Die Polnische Volksarmee () waren die Streitkräfte der Volksrepublik Polen. Sie wurden am 21. Juli 1944 durch das Lubliner Komitee mit der Bildung der Provisorischen Regierung der Republik Polen () unter Bolesław Bierut gegründet. Die Polnische Volksarmee entstand dabei aus dem Zusammenschluss der 1943 aufgestellten Polnischen Streitkräfte in der Sowjetunion () mit der kommunistischen Untergrundarmee Armia Ludowa. Später wurde sie umbenannt in Siły Zbrojne Rzeczypospolitej Polskiej (Streitkräfte der Republik Polen) und ab 1952 in Siły Zbrojne Polskiej Rzeczypospolitej Ludowej (Streitkräfte der Volksrepublik Polen). Die Polnische Volksarmee war seit 1955 Teil des Warschauer Pakts und existierte bis zur Absetzung des kommunistischen Regimes 1989.
Geschichte Gründungsphase während des Zweiten Weltkrieges mini|hochkant|Michał Rola-Żymierski, Oberbefehlshaber der Polnischen Volksarmee und Verteidigungsminister 1945–1949 Per Dekret hatte der formal am 1. Januar 1944 zusammengesetzte Polnische Nationalrat, der Krajowa Rada Narodowa (KRN) am 21. Juli 1944 die Gründung der Polnischen Volksarmee und die Einrichtung eines Oberkommandos der Polnischen Armee () beschlossen. Aufgrund des Massakers von Katyn 1940, bei dem schätzungsweise 22.000 bis 25.000 Staatsbürger Polens, u. a. Berufs- und Reserveoffiziere der Polnischen Armee (Wojsko Polskie) von der sowjetischen Geheimpolizei NKWD ermordet worden waren, mussten 1944 die Truppenteile zur Hälfte mit sowjetischen Offizieren der Roten Armee besetzt werden. Während des Zweiten Weltkrieges bildeten sich zwei Armeen der polnischen Volksarmee (1 Armia Wojska Polskiego (1 AWP) unter Generalmajor Zygmunt Berling, 2 AWP unter General Karol Świerczewski) und weiteren Verstärkungseinheiten des Hauptquartiers die zunächst als 3 AWP geplant waren, darunter die 1. Brigade aus Teilen der 10. Infanteriedivision, die 11., 12. 13. und 14. Infanteriedivision, Artillerieregimenter, zwei Pionierbrigaden, Heeresflieger und im Aufbau befindliche Panzereinheiten. Die zunächst geplante Formation als „Polnische Front“ konnte mangels ausreichender Offiziere nicht mehr gebildet werden. Stattdessen wurde die 1. und 2. Polnische Armee der 2. Weißrussischen Front der Roten Armee unter Führung des Marschalls der Sowjetunion Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski unterstellt. An der Schlacht um Berlin nahmen 180.000 polnische Soldaten der 1. und 2. Armee teil, bei der 8.892 Soldaten getötet wurden. Die letzte Offensive im Zweiten Weltkrieg unternahmen die polnischen Soldaten in der Prager Operation im Mai 1945.
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs bestand die Polnische Volksarmee aus rund 370.000 Soldaten, die bis September 1945 auf 440.000 Soldaten anstieg und bis Sommer 1948 dienten noch rund 1.000 Offiziere der Sowjetarmee in der Polnischen Volksarmee, darunter 16 von 53 Generalen. Noch 1949 besetzten rund 700 sowjetische Offiziere fast die Hälfte aller Schlüsselpositionen.
Als Oberbefehlshaber der Polnischen Armee war von 1944 bis 1947 der Marschall von Polen Michał Rola-Żymierski, zugleich Mitglied des Präsidiums des Nationalrates und von 1945 bis 1949 Minister für Nationale Verteidigung der Republik Polen. Seine beiden Stellvertreter waren Zygmunt Berling und Aleksander Zawadzki. Chef des Generalstabes der polnischen Streitkräfte war von 1945 bis 18. Januar 1954 General Władysław Korczyc, der zugleich von 1949 bis 1954 auch stellvertretender Verteidigungsminister war.
Minenräumungen 1944 bis 1956 Eine der wichtigsten Aufgaben der Polnischen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg war die Minenräumung. So wurden bei landesweiten Minenräumaktionen von 1944 bis 1956 rund 14,75 Millionen Minen und 59 Millionen Stück an Munition (Bomben, Patronen etc.) gefunden und vernichtet. Dabei wurden 19.000 Soldaten eingesetzt, wovon 646 Soldaten bei der Beseitigung ums Leben kamen.
Militärbezirke mini|hochkant=1.2|Administrative Gliederung Polens im Juni 1946 Zum 1. April 1945 wurde Polen in sechs Militärbezirke (Okręgi Wojskowe, OW) gegliedert, die unter sowjetischer Kontrolle standen: Warszawski Okręg Wojskowy mit Sitz in der Hauptstadt Warschau und war zuständig für die Woiwodschaften Warschau und Białystok, Lubelski Okręg Wojskowy mit Sitz in Lublin und der Zuständigkeit in den Woiwodschaften Lublin und Woiwodschaft Rzeszów Krakowski Okręg Wojskowy mit Sitz in Krakau und der Zuständigkeit über die Woiwodschaft Kraków, Łódzki Okręg Wojskowy mit Sitz in Łódź und der Zuständigkeit in den Woiwodschaften Łódź und Woiwodschaft Kielce, Poznański Okręg Wojskowy mit Sitz in Posen und der Zuständigkeit in der Woiwodschaft Posen Pomorski Okręg Wojskowy (Pommern) mit Sitz in Toruń und der Zuständigkeit in den Woiwodschaften Bydgoszcz und Danzig. Ab September 1945 kam zusätzlich noch der Śląsko-Dąbrowski Okręg Wojskowy (Schlesien und das Dombrowaer Kohlenbecken) dazu, mit Sitz in Kattowitz (ab März 1946 Sitz in Breslau) und zuständig für die Woiwodschaften Kattowitz und Breslau.
Ministerium für Nationale Verteidigung und die Nordgruppe der Truppen der Sowjetarmee mini|hochkant|Konstantin Rokossowski (Aufnahme 1940), Befehlshaber der Nordgruppe der Truppen der Sowjetarmee 1945–1949 und polnischer Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber 1949–1956 Parallel zu den Entwicklungen stand in Polen die seit Juni 1945 aufgestellte Nordgruppe der Truppen der Sowjetarmee (NGT) (, ), die überwiegend aus der 2. Weißrussischen Front gebildet wurde, die bis Sommer 1945 in Brandenburg und Mecklenburg stationiert war. Die NGT umfasste 1945 über 300.000 Soldaten und Befehlshaber wurde der Marschall der Sowjetunion Konstantin Rokossowski, der auch über polnische Wurzeln verfügte.http://www.rzeczpospolita.pl/dodatki/specjal_040428/specjal_a_14.html Rokossowski war ab Dezember 1948 Mitglied des Politbüros der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) und wurde am 7. November 1949 von dem Sejm (polnisches Parlament) als Nachfolger von Michał Rola-Żymierski auch als Minister für Nationale Verteidigung und stellvertretender Regierungschef ernannt. Die Nordgruppe der Truppen sicherte in den Anfangsjahren auch die Kontrolle Polens durch die provisorische kommunistische Regierung und mit Rokossowski führte ab 1949 ein sowjetischer General die Polnische Volksarmee. Befehlshaber der NGT wurde für Rokossowski der sowjetische Generaloberst Kusma Trubnikow. Rokossowskis Stellvertreter als Verteidigungsminister in Polen war von 1949 bis 1954 der Generalstabschef Władysław Korczyc.
Sowjetische Offiziere kontrollierten Anfang der 1950er Jahre die Schlüsselpositionen im polnischen Verteidigungsministerium und im Generalstab und stellten auch die Befehlshaber des Heeres und der Luftwaffe, die Kommandeure der Infanteriedivisionen, die Befehlshaber in den Militärbezirken, ein Großteil der militärischen Schulen sowie die oberste Militärstaatsanwaltschaft.Edward Jan Nalepa: Oficerowie Armii Radzieckiej w Wojsku Polskim 1943–1968. Wydawnictwo Bellona, Warszawa 1995, Seite 256–262, ISBN 83-11-08353-3
Ministerium für Öffentliche Sicherheit Das Ministerstwo Bezpieczeństwa Publicznego (Ministerium für Öffentliche Sicherheit, MBP) der provisorischen Regierung Polens unter Führung von General Stanisław Radkiewicz war das Organ für Nachrichtendienst und Gegenspionage der polnischen Geheimpolizei von 1945 bis 1954 und übernahm an Juli 1947 die Kontrolle über den militärischen Nachrichtendienst, die zweite Abteilung des Generalstabs der Polnischen Volksarmee, der mit dem zivilen Nachrichtendienst zur Abteilung VII des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit vereinigt wurde. Im Juni 1950 übernahm das Ministerstwo Obrony Narodowej (Ministerium für Nationale Verteidigung, MON) wieder die Kontrolle. Das Ministerium verfügte ab den 1950er Jahren über 32.000 Mitarbeiter und ihr unterstanden 41.000 Soldaten und Beamte im Internen Sicherheitskorps (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego, KBW), 57.000 Beamte in der Bürgermiliz (Milicja Obywatelska, MO), 32.000 Beamte und Soldaten des Grenzschutzes (Wojska Ochrony Pogranicza, WOP), 10.000 Gefängniswärter (Straż Więzienna, SW) sowie 125.000 Mitglieder der freiwilligen Reserve der Bürgermiliz (Ochotnicza Rezerwa Milicji Obywatelskiej, ORMO).Norman Davies: Powstanie '44. Kraków: Wydawnictwo Znak, 2004, Seite 738–739, ISBN 8324004599
Akcja Wisła Die Akcja Wisła (deutsch: Aktion Weichsel) war eine Militäroperation der Polnischen Armee und weiterer Sicherheitskräfte im Jahr 1947 gegen die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) und zur Zwangsumsiedlung ethnischer Ukrainer aus Südostpolen innerhalb Polens, an der auch die Polizei und die Grenzschutztruppen eingesetzt wurden. An den Operationen nahmen vier Infanteriedivisionen (6., 7., 8. und 9.) der Polnischen Armee, sowie eine Division des Internen Sicherheitskorps (Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego, KBW) und weitere Einheiten des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit teil, darunter auch die Bürgermiliz (Milicja Obywatelska, MO), die Grenzschutztruppen (Wojska Ochrony Pogranicza, WOP) und die freiwillige Reserve der Bürgermiliz (Ochotnicza Rezerwa Milicji Obywatelskiej, ORMO).
Aufrüstung mini|Soldaten der polnischen 6. Luftlandedivision auf einer sowjetischen Luftlande-Selbstfahrlafette vom Typ ASU-85 (Aufnahme 1971) 1950 unterzeichneten Polen und die Sowjetunion einen Vertrag über die Lieferung von Militärgütern und der Gewährung von Lizenznachbauten in Höhe von umgerechnet 300 Millionen US-Dollar. Zur Gegenfinanzierung musste der polnische Staat entsprechende Kredite durch Lieferungen von Industriegütern bezahlen, was zu einer enormen Belastung der Wirtschaft führte. Mit der Gründung der NATO und im Zuge des Koreakrieges war Polen für die Sowjetunion weiterhin von größter strategischer Bedeutung. Der Aufbau der Rüstungsindustrie und die weitere Aufrüstung und Modernisierung der Polnischen Volksarmee besonders im Transportwesen diente vorrangig zuerst der Zielsetzung einer schnellen Verlegung von sowjetischen Militärverbänden zwischen der Sowjetunion und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wie auch in die Tschechoslowakei (CSSR) und der Vorbereitung eines möglichen Einsatzes der Polnischen Volksarmee als „Küstenfront“ in Mitteleuropa. So stieg der Verteidigungshaushalt von 236 Millionen Złoty im Jahr 1950 auf 2251 Millionen Złoty im Jahr 1953 und entsprachen fast ein Fünftel des Staatshaushaltes.Stanisław Dronicz: Wojsko i politycy. Warszawa: Wydawnictwo CB, 2002, S. 44–45 und 90–91, ISBN 8386245840 Zum 1. Januar 1952 gehörten der Volksarmee 356.481 Soldaten an und von den 62 aktiven Generalen gehörten 48 zur Sowjetarmee.Edward Jan Nalepa: Oficerowie Armii Radzieckiej w Wojsku Polskim 1943–1968. Wydawnictwo Bellona, Warszawa 1995, Seite 91, ISBN 83-11-08353-3
Mitgliedschaft im Warschauer Pakt mini|Militärische Zusammenschlüsse im Kalten Krieg Vom 11. bis 14. Mai 1955 wurde im polnischen Staatsratsgebäude in Warschau die zweite „Konferenz europäischer Länder zur Gewährleistung des Friedens und der Sicherheit Europas“ abgehalten, an der Delegationen aus Albanien, Bulgarien, der DDR, der VR Polen, Rumänien, Ungarn, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei teilnahmen, sowie die Volksrepublik China als Beobachter. Zum Abschluss der Konferenz wurde im Kalten Krieg als Pendant zum westlichen Militärbündnis, der NATO unter Führung der USA der Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand (kurz Warschauer Vertrag) durch die Ministerpräsidenten unterzeichnet und bestand aus einer Präambel und 11 Artikeln. Durch die Gründung des Militärbündnisses Warschauer Pakt sicherte sich die Sowjetunion ihren Hegemonialanspruch in Osteuropa. Der Warschauer Vertrag trat am 4. Juni 1955 in Kraft.