mini|Die Lage des römischen Künzings am rätischen Donaulimes mini|Lageskizze Kastelle und Vicus (2. bis 5. Jahrhundert) mini|Der älteste Detailplan zum Kastell aus dem Jahr 1874 mini|Rekonstruktionsversuch des frühen Holz-Erde-Kastells: 1. Kasernen (Contubernia), 2. Kommandogebäude (Principia), 3. Haus des Lagerkommandanten (Praetorium), 4. Lagerhaus (Horreum), 5. Pferdeställe (Stabulum), 6. Lagerlazarett (Valetudinarium) mini|Rekonstruktionsversuch einer Holz-Erde-Befestigung in Haltern, (Kastenbauweise, entspricht Holz-Erde-Kastell II) mini|Bauphasen des SO Eckturmes mini|Rekonstruktionsversuch des Haupttores, Steinkastell I mini|Die Principia der ersten Holz-Erde-Periode, um 90 n. Chr. mini|Die principia in ihrer letzten Ausbauperiode nach 200 n. Chr. mini|Figurine eines Zenturio im Museum Quintana mini|Spätantike Keramik aus Künzing mini|Römische Votivstatuette aus Künzing mini|Eiserne Zelthäringe aus Künzing, etwa 2./3. Jahrhundert (Niederbayerisches Archäologiemuseum; heute: Kastenhof Landau – Das Museum für Steinzeit und Gegenwart)

Das Kastell Künzing war Bestandteil der Festungskette des rätischen Limes und liegt im bayerischen Landkreis Deggendorf auf dem Gemeindegebiet von Künzing. Teile des Kastellvicus sowie die Überreste eines dort erbauten hölzernen Amphitheaters sind seit 2021 Bestandteil des in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommenen westlichen Teils des Donaulimes.

Erbaut im späten 1. Jahrhundert n. Chr., wurde die Anlage vermutlich im 3. Jahrhundert durch Alamannen zerstört und anschließend für längere Zeit verlassen. Während der Spätantike könnte der Garnisonsort durch eine bis heute archäologisch nicht nachgewiesene Befestigung ersetzt worden sein, die vermutlich bis in das 5. Jahrhundert bestand. Bekannt ist der Kastellplatz vor allem durch seine Erwähnung in der Vita des Severin von Noricum und einen großen Metallhortfund, der eine gute Vorstellung zur Bewaffnung und Ausrüstung der mittelkaiserzeitlichen Hilfstruppen (Auxilia) am rätischen Limes vermittelt.

Name

Der unter anderem im Itinerarium Antonini, einem Reisehandbuch des 2. Jahrhunderts n. Chr., überlieferte Kastellname Quintana leitet sich, nach der heute in der archäologischen Forschung vorherrschenden Meinung, von einer hier im 2. Jahrhundert stationierten lusitanischen Kohorte her (siehe unten). Wahrscheinlich liegt ihm die Wendung „ad quintanos“ – das heißt „beim Lager der Fünften“ – zugrunde. Auch in der Notitia dignitatum wird der Standort Künzing in der Spätantike als Quintanis geführt;ND occ. XXXV, 10. diese Namensform geht auf einen Ortsablativ („in Quintana“) zurück. Der römische Ortsname wurde später über die mittelalterliche Form Quinzen über Künzen zum heutigen Künzing, wobei die altertümlich wirkende Endung -ing erst eine Hinzufügung des 19. Jahrhunderts ist.Eva Bayer-Niemeier: Das römische Kastell In: Museum Quintana – Archäologie in Künzing. Führer durch alle Abteilungen 2004.

Lage

Die mittelkaiserzeitliche Grenzbefestigung wurde in sicherer Entfernung zur damals wesentlich näher gelegenen Donau errichtet. Diese griff vor ihrer Regulierung mit weiten Schleifen und Altarmen in das Umland ein. Quintana lag mit einer Vielzahl von anderen Kastellen an einer wichtigen Heer- und Handelsstraße, die dem Flusslauf bis in den Balkan folgte. Südwestlich und südlich des Kastells erstreckt sich das Molassebecken des durch den eiszeitlichen Gletscherschub gebildeten Alpenvorlands, das durch hügelige Landschaften und teils tief einschneidende Gewässer geprägt wird. Vom Kastell aus konnte die Besatzung am anderen Ufer die Höhenzüge des im Barbaricum liegenden Bayerischen Waldes beobachten. Der sich entlang der Donau erstreckende Dungau, in dem sich das Kastell befand, ist durch seine ertragreichen Lössböden bekannt. Der Geschichtsschreiber Johannes Aventinus (1477–1534) erwähnt bei Künzing auch eine Salzquelle. Noch heute tritt eine entsprechende Quelle östlich des Kastells hervor.

Forschungsgeschichte

16. bis 19. Jahrhundert

Die älteste Nachricht über römische Funde aus Künzing stammt von Philipp Apian (1531–1589): „römische Münzen, goldene, silberne, auch sehr viele eherne Gegenstände bezeugen, dass an dieser Stelle Quintiana, eine Niederlassung der Römer bestanden hat.“ Die Übereinstimmung von Künzing mit dem antiken Quintiana hatte bereits Johannes Aventinus erkannt. Später dokumentierte der Arzt und Philologe Thomas Reinesius (1587–1667) eine – später verloren gegangene – Grabinschrift für den 50-jährigen Caesius Jarsa, die dessen Frau Julia Successa in Auftrag gegeben hatte.Gelehrte Anzeigen. Herausgegeben von Mitgliedern der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Band 25. (Jul.–Dez.). k. Central-Schulbuchdruckerey, München 1847, S. 726. 1788 war Lorenz von Westenrieder (1748–1829) vor Ort. Er konnte aus eigener Anschauung jedoch nicht die geringsten Anzeichen einer römischen Anwesenheit in Künzing bestätigen, obwohl ihm der Pfarrer berichtete, dass nach Aussage einiger Bauern unter der Erde „viele Steine von alten Zeiten her“ lägen.Karl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986, S. 160.

Der letzte Prior der Abtei Niederaltaich vor der Säkularisation, Emmeram Spielhofer (1746–1810), der sich gleichfalls mit römischen Altertümern beschäftigte, erwähnt gegenüber dem geschichtskundigen Juristen Joseph Anton von Mussinan (1766–1837) zwei „kupferne Handhaben“ aus der Gegend von Osterhofen, rund sechs Kilometer nordwestlich von Künzing entfernt.Mittheilungen über Niederbayern zur Römerzeit. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. Band 9. Josef Thomann’sche Buchhandlung, Landshut 1863. S. 357. Der Prior berichtete zudem, dass die in der Gegend von Hirten und Bauern gefundenen antiken Münzen und Ringe mit Edelsteinen sogleich in die Hände von Goldschmieden und Gürtlern gelangt waren. Das wertvolle Metall wurde damals in der Regel eingeschmolzen und die Steine neu verarbeitet. Spielhofer berichtete weiter von einem römischen Grabstein aus Künzen, den er selber fand. Er konnte noch die bruchstückhaft erhaltene Inschrift „Miles leg. dec: II.“ notieren: „Gerne hätte ich diesen Stein mit ins Kloster genommen, allein feindselige Hände raubten mir den aufgefundenen Stein.“ Dieser vor allem durch die örtliche Bevölkerung verursachte Fundverlust, mit dem sie sich teilweise zusätzliche Verdienstquellen erschloss, kann vielleicht erklären, warum neben der von Westenrieder auch die Nachforschungen der Professoren Andreas Buchner (1776–1854) und Kaspar Pütter in den Jahren 1819 und 1820 keinerlei Hinweise auf die römische Vergangenheit von Künzing erbrachten.Abhandlungen der philosophisch-philologischen Classe der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Band 17, München 1884. S. 237. Merkwürdigerweise blieb auch die von den ehemaligen Kastellgräben vor der Ostfront des Lagers gebildete, gut sichtbare Mulde unerkannt. Sie verschwand erst nach dem Kanalbau 1984.Karl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986. S. 161. Der Generalkreiskommissar und Regierungspräsident Adam Joseph Freiherr von Mulzer, der 1829–1831 hier graben ließ, fand zunächst nur einige Münzen, bevor er 1830 auf eine „mächtige Grundfeste von Gebäuden“ mit hypokaustierten Räumen stieß, die im April 1831 freigelegt wurden. Er vermutete, dass der für die damalige Zeit relativ gut dokumentierte Bau aufgrund seiner vielen Aschespuren gewaltsam zerstört worden war. Wegen des zu hohen Kostendrucks mussten die Untersuchungen jedoch bald wieder eingestellt werden.Über die castra quintana; aus dem Tagebuche des k. Generalcommisärs und Regierungs-Präsidenten Frhrn. v. Mulzer ect. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. Band 2 und 3. Josef Thomann’sche Buchhandlung, Landshut 1847. S. 1–6. Der Gebäudefund wird später in den Publikationen mehrfach als „Sage von einem Römerbade“ erwähntGelehrte Anzeigen. Herausgegeben von Mitgliedern der königl. bayr. Akademie der Wissenschaften. Band 25. (Jul.–Dez.). k. Central-Schulbuchdruckerey, München 1847. S. 717–718., da unter anderem auch Nachforschungen im Sommer 1883 keine greifbaren Ergebnisse zu diesem Bad mehr brachten. Erst 1976 wurde die Therme erneut angeschnitten und 1978 teilweise ausgegraben.

Es blieb dem Künzinger Kooperator Johann Michael Schmid überlassen, das Kastell selbst am 3. Juli 1874 zu entdeckenKarl Schmotz: Die Erforschung der Frühgeschichte Künzings von den Anfängen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. In: Deggendorfer Geschichtsblätter. Heft 7, 1986. S. 165. und Teile der Kastellmauer freizulegen. Ihm folgte 1897 und 1898 mit den ersten umfassenden Ausgrabungen der Gymnasiallehrer Franz Pichlmayr. Damals wurden drei Ecktürme, das rechte Seitentor (Porta principalis dextra) sowie das hufeisenförmige Fahnenheiligtum entdeckt.Hans Schönberger, Fritz-Rudolf Herrmann: Das Römerkastell Künzing-Quintana. Bericht über die Ausgrabungen von 1958 bis 1966. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 8/9, 1967/68, S. 37–86; hier: S. 40.

20. und 21. Jahrhundert Von 1914 bis 1928 wurden westlich des mittelkaiserzeitlichen Kastells spätantike Gräber beobachtet.Ursula Koch: Die Grabfunde der Merowingerzeit aus dem Donautal um Regensburg. Walter de Gruyter. Berlin 1968. S. 237. Zu diesem Kastell selbst lieferten besonders die umfassenden Untersuchungen der Römisch-Germanischen Kommission wertvolle Hinweise. Im Jahr 1930 gab der Prähistoriker Paul Reinecke (1872–1958) einen viele Jahrzehnte gültigen Plan zum Kastell heraus. Dieser basierte auf den Arbeiten des Bauingenieurs Hanns Neubauer (1901–1986) der jahrzehntelang mit der Bergung römischer Funde in Künzing beschäftigt war. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in den Jahren 1958, 1962 und von 1964 bis 1966 finanzierten Ausgrabungen unter der Leitung der Archäologen Hans Schönberger (1916–2005) und Fritz-Rudolf HerrmannHans Schönberger, Fritz-Rudolf Herrmann: Das Römerkastell Künzing-Quintana. Bericht über die Ausgrabungen von 1958 bis 1966. In: Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmalpflege 8/9, 1967/68, S. 37–86; hier: S. 38–39. erbrachten für das mittelkaiserzeitliche Lager den Nachweis von insgesamt vier Bauperioden. Zwischen 1978 und 1979 wurde erneut am mutmaßlichen spätantiken Standort des Kastells gegraben.Thomas Fischer, Erika Riedmeier-Fischer: Der römische Limes in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-7917-2120-0, S. 179–180. In den folgenden Jahrzehnten konzentrierte sich die Forschung in teilweise großflächigen Grabungskampagnen besonders auf den Bereich des Lagerdorfes. 2003 fanden Mitarbeiter der Kreisarchäologie Deggendorf dort die Spuren eines aus Holz erbauten römischen Amphitheaters, das bis 2004 teilweise freigelegt wurde. 2009 konnten im östlichen Sektor weitere Gräber aufgedeckt werden.

Entwicklung

1. bis 3. Jahrhundert