mini|Zeremonialbeil, 70 cm lang, Papua-Neuguinea. Klinge aus Stein, Schaft aus Holz mit Umwicklung aus Pflanzenfasern. Das Gerät stammt aus dem 19. Jahrhundert und zugleich aus der Steinzeit. Es entstand in einer schriftlosen Kultur und ist damit der Vorgeschichte zuzurechnen. mini|Klinge einer doppelzinkigen Hacke aus Hirschgeweih, Eisenzeit. Von den zusammengesetzten Geräten ist in der Regel nur die Klinge erhalten, während der Schaft (meist aus Holz) verrottet ist. Die Art der Schäftung bleibt manchmal unklar, so auch hier. mini|Klingenlamelle aus dem Jungpaläolithikum (Magdalénien IV). Die seitliche Einkerbung weist auf den Schaftansatz hin. mini|In der experimentellen Archäologie werden rekonstruierte Geräte erprobt. Hier ein Baumfällversuch mit einer Dechsel, rekonstruiert nach Funden der Bandkeramischen Kultur. mini|Geschäftetes neolithisches Steinbeil – Originalfund
In der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie versteht man unter Schäftung verschiedene während der Vor- und Frühgeschichte angewendete Verbindungstechniken. Mehrere (meist zwei) Teile werden durch Schäftung zu einem komplexeren Gerät verbunden. In der Vor- und Frühgeschichte wurden Werkzeuge oder Waffen mit einem Griffteil verbunden. Durch die Schäftung wurde die Handhabung des Geräts ermöglicht oder die Wirksamkeit erhöht. Bei Jagdwaffen wurden Kraftwirkung und Reichweite verbessert.
Der Griffteil des Werkzeugs oder der Waffe wird als Schaft bezeichnet. Ein länglicher Werkzeugschaft wird auch Stiel genannt. Bei Langwaffen wie Speeren oder Lanzen spricht man generell von Schaft. In der Steinzeit bestanden Schäfte aus Holz, Geweih, Knochen, Horn oder Elfenbein. Der Schaft ist mit der Klinge oder Spitze verbunden, die ab der Bronzezeit aus Metall bestehen kann.
Man bezeichnet geschäftete Geräte auch als zusammengesetzte GeräteHoffmann, S. 403 f. oder Kompositgeräte.Deutschlandfunk: Die Erfinder des Rades, vom 2. Juni 2011, geladen am 4. März 2019 Letztere sind nicht zu verwechseln mit Kombinationsgeräten, dies sind Multifunktionsgeräte).
Übersicht Zusammengesetzte Werkzeuge und Waffen wurden ab dem späten Mittelpaläolithikum entwickelt und ab dem Jungpaläolithikum verfeinert. Die Anfänge dieser Technik, die häufig im Zusammenhang mit der Entwicklung der menschlichen Sprache gesehen wird,Feustel, S. 192–204 reichen wenigstens 400.000 Jahre zurück.Hoffmann, S. 123 f., 330; Müller-Karpe, Altsteinzeit, S. 38 f. Sie finden sich weltweit, wenn auch nicht zeitgleich.
In der Vorgeschichte bestand ein Schaft in der Regel aus Holz oder einem anderen ausreichend stabilen biologischen Material. Die Klinge bestand aus einem härteren Material, zunächst meist Stein. Schäfte waren ab der späten Bronzezeit manchmal aus Metall, vor allem bei Prunkwaffen.
Da der Schaft stets aus vergänglichem Material war, ist der Nachweis einer Schäftung bei frühen Funden schwierig und meist nur indirekt möglich, etwa indem man aus der Art der Retuschierung auf eine wahrscheinliche Schäftung schließt. Weitere Hinweise kann die experimentelle Archäologie beisteuern. So zeigte sich bei Versuchen mit Messern und Klingen des Jungpaläolithikums, dass sie wegen der umlaufenden scharfen Schneide geschäftet gewesen sein müssen, um sinnvoll nutzbar zu sein.Hoffmann, S. 330.
Für die sozio-kulturelle Entwicklung des vor- und frühgeschichtlichen Menschen ist die Schäftung ein wichtiges Indiz.Zur Relativierung dieser Interpretation s. Müller-Karpe, Grundzüge, Bd. 1, S. 4 ff. Das ist vergleichbar mit dem kognitiven Schub, den die gezielte Werkzeugherstellung selbst darstellt. Ähnliches gilt für die sogenannte Jagd-Revolution,Feustel, S. 201 f., 227 ff., 238 ff. den beginnenden Feuergebrauch im Altpaläolithikum, die Entwicklung fortschrittlicher Werkzeuge allgemein oder die Entstehung der Kunst im Jungpaläolithikum, etwa der frankokantabrischen Höhlenkunst.Hoffmann, S. 133; Müller-Karpe, Altsteinzeit, S. 163 f., 192 f.; Clark, Bd. 1, S. 405; Feustel, S. 200 f.; Hahn, S. 146–148; Herrmann/Mania, S. 31, 40; Ambrose 2010 (Commons).
Zwecke der Schäftung Handhabung mini|Jungpaläolithische Klinge. Wegen der ringsum scharfen Kante konnte sie nur geschäftet verwendet werden. mini|100px|Schlingen-schäftung einer Pfeilspitze
Durch Schäftung entstehen Griffe, die die Tragbarkeit und Handhabung der Geräte erleichtern. Unter Umständen wird auch die Wirksamkeit verstärkt. Mit einem geschäfteten Beil konnte man dickere Bäume fällen, mit einer Beilklinge allein war dies schwer möglich.
Ob bereits manche Faustkeile geschäftet waren, ist umstritten.Hoffmann, S. 124. Im Jungpaläolithikum finden sich dann zahlreiche geschäftete Geräte, auch Stichel, Messer, Bohrer und Schaber. Die Schäftung schützte die Hand vor den scharfen Schneiden und ermöglichte die präzisere Führung der teilweise kleinen Geräte.Hahn, S. 218, 230, 237. Federmesser waren schon wegen ihrer geringen Größe wohl nur geschäftet zu verwenden.Müller-Beck, S. 338. In der Höhle von Lascaux fanden sich Reste eines rötlichen Kitts, die zeigen, dass die retuschierte Kante der Messer gegen einen Schaft gesetzt war.Hahn, S. 242.
Distanz- und Fernwirkung Eine frühe Distanzwaffe ist die Lanze, eine Stoßwaffe. Der Wurfspeer ist die erste Fernwaffe. Lanzen und Speere aus Holz wurden ursprünglich nur spitz zugeschnitten. Die 125.000 Jahre alte, 2,24 m lange Lanze von Lehringen hatte noch keine Schäftung, sondern eine feuergehärtete Holzspitze.Hoffmann, S. 231.; Probst, S. 60. Das Aufsetzen einer scharfen Steinspitze auf einen Holzschaft (beziehungsweise die Schäftung einer Steinspitze) brachte einen Vorteil bei der Jagd. Die schärfere und härtere Spitze erhöhte den Jagderfolg und die Sicherheit des Jägers.
Pfeil und Bogen sind eine noch effektivere Fernwaffe (Reichweite über 100 Meter, schnelle Schussfolge möglich). Für Pfeile musste die Schäftung nicht neu erfunden werden, weil es die Schäftung von Lanzen und Speeren lange vor dem Bogenschießen gab.Hahn, S. 247. Wegen des geringen Gewichts von Pfeilen ist das Aufsetzen einer scharfen Spitze aber eine wesentliche Voraussetzung der Jagd mit Pfeil und Bogen.
Materialien mini|150px|Obsidian-Speerspitzen mit Schaftzungen aus der Maya-Stadt Palenque, 600–900 n. Chr. mini|150px|Eingebundene Dechsel (Querbeil) aus Bali In der Steinzeit wurden vor allem folgende Materialien verwendet:
Für Spitzen und Klingen: Felsstein und Mineralien, insbesondere Feuerstein, Quarz, Quarzit, Schiefer. Grundvoraussetzung war die präzise und kontrollierbare Spaltbarkeit, die eine scharfe Kante ergeben musste. Besonders begehrt war auch Obsidian. Geeignete Steinsorten wurden spätestens in der Jungsteinzeit gezielt abgebaut und auch gehandelt.Hahn, S. 11–23, 26 ff. Horn, Geweih, Knochen und Elfenbein, in Ostasien auch Bambus. Aus Ozeanien, insbesondere Mikronesien, sind auch Beilklingen aus robusten Muscheln bekannt (z. B. Tridacna gigas).Mückler, S. 261 f.
Für den Schaft: Verschiedene Arten von Holz, je nach Verfügbarkeit. Das Holz musste fest und zugleich elastisch sein, ohne Neigung zu splittern und nicht zu schwer. Beliebt waren Ulme, Eibe und Esche sowie Feldahorn, Hartriegel und Kiefer, in Ostasien auch Bambus.Keefer, S. 30, 97. Die Schäfte wurden sorgfältig geglättet. Für die Lanze von Lehringen wurden experimentell fünf Stunden benötigt (Vergleich: Faustkeilherstellung ca. 15 Minuten).Probst, S. 61. Horn, Geweih, Knochen und Elfenbein.
Für die Fixierung: Stabile Pflanzenfasern, Rinden- und Lederstreifen oder kleine Äste. Natürlich vorkommende oder leicht herzustellende Klebemittel wie Birkenpech, Harz, später auch Leim.
In der Bronzezeit wurde Bronze für Spitzen und Klingen verwendet (später mitunter auch für den Schaft). In der Eisenzeit wird Bronze vom leichter formbaren, jedoch nicht härteren Schmiedeeisen verdrängt und dann nur noch für Schmuckelemente verwendet.
Schäftungstypen und Methoden in der Steinzeit Schäftungstypen mini|130px|Blattförmige Hacke mit Schaftzunge aus Indonesien, Bronze, 300–100 v. Chr.
Es gibt verschiedene Arten der steinzeitlichen Schäftung. Metallzeitlich kommen dieselben Schäftungstypen vor, jedoch erweitert durch Nietschäftungen etc.
Klemmschäftung: Die Klinge oder Spitze wird in den Schaft eingeklemmt. Bindeschäftung: Die Klinge oder Spitze wird mit Schnüren, Lederriemen oder Sehnen am Schaft angebunden. Klebeschäftung: Die Klinge oder Spitze wird mit Klebemitteln am Schaft befestigt. Spitzangelschäftung: Eine spitze Angel oder Erl unten an der Spitze oder Klinge wird in ein Loch am Schaftvorderende eingeführt. Bei größerer Länge spricht man von einer Langangel, bei flacher Ausführung von einer Flachangel (siehe Bild rechts). Tüllenschäftung: Am Ende der Spitze oder Klinge oder auch des Schaftes befindet sich eine Vertiefung oder Aushöhlung, in die das zu verbindende Teil hineingesteckt wird. Auch Zwischenstücke können mit einer Tülle verbunden werden. Lochschäftung: Entweder der Schaft oder die Klinge ist durchbohrt. In Klingen aus Metall können Löcher eingegossen sein. Bei metallenen Beilklingen kommen auch angegossene Ösen vor.
Zwei oder mehr Techniken werden in der Regel kombiniert. Ein Beil kann zum Beispiel am Holzstiel festgeklemmt und zugleich geklebt und festgebunden sein. Nachfolgend werden einige grundlegende Arbeitsweisen genauer beschrieben.
Methoden mini|hochkant=0.33|Klemm-schaft aus Schöningen
Klemmen Der Klemm- oder SchlitzschaftFiedler, S. 190 f. ist eine Werkzeugfassung aus Holz oder Geweih mit einem Spalt, in dem eine Klinge oder Spitze eingeklemmt wurde. Die Klinge oder Spitze wurde zusätzlich durch Umwickeln fixiert, später auch durch Kleben. Die Klemmschäftung gehört zu den ältesten Schäftungsmethoden. Die ältesten Funde sind die Klemmschäfte, die zusammen mit den Schöninger Speeren gefunden wurden. Sie sind möglicherweise 400.000 Jahre alt.
Ein Spalt zum Einklemmen kann aber auch in eine Spitze eingearbeitet sein. In der jungpaläolithischen Vogelherdhöhle fanden sich neben Geschossspitzen aus Geweih mit runder Basis für eine Bindeschäftung, die vermutlich in dem Schaft befestigt waren, auch solche mit aufgespaltener Basis, in die der Schaft gesteckt wurde. Bei den im Aurignacien besonders häufigen Knochenspitzen mit gespaltener Basis glaubt man, dass durch die Spaltung eine Art Federwirkung für besseren Halt erzeugt werden sollte.Müller-Beck, S. 300 f.; Hahn u. a., S. 130 f.
Binden mini|130px|links|Prinzip der Schlingenschäftung bei einem einfachen eisernen Beil mini|Einfache Schlingenschäftung eines neolithischen Beils mit verschiedenen Beilklingen. Archäologisches Museum von Kyrenia (Nordzypern).
Fixierung durch Festbinden der Klinge am Schaft. Man verwendete Schnüre aus Pflanzenfasern, etwa Bast, feuchte Lederriemen oder Sehnen, die sich nach dem Trocknen zusammenzogen und evtl. mit Pech eine harte, feste Verbindung ergaben.Hoffmann, S. 331.
Die einfachste Bindung war die Schlingenschäftung, bei der man einen elastischen Zweig oder gespaltenen Ast um das Steinbeil legte und die beiden Enden fest zu dem Schaft drehte und hinten miteinander verband. Meist wandte man die Methode bei einfachen, langen und schmalen Lamellen an, die mit einem dünneren Nacken gut geschäftet werden konnten.
Im anderen Falle wurde eine Klinge direkt auf einen durch Hacken und Schaben vorbereiteten Schaftkopf aufgesetzt, dort festgeklemmt und dann festgebunden, indem man beide Enden des Schaftschlitzes fest umwand oder im Falle von Geschossspitzen auch nur das untere Ende, um den Schaftdorn zu fixieren. Diese Schäftungsart findet sich weltweit in vielen alten Kulturen. Die geschweiften Enden einer Spitze weisen gewöhnlich darauf hin, dass es hier auch eine Bindeschäftung gab. Außerdem wirkten sie als Widerhaken.