Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner (Untertitel: mit besonderer Berücksichtigung des Wagnerschen Musikdramas) ist ein betrachtendes Überblickswerk des Orientalisten Hermann Beckh, das das Wesen der Tonarten im Sinne einer Tonartencharakteristik darstellt.
Entstehung Beckh verfasste zunächst 1922 die kleinere Schrift Vom geistigen Wesen der Tonarten, die bei Preuß und Jünger in Breslau erschien.Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Vom geistigen Wesen der Tonarten. Urachhaus, Stuttgart 1999, S. 7 Das umfassendere Werk Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner wurde im Vorwort der dritten Auflage von Vom geistigen Wesen der Tonarten angekündigt und wenige Wochen vor dem Tode des Autors im März 1937 fertiggestellt.Beckh 1999, S. 8
Inhalt Beckh teilte die Tonarten in drei Kreuze ein. Jedes Kreuz besteht aus zwei Tonarten, die so weit wie möglich, also um sechs Halbtöne, auseinanderliegen, und denjenigen anderen beiden Tonarten, die gegen die beiden ersten Tonarten um drei Halbtonschritte versetzt sind. Beckh nahm #- und b-Tonarten sowie Dur und Moll arbeitsweise in Eines und erhielt dadurch, von zwölf Halbtönen ausgehend, die „Kreuze“ C/Fis über A/Es, D/As über F/H und G/Des über B/E.Beckh 1999, S. 48–49 Diesen drei „Kreuzen“ stellte er die vier in sich besonders weichen und ausgeglichenen „Dreiecke“ C/E/As, F/A/Des, B/D/Ges und Es/G/Ces entgegen.
Beckh postulierte innere bzw. geistige Tonarten, die Schaffende wie Bach oder Wagner unabhängig von den Zufälligkeiten der Instrumentenstimmung im jeweiligen geschichtlichen Augenblick durch ihre Kompositionen stärker oder schwächer herausgearbeitet haben und die man im Hören aktiv „zurechtsetze“.Beckh 1999, S. 50–51 Das temperierte System behindere einen bei einem solchen Zurechtsetzen nicht, da es aus „der Logik des Musikalischen selbst“ entspringe und die einander entsprechenden #- bzw. b-Tonarten auch in ihm noch als höhere bzw. tiefere „Parallelen“ empfunden werden können.Beckh 1999, S. 52–53 Beckh sah in Fis / Ges die helleren #- und die dunkleren b-Tonarten „in die Waage treten“ bzw., im temperierten System, ineinander übergehen.Beckh 1999, S. 53–54
C sei wirklich bzw. auch im Geistigen „der Grundton“, C-Dur „die Grundtonart“ (der „[musikalische] Sonnenaufgang“Beckh 1999, S. 57), „von der jede Betrachtung der Tonarten auszugehen“ habe.Beckh 1999, S. 55 Beckh stellte den „hellen“ Tonarten der einen Hälfte des Quintenzirkels – C-Dur, G-Dur, D-Dur, A-Dur, E-Dur, H-Dur und Fis-Dur – die „dunklen“ Tonarten der anderen Hälfte des Quintenzirkels – Des-Dur, As-Dur, Es-Dur, B-Dur und F-Dur – gegenüber. Dabei macht er bezüglich der halb hell, halb dunkel gedachten Tonarten F-Dur und Fis-Dur / Ges-Dur gewisse Einschränkungen geltend. Er sieht den Tonartenkreis, im Sinne des Quintenzirkels (C – G – D – A – E – H – Fis / Ges – Des – As – Es – B – F) gedacht, umso mehr als dem Wechseln zwischen Hell und Dunkel im Kreisen der Himmelskörper gleichlaufend, als „alles Musikalische ohnehin dem Gebiet des Zeitlich-Rhythmischen“ angehöre.Beckh 1999, S. 55–56 In diesem Sinne entfalle auf jede Tonart gleichsam „ein rhythmisches Bahnstück des in Bewegung gedachten Gesamtkreises, das wir einem bestimmten Abschnitt der Sonnenbahn im Tageslauf oder im Jahreslauf vergleichen können“Beckh 1999, S. 56 (F-Dur vor Sonnenaufgang, Fis- / Ges-Dur nach Sonnenuntergang). Im Bereich des an sich schon dunkleren Moll-Charakters erkennt Beckh in einer weiteren, um drei Quinten nach unten zurückversetzten Hälfte des Quintenzirkels – es-Moll, b-Moll, f-Moll, c-Moll, g-Moll und d-Moll – eine umfassendere Gruppe besonders dunkler und in e-Moll, h-Moll, fis-Moll und cis-Moll eine Gruppe „relativ heller“ Tonarten,Beckh 1999, S. 59 zwischen denen in diesem Falle a-Moll (vom Dunklen ins Helle) und as-Moll (vom Hellen ins Dunkle) ausgleichen. Daraus leitet er ab, dass die Dur-Tonarten von den ihnen jeweils gleich notierten Mollparallelen (also z. B. C-Dur von a-Moll usw.) nicht etwa alle gleich-, sondern unterschiedlich stark abschatten, da nicht etwa immer nur helle Dur-Tonarten dunkle Moll-Tonarten, sondern wechselweise auch besonders helle Dur-Tonarten verhältnismäßig helle Moll-Tonarten und verhältnismäßig dunkle Dur-Tonarten besonders dunkle Moll-Tonarten als Parallelen haben.
Beckh betonte, dass seine Vergleiche mit dem Tages- bzw. mit dem Jahreslauf letzten Endes auf einen „Welt und Leben überhaupt beherrschenden, großen Rhythmus“Beckh 1999, S. 60 hinweisen, in dem durch C-Dur „das Licht der Sinneswelt sich aufschließt“ und durch Fis- / Ges-Dur „das Licht der Sinne wiederum erlischt“ bzw. Dur „in das Licht der Sinneswelt“ und Moll „mehr in das Licht der geistigen Welt, das für die äußeren Sinne Dunkel ist“, führe.Beckh 1999, S. 61
Beckh postulierte die Dur-Tonarten, die mit den für ihn besonders dunklen Moll-Tonarten gleichnamig sind – Es-Dur, B-Dur, F-Dur, C-Dur, G-Dur und D-Dur – als „aufwärtsstrebende“, die Tonarten der anderen Hälfte des Quintenzirkels – A-Dur, E-Dur, H-Dur, Fis-Dur, Ges-Dur, Des-Dur, As-Dur – als „abwärtsgehende“ Tonarten, wobei den aufwärtsstrebenden stärker das Klare, Nüchterne und in die Sinneswelt Reichende, den abwärtsgehenden stärker „ein Element des Romantischen und Poetischen“ und eine Drift nach dem Schlummer und dem Tode eigne.Beckh 1999, S. 63 Im Moll-Bereich diagnostiziert er das Sinnenfreudige dagegen nicht bei den besonders dunklen (und mit den „aufwärtsstrebenden“ Dur-Tonarten gleichnamigen), sondern ganz im Gegenteil bei den hier noch am hellsten strahlenden Tonarten a-Moll, e-Moll, fis-Moll, cis-Moll und as-Moll.Beckh 1999, S. 63–64
Die einzelnen Tonarten Beckh erläuterte seine Schau vom Wesen der einzelnen Dur-Tonarten, jeweils mit Seitenblicken auf die Mollparallele, anhand zahlreicher Werke Bachs,Beckh 1999, S. 50–51, 58, 66, 71–73, 80, 4-2–104, 106, 123–124, 127, 136, 138, 152–153, 155, 171–172, 180–183, 194, 196, 199, 216, 218–219, 234, 245–246, 249, 265–266, 268–269 Wagners,Beckh 1999, S. 50, 63, 75–77, 82–104, 107–123, 125, 127–135, 139–147, 159–170, 173–179, 182, 186–195, 200–213, 219–231, 236–244, 246, 249–263, 269–284, 288 Bruckners,Beckh 1999, S. 53, 75–76, 94, 102, 107, 125, 137, 154, 157–159, 172, 174, 185–186, 198, 200, 233–235, 246–248, 265, 267, 284–288 Beethovens,Beckh 1999, S. 63–64, 66, 73, 75, 78, 107, 124–126, 132, 136–138, 149–157, 167, 172, 184, 197–199, 217, 219, 233–235, 245–246, 266, 268, 284–285 Chopins,Beckh 1999, S. 63, 66, 72, 77, 79, 104–106, 126, 137, 139, 141, 154, 156–158, 172, 184–185, 198, 200, 217–218, 233–235, 266–267, 269 Haydns,Beckh 1999, S. 71, 183–184, 216 Schumanns,Beckh 1999, S. 72, 104, 137–138, 154, 167, 198, 245 Webers,Beckh 1999, S. 73–74, 138–139, 267 Mozarts,Beckh 1999, S. 75, 79–80, 124, 136, 153, 156, 172, 184, 186, 196, 216–217, 248–249 Griegs,Beckh 1999, S. 79, 137 Verdis,Beckh 1999, S. 106, 157 Liszts,Beckh 1999, S. 107 Schuberts,Beckh 1999, S. 137, 139, 156, 172, 181, 200, 217, 249 Tschaikowskis,Beckh 1999, S. 218 Brahms’Beckh 1999, S. 235 und Mendelssohns.Beckh 1999, S. 266
Das „C-Dur-Kreuz“ (C – Fis – Es – A) Die Gruppe gilt Beckh als das Kreuz des Physischen. Sie strotze vom Willensmäßigen und könne im religiösen Sinne mit dem Vater verbunden werden.Beckh 1999, S. 66–68
Beckh sah C-Dur als die Tonart der MitteBeckh 1999, S. 65 und des Heraufkommens.Beckh 1999, S. 71 Fis-Dur / Ges-Dur ist ihm als Waagentonart im Zusammenhang mit der Tag-und-Nacht-Gleiche ein besonderer astronomischer Anknüpfungspunkt.Beckh 1999, S. 101–102 Im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten bzw. Schlafen und Erwachen begreift er Es-Dur als den unteren, A-Dur als den oberen Wendepunkt;Beckh 1999, S. 123 Es-Dur und c-Moll seien Tonarten der Tiefe, „die Lichteshöhen von A-Dur in der Musik [nur selten] wirklich erreicht worden.“Beckh 1999, S. 136
Das „F-Dur-Kreuz“ (F – H – D – As) Die Gruppe gilt Beckh als das Kreuz des Ätherischen. Für sie stehe namentlich das Denken, im religiösen Sinne der Sohn im Vordergrunde.Beckh 1999, S. 66, 68
F-Dur sei im stärksten Sinne die Natur-Tonart und „'schöner' als C-Dur, mindestens anmutiger, weniger nüchtern, poetischer.“Beckh 1999, S. 149
H-Dur besitze etwas eigenartig Verklärtes, was mit der Verklärung und dem Hinübergehen zu tun haben möge.Beckh 1999, S. 171
D-Dur sei „die stärkste aller Tonarten“, „die Tonart des siegenden Helden, das Erreichen des höchsten Zieles, der siegreichen Überwindung, die eigentliche Siegertonart“, „das Empordringen zum höchsten Lichte.“Beckh 1999, S. 180
As-Dur gehöre im Gegensatz zu D-Dur „der tiefsten Tiefe des Tonartenkreises an.“Beckh 1999, S. 196
Das „G-Dur-Kreuz“ (G – Des – B – E) Die Gruppe galt Beckh als das Kreuz des Seelischen, für das das Gefühlsmäßige und im religiösen Sinne der Geist entscheidend sei.
G-Dur sei besonders stark eine Tonart „des Seelisch-Empfindenden, des Fühlenden“, für die sich „eine gewisse Schwierigkeit“ ergebe, weil es am stärksten, höchsten Lichte des A-Dur teilhabe, aber durch die beiden stärksten Tonarten C-Dur und D-Dur „in den Schatten gestellt“ werde. In seinem „dennoch ebenfalls starken Lichte“ sei es auch einer gewissen „Gefahr des einseitig Fühlsamen“ ausgesetzt, „entweder sinnlich oder sentimental oder langweilig zu werden.“Beckh 1999, S. 214
Beckh kennzeichnete Des-Dur als sinnenhaft-süßBeckh 1999, S. 233 und als zum Wesen des B-Dur gehörend, dass „[noch] nicht das Licht selbst, aber die Ahnung des Lichtes, die Hoffnung des Lichtes, der Glaube an das Licht“ an ihm teilhaben und es „[sowohl] an dem Naturhaften von F-Dur wie an dem Geistigen von Es-Dur/c-Moll […] in einer gewissen Weise [teilnehme].“ Die „in F-Dur beginnende Helligkeit“ sei bei B-Dur „gleichsam abgedunkelt, so dass etwas wie Halbdunkel, Helldunkel der Charakter dieser Tonart wird, etwa wie wenn wir, in der Natur uns ergehend, an der Natur uns freuend, auf einmal in das Dunkel eines Hochwaldes eintreten.“Beckh 1999, S. 245
E-Dur sei sehr hell (allerdings nicht so hell wie A-Dur) und „die wärmste aller Tonarten“, mit der sich, „wo sie nach dem Geistigen hin entwickelt wird, die tiefste innerlichste Herzenswärme verbinden“ könne, so dass es als „sehr vielseitig, voll verborgener Tiefen und Eigenschaften“ zu gelten habe.
Geschichtlicher Standort Beckh war mit Die Sprache der Tonart ein besonders entschiedener Anhänger des Unterscheidens zwischen Tönen und Tonarten und diesen jeweils zuzuordnenden Qualitäten. Damit stellte er sich der Überzahl derjenigen entgegen, die, wie Hermann von Helmholtz, eine subjektiv vorhandene Tonartencharakteristik nicht gelten lassen wollten (bzw. wollen).Andrea Gaugusch: Absolute Tonalität oder Das Absolute Gehör bei Nichtabsoluthörern. Diplomarbeit, Universität Wien 1999, S. 48–49
Siehe auch Tonartencharakter Universalien der Musikwahrnehmung Transposition
Einzelnachweise
Kategorie:Musikpsychologie Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Anthroposophie Kategorie:Musiktheoretische Literatur