Robert Schumanns im Jahr 1840 entstandene Myrthen op. 25, im Untertitel als Liederkreis von Göthe, Rückert, Byron, Th. Moore, Heine, Burns & J. Mosen veröffentlicht, sind ein Liederzyklus in vier Heften, den Schumann seiner Braut Clara Wieck widmete und ihr zur Hochzeit am 12. September 1840 schenkte.
Entstehung Die Entstehung der Myrthen fällt in Schumanns „Liederjahr“ 1840. Als erstes Lied notiert er am 23. Januar in sein „Berliner Liederbuch“ die erste Fassung der Heine-Vertonung Du bist wie eine Blume, die spätere Nr. 24, anschließend noch ungeordnet weitere Lieder, die später die Grundlage mehrerer Liederzyklen bilden. Rebecca Grotjahn vermutet, dass „die Idee zur zyklischen Zusammenfassung der Lieder erst allmählich gereift zu sein“Grotjahn: Das Komponieren von Gedichten, S. 114. scheint. Sie weist auch nach, dass die Lieder zunächst in mehreren Heften nach Dichtern angeordnet werden sollten. „Die später als Myrthen publizierten Lieder waren […] als ein Goethe- und ein Burns-Heft sowie zwei gemischte Hefte gedacht.“Grotjahn: Das Komponieren von Gedichten, S. 115. Erst nachdem im Frühjahr 1840 die überwiegende Mehrzahl der Lieder skizziert oder komponiert war, begann Schumann, Überlegungen zur zyklischen Zusammenstellung nicht nur der Myrthen, sondern auch des Liederkreises op. 39 anzustellen. Die Aufteilung der Myrthen auf vier Hefte scheint sich früh herauskristallisiert zu haben, folgte aber nicht allein pragmatischen, die Drucklegung betreffenden Erwägungen, sondern auch zyklischen Ideen. Doch auch nach dieser formalen Strukturierung veränderte Schumann die Reihenfolge der Lieder noch mehrfach.
Schon am 7. März 1840 trägt Schumann seinem Verleger Kistner die Idee an, die Myrthen als „Brautgeschenk“ in Form eines „Liedercyklus‘ in vier Heften“Zitiert nach Grotjahn: „Mein bessres Ich“, S. 166. zu veröffentlichen. Nachdem schließlich das Gericht Clara und Robert am 1. August 1840 nach langem Rechtsstreit mit dem Brautvater Friedrich Wieck die Erlaubnis zur Eheschließung gegeben hatte, konnte Schumann am Vorabend ihrer Hochzeit Clara ein opulent ausgestattetes Exemplar des Erstdrucks der Myrthen überreichen. Die gedruckte Widmung „Seiner geliebten Braut“ verweist allerdings neben dem privaten Anlass auch auf eine Öffentlichkeit, der auf diese Weise das Ende des Rechtsstreites mitgeteilt wird. Schumann positioniert sich mit der Publikation, so Rebecca Grotjahn, nicht nur „als Mann, den glückliche Liebe zum Schaffen inspiriert hat“, der symbolische Werktitel „Myrthen“ sei auch „gleichermaßen Ausweis für den Erfolg des werbenden Mannes wie den des schaffenden Künstlers“Zitiert nach Grotjahn: „Mein bessres Ich“, S. 167..
Zyklische Anordnung Mehrheitlich ist in der musikwissenschaftlichen Diskussion den Myrthen eine planvolle Zyklizität abgesprochen worden. So vergleicht Karl H. Wörner sie mit „einem Kranz mit der bunten Fülle einzelner Blumen“, eine verbindende Idee fehle aber.Wörner: Robert Schumann, S. 206 (). Peter Gülke hält sie eher für eine „Liedsammlung […] als eine[n] kohärenten Zyklus“ und er vermutet „private Beweggründe“ für den Zyklus: dass es nämlich „der Lieder auch bedurfte, um der Braut noch näher zu sein als ohnehin schon“.Gülke: Robert Schumann, S. 160. Auch Arnfried Edler befindet, dass der Titel Myrthen […] lediglich auf die funktionale Bestimmung als Brautgabe für Clara zu beziehen [sei], er unterstreicht eher den lockeren Albumcharakter mit „Widmung“ und „Zum Schluss“ stehendem, auf die „Gelegenheit bezogenem Sinnspruch“Edler: Robert Schumann und seine Zeit, S. 221.. Zugrunde liegt diesen Auffassungen mehrheitlich ein Zyklusverständnis, das, vom Text ausgehend, Kohärenz an die Einheit des Autors knüpft, wie Schumann sie etwa in den Eichendorff-, Heine- oder anderen Liederzyklen verwirklicht. Dass Schumann aber, nach seinen Klavierzyklen der 1830er Jahre, spätestens ab 1840 mit unterschiedlichen Formen der zyklischen Anordnung von Liedern experimentiert und dass die Myrthen eines von mehreren Ergebnissen einer planvollen Zyklusbildung bilden, weist Rebecca Grotjahn in mehreren Aufsätzen nach. Sie befindet, das „Komponieren des Zyklus [beginne] mit dem Komponieren von Gedichten“ und Schumann sei in den Myrthen „in noch höherem Maße als in anderen […] Liederzyklen […] als Autor auch des Textes anzusehen“Grotjahn: Das Komponieren von Gedichten, S. 114 und S. 124..
„Bei den Myrthen handelt es sich nicht um eine Reihe von 26 Liedern, sondern um vier Liederhefte, die in ihrem Aufbau aufeinander bezogen sind.“Grotjahn: Rätsel und Lektüren, S. 152. Die Hefte I – III enthalten jeweils sechs Lieder, Heft IV umfasst acht Lieder, ist allerdings kürzer als die anderen Hefte. Jedes Heft enthält Lieder von drei oder vier Dichtern und wird dabei immer von einem Gedichtpaar eines Dichters abgeschlossen.Vgl. Althaus: Is Schumann’s Myrthen a Cycle?, S. 6/7. Dabei belässt Schumann die originalen Reihenfolgen kaum, sondern schafft durch Umstellung, Paarbildung oder Kontrastierung einzelne, auch novellistische Liedblöcke und insgesamt eine neue formale Einheit.
Inhaltlich lassen sich beinahe alle Lieder auf die für Robert und Clara aktuellen Themen Liebessehnsucht und -schmerz, Braut- und Mutterschaft und ähnlichen zuordnen. Im Kern zusammengehalten wird der Zyklus aber durch die übergeordneten Themen Kunst, Freiheit und Liebe, die von biographischen Bezügen angeregt sind, über diese allerdings hinausgehen. „Die Lieder beziehen [sich] nicht nur jedes für sich auf die aktuelle Lebenssituation Schumanns – die Erwartung der Hochzeit und deren schwierige Vorgeschichte –, sondern geben insgesamt ein Bild seines künstlerischen Ichs.“Grotjahn: Das Komponieren von Gedichten, S. 125. Vermittelt wird dieses Bild in privaten Codes und ChiffrenVgl. Althaus: Is Schumann’s Myrthen a Cycle?, S. 7/8, v. a. aber Sams: Did Schumann Use Ciphers? und Sams: The Schumann Ciphers., die vermutlich nur den Liebenden, teilweise wohl sogar nur Robert selbst vertraut waren. In den Myrthen variiert er die zentralen Themen, auch geschlechterspezifisch abgestuft, in miteinander korrespondierenden Liedern und Liedpaaren. Tonartlich schafft Schumann Zusammenhänge und Symmetrien, etwa in der Rahmentonart As-Dur und in quint- und terzverwandten TonartfortschreitungenGrotjahn: Rätsel und Lektüren, S. 158/59.; klanglich und motivisch verbindet er häufig Klaviernachspiele mit dem Beginn des folgenden Liedes oder mehrere Lieder untereinander.Vgl. Döge: Myrthen, S. 143/144.
Liedtitel, Dichter, Ton- und Taktarten Nr. Titel Dichter Tonart Taktart Heft I 1 Widmung Friedrich Rückert As-Dur 3/2 2 Freisinn Johann Wolfgang von Goethe Es-Dur 3 Der Nussbaum Julius Mosen G-Dur 6/8 4 Jemand Robert Burns, dt. Gerhard e-Moll/E-Dur 2/4 Lieder aus dem Schenkenbuch im Divan Goethe 5 Nr. 1 Sitz’ ich allein E-Dur 2/4 6 Nr. 2 Setze mir nicht, du Grobian a-Moll/A-Dur 6/8 Heft II 7 Die Lotosblume Heinrich Heine F-Dur 6/4 8 Talismane Goethe C-Dur 9 Lied der Suleika Marianne von Willemer (urspr. Goethe zugesprochen) A-Dur 10 Die Hochländer-Witwe Burns, dt. Wilhelm Gerhard e-Moll 6/16 Lieder der Braut Rückert 11 Nr. 1 G-Dur 2/4 12 Nr. 2 G-Dur 2/4 Heft III 13 Hochländers Abschied Burns, dt. Gerhard h-Moll 3/8 14 Hochländisches Wiegenlied Burns, dt. Gerhard D-Dur 15 Aus den hebräischen Gesängen Lord Byron, dt. Julius Körner e-Moll 16 Räthsel Catherine Fanshawe (urspr. Lord Byron zugesprochen), dt. Karl Kannegießer H-Dur Zwei Venetianische Lieder Thomas Moore, dt. Ferdinand Freiligrath 17 Nr. 1 G-Dur 2/4 18 Nr. 2 G-Dur 2/4 Heft IV 19 Hauptmanns Weib Burns, dt. Gerhard e-Moll 2/4 20 Weit, weit Burns, dt. Gerhard a-Moll 6/8 21 Was will die einsame Träne? Heine A-Dur 6/8 22 Niemand. Seitenstück zu "Jemand" Burns, dt. Gerhard F-Dur 23 Im Westen Burns, dt. Gerhard F-Dur 6/4 24 Du bist wie eine Blume Heine As-Dur 2/4 25 Aus den östlichen Rosen Rückert Es-Dur 2/4 26 Zum Schluss Rückert As-Dur
Heft I Widmung (Nr. 1), das Eingangslied der Myrthen behandelt eines ihrer zentralen Themen, die Liebe in der Beziehung des „Du“ zum „Ich“.Vgl. Grotjahn: Mein bessres Ich, S. 171/172. Der Text stammt von Friedrich Rückert, Schumann greift aber in den Text ein, indem er den Titel ändert und somit die Widmungsträgerin Clara direkt anspricht.Vgl. Grotjahn: Mein bessres Ich, S. 170. Zudem wiederholt er die ersten vier Verse und den letzten, sodass eine ABA´-Form entsteht. Als Rahmentonart des Zyklus‘ etabliert Schumann mit der Widmung das As-Dur. Die Klavierbegleitung bewegt sich in Dreiklangsbrechungen in Achteln, die von charakteristischen Punktierungen durchzogen werden. Die zweite Strophe wird mit einem Tonartwechsel von As-Dur zu E-Dur verbunden, die Begleitung wechselt zu triolischen Akkordrepetitionen.
Eine melodische Wendung des Klaviernachspiels greift Schumann im darauffolgenden Lied Freisinn (Nr. 2) auf einen Goethe-Text auf.Vgl. Grotjahn: Mein bessres Ich, S. 176/177. Motivisch und tonartlich eng verbunden, bildet es zusammen mit der Widmung eine Art doppelter Exposition, in der neben dem Thema Liebe auch Schumanns Künstlerkonzeption als eines „durch Liebe inspirierten und freien“Vgl. Grotjahn: Mein bessres Ich, S. 176. Mannes exponiert wird.
Mit einer mediantischen Wendung nach G-Dur vertieft Schumann das Liebesthema im Nussbaum (Nr. 3) auf einen Text von Julius Mosen, einem durchkomponierten Lied, dessen Klavierbegleitung durchgehend aus wellenartigen Sechzehntel-Bewegungen besteht, wobei vor allem der dominantische Sextvorhalt als charakteristische Harmonie auffällt. „Geschildert wird die Idylle eines aufblühenden Nussbaums, dessen paarige Fruchtstände einem Mädchen in lauem Sommerwind jene Gedanken trauter Zweisamkeit soufflieren, die es sich selbst nicht einzugestehen traut; ineins damit ist eine Perspektive von Hochzeit und Ehestand eröffnet.“Vgl. Heinemann: Halbsätze, Nachsätze, S. 129.
Formal frei gestaltet Schumann die erste Burns-Vertonung Jemand (Nr. 4), ein Lied mit „innigem“, aber auch „leidenschaftlichen“ Charakter, das von Brüchen, wechselnden Tempi und beinahe rezitativischen Passagen geprägt ist. Beinahe jede der zehn textlichen Variationen von „Jemand“ wird von Schumann mit einer anderen Vorhaltsbildung behandelt, bevor er mit dem Sextvorhalt des letzten „Jemand“ wieder auf die charakteristische Wendung des Nussbaums zurückgreift.
An den Schluss des ersten Heftes setzt Schumann wieder zwei Goethe-Lieder, deren Titel auf die Quelle, das „Schenkenbuch“ aus dem West-östlichen Divan, verweist. Lied Nr. 1 (Nr. 5) ist das kürzeste des gesamten Zyklus‘, eine knappe durchkomponierte Form, stellt das Motiv des einsamen Trinkens ins Zentrum, das hier aber eine Variation des Freiheits-Gedankens darstellt. Die Freiheit der formalen Gestaltung zeigt sich im überraschenden Takt- und Tonartwechsel in T. 10, der aber nach nur vier Takten wieder wie ein nachhallend variiertes Echo in die Grundtonart E-Dur zurückgeführt wird, die Schumann dann auch als Dominante zum nächsten Lied verwendet.
Das zweite der Lieder aus dem Schenkenbuch im Divan (Nr. 6) verbindet das Motiv des Trinkens mit der Annäherung an den Schenken, einen „lieblichen Knaben“. Möglich dass Schumann sich hier in Erwartung der Hochzeit mit Clara ironisch von eigenen homoerotischen Erlebnissen distanzieren möchte. Die energischen Synkopen des A-Teils und der akzentuierte e-Orgelpunkt wirken in ihrer nachdrücklichen Absage an den „Grobian“ ebenso überzogen, wie die A-Dur-Wendung im B-Teil als Einladung an den „künftig[en] […] Schenken“ zu idyllisch wirkt. Die abschließenden Worte „jeder Wein ist schmackhaft und helle“ können auch als delikate Anspielung verstanden werden, sodass das Klaviernachspiel durch seinen schalkhaften Charakter mehr vermittelt als nur den Zustand der Trunkenheit.
Heft II