mini|alternativtext=|Jutta Ditfurth bei der ARD-Talkshow Maischberger (2017) Jutta Ditfurth (Geburtsname Jutta Gerta Armgard von Ditfurth; * 29. September 1951 in Würzburg) ist eine deutsche Politikerin und Aktivistin für Feminismus, Ökosozialismus und Antirassismus. Als Journalistin und Autorin von politisch engagierter Sachliteratur und Belletristik ist sie auch publizistisch tätig.

Ditfurth war ab 1978 als prägendes Mitglied der Grünen Liste Hessen (GLH) an der Entstehung der Partei Die Grünen beteiligt und gründete diese 1980 mit. Sie vertrat den „radikalökologischen“ linken Parteiflügel und war von 1984 bis 1987 mit Rainer Trampert und Lukas Beckmann, dann bis 1988 mit Regina Michalik und Christian Schmidt eine der drei Bundesvorsitzenden der Grünen.

Aus Protest gegen die „realpolitische Wende“ bei den Grünen verließ Ditfurth 1991 wie viele Angehörige des linken Flügels die Partei. Sie gründete die Kleinstpartei Ökologische Linke mit, aus der 2000 die Wählervereinigung ÖkoLinX – Antirassistische Liste hervorging. Von 2001 bis 2008 war sie für ÖkoLinX Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt am Main; seit 2011 ist sie es erneut.

Bei der Europawahl 2019 war Ditfurth Spitzenkandidatin für ÖkoLinX, erreichte jedoch kein Mandat im EU-Parlament.

Herkunft Jutta Ditfurth stammt aus den beiden Adelsgeschlechtern von Ditfurth und von Raven. Sie ist das älteste von vier Kindern des Psychiaters und Neurologen, Hochschullehrers und Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth und der Fotografin Heilwig von Ditfurth, geb. von Raven.Hoimar von Ditfurth: Innenansichten eines Artgenossen. Meine Bilanz. (1989). Geest-Verlag, Vechta 2013, ISBN 978-3-86685-421-5, S. 230 ff. Ihr Bruder ist der Journalist und Autor Christian von Ditfurth.Reinhard Tschapke: Literatur: Mutiger Blick auf das eigene Denken. Nordwest-Zeitung, 7. Januar 2014

Ditfurth lehnte die Mitgliedschaft im Familienverband ab und legte den Namensbestandteil „von“ in ihrem Geburtsnamen ab.Bettina Musall, Eva-Maria Schnurr: Die Welt des Adels: Europas Herrscherhäuser vom Mittelalter bis heute. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2021, ISBN 978-3-641-26863-3, S. 165 Nach ihren Angaben trennte sie sich als 17-Jährige schriftlich von ihrem Familienverband.Claus-Jürgen Göpfert: Die Hoffnung war mal grün: Aufstieg einer Partei: Das Frankfurter Modell. Westend, Frankfurt am Main 2016, ISBN 3-86489-130-2, S. 23. – Deutsche Nationalbibliothek und Deutsches Literaturarchiv Marbach führen in ihren Onlinekatalogen neben Jutta Ditfurths Autorennamen unter „Andere Namen“ auch ihren Geburtsnamen, siehe Ditfurth, Jutta; Namen (Sucheingabe "Jutta Ditfurth")

In ihrem Buch Der Baron, die Juden und die Nazis – Reise in eine Familiengeschichte beschrieb Ditfurth anhand vieler Quellen den Antisemitismus und das Mitwirken einiger ihrer Vorfahren am Nationalsozialismus, darunter ihres Urgroßonkels Börries Freiherr von Münchhausen.Anja Röhl: Aristokratischer Antisemitismus. Neues Deutschland, 19. Oktober 2013

Ausbildung und Berufstätigkeiten Ditfurth wuchs zunächst in Würzburg auf, wo sie in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre auch eingeschult wurde. Im Jahre 1960 zog sie mit ihrer Familie nach Hohensachsen an der Bergstraße. Es war der fünfte Umzug der Familie.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 51. Sie ging zuerst in Hohensachsen und später in Weinheim zur Schule.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 68. 1964 zog die Familie nach Oberflockenbach im Odenwald in einen von der Mutter entworfenen Bungalow.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 89. Im April 1966 wurde Ditfurth ins evangelische Mädchengymnasium Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg-Wieblingen aufgenommen. Dort bestand sie 1969 das Abitur.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 102 ff. Danach besuchte sie noch bis zum März 1970 ein „höheres Töchterheim“ in Garmisch-Partenkirchen.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 151 f.

1969 begann Jutta Ditfurth an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Kunstgeschichte zu studieren.Jutta Ditfurth: Durch unsichtbare Mauern. Köln 2002, S. 157. Sie studierte zudem Soziologie, Politik, Wirtschaftsgeschichte und Philosophie in Heidelberg, Hamburg, Freiburg, Glasgow, Detroit und Bielefeld mit dem Abschluss 1977 als Diplomsoziologin.Jutta Ditfurth: Die Lage der an den Ambulatorien angestellten Aerzte: Zur Politik und Argumentation der Aerzteverbaende in der Weimarer Republik. Universität Bielefeld, 1977 Nach eigener Darstellung arbeitete sie als Sozialwissenschaftlerin an den Universitäten Freiburg, Bielefeld und Marburg. Im Winter 1977 zog sie nach Frankfurt am Main und war dort zwei Jahre in unterschiedlichen Firmen und Funktionen tätig. Parallel dazu arbeitete sie als Journalistin und Autorin für Printmedien und Rundfunk, ab 1980 hauptberuflich.

Politische Aktivitäten Seit etwa 1970 ist Ditfurth als Undogmatische Linke politisch aktiv. Sie engagierte sich nach dem Militärputsch in Chile 1973 in der internationalistischen Solidaritätsbewegung für die verfolgten Anhänger des gestürzten und beim Putsch zu Tode gekommenen vormaligen Staatspräsidenten Salvador Allende und seines Wahlbündnisses, der Unidad Popular, später für die Sandinisten in Nicaragua und die linke Opposition aus dem Umfeld der 1980 gegründeten FMLN in El Salvador. Ferner engagiert sie sich in der Frauenbewegung (beispielsweise gegen das Abtreibungsverbot nach dem alten § 218), seit etwa 1975 in der Anti-AKW-Bewegung und seit Ende der 1970er Jahre in der Friedensbewegung, so unter anderem zwischen 1979 und Mitte der 1980er Jahre gegen den NATO-Doppelbeschluss.Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 44–53.

Ab 1977, in Reaktion auf massive polizeiliche Maßnahmen gegen Anti-AKW-Proteste, wirkte sie am Aufbau bunt-alternativer Wahllisten mit, um auch parlamentarisch Einfluss zu nehmen. 1978 gründete sie die „Grüne Liste – Wählerinitiative für Demokratie und Umweltschutz“ (GLW) und die Grüne Liste Hessen (GLH) mit. Als ihre Delegierte war sie im Januar 1980 in Karlsruhe an der Gründung der Bundespartei „Die Grünen“ beteiligt.Claus-Jürgen Göpfert: Die Hoffnung war mal grün: Aufstieg einer Partei: Das Frankfurter Modell. Westend, Frankfurt am Main 2016, S. 64–66; Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 63–79. Sie vertrat dort in den 1980er Jahren neben Thomas Ebermann und Rainer Trampert die „Ökosozialisten“. Sie bezeichnet sich selbst als Radikalökologin und Feministin. Ihre innerparteilichen Gegner um den späteren Bundesaußenminister Joschka Fischer zählten sie zu den „Fundis“, wie sie den linken Parteiflügel seit etwa 1982 nannten.

mini|hochkant=1.2|Jutta Ditfurth auf der Grünen-Wahlparty 1987 1984 und 1986 wurde sie in den Bundesvorstand der Partei gewählt und überstand mehrere Abwahlanträge mit großen Mehrheiten. Bei der Bundesversammlung im Dezember 1988 verlangte der damalige Parteiflügel der Realos wegen bereits widerlegter Medienberichte über eine angebliche Veruntreuung von Parteigeldern den Rücktritt des Vorstands und verweigerte den Vorstandsmitgliedern das Rederecht. Deren Vertrauensfrage verfehlte knapp die Mehrheit. Daraufhin traten Ditfurth, der Vorstandssprecher Christian Schmidt und Regina Michalik am 2. Dezember 1988 von ihren Ämtern zurück.Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 154–173. Bei der Bundestagswahl 1990 erreichten die West-Grünen keine Bundestagsmandate, weil sie unterhalb der Fünfprozenthürde blieben. Viele führten das auch auf Parteistrukturen wie das Rotationsprinzip zurück. Als eine Mehrheit im April 1991 diese und andere Prinzipien aufhob, trat Ditfurth aus Protest gegen die „Rechtsentwicklung“ aus der Partei aus.Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 2.

Seit 1989 ist Ditfurth Mitglied der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (DJU). Von 1992 bis 1995 war sie deren Bundesvorsitzende und Mitglied im Hauptvorstand der IG Medien.Stadt Frankfurt am Main: Jutta Ditfurth ÖkoLinX-ARL.

1991 gründete sie mit ihrem Lebenspartner Manfred Zieran (* 7. November 1951 in LübeckÖkoLinx-ARL: Kurzbiografie von Manfred Zieran.) und weiteren politischen Freunden die Kleinpartei Ökologische Linke in Hessen. Von 1991 bis 1999 gab sie deren Zeitschrift ÖkoLinx heraus. Bei der Europawahl 1999 kandidierte sie auf der Liste der griechischen NAR („Neue linke Strömung“) für das Europäische Parlament, um ihren Protest gegen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien mit deutscher Beteiligung auszudrücken.Kurzbiografie von Jutta Ditfurth, ÖkoLinX-ARL im Römer Ende 2000 gründete sie die Wählervereinigung „ÖkoLinX – Antirassistische Liste“ mit, für die sie als einzige Vertreterin im April 2001 in das Stadtparlament von Frankfurt am Main einzog. Im Mai 2008 legte sie ihr Mandat als Frankfurter Stadtverordnete nieder, weil Geschäftsordnungsänderungen ihre Arbeitsbedingungen stark verschlechtert hätten.Jutta Ditfurth: Brief an das Wahlamt der Stadt Frankfurt/Main, 26. Mai 2008 (PDF; 174 kB) Für den Fraktionsstatus wurden in Frankfurt am Main drei statt zuvor zwei Stadtverordnete erforderlich. Für sie rückte Manfred Zieran nach.Hans Riebsamen: Jutta Ditfurth: Abschied aus dem Römer. FAZ, 26. Mai 2008 2011, 2016, 2021 und 2026 wurde sie erneut in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt.Kommunalwahl 2021: Alle Ergebnisse für Frankfurt am Main. Hessenschau, 19. April 2021; Stadt Frankfurt am Main: Stadtverordnetenwahl 2011 in Frankfurt am Main: Eine erste Analyse. (PDF; 1,5 MB) Ditfurth kandidierte auf Listenplatz 1 von ÖkoLinX für die Europawahl in Deutschland 2019.Ökologische Linke: Alles zur Europawahl 26.5.2019. Die Partei verfehlte jedoch mit dem bundesweiten Ergebnis von 0,1 % (35.794 Stimmen) das angestrebte Ziel eines Sitzes im EU-Parlament.Europawahlen 2019: Ergebnisse Deutschland. Bundeswahlleiter, 27. Mai 2019

Für 20 Jahre ehrenamtliche Mitarbeit als Stadtverordnete erhielt Ditfurth 2021 die Römerplakette der Stadt Frankfurt am Main in Gold.Georg Leppert: „Strategische Fehler der Grünen“: Jutta Ditfurth wundert sich vor Bundestagswahl. FR, 24. September 2021

Politische Positionen Jutta Ditfurth strebt einen ökologischen Sozialismus als globales politisches Ziel an. Für sie ist „die soziale nicht von der ökologischen Frage zu trennen […], weil die Wurzel der Ausbeutung des Menschen und der Natur dieselbe ist: die kapitalistische Produktionsweise mit ihrer Profitlogik und ihrem Verwertungszwang.“Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei. Konkret-Literatur-Verlag, Hamburg 1996, S. 157. Sie verweist darauf, dass schon Karl Marx (seit 1844) und Friedrich Engels (1883) wiederholt auf die naturzerstörenden Folgen des Kapitalismus hingewiesen hatten und einige marxistische und anarchistische Linke wie Friedrich Wolf und Murray Bookchin dem Glauben der meisten traditionellen Linken an einen wertneutralen technologischen Fortschritt widersprachen. Aus den historischen Erfahrungen der Arbeiter-, Frauen-, Anti-Atomwaffen- und Anti-AKW-Bewegung folgert sie: „Wer behauptet, der Kapitalismus sei zu einer humanen, ökologischen Gesellschaft ‚umzubauen‘, ist naiv oder lügt.“ Soziale und ökologische Katastrophen seien unter dem Druck sozialer Gegenmacht in den Zentren des Kapitals zwar zu mildern, die Folgen würden dann aber umso mehr auf andere Teile der Welt abgewälzt. Deshalb sei eine dem Menschen verträgliche Natur nur durch soziale Gegenmacht zum Kapitalismus zu retten und nur in einer sozialistischen Gesellschaft zu bewahren.Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, S. 240–249.