Die China National Nuclear Corporation (), kurz 中核集团 bzw. CNNC, ist ein chinesischer Kraftwerksbetreiber und Entwicklungsunternehmen mit Schwerpunkt Kernenergie. Der Hauptsitz der Firma befindet sich im Stadtbezirk Xicheng von Peking. Vorstandsvorsitzender der CNNC ist seit dem 19. Juli 2018 der Reaktoringenieur Yu Jianfeng (余剑锋, * 1965), der nach seinem Eintritt in die Firma im August 1988 zunächst bis 1995 für den Reaktor 101 zuständig war und dann immer weiter aufstieg.

Geschichte Drittes Ministerium für Maschinenbauindustrie mini|hochkant|Qian Sanqiang mit der Kernphysikerin He Zehui Nachdem der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 30. November 1950 auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Koreakriegs mit dem Einsatz von Kernwaffen gegen die Volksrepublik China gedroht hatte, beschloss das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas, ebenfalls Kernwaffen zu entwickeln. Der Kernphysiker Qian Sanqiang hatte nach seiner Rückkehr aus Frankreich 1948 am 19. Mai 1950 zusammen mit dem Physiker Wu Youxun das Institut für Moderne Physik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften gegründet, dessen Leitung er 1951 übernahm. Der Forschungsschwerpunkt des Instituts lag bei der Kernphysik und insbesondere bei der Radiochemie, mit der die Grundlagen für eine Nutzung der Kernenergie geschaffen werden sollten. Am 1. Juni 1954 ging 100 km südwestlich von Moskau das Kernkraftwerk Obninsk in Betrieb, im Oktober 1954 entdeckte ein Prospektionstrupp des damaligen Ministeriums für Geologie in Guangxi die erste Uranlagerstätte, und am 15. Januar 1955 beschloss das Zentralkomitee der KPCh den Bau von Kernkraftwerken.

Am 27. April 1955 wurde auf der Basis jenes Beschlusses mit der Sowjetunion ein Abkommen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie geschlossen und vereinbart, dass die Sowjetunion China dabei unterstützen würde, einen Schwerwasserreaktor mit einer Leistung von 7 MW und ein Zyklotron mit einem Durchmesser von 1,2 m zu bauen. Das Institut für Moderne Physik war 1953 in „Institut für Physik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften“ umbenannt worden. 1954 war es von seinem ursprünglichen Standort im Pekinger Stadtbezirk Dongcheng nach Zhongguancun im Westen der Stadt verlegt worden. 1955 wurde nun für den Reaktor bei der damaligen Gemeinde Tuoli (坨里乡, heute Großgemeinde Qinglonghu im südwestlichen Stadtbezirk Fangshan) ein neuer Institutskomplex gebaut, die sogenannte „Fabrik 601“ (601厂), 1959 umbenannt in „Institut 401“ (401所). Am 26. Mai 1956 war Baubeginn für den „Reaktor 101“ (101堆) und das Zyklotron. Am 13. Juni 1958 erreichte der Reaktor erstmal die Kritikalität, am 27. September 1958 gingen Reaktor und Zyklotron in Betrieb. Gleichzeitig wurde das Institut für Physik in „Institut für Atomenergie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften“ umbenannt.

Am 16. November 1956 wurde per Beschluss des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses das Dritte Ministerium für Maschinenbauindustrie der Volksrepublik China (中华人民共和国第三机械工业部) gegründet, das für den Aufbau der chinesischen Atomindustrie und die Herstellung von Kernwaffen zuständig sein sollte. Leiter des Dritten Ministeriums wurde General Song Renqiong, Qian Sanqiang wurde einer seiner Stellvertreter. Zunächst musste man sich auf theoretische Vorarbeiten beschränken. Das änderte sich erst, nachdem Vizepremier Nie Rongzhen am 15. Oktober 1957 in Moskau das „Übereinkommen zwischen der Chinesischen Regierung und der Regierung der Sowjetunion über die Herstellung neuartiger Waffen und militärischer Ausrüstung sowie den Aufbau einer umfassenden Atomindustrie in China“ unterzeichnet hatte. Auf der Basis dieses Übereinkommens kamen rund 1400 sowjetische Berater nach China, darunter 111 Atomexperten und 43 auf den Abbau von Uran spezialisierte Geologen.

Zweites Ministerium für Maschinenbauindustrie mini|Detonation der ersten chinesischen Atombombe am 16. Oktober 1964 Am 11. Februar 1958 verabschiedete der Nationale Volkskongress eine Kabinettsreform, bei der das Dritte Ministerium für Maschinenbauindustrie in „Zweites Ministerium für Maschinenbauindustrie“ umbenannt wurde. Das ehemalige, für Infanteriewaffen, Panzer und Luftfahrtindustrie zuständige Zweite Ministerium wurde mit dem Ersten Ministerium für Maschinenbauindustrie vereinigt. Leiter des Zweiten Ministeriums blieb bis zum 20. Oktober 1977 Song Renqiong. Bereits am 8. Januar 1958 hatte das Dritte Ministerium das sogenannte „9. Büro“ (第九局) unter der Leitung von Generalmajor Li Jue (李觉, 1914–2010) eingerichtet, das sich mit der Entwicklung von Kernwaffen befassen sollte. Am 13. Juli 1958 genehmigte das Zweite Ministerium den Bau eines neuen Gebäudekomplexes im Westen von Peking, in den die nun „Institut für Kernwaffenforschung des Zweiten Ministeriums für Maschinenbauindustrie“ (第二机械工业部核武器研究所) genannte Einrichtung, auch bekannt als „9. Forschungsinstitut“ (第九研究所), am 10. Oktober 1958 einzog. Die Aufgabe der Wissenschaftler war, sich die von den sowjetischen Experten zur Verfügung gestellten mathematischen Modelle und Planzeichnungen anzueignen, zu übersetzen und technisches Personal auszubilden. Ebenfalls im Jahr 1958 genehmigte Deng Xiaoping, damals Vizepremier und Generalsekretär des Zentralkomitees der KPCh, den Bau des „Bergwerks 711“ (711矿) bei einer großen Uranlagerstätte in Chenzhou, Provinz Hunan, das am 1. September 1960 seinen Betrieb aufnahm.

Am 16. Oktober 1964 wurde auf dem Kernwaffentestgelände Lop Nor die erste chinesische Atombombe mit einer Sprengkraft von 22 kT gezündet. Am 20. Dezember 1964 erreichte der ab 1959 vom Institut für Atomenergie nach sowjetischen Bauplänen auf dem Gelände des Instituts für Physik in Fangshan gebaute „Schwimmbadreaktor 492“ (492游泳池反应堆) mit einer Leistung von 5,3 MW erstmals die Kritikalität. Primär betrieb man beim Zweiten Ministerium jedoch Waffenentwicklung – bis zum 16. Oktober 1980 wurden allein 23 oberirdische Kernwaffentests durchgeführt. Auch der Leichtwasserreaktor 492 diente in der Anfangsphase dazu, Brennelemente für die in Entwicklung befindlichen U-Boot-Reaktoren zu testen, später auch die Langzeitwirkung radioaktiver Strahlung auf verschiedene Materialien.

Ministerium für Atomindustrie Am 4. Mai 1982 wurde das Zweite Ministerium für Maschinenbauindustrie im Rahmen einer vom Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses beschlossenen Kabinettsreform in „Ministerium für Atomindustrie der Volksrepublik China“ (中华人民共和国核工业部) umbenannt. Die Leitung des Ministeriums wurde von Zhang Chen (张忱, 1918–2011) übernommen, die seit Juli 1964 im Zweiten Ministerium tätig gewesen war, zuerst als stellvertretende Leiterin des Konstruktionsbüros, dann als stellvertretende Leiterin des Planungsbüros und schließlich als Leiterin dieser Abteilung. Auch als sie im Juni 1983 zehn Jare jenseits der chinesischen Pensionsgrenze ihren Ministerinnenposten an ihren bisherigen Stellvertreter Jiang Xinxiong (蒋心雄, * 1931) abgab, blieb sie weiterhin als Beraterin für das Ministerium tätig.

mini|Qinshan, das erste Atomkraftwerk Chinas, im Jahr 2003 Am 1. Februar 1973 war auf der Basis einer Anweisung von Premierminister Zhou Enlai vom 11. September 1972 ein Teil des Instituts für Atomenergie ausgegliedert und daraus das Institut für Hochenergiephysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften gebildet worden. Der Rest des Instituts für Atomenergie ging 1984 aus der Zuständigkeit der Akademie der Wissenschaften in die des Ministeriums über, der Name wurde in „Chinesisches Forschungsinstitut für Atomenergie“ geändert, im internationalen Sprachgebrauch China Institute of Atomic Energy, kurz CIAE. Bereits seit 1978, mit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik, hatte das damalige Institut für Atomenergie daran gearbeitet, die bislang primär militärisch genutzte Kernenergie auch für zivile Zwecke nutzbar zu machen, wobei es jedoch nicht zu Kürzungen bei den militärischen Bereichen kommen durfte – im damaligen Sprachgebrauch „das Militärische bewahren und in den zivilen Sektor übertragen“ (保军转民).

Zhou Enlai hatte sich bereits seit 1955 für den Bau von Kernkraftwerken eingesetzt. Ende 1969, in den Wirren der Kulturrevolution, richtete die Stadtverwaltung von Shanghai wegen des dortigen Energiemangels einen dringenden Hilferuf an den Premierminister. Am 8. Februar 1970 kam Zhou Enlai nach Shanghai, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen. Anschließend sagte er in einer Rede: „Das Zweite Ministerium für Maschinenbauindustrie kann nicht nur ein Explosionsministerium sein. Wir müssen die Kernkraft friedlich nutzen, wir müssen ein Kernkraftwerk bauen.“ Dies war der Beginn des nach dem Datum „Projekt 728“ (728工程) genannten Plans zum Bau eines Atommeilers für Stromproduktion. Zunächst hatte man einen Flüssigsalzreaktor ins Auge gefasst, stieß dabei jedoch auf technische Probleme, die man nicht lösen konnte. Schließlich entschied man sich für einen Druckwasserreaktor. Auch die Standortsuche gestaltete sich schwierig. Nachdem man fünf verschiedene Standorte in Südostchina verworfen hatte, einigte man sich schließlich auf die damalige Großgemeinde Qinshan (秦山镇) im Kreis Haiyan an der Küste der Provinz Zhejiang. Nach einem mehrjährigen Genehmigungsverfahren war schließlich am 20. März 1985 Baubeginn für das Kernkraftwerk Qinshan, am 15. Dezember 1991 ging Chinas erstes Atomkraftwerk ans Netz.

Dachgesellschaft für Atomindustrie Am 9. April 1988 wurde per Beschluss des Nationalen Volkskongresses das Ministerium für Atomenergie aufgelöst und seine Verwaltungsaufgaben dem neu gebildeten Energieministerium zugewiesen. Auf derselben Sitzung hatte das Parlament beschlossen, die Chinesische Dachgesellschaft für Atomindustrie (中国核工业总公司) zu gründen. Die tatsächliche Gründung der Firma fand nach Genehmigung durch den Staatsrat der Volksrepublik China am 16. September 1988 statt. Die Dachgesellschaft für Atomindustrie war für Forschung, Entwicklung, Bau und Wartung von Kernwaffen, Kernkraftwerken, Kernbrennstoff und Kerntechnik zuständig, außerdem für internationale Wirtschaftskooperation (nicht jedoch Forschungskooperation) auf diesen Gebieten sowie den Import und Export (keine Kernwaffen) der entsprechenden Güter und Dienstleistungen.

Das 9. Forschungsinstitut, das 1982 in die Zuständigkeit des Ministeriums für Atomindustrie übergegangen war, verwendete in der Außendarstellung seit 1985 die Bezeichnung „Chinesische Akademie für technische Physik“ (中国工程物理研究院). Im Februar 1990 wurde die Akademie, die sich weiterhin mit Kernwaffenforschung befasste, per Beschluss des Staatsrats und der Zentralen Militärkommission aus der Zuständigkeit der Dachgesellschaft für Atomindustrie herausgelöst und unter diesem Namen der Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung unterstellt. Im Ausland ist die Einrichtung unter der englischen Bezeichnung China Academy of Engineering Physics bzw. CAEP bekannt.

China National Nuclear Corporation Am 1. Juli 1999 wurden die ursprünglich fünf großen Dachgesellschaften des militärisch-industriellen Komplexes in zehn kleinere, aber immer noch sehr große Staatskonzerne aufgespalten, so zum Beispiel die Dachgesellschaft für Raumfahrtindustrie in die primär zivile China Aerospace Science and Technology Corporation und die primär militärische China Aerospace Science and Industry Corporation. Aus der Dachgesellschaft für Atomindustrie wurden die China Nuclear Engineering and Construction Corporation (中国核工业建设集团公司, CNEC), die sich primär mit dem Bau von Kernkraftwerken befasste, sowie die China National Nuclear Corporation (中国核工业集团公司, CNNC), die auch auf dem Gebiet der Kernwaffen aktiv war. Dies gilt heute als Gründungstag der China National Nuclear Corporation. Zu diesem Zeitpunkt waren für die CNNC 77 Prospektionsgruppen mit insgesamt 58.000 Mitarbeitern in ganz China unterwegs, um neue Uranlagerstätten zu finden. Diese wurden nun aus der Firma herausgelöst und bis zum 22. Mai 2000 alle den Provinzregierungen unterstellt.