mini|Von der Ca’ Farsetti, seit 1826 das Rathaus Venedigs, auch Palazzo Dandolo Farsetti genannt, wurde lange angenommen, sie sei die „Domus magna“ Enrico Dandolos gewesen, doch wurde mit ihrer Errichtung erst kurz nach seinem Tod begonnen. Die „kurz vor 1208/09“ entstandene Casa Renier DandolosAndrea Lermer: Der gotische «Dogenpalast» in Venedig, Deutscher Kunstverlag, 2005, S. 67. wurde nach einem Brand im Jahr 1524 wieder aufgebaut. 1664 erwarb sie die toskanische, gerade in den Großen Rat aufgenommene Familie Farsetti. Ranieri Dandolo († 1209 auf Kreta), auch Raynerius Dandulo, war von 1202 bis 1205 Vizedoge, aber auch Armeeführer und Flottenkommandant der Republik Venedig. Sein Vater war der Doge Enrico Dandolo, seine Mutter dessen Ehefrau Contessa.

Während der Zeit als Vizedoge betrieb er die Einsetzung des Tommaso Morosini als Patriarch von Konstantinopel, das 1204 erobert worden war. Darüber korrespondierte er mit Papst Innozenz III. Auch trat er als Gesetzgeber auf, eine Gesetzgebung die den kulturgeschichtlichen Wandel zu einer sehr viel stärker schriftbetonten Rechtsprechung und Staatlichkeit markiert. Ranieri begann, nach seinem Rücktritt als Vizedoge, die Eroberung Kretas gegen die Genuesen. Nachdem es ihm gelungen war, die Insel weitgehend zu erobern, kam er durch einen Pfeilschuss ums Leben.

Ob Vitale Dandolo, ebenfalls ein Flottenführer, sein Bruder war, oder ob jener ein Sohn seines Vaterbruders Andrea Dandolo war, ist unklar. Ranieri Dandolo hatte eine Tochter namens Anna, welche um 1216 den serbischen König Stefan Nemanjić heiratete. Ihr Sohn Stefan Uroš der Große wiederum war von 1243 bis 1276 König von Ungarn.

Herkunft, Familie Nur wenig kann über die Abstammung Ranieri Dandolos als gesichert gelten. Wegen seiner Rolle im Vierten Kreuzzug gibt es keinen Dogen des Mittelalters, über den dermaßen viel geforscht wurde, wie über seinen Vater Enrico Dandolo. Dies hat jedoch zu einer Anhäufung von Irrtümern und Widersprüchen geführt, selbst in Standardwerken, in denen Enrico zwei Ehen und vier Söhne zugeschrieben wurden, dazu eine Tochter. So schrieb Antonio Carile im 1986 erschienenen 3. Band des Lexikons des Mittelalters, Enrico Dandolo sei in erster Ehe mit „Felicita“, einer Tochter des Prokuratoren von San Marco Pietro Bembo verheiratet gewesen, in zweiter mit Contessa, die möglicherweise zur Familie der Minotto gehörte. Aus diesen Ehen seien vier Söhne hervorgegangen, nämlich Marino, Ranieri, Vitale und Fantino. In diesem Artikel wird gleich doppelt Manuel I., Kaiser von 1143 bis 1180 und Komnene, mit Manuel II., Kaiser von 1391 bis 1425 und Palaiologe, verwechselt. Demnach hatte Ranieri drei Brüder. Alvise Loredan war fünf Jahre vor Carile in seinem Werk I Dandolo gleichfalls von diesen vier Söhnen und den besagten zwei Ehen ausgegangen.Alvise Loredan: I Dandolo, Dall’Oglio, 1981, S. 95.

Eine Reihe von Annahmen über diese Verwandtschaftsverhältnisse, wie etwa die, Enrico Dandolo habe zwei Mal geheiratet, gilt jedoch schon länger als dubios. So ließ Antonino Lombardo 1982 Zweifel an einer ersten Ehe mit besagter „Felicita“ anklingen.Antonino Lombardo: Studi e ricerche dalle fonti medievali veneziane, Venedig 1982, S. 83. Als gesichert kann nur gelten, wie schon Andrea Da Mosto schrieb, dass Enrico Dandolo spätestens 1183 mit Contessa verheiratet war, wie ein Dokument aus dem Konvent San Zaccaria belege.Andrea Da Mosto: I dogi di Venezia nella vita pubblica e privata, Nachdruck, Martello, 1983, S. 72. „Felicita Bembo“ – darauf dürfte der Irrtum nach Thomas Madden zurückgehenThomas F. Madden: Enrico Dandolo and the Rise of Venice, Johns Hopkins University Press, 2003, S. 234, Anm. 101. – erscheint in einer Genealogie von 1743.Dabei handelt es sich um die Fortsetzung der Famiglie nobile venete des Marco Barbaro durch Antonio Maria Tasca, die als Arbori dei patritii veneti ricoppiati con aggiunte di Antonio Maria Fosca, 7 Bde., im Staatsarchiv Venedig liegt.

Doch nicht nur mit Blick auf die Ehe(n) Dandolos bestand lange Unsicherheit, sondern auch auf die Söhne. Die Ansicht, die zuerst Karl Hopf vertreten hat, Marino sei als Sohn Enricos zu betrachten, geht, wie Raymond-Joseph Loenertz 1959 konstatierte, auf eine Verwechslung mit einem Träger des gleichen Namens zurück.Raymond-Joseph Loenertz: Marino Dandolo, seigneur d’Andros, et son conflit avec l’évêque Jean 1225–1238, in: Ders. (Hrsg.): Byzantina et Franco-Graeca. Articles parus de 1935 à 1966 réédités avec la collaboration de Peter Schreiner, Bd. 1, Rom 1970, S. 399–420, hier: S. 402 f. Vitale, der die venezianische Flotte vor Konstantinopel kommandierte, war „womöglich ein Sohn seines Bruders Andrea“, also kein Bruder Ranieris, sondern sein Cousin, wie Karl-Hartmann Necker 1999 annahm.Karl-Hartmann Necker: Dandolo. Venedigs kühnster Doge, Böhlau, 1999, S. 299. Sicher als Enrico Dandolos Sohn gilt demnach nur Ranieri, vielleicht noch Fantino. Fantino soll lateinischer Patriarch im von den Kreuzfahrern 1204 neu geschaffenen Lateinischen Kaiserreich geworden sein, was allerdings schon Heinrich Kretschmayr vor mehr als einem Jahrhundert bestritten hat.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1, Gotha 1905, S. 471. Thomas Madden bestreitet gleichfalls die Existenz eines Patriarchen namens Fantino, wie überhaupt eines Fantino Dandolo im Venedig dieser Zeit, dieser tauche erst bei Marino Sanudo auf.Thomas Madden: Enrico Dandolo and the Rise of Venice, The Johns Hopkins University Press, 2003, S. 103.

Es bleiben also neben Ranieri als gesichertem Sohn Enricos, lediglich Vitale als Sohn oder Neffe, und nur eine gesicherte Ehe, nämlich die mit Contessa. Damit ist sie auch die Mutter Ranieris. Doch diese Erkenntnisse setzen sich nur langsam durch. Noch 2006 führte Marcello Brusegan die besagten beiden Ehen und die vier Söhne auf, darüber hinaus eine Tochter, deren Namen er nicht nennt, die aber Bonifaz von Montferrat geheiratet haben soll,Marcello Brusegan: I personaggi che hanno fatto grande Venezia, Newton Compton, 2006, S. 138. einen der Führer des Vierten Kreuzzuges. Diesen Irrtum, dass also eine Schwester oder Halbschwester Ranieris Bonifaz geehelicht haben soll, und der auf Marin Sanudo zurückgeht, hatte Heinrich Kretschmayr bereits 1905 mit den Worten abgetan, dass die Ansicht, es habe „eine Tochter […], deren Gemahl Bonifacio von Montferrat gewesen sei“ gegeben „gewiß auch nicht richtig“ sei.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1, Gotha 1905, S. 471.

In jedem Falle war Ranieri ein Angehöriger der zwölf angesehensten, einflussreichsten und ältesten Familien Venedigs, der sogenannten „apostolischen“ Familien. Zu diesen vielköpfigen, durch bloße Verwandtschaft definierten Großgruppen zählten neben den Dandolo die Badoer, Barozzi, Contarini, Falier, Gradenigo, Memmo, Michiel, Morosini, Polani, Sanudo und Tiepolo. Vor allem mit den Tiepolo standen die Dandolo in Konkurrenz um die Führung.Louise Buenger Robbert: Art. Dandolo Family, in: Christopher Kleinhenz (Hrsg.): Medieval Italy. An Encyclopedia, Routledge, 2004, S. 277 f., hier: S. 277. Die Dandolo erschienen der Legende nach bereits um 727 bei der Wahl des (vielleicht ersten) Dogen Orso, auf dessen Familie sich mehrere der ältesten Familien Venedigs zurückführten. Sie stellten insgesamt vier Dogen, nämlich Giovanni Dandolo, dann Francesco und Enrico Dandolo sowie Andrea Dandolo. Zwei Frauen der Familie waren mit Dogen verheiratet, Giovanna Dandolo mit Pasquale Malipiero und Zilia Dandolo mit Lorenzo Priuli.

Selbstständigkeit, Vermögen Ranieri erscheint erstmals im Februar 1198 als Zeuge in einer Urkunde seiner Tante Primera, wie Madden meint.Thomas Madden: Enrico Dandolo and the Rise of Venice, The Johns Hopkins University Press, 2003, S. 101 f. Zu dieser Zeit war er demnach bereits ein „wealthy man in his own right“. Er erwarb umfangreichen Landbesitz, „several times larger than his father’s land in San Luca“. Wenig später begann er mit dem Bau eines Stadtpalastes am Canal Grande.

Vizedoge mini|Der Verlauf des Vierten Kreuzzuges und die Errichtung des Lateinischen Kaiserreichs sowie des Venezianischen Kolonialreiches Ranieri Dandolo amtierte während der Regierungszeit seines Vaters Enrico als Prokurator von San Marco. Nachdem sich sein Vater mit der venezianischen Flotte 1202 den Teilnehmern am Vierten Kreuzzug als einer ihrer Führer angeschlossen hatte, übernahm Ranieri die Regierung von Venedig als Vizedoge.

In seiner Amtszeit vervollständigte er die erste bekannte Kodifizierung des venezianischen Zivilrechts (Usus Venetorum). Mit einer bloßen „skeleton force“, so Madden (S. 155), versuchte er die Verhältnisse in der Adria zu kontrollieren, während die Hauptflotte auf dem Kreuzzug war.

Im Juni 1205 starb sein Vater in Konstantinopel. Die Nachricht erreichte Venedig erst im Juli. Unmittelbar nach dem Tod seines Vaters wählten die Venezianer in Konstantinopel Marino Zeno zum Podestà mit umfassenden Rechten. Ranieri Dandolo, der über diesen Vorgang nur informiert wurde, wenn auch die Wähler ihre Loyalität und dem Vizedogen das Recht einräumten, der Wahl zu widersprechen, konnte den Akt der Wahl nur hinnehmen.

Venedig sah sich nach 1205 gezwungen, viele der Gebiete, die die Kreuzfahrer bereits erobert hatten, von den Separatisten zurückzufordern. Ranieri Dandolo, der Vizedoge, schickte noch vor der anstehenden Dogenwahl Boten nach Konstantinopel, um die dortigen Venezianer dazu zu bewegen, ihren Anteil am neuen Kaiserreich an Venedig zurückzugeben.„It is noteworthy that this delegation left Venice before 5 August 1205, the day on which Pietro Ziani was elected doge, and arrived in Constantinople before 29 September 1205“ (David Jacoby: The Venetian Government and Administration in Latin Constantinople 1204–1261: A State within a State, in: Gherardo Ortalli, Giorgio Ravegnani, Peter Schreiner (Hrsg.): Quarta Crociata. Venezia – Bisanzio – Imperio Latino, Venedig 2006, S. 19–79, hier: S. 24). Er verzichtete auf eine eigene Kandidatur. Die Wahl Pietro Zianis zum Dogen signalisierte, dass Venedig nun eine starke, wieder auf die Mutterstadt Venedig ausgerichtete Führung brauchte. Am 29. September erkannte der Podestà von Konstantinopel die Autorität des Dogen auch formal an.

Noch kurz vor dieser Wahl ließ Ranieri Dandolo 17 neu gewählte Kanoniker für die Hagia Sophia in seiner Gegenwart vereidigen. Sie mussten schwören, niemals die Wahl eines Klerikers zuzulassen, der nicht mindestens 10 Jahre in Venedig gelebt hatte. Nach dem dortigen Recht galt ein Mann, der mindestens 10 Jahre in der Stadt gelebt hatte, als „Venezianer“. Patriarch Tommaso Morosini musste den gleichen Eid schwören, wenn auch Papst Innozenz III. diesen Eid am 21. Juni 1206 für null und nichtig erklärte. Tatsächlich wurden einige Nichtvenezianer später Kanoniker an der Hagia Sophia, doch stürmten bewaffnete Venezianer die Kirche 1211. Sie bedrohten jeden, der es wagen würde, einen Nichtvenezianer zum Patriarchen zu wählen.David Jacoby: The Venetian Government and Administration in Latin Constantinople 1204–1261: A State within a State, in: Gherardo Ortalli, Giorgio Ravegnani, Peter Schreiner (Hrsg.): Quarta Crociata. Venezia – Bisanzio – Imperio Latino, Venedig 2006, S. 19–79, hier: S. 46 f.