mini|BDS-Plakat mit übermalter Israel-Flagge, Melbourne 2010

Boycott, Divestment and Sanctions ( für „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“; kurz BDS) ist eine transnationale politische Kampagne, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will, um ihre im Jahr 2005 beschlossenen Ziele durchzusetzen: Israel müsse die „Okkupation und Kolonisierung allen arabischen Landes“ beenden, das „Grundrecht seiner arabisch-palästinensischen Bürger auf volle Gleichheit“ anerkennen und „das Recht der palästinensischen Flüchtlinge auf eine Rückkehr in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum gemäß UN-Resolution 194 schützen und fördern.“ 171 Organisationen weltweit unterzeichneten den Aufruf; viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Prominente unterstützen ihn. Teile der Bewegung bestreiten das Existenzrecht Israels und wollen diesen Staat abschaffen. Zahlreiche Historiker, Sozialwissenschaftler und Antisemitismusforscher ordnen die Ziele der Kampagne als antizionistisch (gegen den Staat Israel gerichtet) bzw. auch als antisemitisch ein. Die Autoren der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA) dagegen betonen, Israelboykotte an sich seien nicht antisemitisch. Deutschland, Österreich und Tschechien haben dagegen die BDS-Kampagne als antisemitisch eingestuft. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet sie als „extremistischen Verdachtsfall“.

Historische Vorläufer Als historische Wurzel von BDS gelten Boykotte von Arabern gegen den Jischuv in Palästina ab 1920.Klaus Holz, Thomas Haury: Antisemitismus gegen Israel. Hamburger Edition, Hamburg 2021, ISBN 3-86854-355-4, S. 215, Fn. 15; Jan-Philip Anders: BDS: Geschichte, Ideologie und Struktur der Israelboykottbewegung. Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam, Frankfurt am Main 2021, S. 6 (PDF); Walter E. Block, Alan G. Futerman: The Classical Liberal Case for Israel. Springer VS, Singapur 2021, ISBN 981-16-3953-1, S. 204; William A. Jacobson: The REAL history of the BDS movement. Blog legalinsurrection.com, 18. Dezember 2016; Ulrike Becker: Die Wurzeln des arabischen Boykotts gegen Israel. In: Deutsch-Israelische Gesellschaft (Hrsg.): Boykottbewegungen gegen Israel. Berlin, November 2016; Walter Klitz, Nicolas Klein-Zirbes: Boykott des Friedens: Die BDS-Bewegung und der Westen. In: Friedrich Naumann Stiftung (Hrsg.): Hintergrund: Israel & Palästinensische Autonomiegebiete, Nr. 61/2015, S. 5–7. Auch BDS-Vertreter stellen ihren Aufruf von 2005 in diese Tradition.Hazem Jamjoum: The Global Campaign for Boycott, Divestment and Sanctions against Israel. In: Maia Carter Hallward, Julie M. Norman (Hrsg.): Nonviolent Resistance in the Second Intifada: Activism and Advocacy. Springer VS, Wiesbaden 2011, ISBN 0-230-33777-5, S. 138.

Historische Vorläufer waren etwa Boykottaufrufe arabischer Nationalisten gegen jüdische Unternehmen und Landkäufe in Palästina 1920, des Islamischen Weltkongresses 1931, des Arabischen Exekutivkomitees im März 1933, der Arab Labour Federation 1934, des Arabischen Hohen Komitees im arabischen Aufstand (1936–1939) und des Panarabisches Kongresses in Bludan (Syrien) 1937.Gil Feiler: From boycott to economic cooperation: the political economy of the Arab boycott of Israel. Frank Cass, London 1998, ISBN 0-7146-4866-3, S. 21–23. mini|hochkant|Nationalsozialistischer Boykottaufruf (1935) Ab 1933 waren solche Aufrufe auch vom nationalsozialistischen Judenboykott (1. April 1933) beeinflusst: An dessen Vortag bot Palästinas Großmufti Mohammed Amin al-Husseini dem NS-Regime an, dessen Boykottaufruf unter allen Muslimen der Welt zu verbreiten.Rolf Steininger: Deutschland und der Nahe Osten: Von Kaiser Wilhelms Orientreise 1898 bis zur Gegenwart. Lau-Verlag, Reinbek 2015, ISBN 3-95768-164-2, S. 57 (Google Buch).

Im Dezember 1945 beschloss die neugegründete Arabische Liga einen Boykott aller von Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina hergestellten Produkte und Dienstleistungen, aus dem der ökonomische Boykott Israels durch die Arabische Liga hervorging.Anna Schürmer, Sebastian Stauss, Elfi Vomberg: Krise - Boykott - Skandal: Konzertierte Ausnahmezustände. Edition text + kritik, München 2021, ISBN 978-3-96707-459-8, S. 96 Diesen stellten ab 1979 immer mehr Mitgliedsstaaten der Liga ein oder begrenzten ihn, doch die Liga hob ihn formell nie auf.Keith A. Leitich: Arab Economic Boycott of Israel. In: Spencer C. Tucker (Hrsg.): Middle East Conflicts from Ancient Egypt to the 21st Century. ABC-CLIO, Santa Barbara 2019, ISBN 1-4408-5353-3, S. 117f.

Entstehung Nach Eigenangaben entstand BDS aus Selbsthilfegruppen für die Erste Intifada in Palästina, die dann mit Hilfe ausländischer Geldgeber professionelle NGOs wurden und den Kampf gegen die israelische Besatzung nach dem Scheitern des Oslo-Friedensprozesses im Jahr 2000 fortsetzen wollten.Suzanne Morrison: The Emergence of the Boycott, Divestment and Sanctions Movement. In: Fawaz A. Gerges (Hrsg.): Contentious Politics in the Middle East. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 1-137-53086-3, S. 229–255, hier S. 233–237 Als die Zweite Intifada begann, wollte ein Verbund antiisraelischer NGOs Israel bei der Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001 erneut isolieren und Zionismus erneut mit Rassismus gleichsetzen. Beim Vorbereitungstreffen im Februar 2001 in Teheran warfen die Teilnehmer Israel „eine neue Form der Apartheid, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sowie „Holocausts“ (Plural) an Arabern vor. Es folgten vorbereitete antisemitische Demonstrationen und Übergriffe auf jüdische und israelische NGOs beim NGO-Forum in Durban.Alex Feuerherdt, Florian Markl: Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert. Leipzig 2018, S. 200f. und 252–256. Dessen Abschlusserklärung forderte, die 1991 widerrufene UN-Resolution 3379 von 1975 wiedereinzusetzen, nur gegen Israel ein Kriegsverbrechertribunal einzurichten, eine „Politik der vollständigen und totalen Isolation Israels als Apartheidstaat“ zu verhängen und jene Staaten zu verurteilen, die Israels angebliche „rassistische Verbrechen gegen die Menschheit“ unterstützten oder duldeten.Micha Brumlik: Der transatlantische Sklavenhandel, das Entstehen des modernen Rassismus und der Antisemitismus. In: Fritz Bauer Institut (Hrsg.): Grenzenlose Vorurteile. Antisemitismus, Nationalismus und ethnische Konflikte in verschiedenen Kulturen. Campus, Frankfurt am Main 2002, S. 69–86, Zitate S. 71 Alle Staaten seien auf Sanktionen und Embargos gegen Israel zu verpflichten und müssten jede diplomatische, ökonomische, soziale, humanitäre und militärische Zusammenarbeit mit Israel vollständig abbrechen. Jeder Hinweis auf Bürgerrechte arabischer Israelis und auf Terroranschläge von Palästinensern auf israelische Zivilisten fehlte. Aus dieser „Durban-Strategie“, Israel mit Berufung auf das Völkerrecht genozidaler Verbrechen anzuklagen, entstand die BDS-Kampagne.Mitchell Bard: American Jews and the International Arena. In: Arnold Dashefsky, Ira M. Sheskin (Hrsg.): American Jewish Year Book 2016. The Annual Record of North American Jewish Communities. Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 3-319-46122-2, S. 138. Ihr Auslöser und Beginn war die NGO-Abschlusserklärung von Durban, die sich gegen den Staat Israel richtete und auf die Anti-Apartheid-Bewegung der 1980er Jahre gegen Südafrika stützte.Ronny und Lola Fraser (Hrsg.): Challenging the Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) Movement, London 2023, S. 1 (Vorwort) Dies blieb infolge der Terroranschläge am 11. September 2001 weithin unbeachtet.Cary Nelson (Hrsg.): Dreams Deferred. Bloomington 2016, S. 59.

Während Israels „Operation Schutzschild“ im April 2002 riefen einige britische Akademiker zum Boykott israelischer Hochschulen auf.Suzanne Morrison: The Emergence of the Boycott, Divestment and Sanctions Movement. In: Fawaz A. Gerges (Hrsg.): Contentious Politics in the Middle East, Wiesbaden 2015, S. 239. Im April 2004 in Ramallah startete die Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel (PACBI). Im Frühjahr 2005 in Toronto (Kanada) fand die erste Israeli Apartheid Week statt, die jährlich für BDS wirbt. Am 9. Juli 2005 beschlossen 171 Organisationen den BDS-Aufruf, dem alle Vorläufergruppen beitraten.Cary Nelson: BDS: A Brief History. In: Cary Nelson (Hrsg.): Dreams Deferred. Bloomington 2016, S. 56–64.

Die am sechsten Weltsozialforum 2006 beteiligten NGOs übernahmen den Aufruf. Beim siebten Weltsozialforum 2007 riefen Palästinensergruppen zur globalen BDS-Bewegung auf.Cherine Hussein: The Re-Emergence of the Single State Solution in Palestine/Israel: Countering an Illusion. Taylor & Francis, London 2015, ISBN 0-415-71332-3, S. 161. Im November 2007 gründete die erste palästinensische BDS-Konferenz in Ramallah das BDS National Committee (BNC).Cary Nelson: Dreams Deferred. Bloomington 2016, S. 60. Dessen Leiter Omar Barghouti ist ein in Katar geborener Nachfahre von Palästinensern und nennt sich „Menschenrechtsaktivist“.Sean F. McMahon: The Boycott, Divestment, Sanctions campaign, in: Race & Class 55, März 2014, S. 66f. Das BNC soll die BDS-Kampagne weltweit koordinieren, erlaubt aber eigene Aktionen gegen Israel „im Namen von BDS“. Zur Bewegung werden daher alle Akteure gezählt, die Boykotte und Investitionsabzug gegen Israelis und mit Israel handelnde Personen, Firmen und Institutionen starten und Regierungen zu Sanktionen und Embargos gegen Israel drängen.Orde F. Kittrie: Lawfare: Law as a Weapon of War. Oxford University Press, Oxford 2016, ISBN 0-19-026357-1, S. 240f.

Ziele Der BDS-Aufruf von 2005 kritisierte den Bau israelischer Siedlungen und laut dem IGH illegaler Sperranlagen im Westjordanland und um den Gazastreifen. Israel sei größtenteils auf „ethnisch gesäubertem“ Land gegründet worden. Die Lage der arabisch-palästinensischen Israelis sei durch eine „in Israels System verwurzelte rassistische Diskriminierung“ geprägt. Israel habe seit 1948 hunderte UN-Resolutionen zum Beenden der Besatzung und Unterdrückung der Palästinenser missachtet. Darum riefen die Vertreter der palästinensischen Zivilgesellschaft nun internationale Organisationen und Menschen in aller Welt zu BDS und „gewaltlosen Strafmaßnahmen“ auf, bis Israel die „Besatzung und Kolonisierung allen besetzten arabischen Landes“ beenden und die Mauer abreißen, das „Grundrecht der arabisch-palästinensischen BürgerInnen Israels auf völlige Gleichheit“ anerkennen, gemäß der UN-Resolution 194 das Recht der palästinensischen Flüchtlinge, in ihre Heimat und zu ihrem Eigentum zurückzukehren, respektieren, schützen und fördern werde.Angelika Timm (Hrsg.): 100 Dokumente aus 100 Jahren. Friedensinitiativen für Israel und Palästina 1917–2017. AphorismA, Berlin 2017, ISBN 3-86575-063-X, S. 628.

Die BDS-Webseite bezeichnet Israel als „Apartheidstaat“, der die Herrschaft einer Rasse oder Ethnie über eine andere gesetzlich und systematisch institutionalisiert habe. Sie erklärt Israels militärische Besatzung und deren Folgen ebenso wie Privilegien für jüdische Siedler und Benachteiligung arabischer Israelis aus einem angeblich systemimmanenten Rassismus.Cary Nelson: Dreams Deferred. Bloomington 2016, S. 52–55.