungewöhnlich großen Abstand des Kastells zum Limes wird in einer Engstelle des Murrtales gesucht, die es im näheren Bereich der Grenzanlagen gibt. Hier waren keine Möglichkeiten zur Errichtung größerer Militärbauten vorhanden. Mit seiner Lage im Flusstal konnte die Besatzung der Garnison den Zugang vom Barbaricum auf römisches Territorium sperren bzw. kontrollieren. Inwieweit die vergleichsweise flache Murr außerdem eine schnelle Versorgung der Truppe auf dem Wasserweg sichern konnte, dürfte offen sein.

Verbindungsstraßen zu den Kastellen in Welzheim und in Mainhardt sowie in das rückwärtige Hinterland nach Benningen an der Einmündung der Murr in den Neckar, dem früheren Standort der Kohorte, können als gesichert angenommen werden. Die Militärstraße zur Murrmündung folgte nur bis etwa Oppenweiler dem Murrtal und verlief dann in etwa über die Linie Großaspach und Rielingshausen zur Murrmündung. Einzelne Abschnitte dieser Straße sind nachgewiesen.Friedrich Hertlein, Peter Goessler: Die Strassen und Wehranlagen des römischen Württemberg. Kohlhammer, Stuttgart 1930, S. 111–116. Oberhalb der Murrmündung, im Areal der Häldenmühle, wiesen im Gewann Au verschiedene Funde auf einen römerzeitlichen Schiffsanlegeplatz am rechten Neckarufer gegenüber Benningen hin.Dieter Planck: Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 205. Somit lief an dieser Stelle vermutlich der Versorgungsweg des Kastells über Wasser mit dem Versorgungsweg über Land zusammen.

Forschungsgeschichte Wie der Gewannname „Bürg“ zum Ausdruck bringt, verlor sich das Wissen um die Existenz einer alten, einst besiedelten Stätte wohl nie vollständig. Murrhardts römische Altertümer wurden bereits von Philipp Apian (1534) und Martin Crusius (annales Suevici, 1595) erwähnt. Die römische Vorgeschichte dieses Orts thematisierte auch die einschlägige Literatur des 19. Jahrhunderts. So notierte beispielsweise der Historiker und Bibliothekar Christoph Friedrich von Stälin (1805–1873) im ersten Teil seiner 1841 erschienenen Wirtembergischen Geschichte drei antike Inschriften.Christoph Friedrich von Stälin: Wirtembergischen Geschichte Bd. 1. J. G. Cotta’scher Verlag, Stuttgart, Tübingen 1841, S. 57. Bei dem in den Jahren 1876 bis 1878 von Murrhardt nach Vorderwestermurr ausgeführten Straßenbau wurde die steinerne Umwallung des Kastells angeschnitten. In der Folge fanden die ersten systematischen Grabungen 1885 durch den damals neubegründeten Altertumsverein für das Murrtal und Umgebung statt. Im November und Dezember 1892 wurden Grabungen im Bereich der Umwehrung und am Stabsgebäude im Auftrag der Reichs-Limeskommission durch Oberamtsbaumeister Christian Hämmerle, den zuständigen Streckenkommissar, durchgeführt. Mit der beginnenden, fast vollständigen Überbauung musste das Landesamt für Denkmalpflege 1973, 1975, 1977 und 1979/1980 Abschnitte des rückwärtigen Lagerbereichs, der Retentura, untersuchen, wobei neben der Umwehrung auch an den Gräben und insbesondere im Umfeld der im Kastellinneren verlaufenden Via decumana Grabungen stattfanden.Dieter Planck, Willi Beck: Der Limes in Südwestdeutschland. 2. Auflage, Theiss, Stuttgart 1987, ISBN 3-8062-0496-9, S. 82 u. Abb. 84.

Im Jahre 1988 wurde ein kleiner Ausschnitt der Zivilsiedlung untersucht und am 22. September 2010 das bis dahin nicht lokalisierte Kastellbad durch Christian Schweizer, dem Leiter des Carl-Schweizer-Museums, bei Aushubarbeiten für das künftige Murrhardter Ärztehaus am Obermühlenweg entdeckt. Durch Verhandlungen der Kommunalverwaltung mit dem Investor konnte ein Baustopp bis zum 30. November desselben Jahres erreicht werden. In der folgenden, zweimonatigen Notgrabung wurden die wertvollen Baureste unter Leitung des Provinzialrömischen Archäologen Andreas Thiel, Oberkonservator am Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg und Stephan Papadopoulus, gleichfalls Archäologe am Landesdenkmalamt, untersucht und erstdokumentiert. Da an Stelle des Bades aufgrund der für den Investor unveränderbaren Planungen eine Tiefgarage entstehen sollte, war das Bauwerk nicht an seinem Auffindeort zu erhalten. Aufgrund von Verhandlungen und Kompromissen gelang es jedoch, die am besten erhaltenen Baureste, die halbrunde Apsis sowie ein weiteres Mauerstück, mit großem technischen Aufwand in zwei tonnenschwere Blöcke zu zersägen, zu bergen und letztendlich fast am gleichen Standort, um rund zwei Meter höhenversetzt, in das neue Ärztehaus zu integrieren.

Baugeschichte Datierungsansatz mini|Übersichtsplan und Details am Kastell Murrhardt 1892 Mit der Vorverlegung des Limes bezogen viele Soldaten einen neuen Garnisonsort. Die alten, jetzt im Limeshinterland gelegene Kastelle wurden zumeist aufgegeben. Der von langer Hand geplante Garnisonswechsel in das neue, weiter nach Osten vorgeschobenen Lager von Murrhardt war eine organisatorische Meisterleistung, da hiervon letztendlich alle Kastelle entlang des Neckar-Odenwald-Limes betroffen waren. Der Althistoriker Géza Alföldy (1935–2011) stellte 1983 anhand der damals bekannten epigraphischen Zeugnissen aus Böckingen fest, und dass die dort gelegene Kohorte noch mindestens im Jahr 148 am Neckar stand.Géza Alföldy: Caius Popilius Carus Pedo und die Vorverlegung des obergermanischen Limes. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg 8, 1983, S. 55–67; hier: S. 56.

Wie die Forschungen und Vergleich mit anderen an den Vorderen Limes vorgeschobenen Kastellen ergab, wurden die Kastelle am Vorderen Limes jedoch erst am Ende oder kurz nach der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138–161) errichtet. Zum Bau des Vorderen Limes gibt es außer den archäologischen Grabungsergebnissen bisher kein direktes antikes schriftliches Zeugnis.Klaus Kortüm: In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 39. Alföldy mutmaßte nach Auswertung zweier im Mittelmeerraum aufgefundenen Inschriften, dass die Limesstrecke des Vorderen Limes „um 155“ unter dem obergermanischen Statthalter Gaius Popilius Carus Pedo (etwa 152–155) ausgebaut worden sei.Géza Alföldy: Die lineare Grenzziehung des Vorderen Limes in Obergermanien und die Statthalterschaft des Gaius Popilius Carus Pedo. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Limes Imperii Romani. Beiträge zum Fachkolloquium „Weltkulturerbe Limes“ November 2001 in Lich-Arnsburg (= Saalburg-Schriften 6). Römerkastell Saalburg, Archäologischer Park, Bad Homburg v. d. H. 2004, ISBN 3-931267-05-9, S. 7–20. Zumindest müssen wichtige militärische Aktivitäten beziehungsweise Truppenbewegungen stattgefunden haben. Der Wissenschaftler stellte sich damit in die Tradition des Archäologiepioniers Ernst Fabricius (1857–1942), der diesen Zeitraum bereits 1902 ermittelt hatte.

Neuere Funde und Methoden könnten diese Annahme zeitlich möglicherweise genauer fassen beziehungsweise korrigieren. An den bisher frühesten dendrochronologisch analysierbaren Bauhölzern aus dem Benefiziarier-Weihebezirk am nördlich gelegenen Kastell Osterburken konnte das Fälldatum auf den Winter 159/160 n. Chr. bestimmt werden.Claus-Michael Hüssen: Die römische Besiedlung im Umland von Heilbronn. Theiss, Stuttgart 2000, ISBN 3-8062-1493-X, S. 145. Allerdings fand sich unter dem Tempel eine steinerne Quellfassung mit Nymphe und Weiheinschrift, die stratigraphisch zweifelsfrei älter war.. Durch Alföldys Forschungen zeichnet sich ab, dass die Anlage der Quellfassung während der Statthalterschaft des Gaius Popilius Carus Pedo erfolgt sein könnte.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 41. Das ab 2004 untersuchte Kohortenbad von Osterburken bot weiteres datierbares Material. Festzuhalten ist, dass die dort im Grundwasser erhalten gebliebenen Eichenpfosten der ersten Bauphase im Spätjahr 164 n. Chr. gefällt wurden.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 44. Weitere Osterburkener Hölzer konnten nach Aussage des provinzialrömischen Archäologen Klaus Kortüm vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in das Jahr 161 n. Chr. datiert werden, was Überlegungen stützt, der eigentliche Vordere Limes sei erst mit dem Rätischen Limes – von dem zeitlich dazu passende Datierungen stammen – in einer provinzübergreifenden Ausbaumaßnahme kurz nach dem Tod des Kaisers Antoninus Pius (Januar 161) errichtet worden.Bernhard Albert Greiner: Der Beitrag der Dendrodaten von Rainau-Buch zur Limesdatierung. In: Limes XX. Estudios sobre la frontera Romana. Ediciones Polifemo, Madrid 2009, ISBN 978-84-96813-25-0, S. 1289. Eine wichtige Grundlage für diese These ist die Überlegung, dass der Bau des Kohortenbades von Osterburken aller Wahrscheinlichkeit nach nicht unwesentlich später als die Errichtung des Kastells erfolgt sein kann. Laut Kortüm wird eine nennenswerte Präsenz römischer Truppen vor 160 n. Chr. zumindest für Osterburken immer unwahrscheinlicher. Auch die Neubewertung der Weihesteine des Zenturios Veranius Saturninus, der noch 158 n. Chr. das Numerusbad von Neckarburken durch seine Einheit, den dort kasernierten Numerus Brittonum Elantiensium (Einheit der Elzbrittonen) neu errichten. und vergrößern ließ, lässt eher an einen Umzug um 160 n. Chr. denken. Der Zenturio hinterließ an seinem neuen Garnisonsort Osterburken gleichfalls einen Weihestein – allerdings ohne Datierung..

Die These eines späteren Datierungsansatzes des Vorderen Limes wirft neue Fragen auf. So lässt das Datum um 160 n. Chr. nicht nur das zeitlich ältere Osterburkener Nymphäum rätselhafter werden. Unter dem Kohortenbad von Osterburken fanden sich einige ältere römische Gruben, die nichts mit dem Thermenbau zu tun haben. Die Archäologen bargen hier organische Reste, Wurzeln, Holzabfälle und einige bearbeitete Hölzer. Auch geringe Mengen römischer Keramik wurden gefunden. Die Auswertung dieser Funde steht noch aus.Klaus Kortüm: Osterburken. Römischer Grenzposten zwischen Neckartal und Taubergrund. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. 35, 1/2006, S. 46. Daneben gibt es aus dem Kastell Jagsthausen noch das bisher älteste datierbare Inschriftenbruchstück vom „Vorderen Limes“ aus der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius, das einer Zuordnung bedarf.. Erst neue Funde und Analysen werden möglicherweise eine endgültige Bewertung der damaligen Geschehnisse möglich machen.

Holz-Erde-Lager