Einer gängigen Darstellung nach sollen die ersten Kartoffeln um 1720 unter Kaiser Karl VI. den Weg nach Luxemburg, das damals als Herzogtum Luxemburg Teil der Österreichischen Niederlande war, gefunden haben. Ihre Verbreitung sei aber an der Rückständigkeit der Bauern gescheitert. Erst unter der „guten“ Kaiserin Maria Theresia, die um 1746 gratis Kartoffelknollen an ihre Untertanen habe verteilen lassen, sei es zum Durchbruch gekommen, nicht zuletzt, weil die Bevölkerung genaue Instruktionen zum Anbau der Kartoffeln erhalten habe. In den Dörfern sei nämlich der Gemeindebote damit beauftragt gewesen, den Leuten nach der Sonntagsmesse zu erklären, wie und wann Kartoffeln anzupflanzen seien.Massard 2009, Nr. 18; Lorang 2002. Die Maria-Theresia-Version wird schon durch die historisch belegte Tatsache, dass der Baron von Erpeldingen im Jahre 1740 Kartoffeln an seine Bauern verteilt hat, in Frage gestellt,Jakob 1981, Massard 2009, Nr. 18. Siehe auch: Michel Wilhelm: Die Gemeinde Erpeldingen und ihre Geschichte. Bd. 1. Luxemburg 1999, S. 431. entscheidend aber vor allem durch eine 1852 veröffentlichte Studie über die Einführung der Kartoffel in das Herzogtum Luxemburg.

Eine Studie aus dem Jahre 1852 miniatur|Gaspard Théodore Ignace de la Fontaine (1787–1871) Ihr Autor war der frühere Gouverneur von Luxemburg Gaspard Théodore Ignace de la FontaineIn den Jahren nach dem Ausbruch der Kartoffelfäule beteiligte sich de la Fontaine persönlich an der Einführung neuer Kartoffelsorten in Luxemburg. Er stellte z. B. die Sorte comice d'Amiens anlässlich der landwirtschaftlichen Messe im September 1851 dem breiten Publikum vor, nachdem er die Sorte im eigenen Garten auf Limpertsberg getestet hatte (cf. Fischer 1860: 135–136). und ihr Titel lautete Notice sur les pommes de terre et sur l'époque de leur introduction dans le pays de Luxembourg et les Ardennes wallonnes.Auf Deutsch: "Notiz über die Kartoffeln und über die Zeit ihrer Einführung in das Luxemburger Land und die wallonischen Ardennen".

Die Rolle von Maria Theresia verwies de la Fontaine elegant ins Reich der Legenden. Die Kartoffel sei 1746 bereits an vielen Orten im Herzogtum kultiviert worden, und damals selbst in den Ardennen längst nicht mehr nur in den Gärten, wie das anfangs überall der Fall gewesen sei, sondern auch bereits auf den Feldern anzutreffen gewesen. Die Analyse von einigen um den Kartoffelzehnten geführten Prozesse ließ ihn schätzen, die Einführung der Kartoffel habe gegen 1720 stattgefunden.

Prozesse um den Kartoffelzehnten

Bei den erwähnten Prozessen ging es um Folgendes: Die Bauern unterlagen dem Zehnten (frz.: la dîme) und mussten demgemäß den zehnten Teil ihrer Produktion, jede zehnte Garbe Getreide, zum Beispiel, an den Zehntherrn abgeben. Diese Zehntabgaben lagen seit Jahrhunderten verbrieft und unangefochten fest. Schwierigkeiten gab es, als Anfang des 16. Jahrhunderts infolge der Entdeckungsfahrten immer mehr bisher unbekannte Pflanzen auftauchten. Kaiser Karl V. sorgte mit zwei Ordonnanzen, die eine von 1520, die andere aus dem Jahre 1530, für Klarheit: Die neuen Pflanzen seien zehntpflichtig; der Zehnte dürfe nur dann nicht erhoben werden, wenn er nachweislich während vierzig Jahren nicht von der neuen Pflanze gefordert worden sei.van Werveke 1983, S. 224 f., 1984, S. 314. In diesen Prozessen ging es für die Bauern darum, durch Aussage von hochbetagten Zeugen, nachzuweisen, dass seit mehr als vierzig Jahren kein Zehnt auf den Kartoffeln erhoben worden, und somit jedweder Anspruch des Zehntherrn verjährt sei.Massard 2009, Nr. 18; Hess 1960, S. 261 f. Siehe auch z. B.: Prüm o. J., Blackes 1983.

Knaphoscheid 1709

Auch wenn diese Zeugenaussagen mit etwas Vorsicht zu genießen sind, so geben sie trotzdem wertvolle Hinweise auf den ungefähren Zeitpunkt des ersten Anbaus der Kartoffel in den jeweiligen Ortschaften. Am interessantesten in dieser Hinsicht ist der Zehntprozess der Jesuitenuntertanen von Boegen und Wintger, wo ein 77-jähriger Zeuge unterm Datum vom 7. Februar 1764 aussagt, im kalten Winter 1709 habe man in Knaphoscheid angefangen, Kartoffeln im Garten und dann auch in den Feldern anzupflanzen, und 1718 habe er in Boegen einen halben Morgen im Feld angepflanzt gesehen.Massard 2009, Nr. 18; Schon 1954/57, S. 492.

Der Hinweis auf 1709 lässt aufhorchen, denn das war meteorologisch gesehen ein außergewöhnliches Jahr! Der verregnete Sommer des Jahres 1708 hatte zu einer Missernte geführt, auf die der längste und kälteste Winter (1708/09) folgte, den man seit Menschengedenken erlebt hatte. Das Thermometer sank bis auf umgerechnet 30 Grad unter Null, der Wein fror in den Fässern im Weinkeller, die Obstbäume platzten vor Kälte, Vögel, erzählt die Chronik, seien im Fluge tot zur Erde gefallen. Die ausgesäte Hartfrucht (Wintergetreide) erfror. Wegen des andauernden Frostes konnte die Lenzsaat (Sommergetreide) nicht zur rechten Zeit stattfinden, so dass es schließlich weder Getreide noch Stroh gab. Die Hungersnot war unvermeidlich und so groß, dass ausgehungerte Menschen verendete Tiere aßen. — Eigentlich genau der richtige Moment, es mal mit dem Anpflanzen der Kartoffel, der man bisher vielleicht misstraut hatte, zu probieren, aber dann bitte im Frühjahr, und nicht im Winter, wie der obige Zeuge dies ausgesagt hat. Die Hungersnot von 1709 und der folgenden Jahre kann jedenfalls die Einbürgerung und Verbreitung der Kartoffel im Herzogtum Luxemburg entscheidend gefördert haben. Nicht auszuschließen ist auch, dass die lokalen Kollateralschäden des spanischen Erbfolgekriegs (1701–1714) das ihrige zu dieser Entwicklung beigetragen haben mögen.Massard 2009, Nr. 19. Siehe auch: A. Bauler: Vor 300 Jahren: Der schreckliche Winter von 1709. Lëtzebuerger Journal 2009, Nr. 7 (10./11. Jan.): 24 (id. in: D’Klack 3/2008 (Gemeng Ierpeldeng), S. 26–27. ).

Esch/Sauer 1707

In einem 1755 vor dem Gericht von Durbuy (heute Belgien) geführten Prozess gegen die Einwohner des Dorfes Wéris sagten drei Zeugen aus, man habe nach dem harten Winter von 1709 mit dem Anpflanzen der Kartoffel begonnen, andere Zeugen nannten die Jahre 1703, 1706, 1710 und 1712.Pirotte 1976: 14. In dieses Schema passt folgende Feststellung des Historikers Alphonse Sprunck: „Kartoffeln wurden schon um 1710 in kleinen Mengen im Herzogtum Luxemburg angebaut, wahrscheinlich zuerst in den kleinen Abhängen, die auf hügeligem Gelände zwischen einzelnen Feldern lagen.“ A. Sprunck: Aus der Dorfchronik von Stadtbredimus im 17. und 18. Jahrhundert. In: Stadtbredimus 1966: Xe fête du vin. Luxembourg, 1966, S. 161. Der Luxemburger Postperzeptor und Schriftsteller Gregor Spedener glaubte es noch präziser zu wissen und schrieb deshalb, der erste Kartoffelbauer des Landes sei Charles Bernard du Bost-Moulin von Esch a. d. Sauer gewesen, welcher 1707 Knollen „aus fernen Landen“ mitgebracht und sie dann in Esch/Sauer angepflanzt habe. G. Spedener: Ephemeriden der Luxemburger Landes- und Lokalgeschichte. Diekirch 1932, S. 112; Massard 2009, Nr. 19.

Bemerkenswert ist, dass die beiden angeblichen Erstanpflanzungen der Kartoffel auf heutigem luxemburgischen Boden — Knaphoscheid und Esch/Sauer — im Ösling liegen. Dies entspricht der allgemeinen historischen Erkenntnis, dass die Kartoffel zuerst in den ertragsarmen Mittelgebirgen, dem „Land der armen Leute“, angebaut wurde. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass das Ösling genau in der Stoßrichtung der von Osten her aus dem Rheinland vorrückenden Kartoffel liegt.Massard 2009, Nr. 19. Zur Geschichte der Kartoffel in den deutschen Nachbargebieten Luxemburgs siehe: Nieth 1990, Schmitt 2003, Lauer 2001, Kleinschmidt 1978.

Der Topinambur miniatur|Topinambure (rundlich, bräunlich, ca. 5–7 cm) und Süßkartoffeln (spindelförmig, rötlich, ca. 15 cm) In den luxemburgischen Gerichtsakten des 18. Jahrhunderts taucht die Kartoffel unter dem französischen Namen topinambour oder dem deutschen Namen Grundbirne auf.Massard 2009, Nr. 18.

Der Name topinambour (dt.: Topinambur) wurde ursprünglich für eine um das Jahr 1600 aus Nordamerika eingeführte Knollenpflanze benutzt, welche gegen Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts im Elsass und in Lothringen unter dem Namen pomme de terre (wörtlich übersetzt: Erdapfel) angepflanzt wurde. Ihr wissenschaftlicher Name ist Helianthus tuberosus; sie ist eine Verwandte der ebenfalls aus Nordamerika stammenden Sonnenblume. In Wallonien wurde sie auf Grund ihrer Herkunft canada genannt, eine Abkürzung für truffe du Canada (Kanada-Trüffel; wegen der Trüffel ähnlichen Knolle) oder artichaut du Canada (Kanada-Artischocke; wegen des Artischocken ähnlichen Geschmacks der gekochten Knolle).Pirotte 1976, S. 39.

Wurde früher behauptet, die Kartoffel sei im Elsass bereits 1623 vorhanden gewesen, so weiß man heute, dass es sich hierbei um den Topinambur gehandelt hat, genauso wie in der Pfalz, wo letzterer um 1660 auf dem freien Feld angebaut wurde.Pirotte 1976, S. 37. Zur Einführung der Kartoffel in die Pfalz siehe: Kleinschmidt 1978.

Nach Luxemburg gelangte der Topinambur Anfang des 18. Jahrhunderts.Pirotte 1976: 38. In der Flore du Grand-Duché de Luxembourg (1875) des Apothekers Jean Henri Guillaume KrombachKrombach 1875, S. 331. und in der Flora der Heimat (1897) von Edmond J. KleinKlein, 1897, S. 226. wird dieses Gewächs als russesch Gromper, russische Kartoffel, bezeichnet. Diesen und ähnliche Namen kennt man auch andernorts im deutschen Sprachgebiet: russische Erpel (Erpel = Erdäpfel) (stellenweise am Niederrhein) und russische Bodenbirn (im Bayerischen Schwaben). Hier scheint „russisch“ nicht primär in seiner geographischen Bedeutung, sondern eher im Sinne von minderwertig gebraucht zu werden, so wie dies in Baden durch Hinzufügen von „Ross“ geschehen war: Rosserdepfel, Rossherdäpfel, Rossepfel, Rosskartoffle, Rossgrumbiire, oder in Niederösterreich mit der Bezeichnung Judenerdapfel.H. Marzell: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. 2. Band: Daboecia - Lythrum. Leipzig 1972, Kol. 776ff.

Als sich später die Kartoffel zum Topinambur hinzugesellte und ihn zu verdrängen begann, hat man die Namen der beiden Neophyten zunehmend verwechselt, vor allem auf Verwaltungsebene, während das Volk durchwegs noch zwischen topinambour (Helianthus) und poire de terre, Grundbirne, crompire (Kartoffel) zu unterscheiden wusste, zumindest am Anfang. Später wurde aus der Kartoffel ja bekanntlich auch ein Erdapfel, aardappel oder pomme de terre. So erklärt es sich, dass ein Advokat aus Brüssel im Laufe eines Prozesses vor dem Hohen Gericht von Durbuy (Herzogtum Luxemburg) im Jahre 1764 behaupten konnte, es sei allgemein gewusst, dass patates (ursprüngliche Bezeichnung für Süßkartoffeln), topinambours, crompires, canadas, pommes de terre und poires de terre synonym seien.

Zeitweilige Koexistenz von Topinambur und Grundbirne

Die grundlegende Arbeit La pomme de terre en Wallonie au XVIIIe siècle (1976) des belgischen Historikers Fernand Pirotte erlaubt folgende Gesamtdarstellung der Verbreitung der Kartoffel in Luxemburg:Massard 2009, Nr. 19.

1. Am Anfang des 18. Jahrhunderts wird eine erste bisher unbekannte Knollenpflanze, der Topinambur, wahrscheinlich von Lothringen her, in das Herzogtum Luxemburg eingeführt, und zwar unter dessen in Lothringen gebräuchlichen Namen pomme de terre (wörtlich: Erdapfel).

2. Um 1715–1720 wird vom Rheinland (spätere Rheinprovinz) her eine weitere Knollenpflanze, die Kartoffel, die poire de terre oder (wörtlich) Grundbirne, vom Volke crompire oder grompir genannt, importiert. (Vor diesem Zeitraum liegende Kartoffelvorkommen wie in Esch/Sauer, Knaphoscheid usw. wären demnach als eine Art Vorbote zu betrachten, vorausgesetzt, dass sie einen historischen Fakt entsprechen.)

3. Die beiden Arten koexistieren während einiger Zeit, bei schnell zunehmender Dominanz der Kartoffel, die innerhalb von 20 bis 25 Jahren, also noch vor 1740 den Topinambur überflügelt hat. In den 1750er, spätestens Anfang der 1760er Jahre, hat die Kartoffel den Topinambur definitiv verdrängt.