mini|Schlafende Familie
Co-Sleeping () bezeichnet die Praxis, dass Kinder in unmittelbarer Nähe von einem Elternteil oder beiden Eltern schlafen. Unter diesen Begriff fällt das Schlafen in einem gemeinsamen Zimmer () ebenso wie das Schlafen in einem gemeinsamen Bett (im Familienbett oder allgemeiner einer gemeinsamen Liegefläche, ), das oft auch als Co-Bedding oder Co-Sleeping (im engeren Sinne) bezeichnet wird. Das Schlafen eines Kindes im Kinderzimmer fällt somit nur dann unter diesen Begriff, wenn auch ein Elternteil dort übernachtet.
Der Anthropologe und Leiter des Mutter-Kind-Schlaflabors an der University of Notre Dame (Indiana), James J. McKenna, nennt als Definition für Co-Sleeping das Schlafen in unmittelbarem Körperkontakt (etwa in den Armen oder mit passiver Berührung im Liegen) oder nahe genug, um sensorische Reize wie Klang, Bewegung, Berührung, Sicht, Gas, olfaktorische Reize, CO2 oder Temperatur wahrzunehmen, auf sie zu reagieren oder sie auszutauschen.J.J. McKenna, E.B. Thoman, T.F. Anders, A. Sadeh, V.L. Schechtmann, S.F. Glotzbach: Infant co-sleeping in an evolutionary perspective: Implications for understanding infant sleep syndrome and the sudden infant death syndrome, Sleep, April 1993, 16(3):263-82, PMID 8506461,
Kulturgeschichte
Das gemeinsame Schlafen mit den Eltern ist weltweit verbreitet und wegen kultureller Gegebenheiten sowie aus Gründen begrenzten Wohnraums üblich.
Deutschland In Deutschland hatten bis Anfang des 20. Jahrhunderts viele Kinder kein eigenes Bett. Im Kaiserreich war in den ärmeren Schichten mit der Verstädterung der Wohnraum knapp und teuer geworden; Arbeiterfamilien bewohnten Kleinwohnungen mit einem beheizten, zum Kochen, Essen und Aufenthalt genutzten Zimmer und ein bis zwei unbeheizten Schlafzimmern. Die Eltern hatten meist ein eigenes Bett, die Kinder teilten sich notgedrungen ein Bett mit Eltern oder Geschwistern. Vielfach besserten Wohnungsmieter durch die Aufnahme von „Schlafgängern“ und Untermietern ihr knappes Einkommen auf.Wolfgang König: Geschichte der Konsumgesellschaft, VSWG Beihefte, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 2000, ISBN 3-515-07650-6, S. 209
Schweden Einer Studie zufolge ist in Schweden das Co-Sleeping mit beiden Eltern bis zum Schulalter verbreitet.B. Welles-Nystrom: Co-sleeping as a window into Swedish culture: considerations of gender and health care, Scand J Caring Sci. 2005 Dec;19(4):354-60, PMID 16324059.
Theorien zur psychologischen Bedeutung Dem Co-Sleeping wird des Weiteren ein Einfluss auf die kindliche Entwicklung und die Bindung an die Eltern zugesprochen. Analysen zeigten, dass im Vergleich innerhalb einer Versuchsgruppe von 3- bis 8-jährigen Kindern diejenigen Kinder geringere Niveaus von Kortisol aufwiesen, die bis zum Alter von vier Jahren vergleichsweise weniger Zeit in Kindertagesbetreuung verbracht hatten oder die im Zimmer der Eltern geschlafen hatten.D. Waynforth: The influence of parent-infant cosleeping, nursing, and childcare on cortisol and SIgA immunity in a sample of British children, Dev. Psychobiol., September 2007, 49(6):640-8, PMID 17680611.
Weitere Untersuchungen befassen sich mit dem Einfluss auf das Stillen und das Schlafverhalten von Mutter und Kind. Das Schlafen in einem Familienbett erleichtert es der Mutter, das Kind nachts an seinen Hunger und Schlafrhythmus angepasst zu stillen. Es wird berichtet, dass längere Phasen ruhigen Schlafs bei getrennt schlafenden Kindern zu beobachten sindMelissa Hunsley, Evelyn B. Thoman: The sleep of co-sleeping infants when they are not co-sleeping: Evidence that co-sleeping is stressful, Developmental Psychobiology, Band 40, Nr. 1, S. 14–22, Januar 2002, Abstract und dass stillende Mütter mehr Schlafperioden aufweisen, wenn sie bei ihrem Kind schlafen.S.I. Quillin, L.L. Glenn: Interaction between feeding method and co-sleeping on maternal-newborn sleep, J. Obstet. Gynecol. Neonatal Nurs., September/Oktober 2004, 33(5):580-8, PMID 15495703. Die Förderung des Stillens wird als eines der wesentlichen Argumente für Co-Sleeping angesehen.Stephanie D. Buswell, Diane L. Spatz: Parent-Infant Co-sleeping and Its Relationship to Breastfeeding, Journal of Pediatric Health Care, Band 21, Nr. 1, S. 22–28, January 2007, Abstract
Nächtliches Stillen kann insbesondere bei erwerbstätigen Müttern die Aufrechterhaltung des Milchflusses unterstützen, so dass das gemeinsame Schlafen mit dem Kind eine Möglichkeit darstellt, Stillen, Berufstätigkeit und Schlaf zu verbinden.Martin T. Stein, Calvin A. Colarusso, James J. McKenna, Nancy G. Powers: Cosleeping (Bedsharing) Among Infants and Toddlers, Journal of Developmental and Behavioral Pediatrics, April 2001, Band 22, S. 67–71. Der Pädiater Martin Stein hebt hervor, dass das nächtliche Co-Sleeping im zweiten Lebensjahr die Mutter-Kind-Bindung stärken kann und das Kind sich tagsüber hingegen in seinen Fähigkeiten als unabhängig erfahren könne. Eine solche Spezialisierung des Tag-und-Nacht-Erlebens könne Energien für die zur Individuation hinführenden Aktivitäten des Tages freisetzen. Er interpretiert Co-Sleeping in Anlehnung an die Terminologie Margaret Mahlers als ein kontinuierliches, über das erste Lebensjahr hinaus verfügbares „Auftanken“ oder „Wiederannähern“.
Eine Studie wies darauf hin, dass Vorschulkinder, die seit dem Säuglingsalter getrennt schliefen, leichter alleine einschliefen, häufiger durchschliefen und früher abstillten, wohingegen früh gemeinsam mit den Eltern schlafende Kinder eine größere Unabhängigkeit in praktischen Dingen und im Knüpfen sozialer Kontakte an den Tag legten.Meret A. Keller, Wendy A. Goldberg: Co-sleeping: Help or hindrance for young children's independence?, Infant and Child Development, Band 13, Nr. 5, S. 369–388, Dezember 2004, Abstract Auch die Rolle des Vaters dabei wurde untersucht, und es gibt Hinweise, dass in der Mutter-Vater-Kind-Triade das Co-Sleeping den Effekt einer durch das Stillen veranlassten subjektiv größeren Distanz des Vaters zum Kind verringern kann.Helen L. Ball, Elaine Hooker, Peter J. Kelly: Parent–infant co-sleeping: fathers´ roles and perspectives, Infant and Child Development, Band 9, Nr. 2, S. 67–74, Juni 2000, Abstract Co-Sleeping betrachtet der Kinderarzt William Sears als eine mögliche Wahl der Eltern im Rahmen von Attachment Parenting.
Forscher nehmen an, dass ein Schlafarrangement keinesfalls bestimmte Charakter- oder Persönlichkeitseigenschaften des Kindes „produziert“. Vielmehr ist es ein Element des Beziehungs- und Bindungssystems, das in seiner Gesamtheit und in Wechselwirkung mit den Eigenschaften des Kindes zu betrachten ist.J. Mosenkis: The Effects of Childhood Cosleeping On Later Life Development, Masters Thesis, University of Chicago, Department of Human Development, 1998. Zitiert nach Vergleiche zwischen US-amerikanischen und japanischen Familien zeigten auf, dass bei der Untersuchung der Frage, ob bestimmte Schlafarrangements mit geringeren oder höheren kindlichen Schlafproblemen einhergehen, das kulturelle Umfeld eine wesentliche Rolle spielt.Sara Latz, Abraham W. Wolf, Betsy Lozoff: Cosleeping in Context: Sleep Practices and Problems in Young Children in Japan and the United States, Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine, Band 153, Nr. 4, S. 339–346, 1999, Abstract
Die Psychotherapeutin Jean Liedloff berichtete im Buch Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit (Originaltitel: The Continuum Concept) über die Lebensweise der Yequana in Venezuela. Die frühe Kindheit der Yequana ist geprägt durch Eigenschaften wie konstanten Körper- und Sozialkontakt, Getragen-Werden, Stillen „nach Bedarf“ und das Schlafen im Bett der Eltern so lange die Kinder es wünschen. Ihr Bericht über die Yequana, die sie als freundlich, friedlich und selbstbewusst beschrieb, beeinflusste nachhaltig die Auffassungen zur Kindererziehung in Nordamerika und Europa.
In den westlichen Industrienationen hat sich in den letzten Jahrzehnten die Praxis etabliert, unmittelbar nach der Geburt der Mutter und dem Kind im babyfreundlichen Krankenhaus das Rooming-in zu ermöglichen, um von Geburt an das Stillen und die Beziehung zum Neugeborenen zu fördern. Teilweise bieten Krankenhäuser als Sonderleistung an, dass Mutter, Vater und Kind nach der Geburt gemeinsam in einem Familienzimmer untergebracht werden. Auch bei älteren Kindern wird von einer wichtigen Rolle der Anwesenheit und des Trostes der Eltern ausgegangen: Bei einem stationären Krankenhausaufenthalt von Kindern wird versucht, durch Rooming-in die psychische Belastung für das Kind zu verringern und einer psychischen Deprivation zuvorzukommen.
Eine Langzeitstudie zeigte auf, dass das Teilen des Bettes mit den Eltern weder mit Schlafproblemen, noch mit sexueller Pathologie oder jeglichen anderen problematischen Konsequenzen einherging. Vielmehr wiesen Kinder, die in der frühen Kindheit im Bett der Eltern geschlafen hatten, mit sechs Jahren eine geringfügig aber signifikant höhere kognitive Kompetenz auf. Mit 18 Jahren war keinerlei Zusammenhang mehr mit problematischen oder positiven Konsequenzen erkennbar.Paul Okami, Thomas Weisner, Richard Olmstead: Outcome Correlates of Parent-Child Bedsharing: An Eighteen-Year Longitudinal Study, Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics: August 2002, Band 23, Nr. 4, S. 244–253, Abstract
Kindersicherheit Zur Frage, ob das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kindern in einem Bett günstig oder ungünstig ist, und zum Grad, in dem es das Stillverhalten und die Sicherheit des Kindes beeinflusst, bestehen unterschiedliche Auffassungen.
Das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kleinkindern wurde wegen einer möglichen Erstickungsgefahr und des hiermit eventuell gegebenen Zusammenhangs zur verdeckten Kindstötung schon früh zu unterbinden versucht. So bat Papst Stephan V. den Erzbischof Liutbert von Mainz 887/888, Eltern diesbezüglich zu ermahnen, ein gemeinsames Schlafen zu unterlassen. In der „gemeinen landsordnung des herzogthums Preussen“ von 1526 ist festgehalten, dass , wobei das gemeinsame Schlafen von Eltern und Kleinkindern anscheinend üblich blieb, so dass 1794 explizit festgelegt wurde: