Die Siegfried-Klasse war eine Klasse von acht Küstenpanzerschiffen der Kaiserlichen Marine, deren Typschiff und Namensgeber die 1889 vom Stapel gelaufene Siegfried war. Die Einheiten waren entsprechend der Marinekonzeption Leo von Caprivis für den Schutz der deutschen Nord- und Ostseeküste sowie besonders des Kaiser-Wilhelm-Kanals bestimmt und sollten gemeinsam mit Torpedobooten gegnerische Kriegsschiffe im Küstenvorfeld vernichten. Sowohl die Konzeption als auch die Konstruktion der Klasse gerieten jedoch mehrfach in Kritik.
Während der Friedenszeit war ein Teil der Schiffe bis 1909 zur Ausbildung der Schiffsbesatzungen aktiv. Einige Einheiten lagen jedoch zumeist in der Reserve. Zwischen 1898 und 1904 unterzog die Kaiserliche Marine alle acht Schiffe einem umfangreichen Umbau. Im Ersten Weltkrieg versahen die Einheiten der Siegfried-Klasse den Vorposten- und Sicherungsdienst auf den großen Flussmündungen der Nordsee. Aufgrund ihrer Überalterung und der geringen Kampfkraft stellte die Marine die Schiffe Anfang des Jahres 1916 mit Ausnahme der Beowulf außer Dienst. Nach Kriegsende wurden vier Schiffe abgewrackt, Frithjof, Odin und Ägir nach einem entsprechenden Umbau als Frachtschiffe genutzt.
Zwei Schiffe der Siegfried-Klasse – die Hildebrand im Jahr 1919 und die Ägir zehn Jahre später – gingen durch Strandung verloren. Als letztes Schiff der Klasse wurde die Odin 1935 verschrottet.
Geschichte
Entwicklung und Bau Mit dem Dienstantritt von Generalleutnant Leo von Caprivi als Chef der Kaiserlichen Admiralität im Jahr 1883 erhielt die Küstenverteidigung einen deutlich höheren Stellenwert. Ebenso wie andere führende Personen der Zeit sah von Caprivi die Hauptaufgabe der Marine darin, das allein kriegsentscheidende Heer von der Aufgabe der Küstenverteidigung zu entlasten.Reinhardt, S. 6. Auch ging er vom baldigen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland aus. Nach seiner Meinung hatte die Heeresrüstung aus diesem Grund Vorrang vor der Marine, weshalb von Caprivi auf große und teure Hochseeschiffe verzichten wollte, zumal diese eine lange Bauzeit aufwiesen.Hildebrand, Röhr, Steinmetz: Die deutschen Kriegsschiffe. Band 1, S. 73. Die Aufstellung einer Offensivflotte war für ihn ein nachrangiges, zukünftiges Ziel.Reinhardt, S. 13.
Stattdessen beschaffte die Kaiserliche Marine eine größere Zahl an Torpedobooten, in denen von Caprivi eine nahezu ideale Waffe sah, zumal sie vergleichsweise billig und schnell zu bauen waren. Mit einem Torpedo war es möglich, den unter Wasser liegenden Teil eines feindlichen Schiffs direkt anzugreifen und so auch gepanzerte Schiffe sehr schwer zu beschädigen oder zu versenken. Die Torpedowaffe war in der Kaiserlichen Marine kontinuierlich und seit 1877 maßgeblich durch Alfred Tirpitz weiterentwickelt und zur Frontreife gebracht worden. Die zügige und erfolgreiche Verbesserung der Torpedos führte bei von Caprivi zu ihrer Überbewertung.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 1, S. 74 Die Meinung, das Torpedoboot würde große Kriegsschiffe überflüssig machen, war jedoch auch in anderen Marinen verbreitet und eine der Ursachen für die schiffbaulichen Unsicherheiten der Zeit. Gerade auch fehlgeschlagene schiffbauliche Experimente wollte von Caprivi – nicht zuletzt im Blick auf die begrenzten Finanzmittel der Kaiserlichen Marine – vermieden wissen.Rudloff, S. 10.
Von Caprivis Konzeption der Küstenverteidigung enthielt auch den Bau gepanzerter Schiffe. Diese sollten von den Torpedobooten und den vorhandenen Küstenbefestigungen beschädigte gegnerische Blockadekräfte im Küstenvorfeld vernichten. Vorgesehen waren Schiffe mit relativ geringem Tiefgang, die große Flussmündungen und den in der Planung befindlichen Kaiser-Wilhelm-Kanal befahren konnten. Sie sollten gepanzert und stark bewaffnet sein, auch wenn ein Einsatz in einer Seeschlacht zu vermeiden war. Außerdem sollte eine zumindest bedingte Hochseefähigkeit gewährleistet werden. Insgesamt waren zehn derartige Fahrzeuge geplant. Sechs davon waren für die Verteidigung der großen Flussmündungen, besonders der Elbmündung, in der Deutschen Bucht vorgesehen, vier sollten in der Ostsee stationiert werden.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 7, S. 168.
Der erste Entwurf entstand im Jahr 1885. Dieser wurde 1887 sowie 1889, nach Baubeginn des im Frühjahr 1888 von der Germaniawerft auf Kiel gelegten ersten Schiffes, nochmals abgeändert. Nach diesem Entwurf entstanden zwischen 1888 und 1894 zunächst sechs Schiffe auf verschiedenen Werften. Im Jahr 1892 erfolgte auf Grundlage der inzwischen gemachten Erfahrungen mit dem Typschiff eine weitere Änderung des Amtsentwurfes. Nach diesen Plänen wurden zwei weitere, leicht vergrößerte Einheiten, Odin und Ägir, gebaut. Beide konnten im Herbst 1896 in Dienst gestellt und das Bauprogramm damit abgeschlossen werden. Die Kosten für die Schiffe lagen bei durchschnittlich 5,8 Millionen Mark. Damit waren die Küstenpanzerschiffe um zwei Drittel billiger als die von 1890 bis 1894 gebauten und jeweils rund 16 Millionen Mark teuren, jedoch weitaus kampfstärkeren Panzerschiffe der Brandenburg-Klasse, was von Caprivis Prämisse der Kostenersparnis entsprach. Die Summen für die einzelnen Schiffe wichen jedoch teils stark voneinander ab. Die drei auf den Privatwerften Germaniawerft und AG Weser gebauten Schiffe mit rund 4,7 Millionen (Siegfried, Germaniawerft) bzw. rund 5,3 Millionen Mark (Beowulf und Frithjof, AG Weser) blieben deutlich unter dem Schnitt. Die fünf durch die Kaiserlichen Werften gebauten Einheiten hingegen waren deutlich teurer, wobei die Odin mit rund 6,5 Millionen und die Ägir mit über 6,6 Millionen Mark zu Buche schlugen.Gröner: Die deutschen Kriegsschiffe. Band 1, S. 34 f. Die erhöhten Kosten der Kaiserlichen Werften, deren Neubauten nahezu immer teurer waren als die der Privatwerften, entstanden hauptsächlich durch ihre vornehmliche Ausrichtung als Reparaturbetriebe, der bürokratischen Geschäftsführung durch Beamte sowie höhere gezahlte Löhne. Der höhere Preis bei Ägir kam aber auch dadurch zustande, dass hier im Gegensatz zu den Schwesterschiffen erstmals Wasserrohrkessel (Bauart Thornycroft) und vermehrt elektrische Hilfsmaschinen verbaut worden sind.
Schiffe der Klasse Name Bauwerft Stapellauf Indienststellung Umbau Außerdienststellung Verbleib SiegfriedHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 7, S. 167–170. Germaniawerft, Kiel 10. August 1889 29. April 1890 1902–1903 14. Januar 1916 1920 in Kiel abgewrackt. BeowulfHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 2, S. 51–54. AG Weser, Bremen 8. November 1890 1. April 1892 1900–1902 30. November 1918 1921 in Danzig abgewrackt. FrithjofHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 3, S. 159–161. AG Weser, Bremen 21. Juli 1891 23. Februar 1893 1902–1903 16. Januar 1916 1923 zum Motorfrachter umgebaut, 1930 in Danzig abgewrackt. HeimdallHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 102–104. Kaiserliche Werft, Wilhelmshaven 27. Juli 1892 7. April 1894 1901–1902 2. März 1916 1921 in Rönnebeck abgewrackt. HildebrandHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 157–163. Kaiserliche Werft, Kiel 6. August 1892 28. Oktober 1893 1901–1902 16. Januar 1916 Am 21. Dezember 1919 auf dem Weg zur Abwrackwerft gestrandet, Wrack 1933 gesprengt und abgetragen. HagenHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 52–54. Kaiserliche Werft, Kiel 21. Oktober 1893 2. Oktober 1894 1898–1900 10. September 1915 In den Niederlanden abgewrackt. OdinHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 6, S. 186–188. Kaiserliche Werft, Danzig 3. Oktober 1894 22. September 1896 1901–1903 9. Oktober 1919 1922 zum Motorfrachter umgebaut, 1935 abgewrackt. ÄgirHildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 1, S. 199–202. Kaiserliche Werft, Kiel 3. April 1895 15. Oktober 1896 1903–1904 14. Januar 1916 1922 zum Frachtschiff umgebaut, am 8. Dezember 1929 vor Gotland gestrandet.
Einsatz mini|Siegfried, Postkartendarstellung eines fiktiven Seegefechts
Für die Verwendung der Siegfried-Klasse in einem Krieg war der Gedanke der Küstenverteidigung maßgebend. Einen besonderen Schwerpunkt bildete dabei die Verhinderung einer Blockade der deutschen Häfen. Da das Deutsche Reich immer mehr von Importen abhängig war, kam dieser Aufgabe eine zunehmend kriegsentscheidende Bedeutung zu.Reinhardt, S. 46 f. Die Küstenpanzerschiffe hatten gemeinsam mit den Torpedobooten und Unterstützung der Küstenbefestigungen gegen feindliche Blockadekräfte jeder Art vorzugehen, aber eine Seeschlacht zu vermeiden. Dabei ging die strategische Planung der Kaiserlichen Marine von einer engen Blockade der deutschen Häfen aus, obwohl bereits in den 1890er Jahren die Möglichkeit einer fernen Blockade öffentlich diskutiert wurde.Reinhardt, S. 54. Tatsächlich machte die Royal Navy die Fernblockade der gesamten Nordsee erst 1912 zur Grundlage ihrer Strategie.Uhle-Wettler, S. 367.
Die Schiffe der Siegfried-Klasse waren in Friedenszeiten verschiedentlich in der Flotte eingesetzt. Einige der Panzerschiffe standen über einen längeren Zeitraum hauptsächlich als Stammschiffe der Reserve-Divisionen der Nord- und Ostsee in Dienst. Zu den Hauptaufgaben zählte dabei die Ausbildung der Schiffsbesatzungen. Andere Einheiten, besonders die Heimdall und Hildebrand, waren vornehmlich zu den jährlich stattfindenden Herbstmanövern aktiv und wurden nach deren Abschluss wieder außer Dienst gestellt. Die Hildebrand diente dabei mehrfach als Flaggschiff. Auslandsaufenthalte waren selten und fast immer Teil von Übungsreisen. Lediglich die Hagen entsandte die Marine 1895 kurzzeitig nach Marokko, um diplomatischen Forderungen des Deutschen Reiches Nachdruck zu verleihen.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 53. Der letzte Friedenseinsatz aller acht Küstenpanzerschiffe fand vor und während der Herbstmanöver 1909 statt. Zu diesen zog die Marine einen Großteil der in Reserve befindlichen Schiffe heran.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 161. Anschließend wurden alle Schiffe außer Dienst gestellt und verblieben die folgenden fünf Jahre in der Reserve.
mini|Die Hagen mit Tarnanstrich 1915 auf der Jade.
Nach Beginn des Ersten Weltkrieges fasste man die reaktivierte Siegfried-Klasse im VI. Geschwader unter dem Kommando von Richard Eckermann und später Herwarth Schmidt von Schwind zusammen. Obwohl die Schiffe zu diesem Zeitpunkt längst veraltet waren, wurden sie noch für nachrangige Aufgaben herangezogen. Der Verband blieb lediglich zu Übungen bis Mitte September 1914 geschlossen. Anschließend versahen die Schiffe auf den großen Flussmündungen in der Nordsee den Vorposten- und Sicherungsdienst.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 4, S. 161 f. Damit erfüllte die Siegfried-Klasse die ihr ursprünglich zugedachte Funktion des Küstenschutzes, aber unter völlig anderen strategischen Umständen. Keines der Küstenpanzerschiffe war an einem Gefecht mit einem feindlichen Kriegsschiff beteiligt. Jedoch hatte die Hagen einen wesentlichen Anteil an der Rettung von 381 Besatzungsmitgliedern des am 4. November 1914 untergegangenen Großen Kreuzers Yorck.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 8, S. 124. Das VI. Geschwader wurde am 31. August 1915 aufgelöst, die Schiffe mehrheitlich Mitte Januar 1916 außer Dienst gestellt. Lediglich die Beowulf verblieb bis zum Kriegsende im aktiven Dienst und fuhr in der östlichen Ostsee.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 2, S. 54 Die anderen Schiffe dienten hauptsächlich als Wohnschiff für verschiedene Verbände.
Die Kaiserliche Marine strich am 17. Juni 1919 mit Ausnahme der Odin alle Einheiten der Siegfried-Klasse aus der Liste der Kriegsschiffe. Die Odin, während des Sommers letztmals offiziell in Dienst, folgte am 6. Dezember 1919.Hildebrand, Röhr, Steinmetz. Band 6, S. 188. Während die Marine fünf der Schiffe nach dem Krieg abwracken ließ, wurden Frithjof, Odin und Ägir durch den Hamburger Reeder Arnold Bernstein aufgekauft. Nach einem entsprechenden Umbau setzte Bernstein alle drei für mehrere Jahre als Frachtschiffe ein.
Umbau