Gökçeada, bis 29. Juli 1970 İmroz,Alexis Alexandris: The Identity Issue of the Minorities in Greece and Turkey. In: Renée Hirschon (Hrsg.): Crossing the Aegean: An Appraisal of the 1923 Compulsory Population Exchange Between Greece and Turkey. Berghahn Books, 2003, S. 120. von (deutsch Imbros), ist eine Ägäisinsel in der türkischen Provinz Çanakkale. Hauptort der Insel ist die Stadt Gökçeada, die gleichzeitig Kreisstadt des gleichnamigen mit der Insel flächenmäßig identischen Landkreises ist. Bewohnt wird die Insel von Türken und einer alteingesessenen griechischen Minderheit.

Name Der türkische Name Gökçeada („himmlische Insel“) ist eine moderne Schöpfung der türkischen Verwaltung, die seit dem 29. Juli 1970 als offizieller Name der Insel gilt. Vorher hieß die Insel im Türkischen und Osmanischen İmroz (ايمروز). Die Griechen nennen die Insel Ímvros; der deutsche Name Imbros entspricht der altgriechischen Aussprache. Erstmals genannt wird die Insel von Homer als Ἴμβρος. Von der Forschung wird angenommen, dass der Name möglicherweise zum luwischen Wort immra- „Feld, Flur“ gehört.Zsolt Simon: Zur vorgriechischen Geschichte von Imbros aus philologischer Sicht, Ancient West & East 14 (2015), S. 1–21. Doch ist diese Herleitung nicht unumstritten, zumal die Anwesenheit von luwischsprachigen Völkern in dieser Region nicht belegt werden kann.Diether Schürr: Imbr- in lykischer und karischer Schrift. In: Die Sprache 35 (1993), S. 163–175, hier S. 171. Italienische Geografen nannten die Insel Imbro, Embaro oder Lembro.

Geographie Die Insel liegt strategisch günstig am Eingang der Dardanellen im Thrakischen Meer, 16 km westlich der Halbinsel Gelibolu und rund 30 km nordöstlich der Insel Limnos sowie 25 km südöstlich der Insel Samothraki. Sie ist 13 km breit und 30 km lang und hat eine Fläche von 287 km2. Die Insel hatte 9783 Einwohner im Jahr 2018., abgerufen am 10. Februar 2015. Der höchste Berg ist der 673 Meter hohe erloschene Vulkan Doruk Tepe oder İlyas Dağ / Profítis Ilías (Προφήτης Ἠλίας).

Die wasserreiche Insel hat viele Quellen und Wasserläufe. Der größte Fluss ist der perennierende Büyükdere (türkisch: „großer Fluss“) oder Megálos Potamós (griechisch: Μεγάλος ποταμός „großer Fluss“), welcher in der Antike Ilissos (Ἰλισσός) hieß. Er hat seine Quellen unter dem İlyas Dağ und fließt ostwärts. In der Enge zwischen dem Berg Kesiktaş Tepe / Arassiá (Αρασσιά, 430 m) und dem Dorf Zeytinliköy / Áyii Theódori wurde von 1977 bis 1983 die Gökçeada-Talsperre errichtet, so dass der Oberlauf des Flusses heute einen Stausee bildet. Unterhalb davon wendet sich der Fluss nach Norden und bildet eine größere sehr fruchtbare Schwemmebene (griechisch: Mégas Kámpos). Ebenfalls am İlyas Dağ entspringt der nach Südwesten abfließende Ballidere, der im Winter sehr viel Wasser führen, in heißen Sommern aber auch austrocknen kann. Der im Sommer wasserlose Değirmendere im Südosten bildet die kleinere fruchtbare Ebene um Eşelek. Im Südosten der Insel liegt die Salzlagune Tuz Gölü / Alikí (Αλυκή).

Das Vorgebirge İnce Burun / Avlaka (Αύλακα) im Südwesten der Insel ist der westlichste Punkt der Türkei. Das Kap Kefaloz (Κέφαλος) im Südosten ist eine lange sandige Landzunge, die beim Tuz Gölü beginnt und eine größere Bucht im Norden bildet. Es endet in einer felsigen, etwa 30 Meter hohen Klippe. Von Natur aus bildet die Bucht Kale Koyu / Áyos Nikólaos bei Kaleköy / Kástro einen guten Anlegeplatz für Schiffe, der schon in der Antike durch eine Mole geschützt wurde, wobei die Bucht damals weiter ins Land hinein reichte. Im Nordosten liegt die Bucht Kuzulimanı, die zu einem modernen Fährenhafen ausgebaut wurde, der ganzjährig angefahren werden kann. Die vom Kap Kefaloz gebildete Bucht bietet zwar Schutz für kleinere Schiffe, taugt aber als Hafen wenig. Bei Pirgoz (Πύργος) im Süden der Insel gibt es einen weiteren Anlegeplatz und noch einen beim Kap İnce Burnu, der wegen unregelmäßiger Strömungen beim Vorgebirge eher unsicher anzufahren ist.

Geologie mini|Aussicht von Tepeköy / Agrídia auf den Stausee im Landesinnern Gökçeada liegt auf der Anatolischen Platte unmittelbar am nördlichen Rand der Plattengrenze zur Eurasischen Platte. Entlang der dadurch entstandenen Transformstörung ereignen sich größere Erdbeben und stellen für die Insel ein großes Risiko dar. Kleine spürbare Erdbeben sind auf Gökçeada nichts Außergewöhnliches. (türkisch). Am 24. Mai 2014 wurde Gökçeada von einem heftigen Erdbeben mit einer Magnitude von 6,9 Mw erschüttert. 30 Menschen wurden dabei verletzt und einige alte Häuser wurden beschädigt.

Klima Die Insel hat mediterranes Klima mit warmen trockenen Sommern und feuchten kühlen Wintern. In der Regel sind kühles Wetter und Regen in der ersten Septemberhälfte zu erwarten. Schnee und Bodenfrost sind im Winter keine Seltenheit. Regen fällt von Juni bis August in Ausnahmefällen.

Ökologie Fauna mini|Eine Scharbe an der Küste von Gökçeada. Zu den größten auf der Gökçeada lebenden Landsäugetieren gehört die Mönchsrobbe (Monachus monachus), welche in Höhlen an der Nordküste vorkommt. Verbreitet ist der Feldhase (Lepus europaeus), während das Kaukasische Eichhörnchen (Sciurus anomalus) mehr an den Wald gebunden ist. Hinzu kommen noch der Weißbrustigel (Erinaceus roumenicus) und kleinere Säugetiere wie die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), drei Mausarten, die Westblindmaus (Spalax leucodon) sowie die Hausratte (Rattus rattus) und weniger häufig die Wanderratte (Rattus norvegicus).Beytullah Ozkan: Gökçeada ve Bozcaada Kemirici Faunası (Mammalia; Rodentia). In: Turkish Journal of Zoology 23 (1999), S. 133–147; Marco Masseti: Atlas of Terrestrial Mammals of the Ionian and Aegean Islands. De Gruyter, Berlin 2012, ISBN 978-3-11-025457-0. An Meeressäugern kommen in umliegenden Meer neben dem Pottwal (Physeter macrocephalus) noch vier Delphinarten vor.

Für Gökçeada wurden 143 Vogelarten verzeichnet, davon sind 63 Standvögel, 55 Sommergäste und 15 Arten Wintergäste. Die restlichen 10 Arten sind Durchzügler, darunter der Flamingo der regelmäßig im Frühling und Herbst am Salzsee Tuz Gölü / Alikí im Südosten der Insel Halt macht.

Auf der ganzen Insel, besonders im Fluss Büyükdere, kommt die Balkan-Bachschildkröte (Mauremys rivulata) vor, daneben wurde noch die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) beobachtet.Yusuf Bayrakcı, Dinçer Ayaz, Batuhan Yaman Yakın, Kerim Çiçek, Cemal Varol Tok: Abundance of Western Caspian Turtle, Mauremys rivulata (Valenciennes, 1833) in Gökçeada (Imbros), Turkey. In Russian Journal Herpetology 23, Nr. 4 (2016). Auf der Insel gibt es zehn Schlangenarten. Der Biss der Bergotter (Montivipera xanthina) kann für Menschen tödlich sein. Nicht zu den Schlangen gehört die Panzerschleiche (Pseudopus apodus), die 140 cm lang werden kann. Eidechsen sind ebenfalls verbreitet auf der Insel.

Auf Gökçeada wurden 45 Schmetterlingsarten verzeichnet.Z. Okyar, N. Aktac: Identification of Butterfly (Lepidoptera; Rhopalocera) Fauna of Gokçeada and Bozcaada, Turkey.

Flora mini|Aussicht von Pınarbaşı / Spiliá mit der für Gökçeada / Ímvros typischen Vegetation Die Vegetation auf Gökçeada ist mediterran und vor allem durch Phrygana und Macchia gekennzeichnet. Besonders im Nordwesten in höheren Lagen gibt es Wald, oft aber sind die Berge kahl mit nur wenig oder keiner Vegetation. Im Südwesten um den Salzsee Tuz Gölü, an dem die Meerstrand-Binse (Juncus maritimus) vorkommt, und auf der Halbinsel Kefaloz ist eine psammophile Vegetation anzutreffen, geprägt durch Kugelbinse (Scirpoides holoschoenus) und Aethorhiza bulbosa.Özcan Seçmen: The Flora and Vegetation Analysis of Gökçeada and Bozcaada Islands. Tübitak, Tbag‐211, Ankara 1977.

Die Macchia der Insel besteht aus immergrünen Sträuchern und zwergwüchsigen Bäumen wie wilder Ölbaum (Olive europaea var. sylvestris), Mastixstrauch (Pistacia lentiscus), Östlicher Erdbeerbaum (Arbutus andrachne), Baumheide (Erica arborea), Kermeseiche (Quercus coccifera) und Stech-Wacholder (Juniperus oxycedrus).

Der häufigste Waldbaum ist die Kalabrische Kiefer (Pinus brutia), darunter mischen sich auch Kermeseichen (Quercus coccifera) und Flaumeichen (Quercus pubescens). Eine historische, über 600 Jahre alte Platane (Platanus orientalis) steht bei Pınarbaşı / Spiliá, nördlich des Dorfes Tepeköy / Agrídia.

Wirtschaft mini|hochkant=1.2|Ölhain auf Gökçeada / Ímvros Die wichtigsten Wirtschaftssektoren sind Landwirtschaft und Tourismus. Im Rahmen des Projektes Cittàslow wird eine ökologisch-biologische und nachhaltige Wirtschaft angestrebt, die durch das „Gökçeada District Governorship Organic Agriculture Project“ des Landwirtschaftsministeriums gefördert wird. Zudem wird auch ein nachhaltiger Öko-Tourismus angestrebt.Nusret Avci: Gökçeada’da Organik Tarım ve Organik Ada. In: Gökçeada Değerleri Sempozyumu (26–27 Ağustos 2008) (= Çanakkale Onsekiz Mart Üniversitesi Yayınları, Nr. 78). Çanakkale 2008, ISBN 978-975-8100-85-9, S. 85–88.

Landwirtschaft Der wichtigste Landwirtschaftszweig auf Gökçeada ist der Anbau von Oliven, wobei viele Ölbauern auf biologische Bewirtschaftung umgestellt haben und rund die Hälfte der Ölhaine biologisch zertifiziert sind. Traditionelle Ölhaine liegen besonders bei den Dörfern Zeytinliköy / Ágii Theódori, Tepeköy / Agrídia und Dereköy / Schinúdi. Es werden Essoliven und Oliven für die Ölproduktion angebaut. Das erstgepresste Olivenöl wird für den Eigenbedarf der Inselbevölkerung verwendet, während das zweitgepresste Öl exportiert wird. Öle mit mehr als 5 % Säuregehalt werden zu Seife verarbeitet. Die einzige Seifenfabrik der Insel liegt bei Kaleköy / Kástro, die biologische Produkte herstellt. Eine nur auf Gökçeada vorkommende Olive ist die aromatische Ladolia-Olive.

mini|Bienenstöcke bei Marmaros im Nordwesten der Insel Auch die Imkerei stellt auf biologische Produkte um. Es wird vor allem Thymian-Honig und Kiefern-Honig hergestellt. Auf der Insel gibt es schätzungsweise 2000 Bienenstöcke.

Der Weinbau hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen, da er traditionellerweise nur von Griechen betrieben wurde. Heute wird der biologische Weinbau gefördert. Neben traditionellen heimischen Traubenarten, wie Kalabaki, Vasilaki und Mavropali werden zunehmend auch fremde Sorten angebaut, wie zum Beispiel Cabernet-Sauvignon, die auf heimische Rebstöcke aufgepfropft werden.

An Getreide werden vor allem Weizen und Gerste angebaut, aber auch andere weniger ertragreiche Sorten. Weizen wird besonders in der Ebene des Büyükdere / Megálos Potamós angebaut, beim Dorf Eşelek und im Südwesten der Insel. In höheren Lagen wird Gerste und Hafer angebaut, die auch als Tierfutter Verwendung finden.

Früchte, Obst und Nüsse sowie Gemüse werden nur für den Eigenbedarf der Inselbewohner produziert. Die ersten Gewächshäuser wurden 2002 erstellt. Mandelhaine gibt es vor allem beim Dorf Bademli / Glikí. Andere Produkte sind Walnüsse, Birnen, Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Maulbeeren sowie Weichselkirschen, aus denen der Vişinada-Sirup hergestellt wird.

Tierhaltung ist ebenfalls ein wichtiger Wirtschaftssektor. Schafe und Ziegen laufen meist frei auf der Insel herum und werden im Juni von den Besitzern zusammengetrieben. Eine nur auf der Insel gehaltene Schafart ist das İmroz-Schaf. Rinder und Geflügel sind weniger häufig anzutreffen. Auf Gökçeada befindet sich die erste türkische Molkerei, die biologische Milchprodukte herstellt. Der Kaşkaval-Käse, nach dem das nordöstliche Vorgebirge der Insel Kaşkaval Burnu benannt wird, ist eine heimische Käseart. Dieser Käse wird drei Monate lang in einem Gefäß gelagert, wo er heranreift.

Fischerei dagegen ist weniger wichtig und wird besonders an den drei Häfen von Kaleköy / Kástro, Kuzulimanı und Uğurlu betrieben. Ein Teil der Fische wird nach Istanbul exportiert.

Tourismus mini|Strand von Lazkoyu im Süden der Insel.