mini|rechts|Lawrence Henry Gipson (1938) Lawrence Henry Gipson (geboren am 7. Dezember 1880 in Greeley, Colorado; gestorben am 26. September 1971 in Bethlehem, Pennsylvania) war ein amerikanischer Historiker.

Gipson ist besonders für seine fünfzehnbändige Geschichte des Britischen Empire zur Zeit des Siebenjährigen Krieges (French and Indian War) und der amerikanischen Revolution bekannt (The British Empire before the American Revolution, erschienen 1936–1970). Er galt als einer der herausragenden Vertreter der sogenannten Imperial School der amerikanischen Historiographie, die eine objektivere Sicht der Revolution anregte und dabei letztlich eine pro-britisch geprägte Neuinterpretation der Ereignisse vorlegte. Zwar spielt Gipsons Interpretation der Revolution im geschichtswissenschaftlichen Diskurs heute kaum mehr eine Rolle, doch wird sein Werk wegen seiner Detailfülle zumindest als Nachschlagewerk geschätzt.

Leben Gipson, Sohn eines Journalisten, wuchs in Caldwell, Idaho, auf.Biografische Angaben im Folgenden nach: J. Barton Starr: Lawrence Henry Gipson. Hier besuchte er die High School sowie die studienvorbereitende Academy of the College of Idaho, schloss aber keine der beiden Schulen ab. Nachdem er sich einige Zeit mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, besuchte er ab 1903 die University of Idaho (A. B. 1906). Nach seinem Abschluss dort gewann er eines der ersten Rhodes-Stipendien überhaupt, was ihm ein Studium an der Oxford University ermöglichte (B. A. 1907). In Oxford spielte er zunächst mit dem Gedanken, sich der Mediävistik zu verschreiben, doch beschloss er letztlich, sein Studium der Geschichte des britischen Weltreichs zu widmen. Der Grund für diese Entscheidung mag darin liegen, dass sich Gipson als Gaststudent aus der amerikanischen Provinz von der Gelehrsamkeit Oxfords nachhaltig beeindruckt zeigte und sich als ihrer würdig erweisen wollte.John Shy: The Empire Remembered: Lawrence Henry Gipson, Historian, S. 112; Vgl. Gipsons autobiografische . In: Pennsylvania History 36, Heft 1, 1969, S. 10–15.

Nach seiner Rückkehr in die USA heiratete Gipson 1909 Jeanette Reed und begann seine Lehrtätigkeit am College of Idaho. Nach einem einjährigen Stipendiatenaufenthalt als Farnham Fellow an der Yale University, wo er bei Charles McLean Andrews studierte, war er 1910–1924 Fachbereichsleiter und Professor für Geschichte und Politikwissenschaft am Wabash College in Crawfordsville, Indiana. 1918 promovierte er nach einem weiteren Forschungsjahr in Yale mit einer Arbeit über den Loyalisten Jared Ingersoll, wiederum betreut von Andrews. Nach ihrer Veröffentlichung wurde die Dissertation 1920 mit dem Justin Winsor Prize der American Historical Association ausgezeichnet. 1924 folgte Gipson einem Ruf an die Lehigh University in Bethlehem, Pennsylvania, der er bis zu seinem Tod 1971 verbunden blieb. Lehigh, gegründet als Ingenieurhochschule, sollte zu dieser Zeit zu einer Volluniversität erweitert werden. Gipson fiel dabei die Aufgabe zu, einen neuen Fachbereich für Geschichte und Politik aufzubauen, dem er bis 1946 vorstand. Als Bedingung für seine Zusage rang er der Universitätsleitung das Versprechen ab, nach getaner Arbeit bei seinem geplanten Werk über die amerikanische Revolution unterstützt zu werden.

Die Vorarbeiten zu diesem geplanten Werk führten Gipson immer weiter in die der Revolution vorausgegangenen Entwicklungen in den Kolonien und dem Britischen Weltreich als Ganzem. Aus dem geplanten Einleitungskapitel wurden schließlich neun Bände – als er 1961 den nunmehr zehnten Band seines Magnum Opus veröffentlichte, schrieb er im Vorwort, dass dies das Buch sei, das er vor vierzig Jahren zu schreiben gehofft hatte. Die ersten drei Bände von The British Empire before the American Revolution erschienen 1936–1939 noch beim Verlag seines Bruders in Idaho; mit dem vierten Band übernahm der renommierte Verleger Alfred A. Knopf die Reihe. Nachdem Gipson den Vorsitz der Geschichtsfakultät niedergelegt hatte, richtete die Lehigh University 1947 für ihn eine Forschungsprofessur ein, die ihn weitgehend seiner Lehrverpflichtungen entband. 1951–1952 lehrte er ein Jahr als Harmsworth Professor of American History an der Oxford University. 1952 wurde er emeritiert, die Lehigh University unterstützte ihn jedoch weiterhin bei der Fertigstellung der letzten Bände, indem sie ihm eine Stelle als research professor emeritus schuf. Finanzielle Unterstützung erhielt Gipson zudem durch die Rockefeller- und die Carnegie-Stiftung sowie nicht zuletzt durch seinen Verleger Alfred A. Knopf, für den The British Empire before the American Revolution ein absehbares Verlustgeschäft war; von keinem Band erschienen mehr als tausend Exemplare, ein großer Teil der Auflage ging an Bibliotheken.John Shy: The Empire Remembered: Lawrence Henry Gipson, Historian, S. 114. Während der jahrzehntelangen Arbeit an seinem Überblickswerk widmete sich Gipson nur selten anderen Projekten wie der Edition der Schriften des Siedlerpioniers Lewis Evans (1939). 1954 schrieb er für die Buchreihe The New American Nation des Verlagshauses Harcourt Brace den Band The Coming of the Revolution, 1763–1775, eine kurze Zusammenfassung seines Gesamtwerks.

Gipson erhielt in seiner akademischen Laufbahn Ehrendoktorwürden der Temple University (1947), der Lehigh University (1951) und der University of Idaho (1953). Für den sechsten Band von The British Empire before the American Revolution erhielt er 1948 den Loubat Prize der Columbia University, für den siebenten 1950 den Bancroft Prize, der zehnte Band wurde 1962 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 1969, kurz vor seinem Tod, widmete ihm die Fachzeitschrift Pennsylvania History ein ganzes Heft.

Gipson starb 1971 in Bethlehem, Pennsylvania. Sein gesamtes Vermögen vermachte er der Lehigh University, die mit diesen Mitteln das bis heute bestehende Lawrence Henry Gipson Institute for Eighteenth-Century Studies, einen Forschungsbereich zum 18. Jahrhundert, ins Leben rief.The Lawrence Henry Gipson Institute auf lehigh.edu.

Werk Einordnung Wurde die Revolution in der amerikanischen Geschichtsschreibung in der Tradition George Bancrofts, aber auch von britischen Whigs wie George Otto Trevelyan zuvor oftmals als heldenhafter Freiheitskampf gegen eine tyrannische Monarchie dargestellt, so hinterfragten gerade amerikanische Historiker ab 1900 zunehmend die ideologischen Prämissen und das nationalistische Pathos einer solchen Darstellung. Zu Beginn des Jahrhunderts bildeten sich zwei neuartige „Schulen“ der Geschichtsschreibung heraus: zum einen die Progressive School um Charles Beard, die die Revolution als Klassenkonflikt beschrieb, zum anderen die so genannte Imperial School um Charles McLean Andrews, Levi Osgood und George L. Beer, die eine entideologisierte, wissenschaftlich objektive Darstellung der Kolonialzeit einforderte. Damit einher ging zum einen eine Betonung der Institutionengeschichte (entgegen etwa einer ereignisgeschichtlichen oder biographischen Methode), zum anderen die Überzeugung, dass die Revolution nur im Gesamtgefüge des britischen Weltreichs dargestellt und gedeutet werden könne. Hatten sich die amerikanische Geschichtsschreibung seit ihren Anfängen bei Jeremy Belknap bis hin zu Bancroft und darüber hinaus fast ausschließlich auf amerikanische Archive verlassen, so erschlossen Andrews und später Gipson das einschlägige Material in Europa, insbesondere im Londoner Public Record Office.Patrick Griffin: In Retrospect: Lawrence Henry Gipson’s The British Empire before the American Revolution. S. 172. Gipsons Formulierung dieses Ansatzes findet sich in: Gipson: The Imperial Approach to Early American History. In: Ray Allen Billington (Hrsg.): The Reinterpretation of Early American History: Essays in Honor of John Edwin Pomfret. The Huntington Library, San Marino, CA 1966. Während noch bei Andrews die objektive Darstellung der historischen Fakten durch eine quellenkritische Methodik Vorrang gegenüber ihrer Interpretation hatte, so zieht sich durch Gipsons Werk von Beginn an eine merklich probritische Tendenz; einige Rezensenten wie etwa Jackson Turner Main erklärten sich diese für einen amerikanischen Historiker merkwürdige Haltung nicht zuletzt mit der Vermutung, dass sich Gipson vielleicht zu sehr auf die englischen gegenüber den amerikanischen Archiven verlassen habe und die „offizielle“ britische Sicht letztlich auf ihn abgefärbt habe.Jackson Turner Main: Lawrence Henry Gipson: Historian, S. 27.

Robert Middlekauff sieht im probritischen Tenor Gipsons den entscheidenden Unterschied zu den Imperials der vorangegangenen Generation: hatte etwa Andrews das wirtschaftliche und politische Aufblühen der Kolonien glücklicher Fügung zugeschrieben, so war dies für Gipson ein Verdienst der britischen Regierung, die selbstlos und weitsichtig die weitere Entwicklung ihrer Kolonien bewusst geplant habe, zum Wohle der Kolonien wie des Empire als Ganzem. Gipson stellt die Idee eines salutary neglect auch in politischer Hinsicht in Frage. Während Andrews die herkömmliche Sicht teilte, dass das britische Parlament vor dem Siebenjährigen Krieg kaum in die inneren Angelegenheiten ihrer Kolonien eingegriffen habe, so beharrte Gipson darauf, dass derartige Eingriffe durchaus auch vor 1750 alltäglich waren und als selbstverständlich hingenommen wurden. Die Klagen der Revolutionäre über die nach 1750 eingeführten Restriktionen erscheinen Gipson daher als rhetorisches Manöver ohne jede faktische Grundlage.Robert Middlekauff: The American Continental Colonies in the Empire , S. 29–30; 40–42.

The British Empire before the American Revolution The British Empire before the American Revolution ist ein umfassendes Überblickswerk über die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung des Britischen Weltreichs von 1748 bis 1776, unter besonderer Berücksichtigung der Kolonien in Nordamerika und ihrer Revolte, die 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten gipfelte. Seinen Anspruch auf Vollständigkeit unterstrich Gipson mit eingestreuten Kapiteln über die Entwicklungen an der Peripherie des Weltreichs, etwa über Indien, Neufundland oder Gibraltar. Der erste der fünfzehn Bände stellt die politische Entwicklung der britischen Inseln dar, insbesondere die engere Bindung Irlands und Schottlands an England im Vereinigten Königreich (die, so Gipson, für die britische Kolonisierung Nordamerikas hätte Modell stehen können). Die Entwicklung der Kolonien bis zum Jahr 1748 ist Gegenstand der Bände II und III. Die Bände IV und V schildern die Vorgeschichte des Siebenjährigen Krieges, die Bände VI und VII den Kriegsverlauf. In den folgenden vier Bänden zeichnet Gipson nach, wie die Bestrebungen Großbritanniens, nach dem Pariser Frieden 1763 das Weltreich neu zu organisieren, zur amerikanischen Revolution und schließlich zum Verlust der Dreizehn Kolonien führten. Die letzten drei Bände bieten eine Zusammenfassung, einen historiographischen Überblick sowie eine ausführliche Bibliographie und Archivübersicht.