mini|Variante der Parteiflagge Die Eiserne Garde ( ) war eine faschistische Bewegung und politische Partei im Königreich Rumänien, deren Ideologie von radikalem Antisemitismus, mystisch-orthodoxem Fundamentalismus und großrumänischem Ultranationalismus geprägt war. Mit ihren 250.000 Mitgliedern war sie zeitweise die drittgrößte faschistische Bewegung Europas nach dem PNF in Italien und der NSDAP im Deutschen Reich.Radu Harald Dinu: Faschistische Gewalt „von unten“, Rumänien 1940–1941. In: Mihai-D. Grigore, Radu Harald Dinu, Marko Živojinović (Hrsg.): Herrschaft in Südosteuropa: kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven. V&R unipress, Göttingen 2012. ISBN 978-3-89971-871-3. S. 180.
Gegründet wurde die Legion Erzengel Michael (Legiunea Arhanghelului Mihail, wörtlich „Legion des Erzengels Michael“) 1927 von Corneliu Zelea Codreanu als anfangs kleiner, fanatischer Zirkel. Von etwa 1933 bis 1938 entwickelte sie sich zur Massenbewegung, auch Legionärsbewegung (Mișcarea Legionară) genannt. Unter der autoritären Königsdiktatur Carols II. wurde die Bewegung massiv unterdrückt, zahlreiche Führungsmitglieder fielen dem zum Opfer – unter anderem Codreanu selbst.
Von Anfang Juli 1940 bis Anfang September 1940 beteiligte sich die Eiserne Garde erstmals an einer rumänischen Regierung; am 3. September 1940 versuchte sie unter ihrem nunmehrigen Führer Horia Sima einen Putsch gegen Carol II., der in dieser Lage General Ion Antonescu am 4. September zum Ministerpräsidenten mit unbeschränkten Vollmachten ernannte. Mit der Unterstützung der Eisernen Garde zwang Antonescu Carol II. am 6. September zum Thronverzicht und errichtete eine faschistische „nationallegionäre“ Diktatur, die Rumänien fest an die Seite der Achsenmächte führte. Als die Eiserne Garde im Januar 1941 auch gegen Antonescu zu putschen versuchte, kam es zum Bruch mit dem „Staatsführer“, der die Bewegung nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes praktisch verbot.
Nach dem Staatsstreich vom 23. August 1944 und dem Wechsel Rumäniens auf die Seite der Anti-Hitler-Koalition bildete Sima mit deutscher UnterstützungGerhard Köpernik: Faschisten im KZ: Rumäniens Eiserne Garde und das Dritte Reich. Verlag Frank & Timme, Berlin 2014, ISBN 978-3-7329-0089-3, S. 221. eine rumänische Exilregierung, die sich am 10. Dezember 1944 in Wien konstituierte, aber zum Kriegsende 1945 zerfiel.
Die Ideologie der Bewegung wird von manchen Historikern dem Klerikalfaschismus zugeordnet;Valentin Săndulescu: Sacralised Politics in Action. In: Matthew Feldman, Marius Turda, Tudor Georgescu (Hrsg.): Clerical Fascism in Interwar Europe. Totalitarianism Movements and Political Religions. Routledge. London/New York 2013. ISBN 978-0-415-44824-6. S. 47 ff. sie war wesentlich von mystischen Elementen geprägt; ihre Anhänger fühlten sich meist der Rumänisch-Orthodoxen Kirche fest verbunden.Paul A. Shapiro: Faith, Murder, Resurrection. The Iron Guard and the Romanian Orthodox-Church. In: Kevin P. Spicer (Hrsg.): Antisemitism, Christian Ambivalence, and the Holocaust. Indiana University Press. Bloomington 2007. ISBN 978-0-253-34873-9. S. 136 ff.
Bezeichnungen Die offizielle Bezeichnung der Eisernen Garde lautete von der Gründung 1927 an „Legion des Erzengels Michael“ (Legiunea Arhanghelul Mihail), vereinfacht auch „Legionärsbewegung“ (Mișcarea Legionară). Der Begriff „Eiserne Garde“ (Garda de Fier) wurde 1930 von der Führung der Legionärsbewegung eingeführt; er bezeichnete zunächst eine Gruppe, die einen (von der Regierung schließlich verbotenen) Marsch durch die Provinz Bessarabien unternehmen sollte. Dazu waren auch antisemitisch und antikommunistisch eingestellte Rumänen aufgerufen, die nicht der Legionärsbewegung angehörten. „Eiserne Garde“ bezeichnete somit eigentlich eine Art Dachorganisation; Codreanu verwendete den Begriff in den kommenden Jahren noch im Zusammenhang mit Wahlkampagnen. Ab etwa 1933 kam „Eiserne Garde“ als Eigenbezeichnung in offiziellen Publikationen kaum noch vor; Codreanu sprach und schrieb fast durchgängig von „Legionärsbewegung“. Auf Werbematerialien (Plakaten u. a.) tauchte jedoch auch später noch „Eiserne Garde“ auf. Dieser eingängigere und einfachere Begriff wurde von der rumänischen und der ausländischen Presse, aber auch von den rumänischen SicherheitsorganenOliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 114. aufgegriffen und in der wissenschaftlichen Literatur bis heute synonym, teils sogar vorrangig vor „Legionärsbewegung“ verwendet. Die Mitglieder dieser Bewegung wurden als „Legionäre“ bezeichnet, in Bezug auf die „Eiserne Garde“ auch „Gardisten“.
Nach wiederholten Verboten kehrte die Legionärsbewegung bzw. die Eiserne Garde unter anderen Namen auf die politische Bühne zurück, so 1931/32 bei Parlamentswahlen als „Gruppe Corneliu Zelea Codreanu“ (Gruparea Corneliu Zelea Codreanu)Radu-Dan Vlad: Procesele lui Corneliu Zelea Codreanu (1923–1934), Vol. I. Editura Miha Valahie. Bukarest 2013. ISBN 978-606-8304-49-6. S. 157. und 1935 als „Alles für das Vaterland“ (Totul pentru Țară).Armin Heinen: Eiserne Garde. In: Edgar Hösch et al. (Hrsg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien/Köln/Weimar 2004, ISBN 3-8252-8270-8. S. 289.
Politischer Hintergrund mini|Großrumänien mit den Gebietsgewinnen (gelb, grün und grünbraun) nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien hatte – trotz eigener militärischer Niederlage – im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Siegermächte gestanden und durch die Verträge von Saint-Germain (Bukowina), Trianon (u. a. Siebenbürgen, Teile des Banat) und Neuilly (Süddobrudscha) einen enormen Gebietszuwachs erzielt. Hinzu kam ohne Vertrag Bessarabien, das sich Rumänien infolge der Wirren des Russischen Bürgerkrieges aneignen konnte. Auf der anderen Seite führten die neue Ordnung und neuen, großrumänischen Grenzen des zentralistisch verwalteten Staates zwangsläufig zu Spannungen mit den NachbarnOliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 16. sowie zu Problemen mit den zahlreichen nationalen Minderheiten, besonders mit den Ungarn Siebenbürgens und den Ukrainern bzw. Russen in Bessarabien.Ewald Hibbeln: Codreanu und die Eiserne Garde. Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V., Siegen 1984. S. 6. Dies wiederum zog eine Zunahme nationalistischer Strömungen in der rumänischen Mehrheitsbevölkerung nach sich. Hinzu kam, dass – entgegen einer weit verbreiteten antisemitischen Grundstimmung unter vielen Rumänen – im Jahr 1923 eine liberale Verfassung verabschiedet wurde, die den Juden Rumäniens die Staatsbürgerschaft des Landes zuerkannte. In den Pariser Vorortverträgen hatte sich Rumänien hierzu verpflichten müssen.Daniela Oancea: Mythen und Vergangenheit. Rumänien nach der Wende. Inaugural-Dissertation der Ludwig-Maximilians-Universität, München 2005. S. 95. Der Antisemitismus hatte insbesondere in intellektuellen Kreisen Rumäniens eine Tradition seit dem 18./19. Jahrhundert, als viele Juden aus dem benachbarten Galizien eingewandert waren.Roland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 13. Zu den bedeutendsten Antisemiten gehörten der Nationaldichter Mihai EminescuRoland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 14. (1850–1889) und später der Historiker Nicolae IorgaRoland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 15. (1871–1940).
Das politische System befand sich in Rumänien in den Jahren zwischen den Weltkriegen in einem Zustand anhaltender Instabilität. Erst nach dem Ersten Weltkrieg war das allgemeine (Männer-)Wahlrecht eingeführt worden.Oliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 17. Kabinette und Ministerpräsidenten wechselten oft im Abstand weniger Monate.Roland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 211. Formal eine konstitutionelle Monarchie mit parlamentarischer Demokratie, lag die wirkliche Macht in der Hand relativ kleiner, korrupter, sich gegenseitig aus wirtschaftlichen Interessen bekämpfender Eliten.Roland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 210 f. Der Einfluss des Wahlvolkes auf das gesellschaftspolitische Geschehen war minimal. Regierungen wurden vor den Wahlen vom König ernannt – was diesem und seinen Beratern erheblichen Einfluss verschaffte – und organisierten dann die Wahlen mit Hilfe der von ihnen selbst eingesetzten Präfekten in den Kreisen des Landes.Oliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 20. Durch dabei angewandte Manipulationen (Verteilung von Geschenken – vor allem Lebensmitteln und Alkohol – aus öffentlichen MittelnRoland Clark: Holy Legionary Youth. Cornell University Press, Ithaca/London, 2015. ISBN 978-0-8014-5368-7. S. 97. an die arme, demokratieunerfahrene, häufig analphabetische Landbevölkerung), psychischen Druck und Betrug (z. B. durch Verhinderung der Wahl in „ungünstigen“ Gebieten mit Hilfe des Kriegsrechts oder von Quarantäneverordnungen, aber auch durch simple Fälschungen bei der Auszählung)Oliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 21. schaffte es die jeweils eingesetzte Regierung mit Ausnahme von 1937 immer, mindestens 40 % der Stimmen zu erreichen, was ihr nach geltendem Wahlrecht einen Bonus von 50 % der Mandate bescherte.Ewald Hibbeln: Codreanu und die Eiserne Garde. Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V., Siegen 1984. S. 33. Dies führte zu einer starken Unterrepräsentierung der Opposition im Parlament, begünstigte aber auch Flügelkämpfe und Spaltungen auf der Seite der jeweiligen Regierungspartei. Diese wurde meist von der Nationalliberalen Partei, zwischenzeitlich (von 1928 bis 1933) überwiegend von der Bauernpartei gestellt.Mariana Hausleitner: Eine wechselvolle Geschichte. In: Helmut Braun (Hrsg.): Czernowitz. Die Geschichte einer untergegangenen Kulturmetropole. Christoph Links Verlag. Berlin 2013. ISBN 978-3-86153-750-2. S. 67. Wahlkämpfe waren regelmäßig von Schlägereien und anderen Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern nicht nur extremistischer, sondern auch der etablierten Parteien geprägt.Oliver Jens Schmitt: Căpitan Codreanu. Aufstieg und Fall des rumänischen Faschistenführers. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2016. ISBN 978-3-552-05803-3. S. 67.
Weltanschauliche Positionen mini|Variante der Parteiflagge Die Ideologie der Legionärsbewegung wird von den meisten Historikern als faschistisch eingeordnet. Kern ihres Weltbildes war ein extremer Antisemitismus in Verbindung mit Antikommunismus und einer im Mystischen verhafteten Religiosität.Ewald Hibbeln: Codreanu und die Eiserne Garde. Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V., Siegen 1984. S. 13. Gemäß der Meinung Codreanus, der die Weltsicht der Legionäre ganz wesentlich prägte, trachtete die jüdische Minderheit danach, nach einem abgestimmten Plan die Rumänen sowie andere Völker zu unterdrücken und zu versklaven.Corneliu Zelea Codreanu: Pentru Legionari. Englischsprachige Ausgabe in Black House Publishing. London, 2015, ISBN 978-1-910881-00-2, S. 102. Liberale Presse, Demokratie und insbesondere den Kommunismus sah er als Mittel der Juden, um dies zu erreichen. Kommunismus und Judentum betrachtete er dabei als weitgehend synonym.Corneliu Zelea Codreanu: Pentru Legionari. Englischsprachige Ausgabe in Black House Publishing. London, 2015, ISBN 978-1-910881-00-2, S. 341.