Das Sultanat Jambi, zur Kolonialzeit üblicherweise Djambi geschrieben, bestand bis zur Unabhängigkeit Indonesiens im südlichen Teil der Insel Sumatra. Seit 1957 ist Jambi autonome Provinz. Regierungssitz war und ist die knapp 90 km im Inland liegende gleichnamige Hauptstadt am südlichen Ufer des Hari, die einige Zeit Telanaipura genannt wurde. Ein Unterdistrikt der Hauptstadt trägt diesen Namen noch heute.
Landeskunde Die koloniale Residentur Jambi mit ca. 50.000 km² grenzte an Land an die Bezirke Indragiri, Westsumatra, Benkoelen (Grenze entlang der Wasserscheide) und Palembang.Zur Gliederung siehe: Staatsblad van Nederlandsch Indië 1913, No. 241 Die überwiegend schlammige Küste grenzte an die Straße von Berhala. Die westliche Grenzregion zur Residentur Padangsche Oberländer ist gebirgig, dort befindet sich der höchste Berg Sumatras, der Korintji (3805 m). Im vulkanischen Hochland findet sich in Kerinci, eine mit Schwemmmaterial gefüllte Senke von 40 × 12 km. Erste umfassende geologische Untersuchungen wurden von A. Tobler 1904–1912Kartensatz (20 Stück; 1:200.000, 1:25.000): Dienst van het Mijnwezen; Kaarten behoorende bij de korte beschrijving der petroleumterreinen gelegen in het zuidoostelijk deel der residentie Djambi (Sumatra); Batavia: Dienst van het Mijnwezen, 1912. durchgeführt. Der durchschnittliche Regenfall beträgt um 3000 mm, die trockenere Jahreszeit dauert von April bis Oktober.Djambi. In: Pieter A. van der Lith (Hrsg.): Encyclopaedie van Nederlandsch-Indië, Band 1. 2. Auflage. ’s-Gravenhage 1917
Bevölkerung Die Volkszählung 1915 ergab 209.399 Einheimische, 1343 Chinesen, 108 Europäer, 606 Araber sowie 45 andere Ausländer. Der Hauptort hatte 1905 insgesamt 8815 Einwohner. Das Gebiet blieb mit 4,26 (1912) bzw. 5,5 Einwohnern/km² (1930) das am dünnsten besiedelte von Sumatra. Ansiedlungen befanden sich hauptsächlich entlang der Flussläufe, die die einzigen Verkehrswege darstellten, bis nach 1900 Landstraßen gebaut wurden. Die überwiegend muslimischen Einwohner galten als wenig fanatisch, vor dem Ersten Weltkrieg konnten jährlich ca. 300 nach Mekka pilgern. In den gebirgigen Regionen lebten zahlreiche indigene Stämme.
Geschichte Chinesische Quellen, die um das Jahr 600 datieren, erwähnen zwei Reiche auf Sumatra: eines an der Küste in Jambi und eines in Palembang, wobei Jambi vielleicht das bedeutendere Königreich war, das zu dieser Zeit eher Beziehungen nach China pflegte. Jambi wurde aber schon nach einem Feldzug um 683 von SrivijayaArab.: Zābaj, was in der Aussprache des Hokkien-Dialekts den in chinesischen Quellen verwendeten Zeichen für das Land nahekommt. Vgl. G. Schlegel: Geographical Notes, XVI: The Old States …; T'oung Pao (2nd Ser.), 2 (1901), S. 107–138 übernommen, wovon der Pilgermönch I Ching Zeugnis ablegt. Im 14. Jahrhundert gelangte das Gebiet unter den Einfluss des javanischen Königreichs Majapahit als sich dieses auf dem Höhepunkt seiner Macht befand. Die von der Seeseite her zugewanderten islamisierten Malaien stellten die Oberschicht der Gesellschaft. Die traditionell gläubigen Indigenen wurden im 18. Jahrhundert immer weiter zurückgedrängt.Gottfried Simon: Progress and arrest of Islam in Sumatra. London 1912
1445 bis 1823 Eine erste Faktorei der VOC wurde am 15. September 1615 im Hauptort errichtet; sie existierte bis 1768. Seit etwa 1630 bediente man sich verstärkt chinesischer Mittelsmänner. Der Sultan suchte ab 1640 zur Zeit der aggressiven Expansion Acehs verstärkt die Unterstützung der VOC. Der Herrscher war nach 1690 so unpopulär, dass ein großer Teil der Bevölkerung abwanderte.Der Stamm der Suku Pindah wanderte über Generationen zwischen Jambi und Palembang hin und her, je nachdem welcher Herrscher weniger Frondienste forderte. Michael Adas: From footdragging to flight: the evasive history of peasant avoidance in South and Southeast Asia; Journal of Peasant Studies 13 (1981), S. 65 Die VOC griff daher in die örtliche Politik ein und half bei seinem Machterhalt mit. Seit 1717 befand sich im Fort von Muara KompehRund 45 km Inland am Hari-Fluss, etwa auf der halben Strecke zwischen Küste und Hauptstadt gelegen. dauernd eine kleine Garnison, bis sie 1868 abzog. Jambi war auch Markt für die von der VOC gehandelten Sklaven.Markus Vink: The World’s Oldest Trade: Dutch Slavery and Slave Trade in the Indian Ocean in the Seventeenth Century. In: Journal of World History, 14, 2, Juni 2003, S. 131–177 Für den Zeitraum 1724 bis 1833 gibt es wenige Berichte.
1823 bis 1907 mini|links|hochkant|Sultan Achmad Nazaruddin (reg. 1858–1881) mini|„Palast“ des Sultans (1878) Der tyrannische Sultan Mahudin (reg. ca. 1811–1833) wurde 1833 vertrieben, er ging nach Batavia ins Exil. Sultan Facharuddin erbat 1833 die Hilfe der Holländer bei der Piratenbekämpfung, die er auch erhielt. Im Gegenzug musste er eine kleine Garnison hinnehmen, freien Handel zugestehen und das Salzmonopol abtreten. Als sein Nachfolger Taha Safi ud-Din 1858 die Konzessionen rückgängig machen wollte, wurde er im November durch eine Militärintervention der Kolonialherren abgesetzt und durch seinen Onkel Ahmad Nazaruddin († 1881) ersetzt. Ein neuer Vertrag machte den Herrscher zum Vasallen von Batavia, verbot Auslandskontakte, unterstellte zugewanderte Chinesen und Araber kolonialer Gerichtsbarkeit und führte die Pockenimpfung ein. Dieser Vertrag war von den Holländern als notwendig erachtet worden, da amerikanische Interessen, zunächst 1852 in Form des Abenteurers Walter Murray Gibson, dann auch der US Navy u. a. durch die Perry-Mission zwischen ihren Aufenthalten in Japan, dann bis Januar 1857 die niederländische Oberhoheit in Zweifel zogen. Die Apanage des Fürsten wurde zunächst auf 10.000, wenige Jahre später auf 15.000 fl. erhöht. Am Hofe wurde ab 1860 ein „politischer Agent“ mit Garnison installiert. Weitere Eingriffe 1868, 1878 und 1881 führten zur Ausweitung kolonialer Kontrolle. Taha versuchte, wie schon 1857, noch mehrmals vom Kalifen die Anerkennung als unabhängiger muslimischer Staat unter nomineller ottomanischer Oberhoheit zu erreichen. Die Sumatra-Expedition 1877–1879 fürchtete, von den Anhängern Tahas angegriffen zu werden und die Garnison wurde wieder verstärkt. Die nächsten Jahre kümmerte man sich – von Ethnologen und Naturforschern abgesehen – wenig um das kleine Land.
Nachdem 1883 drei Europäer ermordet worden waren und 1885/56,Jambi Uprising in der englischsprachigen Wikipedia 1888 sowie 1895 immer wieder Unruhen ausbrachen, wurde der Herrscher endgültig zur Marionette degradiert. Sultan Zain ud-Din (reg. ab 1885) bekam einen siebenjährigen Sohn Tahas als Kronprinzen zur Seite. Zwar durfte er sich innerhalb seines „Reiches“ frei bewegen, er hatte jedoch vierteljährlich beim politischen Agenten zum Rapport anzutreten. Der Sultan wurde für den immer weitergehenden Machtverlust durch weitere Erhöhungen seiner Apanage entschädigt. Die in ganz Niederländisch-Indien betriebenen Monopole wurden auch in Jambi etabliert.
Aufstand (1901–1904/7) mini|Vorrückende KLIN-Artillerie im Dorfe Rantau Kapas Muda (1902) mini|links|Kapitulation des Kronprinzen Marta Ringat (3.v.l.) mit Übergabe der Insignien an den Residenten O. L. Helfrich (2.v.r.; 26. März 1904)
Im Juni 1899 wurde Sultan Zain ud-Din (auch Cakra Negara; † 21. Mai 1903 in Jambi), ein Bruder von Tahas, der 1881–1885 Kronprinz gewesen war und seit September 1886 regierte, von holländischer Seite zum Rücktritt gezwungen. Die Kolonialmacht hatte vorgehabt, angesichts der erwarteten Bodenschätze direkter in die Verwaltung einzugreifen. Der Vertrag mit dem Sultanat sollte durch einen neuen, nur drei Paragrafen langen (Korte Verklaring1898 von Snouck Hurgronje, 1889–1906 Berater in Indonesien, danach Arabischprofessor in Leiden, formuliert werden. E. Gobée, C. Adriaanse (Hrsg.): Ambtelijke adviezen van C. Snouck Hurgronje 1889–1936. Den Haag 1957–1965, 3 Bände) ersetzt werden, der die vollkommene Unterwerfung forderte. Trotz mehrerer Versuche des Residenten von Palembang, I. A. van Rijn, das Wahlmännergremium zusammentreten zu lassen, wurde bis Juni 1901 kein neuer Sultan gewählt. Der Resident übernahm bereits am 27. Februar das Amt des Sultans selbst.
Nachdem im Haag die seit 1870 betriebene Politik der Nichteinmischung zu dieser Zeit aufgab, erhielt er im September 1901 die Erlaubnis militärisch vorzugehen. Es entwickelte sich ein Kleinkrieg gegen im Dschungel lebende Guerillagruppen, die meist um 30–40 Mann unter dem Befehl eines Adligen umfassten. Diese Grüppchen wurden in einer langwierigen Kampagne aufgerieben. Der ungarische Abenteurer Karl Hirsch gab sich als osmanischer Oberst aus und gaukelte den Aufständischen vor, er könne gegen Bezahlung die Anerkennung der türkischen Oberhoheit sichern. Er wurde von den Holländern mit dem ergaunerten Geld 1905 verhaftet und in Batavia verurteilt. Der Kronprinz Marta Ringat übergab die Insignien des Sultans nach seiner Kapitulation im März 1904. Taha wurde im September erschossen. Einzelne Versprengte unterwarfen sich 1903/04, einige kämpften bis 1907 weiter. Die Untertanen des Sultans standen nicht immer auf Seite der Aufständischen, sondern unterstützten vielfach die Kolonialherren. Das Territorium und zwangsläufig auch die angrenzenden Gebiete wie Kerinci kamen als Residentur unter direkte Kolonialherrschaft.
1907 bis 1941 Die überlebenden Mitglieder der Herrscherfamilie wurden in einem Weiler außerhalb von Jambi zwangsweise angesiedelt. Sie genossen in der Gesellschaft zwar noch Ansehen, verarmten aber, da ihre Apanage 1901 gestrichen worden war, zusehends. Es blieb die Garnison mit drei Offizieren und 240 Mann Gendarmerie, das einheimische Recht bestand fort.Staatsblad van Nederlandsch Indië 1906, Nr. 321 und 1908, Nr. 360 1909 kam es zu einer Cholera-Epidemie. Hermann Hesse besuchte die „befriedete“ Region 1911.Hermann Hesse: Berlin 1919, S. 60–62, 74. Da nun die Dominanz der Niederländer gesichert war, geschah zwischen den Kriegen, abgesehen von einem Bauernaufstand 1916 und geringfügiger wirtschaftlicher Entwicklung wenig. Der Bezirk Kerinci wurde 1921 West-Sumatra zugeschlagen, die Residentur hatte danach nur noch eine Fläche von 44.542 km² mit 164.618 Einwohnern. Es bestanden sechs Unterbezirke. Traditionelle Selbstverwaltung auf Dorfebene hatten unter den indigenen Völkern die Orang Kerdjan, sie siedelten entlang des Oberlaufs des Hari, sowie die Orang Bedjadjah, unter denen das Matriarchat üblich ist. Für Chinesen wurde ein eigener Chef (hoofplaats) ernannt.Djambi. In: Pieter A. van der Lith (Hrsg.): Encyclopædie van Nederlandsch-Indië, Band 5. ’s-Gravenhage 1927, S. 139–142 Als erste politische Partei eröffnete 1939 die Sarekat Islam ein Büro.
1942 bis 1951 Im Zweiten Weltkrieg wurde unter japanischer Verwaltung in der Hauptstadt eines der 19 Internierungslager auf Sumatra angelegt. Die letzten Internierten wurden 1944 andernorts verbracht.Siehe den hasserfüllten Erlebnisbericht von Rita la Fontaine-de Clercq-Zubli: Disguised as a boy. In: Jan Krancher (Hrsg.): The Defining Years of the Dutch East Indies, 1942–1949. Survivors Accounts … Jefferson NC 1996, ISBN 0-7864-0070-6, S. 196–213 mini|Kolonialherren in Jambi (vor 1939)