mini|Moses Calvary 1910 am Realprogymnasium in Crossen/Oder. Moses Calvary (geboren 2. Februar 1876 in Messingwerk bei Eberswalde; gestorben 22. Januar 1944 in Haifa, Völkerbundsmandat für Palästina) war ein deutscher Reformpädagoge.Dass Calvary zumindest in seinen Crossener Jahren ein beliebter Lehrer war, lässt sich anhand von Quellen (siehe Hartmut Deckert: Moses Calvary) durchaus nachvollziehen, worauf sich aber die Zuschreibung Reformpädagoge gründen soll, erschließt sich aus der Sekundärliteratur nicht und müsste erst noch aufgrund der Werke von Calvary belegt werden. Gleiches gilt für die Behauptung, er habe sich den Ruf als „jüdischer Pestalozzi“ bzw. „Palästina-Pestalozzi“ erworben, die sich bei Schlickewitz (Robert Schlickewitz: Moses Calvary) ebenso unbelegt findet wie in vielen anderen Quellen.

Leben Calvary war – wie seine Brüder Leo und Aron und zwei SchwesternMartin Rosenblüth: Go forth and serve, S. 17 – Enkel von Esriel Hildesheimer und wuchs im Umfeld der Hirsch Kupfer und Messingwerke (HKM) auf.Calvary, Esther, in: Gudrun Wedel: Autobiographien von Frauen : ein Lexikon. Köln : Böhlau, 2010, S. 142 (Mutter) Er besuchte die Schule in Messingwerk, das Gymnasium in EberswaldeNach Martin Rosenblüth beendete er das Gymnasium in Prenzlau. und danach ein Seminar in Halberstadt – „es war eine Art Jeschivah“Moses Calvary: Erinnerungen, S. 27 (pdf-S. 17) –, wo er auch Kontakt zu Nehemia Anton Nobel und Alexander Marx hatte.Moses Calvary: Erinnerungen, S. 28–29 (pdf-S. 17–18) Den anschließenden Eintritt in das Berliner Rabbinerseminar bezeichnete er als „versuchsweisen“ Eintritt, der vor dem Hintergrund stärker werdender pantheistischer Überzeugungen mit der Erkenntnis endete, „dass ich nicht Rabbiner werden konnte“. Deshalb hatte er auch schon parallel zum Eintritt in das Rabbinerseminar ein Studium an der Universität aufgenommen.Moses Calvary: Erinnerungen, S. 31–32 (pdf-S. 19)

Calvary hatte sich entschieden, Lehrer zu werden, und studierte klassische Philologie, mit den Schwerpunkten in Latein und Griechisch sowie Philosophie.Moses Calvary: Erinnerungen, S. 43–44 (pdf-S. 25) Er besuchte aber auch weiterhin noch Veranstaltungen am Rabbinerseminar.

Martin Rosenblüth beschreibt in seinen Erinnerungen, dass er während seines Studiums viele Wochenende und seine Ferien weiterhin in Messingwerk verbrachte und dort häufig auch Studienfreunde hinzukamen, so Kurt Blumenfeld und Richard Lichtheim. Sie, zu denen auch Moses Calvary gehörte, nannten sich „Die von Messingwerk“Martin Rosenblüth: Go forth and serve, S. 139 ff.

Die Messingwerker bildeten „eine wichtige Keimzelle der zionistischen Jugendbewegung in Deutschland“.Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Heimatcontainer, S. 52

Das Seminarjahr legte Calvary am Königlichen Friedrichsgymnasium zu Frankfurt (Oder) ab und sein Probejahr am Dorotheenstädtischen Realgymnasium in Berlin. Danach war er Hilfslehrer in Brandenburg an der Havel und vom Schuljahr 1907/08 an Lehramtsassessor am Realprogymnasium in Crossen an der Oder.Hartmut Deckert: Moses Calvary 1912 gehörte er zusammen mit Felix Rosenblüth und anderen zu den Gründern des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß – nach Borries und Fischer eine Folge der vom Messingwerk-Kreis ausgegangenen Initiativen, aus der „die bedeutendste zionistische Jugendbewegung Deutschlands“Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Heimatcontainer, S. 54 entstand. Im Sommer 1914 ließ er sich dann in Crossen beurlauben, um nach Palästina zu reisen, von wo er noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zurückgekehrt sei.Hartmut Deckert: Moses Calvary. Schlickewitz schreibt allerdings, dass Calvary von 1910 bis 1914 als Lehrer in Palästina gearbeitet habe (Robert Schlickewitz: Moses Calvary), was in ähnlicher Weise auch von Ivonne Meybohm behauptet wird, die schreibt, Calvary habe von 1910 bis 1914 eine „Lehrtätigkeit am Lehrerseminar in Palästina“ ausgeübt. (Ivonne Meybohm: Erziehung zum Zionismus. Der Jüdische Wanderbund Blau-Weiß als Versuch einer praktischen Umsetzung des Programms der Jüdischen Renaissance, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-631-58481-1, S. 56, Anmerkung 231) Sicher ist dagegen, dass Calvarys spätere Ehefrau, Esther Perlmann, 1910 nach Palästina emigrierte und 1914 wieder zurückkam. (Avner Falk: Agnon's story, S. 162) Möglicherweise liegt hier eine Verwechselung vor, aufgrund derer Esther Perlmanns Aufenthaltsdauer Moses Calvary zugeschrieben wurde. Schlickewitz und Meybohm nennen jedenfalls beide keine Quelle für ihre Behauptung über Calvarys Aufenthalt in Palästina Deckert zitiert zudem eine Quelle, nach der Calvary eine durchgängige zwölfjährige Tätigkeit in Crossen attestiert wurde. Bei dieser Palästinareise lernte Calvary 1914 auch Siegfried Lehmann kennen, mit dem er später noch zusammenarbeiten sollte.Beate Lehmann: Siegfried Lehmann und das Jüdische Volksheim im Berliner Scheunenviertel, in: Sabine Hering, Harald Lordick, Gerd Stecklina (Hrsg.): Jüdische Jugendbewegung und soziale Praxis, Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main, 2017, ISBN 978-3-943787-77-1, S. 108

Nach der Rückkehr nach Deutschland war Calvary wieder als Lehrer tätig und veröffentlichte seine Reiseerfahrungen in Palästina und Aufsätze und Werke zu vorwiegend theologischen Themen.Robert Schlickewitz: Moses Calvary Deckert zitiert zudem Quellen, nach denen Calvary von 1914 bis 1919 wieder als Lehrer in Crossen gearbeitet habe und dort am 14. Mai 1918 zum Studienrat ernannt worden sei. Zuvor, am 23. August 1917, hatte er in Berlin-Wilmersdorf die aus Königsberg stammende Privatsekretärin Esther Perlmann (1891–1945) geheiratet, eine Jugendfreundin von Samuel Agnons Frau Esther Marx, die zum engen Freundeskreis um Agnon gehörte.Avner Falk: Agnon's story, S. 162, 187–188 1919 wurde der Sohn Gideon geboren, der später in Israel ebenfalls Lehrer wurde und bis zu seinem Tode im Mai 2004 im Kibbuz HagoshrimSiehe den Artikel :en:HaGoshrim in Obergaliläa lebte.

Ebenfalls 1919 verließ Calvary zusammen mit seiner Familie Crossen und arbeitet als Pädagoge am hebräischen Gymnasium PonerczEs handelt sich vermutlich um die Stadt Panevėžys. in Litauen. Außerdem sei er schriftstellerisch tätig gewesen. Zu diesem Schritt stellt Lilo Stone eine Verbindung her zu Siegfried Lehmann (siehe oben), der 1921 nach Litauen gegangen war, um in Kowno das Jüdische Kinderhaus zu gründen.

1922 (oder 1923) erfolgte dann die Übersiedelung der Familie nach Palästina. Nach Stone war ihr erster Aufenthaltsort Jerusalem, wo Calvary an der „Hebrew high school“ unterrichtet habe. 1923 übernahm dann das Ehepaar die Leitung des von Israel Belkind gegründeten Jugenddorfes Kiryat Sefer in Meir ShfeyaSiehe: :en:Meir Shfeya.Lilo Stone: German Zionists in Palestine before 1933, S. 181. Zur Geschichte von Meir Shfeya siehe auch: Die Schule und die Ausbildungsstätte Kiryat Sefer von Israel Belkind in Meir Shfeya. Wie lange die beiden in Meir Shfeya blieben, ist nicht dokumentiert. 1927 war dies jedoch auch der erste Ort, in den Siegfried Lehmann die Jugendlichen aus dem Kinderhaus in Kowno brachte, und Lehmann und Calvary erkundeten gemeinsam die Gegend um Ben Shemen, wo Lehmann dann das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen gründete und Calvary Lehrer wurde.

Außer dem Hinweis auf Calvarys Lehrertätigkeit in Ben Shemen gibt es bislang keine weiteren Hinweise auf seine Tätigkeit in Palästina. Ein Zitat von Sohn Gideon Calvary legt nahe, dass sein Vater nach Ben Shemen auch noch in dem 1934 von Berlin nach Haifa übersiedelten Kinderheim Ahawah gearbeitet hat sowie an Gymnasien in Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa. Seine Schülerin Avital Ben-Chorin aus dem Kinderheim Ahava erinnerte 2007 sich so an ihn:

Um 1934 muss auch die Ehe gescheitert und die Scheidung von seiner Frau Esther erfolgt sein. Bei Avner Falk heißt es dazu:

Diese Ehe wurde 1935 geschlossen. Aus ihr ging eine Tochter hervor, die 1942 im Alter von sieben Jahren starb. Esther-Hassadah Rosenblüth erlag 1945 einem Krebsleiden.Avner Falk: Agnon's story, S. 188 Über die im Vergleich zu ihren beiden Ehemännern weniger bekannte Esther-Hassadeh heißt es bei Ines Sonder:

Schriften (Auswahl) Blau-Weiß. Anmerkungen zum jüdischen Jugendwandern, in: Der Jude. Eine Monatsschrift, Heft 7, Oktober 1916, S. 451–457. Durch Palästina. Berlin : Jüdischer Verlag, 1920 Das neue Judentum fünf Aufsätze. Nachwort Walter Groß. Berlin: Schocken Verlag, 1936 'Erinnerungen 1876–1909, Uebersetzung von Esther Bondi und Siegfried Hirsch, Grindelwald 1949 (maschinenschriftliches Manuskript). Zwischen Saat und Ernte. Über diese beiden miteinander verbundenen Werke schreiben Bondi und Hirsch im Vorspann zu ihrer Übersetzung: „Eine der letzten Arbeiten des Verfassers wurden durch seinen Tod abgebrochen und reichen nur bis zu seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Gemeinsam mit anderen in seinem Nachlass gefundenen Aufsätzen wurden sie auf Berl Katzenelson's Veranlassung durch Dov Stock herausgegeben, mit einigen deutsch oder hebräisch früher in Zeitungen und Zeitschriften verstreuten Essays zu einem Sammelband vereinigt und nach dem ersten Essay unter dem Gesamttitel Zwischen Saat und Ernte vom Verlag Am-Oved, Tel-Aviv 1947 veröffentlicht.“ Esther Bondi und Siegfried Hirsch sind die Kinder von Gustav Hirsch (1822–1898), der 1863 das Gelände der Messingwerksiedlung gekauft und später die sogenannte Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG gegründet hatte.Messingwerk - Auf den Spuren der Familie Hirsch

Literatur Esriel Hildesheimer, Mordechai Eliav: Das Berliner Rabbinerseminar 1873–1938. Berlin 2008, ISBN 978-3-938485-46-0, S. 87. Calvary, Moses. In: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 4: Brech–Carle. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. Saur, München 1996, ISBN 3-598-22684-5, S. 406–409. Robert Schlickewitz: Moses Calvary, in: Israelische Autoren in deutscher Sprache auf hagalil.com Joseph Walk (Hrsg.): Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4, S. 52. Martin Rosenblüth: Go forth and serve. Early years and public life, Herzl Press, New York 1961 Avner Falk: Agnon's story: A psychoanalytic biography of S.Y. Agnon, Brill-Rodopi, Leiden and Boston 2018, ISBN 978-90-04-36777-7. Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Heimatcontainer. Deutsche Fertighäuser in Israel (= Edition Suhrkamp 2593). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-12593-9. Lilo Stone: German Zionists in Palestine before 1933, in: Journal of Contemporary History, April 1997, Vol. 32, No. 2, pp. 171–186

Weblinks

Hartmut Deckert: Moses Calvary. Die Seite enthält auch einige Fotos von Moses Calvary aus seiner Zeit als Lehrer in Crossen.

Einzelnachweise

Kategorie:Pädagoge (20. Jahrhundert) Kategorie:Reformpädagoge Kategorie:Person (Zionismus) Kategorie:Student des Rabbinerseminars zu Berlin Kategorie:Deutscher Emigrant in Palästina zur Mandatszeit Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1876 Kategorie:Gestorben 1944 Kategorie:Mann