mini|Suicide Girl Riae, 2008
SuicideGirls (SG) ist eine englischsprachige kommerzielle Alt-Porn-Website (= alternative-Pornografie-Website). Auf der Website befinden sich vor allem Erotikfotografien eines bestimmten – alternativen – Frauentyps, Blogs, Foren und redaktionelle Texte.
SuicideGirls setzt auf eine Ästhetik, die sich von etablierten Erotica-Anbietern wie Playboy und vielen Pornografie-Anbietern abheben will. Body Modification ist ein zentrales Merkmal der sogenannten Suicide Girls: So sind die dargestellten Frauen meist tätowiert, gepierct oder haben auffallend gefärbte Haare; oft kommen mehrere dieser Attribute zusammen. SuicideGirls versucht sich als subkulturell verankerte Community zu präsentieren. Die Website ist eine der ersten Alt-Porn-Websites und die in der breiten Öffentlichkeit bekannteste. Die Macher selbst bezeichnen die Website nicht als feministisch, werben aber mit Zitaten, die diese Einschätzung explizit zum Ausdruck bringen. Auch von Dritten wird SG als feministische Erotikfotografie rezipiert. Neben den genretypischen Bildern und Videos enthält SuicideGirls redaktionelle Texte über Musik sowie Kolumnen; die Frauen haben Profile und Blogs; die Community ist seit der Gründung elementarer Bestandteil von SuicideGirls.
Im Jahr 2001 stellten der Webdesigner Sean Spooky Suhl und die Fotografin Selena Missy Suicide Mooney die Website SuicideGirls ins Internet. Während die aus Portland stammende Website in ihren Anfangsjahren auch von Mitgliedern der Musikszene um Portland wie Courtney Love oder den Dandy Warhols unterstützt wurde, nahm diese enge Verbindung bald ab. 2005 verließen etwa 50 Models aus der Anfangszeit die Website und warfen den Betreibern Frauenverachtung vor sowie ein Geschäftsmodell, das sich wenig von der etablierten Pornographie unterscheide. Während die Episode SG an Glaubwürdigkeit in der Szene kostete, tat sie dem stetigen Mitgliedswachstum keinen Abbruch. Mittlerweile hat SuicideGirls verschiedene Merchandising-Artikel und diverse Spin-offs produziert.
Name und Gestaltung Der Name SuicideGirls, auf Deutsch etwa zu übersetzen als ‚Selbstmord-Mädchen‘, entstammt ursprünglich einem Roman des Autors Chuck Palahniuk. In Survivor beschreibt dieser die suicide girls folgendermaßen:
Für Mooney und ihre Freunde hat sich der Ausdruck dann von seinem Zusammenhang im Roman emanzipiert, wurde nun verwendet als
Den Begriff Suicide deutete Missy Suicide, ein prominentes Suicide Girl, später als „den Teil an sich zu töten, der Mainstream ist.“Emily Layne Fargo: „The Fantasy of Real Women“: New Burlesque & the Female Spectator S. 68 als PDF
Im Sprachgebrauch der Website steht SuicideGirls mit Binnenmajuskel für die Website selbst, die Pluralbezeichnung Suicide Girls für die bezahlten Models. Das Logo besteht aus den Buchstaben SG und einer jungen Frau mit Zöpfen. Die Websitebetreiber benutzen die Abkürzung SG in Zusammenhängen, in denen der Ausdruck Suicide wegen seiner negativen Konnotation unerwünscht ist. Die Website ist auf den Farbton Rosa abgestimmt. Hintergründe und Schriftarten sind oft in rosa. Ist eine Frau als bezahltes Suicide-Girls-Model beziehungsweise als Suicide Girl akzeptiert, ändert sich die Hintergrundfarbe ihres Profils von Grau auf Rosa. Die Models selbst werden fast durchgehend als Mädchen und nicht als Frau bezeichnet.Emily Layne Fargo: „The Fantasy of Real Women“: New Burlesque & the Female Spectator S. 70 als PDF
Konzept SuicideGirls präsentiert sich als Community der Suicide Girls mit Profilen, Chats, Blogs, einem Kalender, lokalen Veranstaltungstipps, einem Nachrichtensystem etc. Die Erotikmodels sind teilweise bezahlte Models, aber auch umsonst posierende Frauen, die meist hoffen, in den Rang der akzeptierten Suicide Girls aufzurücken. Zahlende Kunden und Suicide Girls haben eine Profilseite, Letztere mit regelmäßig ergänzten Fotoserien und diversen persönlichen Rubriken. Ein größerer Teil der Online-Kommunikation findet dabei zwischen den Suicide Girls selbst statt, die auch Zugriff auf ein nicht öffentliches Model-Forum haben. Betreiber von SuicideGirls ist die in Oregon ansässige SG Services Inc. mit Adresse in Los Angeles. SuicideGirls finanziert sich vor allem durch die Mitgliedsbeiträge der Kunden, erzielt mittlerweile aber auch Einnahmen aus der Lizenzierung von Bildern und Marke. Für die Gebühr, die im Dezember 2019 entweder 12 US-Dollar für einen Monat oder 48 US-Dollar für ein Jahr betrug, bekamen Nutzer Zugriff auf zusätzliches Material, konnten mit anderen Benutzern in einer Community über Foren, Chats oder Webcams agieren.SuicideGirls: Join, abgerufen am 28. Februar 2011.
Nach einer Aussage Mooneys von Ende 2005 sind die Nacktbilder direkt nur für etwa 20 Prozent der Seitenzugriffe verantwortlich, die restlichen vier Fünftel entfallen auf Blogs, Foren, Kalender und Ähnliches. SG Services gehört vier Eigentümern, wobei die Verantwortung bei dem ehemaligen Paar Sean Suhl (Spooky) und Selena Mooney (Missy) liegt. Suhl ist dabei für das Geschäftliche und die Technik verantwortlich, Mooney für Inhalte und Fotos. Rechtlich sind die Frauen freie Mitarbeiter von SG Services. Der Betreiber zahlt für einzelne Fotoserien, ist jedoch nicht für Urlaub oder Sozialversicherung zuständig. Ursprünglich erhielten die Frauen etwa 100 bis 200 US-Dollar für eine Fotoserie, bis ins Jahr 2008 ist deren Honorar auf 500 US-Dollar gestiegen.
Die Betreiber halten sich bedeckt, was Auskunft über finanzielle Belange und Besucherzahlen angeht. Externe Schätzungen über Unique Visitors aus den USA für Anfang 2011 schwanken zwischen 150.000 und 300.000 im Monat, während sie Mitte 2010 noch bei knapp einer halben Million gelegen haben sollen.Crunchbase: SuicideGirls, 19. Februar 2011 SuicideGirls gab im Jahr 2009 noch fünf Millionen Unique Visits weltweit pro Monat an.The Social Media Soapbox: Suicide Girls shows how online communities can monetize by thinking small, 30. August 2009 Laut Alexa sind unter den Besuchern von SuicideGirls mehr männliche, mehr junge und mehr Personen ohne Kinder vertreten als unter allen Internetnutzern. Verglichen beispielsweise mit dem Playboy hat SuicideGirls nur etwa ein Drittel der Zugriffe, die Besucher sind bei SG jünger als die Besucher der Website des Playboys. Die SG ziehen mehr weibliche Besucher als der Playboy an.Alexa.com:
Geschichte
Vorgeschichte – Die Szene in Portland und Alt Porn In den Jahren direkt vor der SG-Gründung konnte sich Amateur- und Untergrund-Pornografie als fester Bestandteil von Newsgroups und Mailinglisten etablieren. Die Website Nerve publizierte seit 1997 eine erfolgreiche Mischung aus Community, Musik und Sex. JenniCam hatte mit der Darstellung des Alltags einer jungen Frau – inklusive deren Sexualität – erstaunliche Erfolge erzielt.Annie Tomlin: , In: Bitch Magazine: Feminist Response to Pop Culture, Winter, Heft 19, 2002 Es entstanden erste Websites des Genres, das sich später Alt porn nannte. Sie wurden oft in Eigenregie betrieben: Websitebetreiber, Fotografen und Models stammten aus derselben Subkultur. Die meisten waren Frauen, die häufig mit der Gothic- oder BDSM-Szene verbunden waren.Peer Gosewisch: Nischenproduktionen – Kommerzielle Alternativen im Internet? Part 1, ludersocke 6. Oktober 2008
Zugleich herrschte in Portland ein für die USA ungewöhnliches sexuell freizügiges Klima. Der oberste Gerichtshof Oregons hatte in den 1980ern das Verbot obszöner Darstellungen für unvereinbar mit dem Grundsatz der Meinungsfreiheit befunden und diese Verbote in Oregon außer Kraft gesetzt. Zugleich war Oregon einer der wenigen Bundesstaaten, in denen es legal war, gleichzeitig Sexdarstellungen zu präsentieren und Alkohol im selben Club zu verkaufen. Bis Mitte der 1990er war die Nachtklubszene zu einer der größten in den USA angewachsen, das Geschäft mit der Sexualität als regulärer Teil der Wirtschaft Portlands etabliert. Die Nachtklubs und Tanzdarbietungen entstanden dabei zum größten Teil in bereits vorhandenen Bars und Poolhallen. Sie lagen und liegen in den Hauptstraßen der regulären Ausgehviertel und sind so weitestgehend Teil des etablierten Nacht- und Partylebens. 1995 gründete sich mit Danzine von Teresa Dulce das erste Magazin von und für Sexarbeiter in der Stadt. Neben SuicideGirls ging auch Fatalbeauties aus der Stadt hervor. Portland besitzt auch heute eine lebendige Szene mit Neo-Burlesque-Shows, Fetisch-Bällen und diversen kleineren Websites und Magazinen.Adam S. Moore, Byron Beck: , Williamette Weekly, 9. März 2005
Gründung und erste Jahre mini|Brachte SuicideGirls ins Fernsehen: Ted Koppel (ABC Nightline)
Suhl und Mooney, damals ein Paar, gründeten die Website am 14. September 2001About SuicideGirls, suicidegirls.com als HobbyprojektAttwood S. 441 mit einer Anfangsinvestition von 5.000 US-Dollar. Der Kanadier Suhl war in dem Jahr aus Los Angeles gekommen und gestaltete Webseiten für diverse Medienunternehmen wie HBO. Mooney, ehemalige Medien- und Soziologie-Studentin, arbeitete freischaffend als Fotografin und war selbst Covergirl beim Nerve-Magazin gewesen. Sie wollte in der Szene-Hochburg Portland die alternativen Emos, Punks und Skaterinnen in traditionellen Pin-Up-Aufnahmen festhalten. Suhl und Mooney wollten beide ein Musik- und Indie-Magazin gründen, kamen aber zu der Überzeugung, dass keines der bisher bestehenden Magazine im Netz Geld verdiente. Pornografie im Internet sei hingegen die einzig erfolgreiche Geschäftsidee des Internets im Jahr 2001 gewesen.
Mooney machte anfangs Fotos von Freundinnen und Bekannten, von denen einige bekleidet, andere unbekleidet waren. Einige der Models arbeiteten in den Stripclubs Portlands; SuicideGirls machte in diesen Stripclubs durch Werbung auf sich aufmerksam.Jim Redden: , Portland Tribune 2. April 2002 Über die Motivation für die Gründung der SuicideGirls machen beide Gründer verschiedene Aussagen: Mooney sagt, sie habe es damals mehr als Kunstprojekt denn als Geschäft gesehen, während Suhl meinte, es sei das Ziel gewesen, der Playboy für das 21. Jahrhundert zu werden. So schrieb er in das Leitbild der Website, dass SuicideGirls für unangepasste Sexualität des 21. Jahrhunderts das sei, was der Playboy für den Junggesellen der 1960er war. Suhl stellte die Fotografien von anfangs 35 FrauenNew York Press: Pin-Up or Shut Up, New York Press, 12. Oktober 2005 mit Begleittexten auf eine Website, die eher an Punk-Fanzines erinnerte als an Erotikmagazine. Frühe Slogans der Website spielten mit dem Verbotenen und proklamierten beispielsweise „Wir haben Eure Tochter entführt und ihr eine Tätowierung verpasst“. Nach eigenen Angaben arbeitete die Website bereits nach einigen Monaten ohne Verluste und nahm im ersten Jahr ihres Bestehens etwa 80.000 US-Dollar ein.
mini|Frühes Community-Mitglied und prominente Unterstützerin: Courtney Love, 2010
Die Medien entdeckten das Projekt schnell. Nachdem einige Monate vergangen waren, berichtete die amerikanische Hauptnachrichtensendung Nightline der ABC über die Website. Es war das dritte Interview, das Missy Suicide überhaupt führte.Mike Usinger: Burlesque Goes Goth-Punk, straight.com 8. Juli 2004 Andere Medien wie die Londoner Times, Rolling Stone oder Spin folgten schnell.