Das Haus des Berliner Verlages (kurz: HdBV) ist ein Baudenkmal an der Karl-Liebknecht-Straße im Berliner Ortsteil Mitte. Es wurde 1970–1973 vom Kollektiv Karl-Ernst Swora im Stil der sozialistischen Moderne errichtet. Zum Bauensemble gehört auch das Pressecafé mit dem Fries Die Presse als Organisator von Willi Neubert.
Geschichte DDR-Zeit mini|links|hochkant|Ansicht nach der Fertigstellung, 1973 Nach der Fertigstellung des Axel-Springer-Hochhauses in West-Berlin wurde der Neubau von Verlagsgebäuden in Ost-Berlin forciert. So entstanden fast zeitgleich das Verlagsgebäude Neues Deutschland am Franz-Mehring-Platz und das Haus des Berliner Verlags. Hans Modrow berichtete, dass Walter Ulbricht sich massiv für den Bau des Verlagshauses in der Nähe des Alexanderplatzes eingesetzt hätte. Ulbricht wollte an diesem zentralen Platz ein Haus, das durchgehend genutzt wird. Die auch in den Abendstunden beleuchteten Büros des Verlages sollten den Platz erhellen und eine betriebsame Atmosphäre an dem zentralsten Platz von Ost-Berlin vermitteln.Hans Modrow, Hans-Dieter Schütt: Ich wollte ein neues Deutschland, Econ Verlag 1999, ISBN 978-3-612-26597-5, S. 143.
Das Bauensemble des Berliner Verlags wurde von den Architekten Karl-Ernst Swora, Rainer Hanslik, Gerhard Voss, Waldemar Seifert und Günter Derdau geplant und entstand zwischen 1970 und 1973 durch den VE BMK Ingenieurhochbau Berlin.Pressemitteilung Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Für die Erstellung des Baus wurden 60,5 Millionen Mark der DDR veranschlagt.In: Bauplanung-Bautechnik, Band 23, 1969, VEB Verlag für Bauwesen, S. 494. Das Verlagshaus bot 1000 Arbeitsplätze.Joachim Schulz, Werner Gräbner: Berlin. Hauptstadt der DDR. Architekturführer DDR. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1974, S. 51.
Das Haus des Berliner Verlags, während der Bauzeit kurzzeitig auch Haus der Berliner Verlage genannt, ist in seinen Dimensionen durch die Pläne des 1964 vom Ost-Berliner Magistrat ausgerichteten Wettbewerbs zur Neugestaltung des Alexanderplatzes festgelegt worden.Thomas Topfstedt: Städtebau in der DDR 1955–1971 E. A. Seemann Verlag, Berlin 1988, S. 76. Eine ganze Reihe von Bauten wie das Interhotel Stadt Berlin, das Haus der Elektroindustrie, das Haus der Statistik, das Haus des Lehrers oder das Haus des Reisens entstanden in der Folgezeit.Gernot Jochheim: Der Berliner Alexanderplatz. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-391-X, S. 184. Auch dort wurden großflächige Wandfriese als Gestaltungselement verwendet. So sind am Haus des Lehrers der Fries Unser Leben und am Haus des Reisens der Fries Der Mensch überwindet Zeit und Raum (beide von Walter Womacka) zu finden.
Laut dem Architekturkritiker Bruno Flierl wurden die Friese aufeinander abgestimmt und hatten die Aufgabe „der Selbstdarstellung der Nutzerinstitutionen des Gebäudes als auch der Darstellung ihrer Funktion in der Gesellschaft“. Die städtebauliche Idee der Anordnung der Friese war, die Darstellung einer „komplexen Vorstellung vom Sozialismus“ im Stadtbild.Bruno Flierl: Politische Wandbilder und Denkmäler im Stadtraum. In: Gebaute DDR – Über Stadtplaner, Architekten und die Macht. Verlag für Bauwesen, Berlin 1998, ISBN 3-345-00655-3, S. 96.
Seit 1990 mini|Ansicht vor der Sanierung, 2013
Nach der politischen Wende wurde das HdBV zeitweise auch Pressehaus Gruner + Jahr genannt. Die Senatsbauverwaltung unter Senatsbaudirektor Hans Stimmann mit ihrem Planwerk Innenstadt stand in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung den Bauten aus DDR-Zeiten kritisch gegenüber. In den 2000er Jahren gab es Stimmen für den Erhalt der Bauten; sie seien Teil der Berliner und der deutschen Geschichte.Ralf Schönball: Berlin will DDR-Bauten am Alex unter Denkmalschutz stellen. In: Der Tagesspiegel, 13. August 2013. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schrieb 2015: „Die nun denkmalgeschützten Bauwerke sind Zeugnisse von künstlerischer, städtebaulicher und geschichtlich überragender Bedeutung. Wir wollen mit der Unterschutzstellung auch den Blick für die zahlreichen Qualitäten der jüngeren Geschichte öffnen und […] die baulichen Zeugen des doppelten Berlins im ehemaligen Osten und Westen der Stadt einander gegenüberstellen.“
Das HdBV sollte (wie zahlreiche andere DDR-Bauten) nach Hans Kollhoffs umstrittenem Masterplan Alexanderplatz aus dem Jahr 1993 abgerissen werden.Wolfgang Kil: Gründerparadiese: Vom Bauen in Zeiten des Überganges Verlag für Bauwesen Berlin, Berlin 2000, ISBN 3-345-00747-9, S. 42.Bruno Flierl: Berlin baut um – wessen wird die Stadt. Verlag für Bauwesen Berlin, Berlin 1998, ISBN 3-345-00654-5, S. 134. Das Verlagshaus Gruner + Jahr wollte hier einen Wolkenkratzer nach Entwürfen des Architekten Christoph Ingenhoven bauen. Die Senats-Baukommission entschied sich gegen den Neubau und das Gebäudemanagement ließ das HdBV für 40 Millionen Mark renovieren.Karin Lenhart: Berliner Metropoly. Leske + Budrich Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-8100-3026-0, S. 240. Das entstandene äußere Erscheinungsbild ist durch die Vereinfachung der Fassade, die wesentlich simplere und kostengünstigere Leuchtreklame und die Verhüllung des Wandfrieses bei Tag und Nacht weniger anspruchsvoll als zu DDR-Zeiten. Im Sommer 2015 wurde das Haus des Berliner Verlages einschließlich des Pressecafés unter Denkmalschutz gestellt.Hildburg Bruns: Denkmal! Der Alexanderplatz wird jetzt geschützt. In: Berliner Zeitung. 11. Juli 2015.
Im Herbst 2016 wurde das HdBV, mit Ausnahme des Pressecafés von Bertelsmann, an Tishman Speyer Properties verkauft. Der Berliner Verlag zog 2017 in das Feratti-Gebäude am Spittelmarkt.Berliner Verlag zieht in Feratti-Neubau und richtet sich neu aus. Bei: berliner-zeitung.de, 19. Mai 2016 Bis zum Jahr 2017 diente das HdBV als Sitz des Berliner Verlags, zu dem die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier gehörten. Zu den anderen Unternehmen, die bis zur Sanierung in dem Gebäude residierten, gehörten u. a. airliners.de und Flixbus.
Nach dem Auszug der Zeitungsredaktionen und der späteren Zwischennutzer aus dem Gebäude gab Tishman Speyer Properties eine komplette Renovierung in Auftrag. Diese begann im Jahr 2017. Ein nicht zum Denkmalschutz gehörender Flachbau im rückwärtigen Bereich sollte abgerissen und durch ein höheres Bürogebäude ersetzt werden. Im September 2018 präsentierte das Gebäudemanagement im Baukollegium des Senats konkrete Pläne für eine Rekonstruktion der ursprünglichen Fassadengestaltung in Verbindung mit Umbaumaßnahmen im Inneren. Die Pläne stammen vom Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (GMP), die die Nacharbeit der ursprünglichen weißen Aluminium-Verkleidung vorsehen. Der Senat signalisierte grundsätzliche Zustimmung. Tishman Speyer schloss mit dem Online-Möbelhändler Wayfair (acht Etagen) und mit dem Medienkonzern Naspers (sieben Etagen) Mietverträge ab. 2021 wurde das Gebäude für eine Nutzung als Sitz mehrerer Unternehmen hergerichtet.
Die Fassade des Hauses wurde mehrmals für Außenwerbung genutzt; großflächige Werbeplakate wurden angebracht. Der Sportartikelhersteller Adidas erhielt für sein Plakat während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 vom Fachverband Außenwerbung (FAW) den Preis Plakadiva in Gold für die beste Außenwerbung des Jahres.W&V: Plakadiva 2015: Die Sieger, 22. April 2015. Nach der Sanierung und baulichen Erweiterung ist das Haus seit März 2023 wieder Sitz des Berliner Verlags.Berliner Verlag kehrt zurück ins Verlagshaus am Alexanderplatz, entwicklungsstadt.de vom 10. Februar 2023Berliner Zeitung zieht zurück an den Alexanderplatz: Wohin sonst?, von Maritta Adam-Tkalec, Berliner Zeitung 12. Februar 2023
Beschreibung Verlagshaus mini|hochkant|Verlagshaus mit Treppe, 2013
Das Hochhaus hat 17 Geschosse und wurde in Stahlskelettbauweise errichtet. Es ist 150 Meter lang (davon 92 Meter an der Nordwestseite des Alexanderplatzes) und 15 Meter breit.Hans Prang, Horst Günter Kleinschmidt: Durch Berlin zu Fuß: Wanderungen in Geschichte und Gegenwart, VEB Tourist Verlag, Berlin 1986, S. 65. Bei einer Sanierung in der Nachwendezeit wurde die Fassade wesentlich vereinfacht. Die ursprünglich komplexere Fassadengliederung mit einem rhythmischen Raster auskragender weißer Aluminium-Paneele wurde bei der Restaurierung des Gebäudes (seit 2017) rekonstruiert.
Besonders markant ist die freigestellte verglaste Feuertreppe des Gebäudes.Reclams Kunstführer: Berlin, Kunstdenkmäler and Museen. S. 73. An ihr wurden Werbetafeln und Signets mit verschiedenen Titeln des Berliner Verlags angebracht. Auf der Spitze ist der Schriftzug des Berliner Verlags an einem rotierenden Zylinder montiert. Nach der politischen Wende wurden die Werbetafeln der nicht weiter fortgeführten Titel durch Tafeln von vier damals aktuellen Zeitschriften und Zeitungen ersetzt.
Die Werbetafeln und Signets aus der DDR-Zeit waren deutlich aufwändiger als die nach der deutschen Wiedervereinigung installierten Signets und Tafeln. Dies liegt in erster Linie daran, dass in der DDR die Leuchtreklamen von Handwerksbetrieben aufwändiger erstellt wurden als später die Werbebanner.Autorenkollektiv: Plaste und Elaste – Leuchtreklame in der DDR, Das Neue Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-360-02107-6, S. 9 ff. und S. 43.
Pressecafé mini|Pressecafé mit Fries, 2022
Das Pressecafé ist ein gegenüber der Gebäudefluchtlinie vorgezogener zweietagiger Pavillon, getragen von einer Stahlkonstruktion und erschlossen durch eine zweizügige Freitreppe auf der Südseite. Es war zu DDR-Zeiten ein beliebter Treffpunkt für Journalisten und Korrespondenten. Sie konnten dort zahlreiche Pressepublikationen aus diversen Ländern einsehen, die es sonst in der DDR kaum oder nicht gab. Das gastronomische Angebot und die Ausstattung waren für DDR-Verhältnisse überdurchschnittlich. So war das Café mit Schalenstühlen vom Typ Hockender Mann des westdeutschen Designers Ernst Moeckl ausgestattet.Hockender Mann auf br.de Die Stühle wurden vom VEB Petrolchemisches Kombinat Schwedt hergestellt und gelten als Designklassiker. Im hinteren Bereich des Pressecafés waren ein Atelier, ein Fotolabor und die Anzeigenannahme; im Obergeschoss war ein Konferenzraum.
Die Statik dieses Gebäudeteils war nicht allen Belastungen gewachsen. Während der Eröffnungsfeier im April 1974 geriet das Pressecafé in deutliche Schwingungen, was zur Flucht der Gäste führte.
Ein Fries mit dem Titel Die Presse als Organisator des Malers Willi Neubert zieht sich von der südlichen über die östliche bis zur nördlichen Fassade des Pressecafés.Peter Guth: Wände der Verheißung: zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR. Thom Verlag 1995, S. 238.Arnold Bartetzky, Marina Dmitrieva, Alfrun Kliems (Hrsg.): Imaginationen des Urbanen: Konzeption, Reflexion und Fiktion von Stadt in Mittel- und Osteuropa. Lukas Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86732-022-1, S. 101. Der 76 Meter lange und 3,50 Meter hohe Fries wurde von 1969 bis 1973 gefertigt und über dem ersten Obergeschoss angebracht. Seit 1992 war der Fries durch die Werbung eines im Pressecafé befindlichen Steak-Hauses verdeckt.