Der Kunstdienst (oder auch Kunst-Dienst) ist eine mit den deutschen evangelischen Kirchen teils institutionell, teils locker verbundene Einrichtung von theologisch und kunsthistorisch ausgebildeten Fachleuten, die zur Herstellung, Betreuung und Renovierung aller künstlerisch relevanten Kunst-, Ausstattungs- und Einrichtungsgegenstände für Orte christlicher Verkündigung Beratungs- und Vermittlungsdienste leistet.

Zeit der Weimarer Republik Der Gründung gingen vielfältige Entwicklungen voraus. Volksbildungsethos, religions- und kulturphilosophische Ideen und kulturpolitische Gestaltungsmotive hatten innerhalb des protestantischen Bildungsbürgertums schon vor dem 1. Weltkrieg zur intensiven Beschäftigung mit zeitgenössischer Kunst geführt. Ungeachtet dessen hatte die Entfremdung zwischen Kunstentwicklung und Künstlern auf der einen und Theologie, evangelischen Landeskirchen und ihren Institutionen und Milieus auf der anderen Seite zugenommen. Theologen neigten eher zu amusischer Intellektualisierung, und der volkstümliche Neupietismus war zu sehr mit sentimentalem Historismus und Kunstgewerbe verbunden. So verstärkte sich das allgemeine Auseinanderdriften von Moderne und populärem Verständnis auch im kirchlichen Bereich. Wenn sich auch einige expressionistische Jahrhundertwerke zentralen biblischen Themen widmeten – Emil Noldes Bilderzyklen Abendmahl (1909), Pfingsten und Leben Christi (1912) und nach dem 1. Weltkrieg etwa Karl Schmidt-Rottluffs Holzschnittfolge zu Christus-Szenen (1918) – fanden beispielsweise die religiös empfindenden Künstlervereinigungen Die Brücke (1906–1913) und Blauer Reiter (um 1912) von sich aus kaum zur Eigenwelt der Volkskirche. 1912 hatte Franz Marc programmatisch geschrieben: „Die Mystik erwachte in den Seelen und mit ihr uralte Elemente der Kunst [...] Ihr Denken hat ein anderes Ziel: durch ihre Arbeit ihrer Zeit Symbole zu schaffen, die auf die Altäre der kommenden geistigen Religion gehören.“Meißner, Karl-Heinz, Ist euch nicht Christus erschienen? Religiöse Strömungen in der Kunst des Expressionismus – ein kunsthistorischer Exkurs; in: Thüringer Tageblatt Nr. 81 v. 6. April 1985, 3. Auflage

In den Nachkriegsjahren suchten theologisch-liturgische und spirituelle Erneuerungsbewegungen innerhalb beider Konfessionen verstärkt Kontakt zur gemäßigten Avantgarde und setzten sich mit ihr intensiv auseinander, wie beispielsweise die jugendbewegte Berneuchener Bewegung (ab 1923). Hier wurde nichtinstitutionalisierte Religiosität als beachtenswertes Bewegungsmotiv anerkannt, dessen Impulse man quasi heimholen und im kirchlichen Raum inspirierend wirksam werden lassen wollte. Im offenen Kräftefeld der freien protestantischen Volksbildung wurde dieses Anliegen ebenfalls in vielfältiger Weise gefördert. Es galt dem Ziel, Christentum und Kultur auf dem Terrain individueller Gewissensfreiheit und Ausdrucksform in institutionell ungebundenen Arbeitsgemeinschaften zu versöhnen und zu reflektieren. In der Mitte der 20er Jahre fanden diese freischwebenden Interessen wieder stärker mit verfassten Kräften zusammen. Bereits 1852 war ein entsprechender Verein für religiöse Kunst in der evangelischen Kirche gegründet worden, der 1938 zum Bund für christliche Kunst in der Evangelischen Kirche Deutschlands umbenannt und gleichgeschaltet wurde. Doch richtete sich der neue reformerische Elan nicht nur auf den kirchlichen Gestaltungsraum aus, sondern wollte auch der Sehnsucht nach religiöser Erneuerung und künstlerischer Neugestaltung eine Bahn brechen und ein fruchtbares Verhältnis zwischen Künstlern und Kirchengemeinden fördern.

Bedeutsamste Frucht dieser vielfältigen Bemühungen war der erste Kunst-Dienst der 1928 in Dresden, Walpurgisstraße 15, gegründeten freien Arbeitsgemeinschaft für evangelische Gestaltung. Ihr Gründungsgedanke lautete:

“Der Kunst-Dienst ist eine freie Vereinigung von Menschen, die sich im Zusammenhang wissen mit den ‚evangelischen‘, d. h.  aus dem Geist der Botschaft kommenden Lebensbewegungen unserer Zeit. Dabei kommt es ihnen auf die Auswirkung dieser Kräfte besonders in der Kunst an, ohne Rücksicht darauf, ob diese Kunst auf kirchlichem Boden gewachsen ist. An evangelische Kunst in diesem Sinne müssen nach Form und Inhalt höhere Maßstäbe als bisher gelegt werden, wenn sie ihrer großen Bestimmung dienen soll: sinnbildlicher Ausdruck des Glaubens zu sein.”Der Arbeitsausschuß des Kunst-Dienstes, Kunst-Dienst Arbeitsgemeinschaft für evangelische Gestaltung, Dresden 1928, Faltblatt DIN A4, Kopie Privatarchiv Rothe. Vgl. Rothe, Aribert, Evangelische Erwachsenenbildung in der DDR und ihr Beitrag zur politischen Bildung, Leipzig 2000 Der Kunst-Dienst wollte nichts weniger, als „durch lebendige Mittel der Veranschaulichung [...] sowie durch Einsatz für Einfachheit und Ehrlichkeit der Werkformen und der Lebensformen innerhalb und außerhalb der Kirchen [... danach zu streben], der kommenden religiösen Erneuerung und Neugestaltung zu dienen.”Kunst-Dienst Dresden, Kunst-Dienst-Ausstellung Kult und Form – Neue evangelische katholische und jüdische Gebrauchskunst, 11.11. – 28.12.1930, Altes Kunstgewerbemuseum, Prinz-Albrecht-Straße 7, Ausstellungsheft, DIN A5, 6 Seiten, Kopie Privatarchiv Rothe.

In der Kunststadt Dresden gab es dafür beziehungsvolle personelle Voraussetzungen. Im Dresdner Atelier des Architekten Oswin Hempel arbeiteten ab etwa 1925 Stephan Hirzel (später Rektor der Werkhochschule Kassel), Sebök István (= Stephan Seinberg, später Vizepräsident des Bundes der Architekten Ungarns) und Hermann Weidhaas. Sie entwickelten eine hohe Wertschätzung füreinander und pflegten eine anspruchsvolle geistig-künstlerische wie auch politische Kommunikation mit dem nach Dresden emigrierten russischen Fürst Aleksej Obolenskij, seinem mathematisch hochbegabten Sohn Dimitrij, dem Philosophen Fedor Stepun, Nikolaus Arzenév, Sim. Frank, Sergej Hessen, Val. Bulgakov, Paul Tillich, Richard Kroner, Mary Wigman und anderen und animierten Hermann Weidhaas, einen kunstorientierten Kreis der Begegnung von evangelischen und orthodoxen Christen zu organisieren, aus dem schließlich der Kunst-Dienst 1928 hervorging. Die Gründungsmitglieder waren: Oskar Beyer (1890–1964) Gotthold Schneider Stephan Hirzel Hermann Weidhaas

Schon bald traten hinzu: Rudolf Böhme, sächsischer Regierungsrat A. Diener von Schönberg Karl Groß, Akademiedirektor Arndt von Kirchbach, Domprediger von Freiberg Esther von Kirchbach, Publizistin, Dichterin, Seelsorgerin Heinrich König Alfred Stier, Kantor

Ein Freundeskreis wurde gebildet und ein sog. Schauraum eingerichtet. Der Kunst-Dienst setzte sich das Ziel, Lebensäußerungen künstlerischer Art, seien es Bildkunst, Tonkunst, Schriftkunst oder Denkmalkunst, die aus dem Geist des Evangeliums geschaffen werden, zu fördern, bekanntzumachen, zu verbreiten und ihnen sowohl im Raum der Kirche wie auch in der Gesellschaft eine angemessene Stellung zu verschaffen. Eine intensive Ausstellungsarbeit folgte dem Konzept, breite Kreise durch Anschauung zu bilden. Als Arbeitsformen und Methoden, um diese Aufgabe zu erfüllen, wurden „zwanglose Zusammenkünfte, Vorträge, musikalische Abende, Ausstellungen, Laienspiele, Tagungen u. a.“ genannt.Aufruf eines Arbeitsausschuss des Kunst-Dienstes, 1928. In: Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer. Kirche & Kunst unterm Hakenkreuz. Dittrich Verlag, Köln 2001, Faksimile S. 79, ISBN 3-920862-33-3

Über die Absichten der Kunstdienst-Gründer im Januar 1928 schreibt der Kirchenhistoriker Hans Prolingheuer:Hans Prolingheuer: Hitlers fromme Bilderstürmer. Kirche & Kunst unterm Hakenkreuz. Dittrich Verlag, Köln 2001, ISBN 3-920862-33-3, S. 35

Es gelang nicht nur, erstrangigen Künstler(inne)n und Verantwortlichen ein Podium zu schaffen und protestantische Stimmen maßgeblich an der öffentlichen Kunstdiskussion zu beteiligen, sondern auch die großen religionsphilosophischen Anreger der Erwachsenenbildung Martin Buber und Paul Tillich einzubeziehen. Bei modernen Künstlern fand Tillich sogar mehr „Heiligkeitsqualität“ als in traditionell-religiöser Kunst, und über Cézanne urteilte er beispielsweise: „In dem Willen zur objektiven Gestaltung rang er mit der Form und gab den Dingen ihre wirklich metaphysische Tiefe zurück.“ Pauck, W. u. M., Paul Tillich – sein Leben und Denken, Bd. II, Stuttgart und Frankfurt a. M. 1978, S. 87. Schon Ende November 1929 sprach Martin Buber im Rahmen des Kunst-Dienstes zum Thema „Weltbild und Gottesbild“ und Ende des darauf folgenden Jahres wurde im Berliner Alten Kunstgewerbemuseum die legendäre „Kunst-Dienst-Ausstellung Kult und Form – Neue evangelische katholische und jüdische Gebrauchskunst“ eröffnet, zu deren Auftakt Tillich erstmals seinen kunst-kommunikablen Religionsbegriff darstellte. Er endete mit dem Dank an den „Kunst-Dienst, dass er den Kampf aufgenommen hat um eine neue, gegenwärtige, wirkliche und dadurch zeugnisfähige Kunstform.“Tillich, P., Kult und Form. Vortrag, gehalten bei der Eröffnung der Ausstellung des Kunst-Dienstes in Berlin am 10. November 1930; in: Kunst und Kirche, 8. Jg., 1/1931, S. 3 ff.

Indem man die religiösen Dimensionen nichtkirchlicher moderner Kunst heraushob, erreichte man viele gebildete Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche. Kunstanalytische Betrachtungen beispielsweise des neuzeitlichen Expressionismus spürten Affinitäten zu mystischen Elementen des Christentums auf und suchten die Gebildeten dafür zu gewinnen. Im freisinnigen Umfeld der 1924 gegründeten Zeitschrift Kunst und Kirche wurden etwa Ernst Barlachs Werke fraglos in den Geltungsbereich des modernen Sakralraums eingemeindet. Dies entsprach den Wünschen des Künstlers, geschah faktisch aber leider nur in wenigen Fällen. Friedhof und Grabmal als Orte künstlerischer Gestaltung und öffentlicher Kommunikation waren wesentliche Themen.

In Abwehr eines billigen religiösen Kunstgewerbes galt es nicht zuletzt, ästhetische und praktische Kriterien einer zeitnahen kirchlichen Gebrauchskunst für Kultgeräte, Kirchenfenster, Lichtgestaltung, Paramentik, Gemeindehäuser und moderne Sakralarchitektur zu entwickeln und durch Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen durchzusetzen.

Unter der Leitung von Stefan Hirzel entwickelte sich ein reger Austausch mit der „Brücke“, dem „Blauen Reiter“, dem „Goldenen Vlies“ und der Neuen Sachlichkeit. Angeregt durch die „Musterschauen“ organisierten die Kunstdienst-Enthusiasten von 1928 bis 1932 große Ausstellungen und Wanderschauen wie: „Rudolf Koch und sein Kreis“, „Kultbauten der Gegenwart“, „Kirchliche Kunst der Gegenwart“ und „Hingabe“. Dazu kamen die interkonfessionelle Wanderausstellung Kult und Form – Neue Evangelische, Katholische und Jüdische Gebrauchskunst, die zuerst im Februar 1929 in Magdeburg gezeigt wurdePlakat von Walter Dexel, MoMA und danach in Hamburg und Berlin, wo sie mit einem Vortrag von Paul Tillich eröffnet wurdePaul Tillich: Kult und Form. In: Die Form 5 (1930), S. 578—583; Gesammelte Werke Band IX, S. 324–327, und die Ausstellung „Tod und Leben“ als kritischer Beitrag zur wachsenden Unkultur des Bestattungswesens.

Der Kunst-Dienst vereinte durchaus verschiedene Bestrebungen. So flossen volksbildnerische Absichten ein, die Emotion und Intuition stärker einbeziehen wollten und auf diesem Suchweg die Kunst als Medium entdeckten. Andere wollten den sinnlichen Wahrnehmungsbereich nicht länger von wesentlichen Erkenntnisvorgängen ausschließen, sondern via Kunst zur Erfassung tieferer Dimensionen der Wirklichkeit führen. Auch die aufkommende Erneuerungsbewegung der Paramentik hing eng mit den Bemühungen des Kunst-Dienstes zusammen. Neben freisinnig-liberalen und vereinzelten religiös-sozialistischen Bildungs- und Gestaltungsansätzen, welche die wechselweisen Wirkungen von Kunst, Kirche und Gesellschaft reflektieren und ins Bewusstsein der Gebildeten heben wollten, gab es auch starke national orientierte Kräfte. Hochkirchlich-kultische Vorstellungen konnten sich auch mit völkischen Kulturideen verbinden.