mini|Fairplay X, Schlepper der Fairplay Towage im Hafen von Rotterdam, 2004 Die Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchard GmbH (Marktauftritt als Fairplay Towage) ist eine Schleppreederei mit Hauptsitz in Hamburg. Sie ist zugleich Muttergesellschaft der Fairplay Towage Group, die über Tochtergesellschaften und Beteiligungen in mehreren europäischen Staaten aktiv ist. Zur Fairplay-Gruppe gehören unter anderem die Hamburger Schiffswerft Theodor Buschmann GmbH & Co. (Schiffsreparaturen und Spezialstahlbau für die Offshore-Industrie), die Rostocker BBB Schlepp- und Hafendienst GmbH (Hafen- und Shortsea-Schleppdienste) und die Borchard Schiffahrts GmbH (Verwaltung von Immobilien). Seit 2017 gehört auch die Bugsier-, Reederei- und Bergungsgesellschaft dazu.Eckhard-Herbert Arndt: Fusion soll die Marktposition stabilisieren · Zusammenschluss mit Bugsier perfekt · 100 Schlepper in der Flotte· Expansion in Ostsee und Mittelmeer. In: Täglicher Hafenbericht vom 14. November 2017, S. 1+3

Geschichte Seit der Gründung als Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt im Jahr 1905 ist das Unternehmen im Besitz der Familie Borchard(t), aktuell (2014) in der vierten Generation. Einen Einbruch erlitt das Unternehmen im nationalsozialistischen Deutschland, als 1938 die jüdische Eigentümerin Lucy Borchardt (1877–1969) enteignet wurde und nach London emigrieren musste. Die Familie konnte 1950 in einem Wiedergutmachungsverfahren die Rückübertragung erreichen.

Name Die Bezeichnung Fairplay geht zurück auf die ersten Schlepper der Reederei bzw. dessen Vorläuferunternehmen Carl Tiedemann, der ab 1895 seinen im Hamburger Hafen eingesetzten Assistenzschiffen ebendiesen Namen gab, weil er sich im harten und internationalen Konkurrenzgeschäft nach dem Motto „der Name ist Programm“ einen Vorteil versprach. Die Übertragung auf die Reederei fand zunächst beiläufig statt, bis sie 1909 im Zusatz zu der eingetragenen Firmierung Schleppdampfschiffs-Rhederei Carl Tiedemann und Pauls & Blohm als The Fairplay Steam-Tug Company offizielle Verwendung fand. Am 1. Oktober 1924 wurde das Unternehmen als Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt im Handelsregister eingetragen.Hans Jürgen Witthöft: Fairplay - dafür steht der Name. Chronik einer deutschen Schleppreederei, S. 32 Während der Emigration in Großbritannien ab 1938 änderte die Familie ihren Namen in Borchard; bei der Neueintragung 1950 wurde die Firma in Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchard GmbH geändert. Mit der Ausweitung der unternehmerischen Aktivitäten auf den europäischen Binnenmarkt seit 2006 nahm die Schlepperei die englische Bezeichnung Fairplay Towage hinzu. Unter dem Namen Fairplay Towage & Shipping Co. Ltd. hatte Lucy Borchardt bereits 1938 im Londoner Exil den Weiterbestand des Unternehmens gesichert.

Firmenchronologie mini|Blick auf den Vorsetzen 1888, ganz rechts das Haus mit den Old Commercial Rooms, in dem Carl Tiedemann das Unternehmen gründete Die Geschichte der Fairplay-Reederei geht bis auf den Hafenarbeiter Carl Tiedemann (gestorben 1919) zurück, der 1879 im aufstrebenden Hamburger Hafen ein Dienstleistungsunternehmen gründete und Schlepp- und Bugsierdienste, Festmacherei, Umschlagarbeiten und Güterumfuhr anbot. Geschäftssitz war das elterliche Gasthaus Old Commercial Rooms am Vorsetzen. 1891 kaufte Tiedemann von der Firma Sanders & Co. seinen ersten Hafenschlepper, das zwei Jahre alte 28-BRT-Schiff Assistent und taufte ihn in Picador um. Ein Jahr später bestellte er bei der Werft Gebr. Sachsenberg in Roßlau an der Elbe einen eigenen Neubau, den Schlepper Auguste. Den dritten Schlepper bestellte Carl Tiedemann 1895 bei der Werft Janssen & Schmilinsky in Hamburg. Diesen Neubau, mit einer Vermessung von 66 BRT und einer Leistung von 330 PS, nannte er Fairplay, es war das erste Schiff dieses Namens der bis heute bestehenden Schlepperflotte. 1897 trat Richard Borchardt (1875–1930) als erster kaufmännischer Mitarbeiter in Carl Tiedemanns Firma ein und ordnete die verwaltungsrechtlichen Angelegenheiten des Unternehmens. Er sorgte für den Eintrag der Firma als Stauerei und Bugsiererei Carl Tiedemann in das Handelsregister, ließ den Namen Fairplay als Telegrammadresse schützen und betrieb eine Mitgliedschaft an der Börse.

Schleppdampfschiffs-Rhederei Carl Tiedemann und Pauls & Blohm 1905 fusionierte Carl Tiedemann mit der Stauerei von Johannes Pauls und Carl Heinrich Blohm. Unter dem Namen Schleppdampfschiffs-Rhederei Carl Tiedemann und Pauls & Blohm AG firmierte der Betrieb nun als Aktiengesellschaft unter der Geschäftsführung von Richard Borchardt und Johannes Heinrich Pauls jr. Den ersten Aufsichtsrat stellten Carl Tiedemann, Harm Jan Pauls, Adolf Büthe und Julius Ohm. Das Kapital, aufgeteilt in 400 Inhaberaktien, betrug 400.000 Mark. Carl Tiedemann brachte die vier Fairplay-Schlepper in die Gesellschaft ein, von Pauls und Blohm kamen sechs Schiffe hinzu. Die Eintragung in das Notariatsregister am 25. November 1905 gilt als Gründungsdatum der Fairplay-Reederei. Die Firmenadresse war nun Baumwall 10, wenige Meter von Vorsetzen entfernt. Die neue Aktiengesellschaft weitete ihre Geschäftsfelder aus und betrieb, neben der Bugsiererei und Hafenassistenz, auch Schleppreisen auf der Nord- und Ostsee sowie gelegentliche Seenotrettungs- und Bergungseinsätze. mini|Stapellauf der Fairplay IX bei Janssen & Schmilinsky, 1910 Die Anteilseigner lösten 1909 die Aktiengesellschaft auf und wandelten sie in eine Kommanditgesellschaft um. Carl Tiedemann und zwei weitere Teilhaber waren Kommanditisten. Richardt Borchardt wurde Komplementär (persönlich haftender Gesellschafter) mit der Bedingung, dass er innerhalb von 15 Jahren die Miteigentümer auszuzahlen hätte. Der Name der Firma wurde beibehalten, doch fügte Borchardt den Zusatz The Fairplay Steam-Tug Company an. Auch in den Folgejahren konnte das Geschäft ausgeweitet werden.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verfügte die Reederei über elf Fairplay-Schiffe und zwei kleinere Schlepper. Bis auf eines wurden alle Dampfer bereits 1914 von der Kaiserlichen Marine requiriert, Fairplay V wurde 1916 eingezogen. Richard Borchardt meldete sich 1915 zum Kriegsdienst und diente als Deckoffizier bei der Kaiserlichen Marine. Die Führung des Unternehmens übernahm seine Ehefrau Lucy Borchardt. Sie hielt das Geschäft durch Chartern von Ersatzfahrzeugen in Gang. Nach dem Krieg und der Rückkehr des Mannes war sie weiterhin im Unternehmen tätig.

Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt mini|Fairplay-Flotte im Winter 1929 an den St.-Pauli-Landungsbrücken Am 1. Oktober 1924 konnte Richard Borchardt, nach Auszahlung der Kommandantisten bzw. deren Erbengemeinschaften, die Gesellschaft als Alleininhaber übernehmen. Er ließ sie unter dem Namen Fairplay Schleppdampfschiffs-Reederei Richard Borchardt in das Handelsregister eintragen. Der Firmensitz wurde in das benachbarte Slomanhaus, Steinhöft 11, Ecke Baumwall verlegt. Zugleich wurde Lucy Borchardt die Einzelprokura erteilt. 1929 trat der Sohn Kurt Borchardt (1908–1997) in die väterliche Firma ein. Als Richard Borchardt am 15. Februar 1930 starb, übernahm Lucy Borchardt die Geschäftsführung. Ab 1934 engagierte sich Lucy Borchardt im Rahmen der Hachschara für junge Menschen, die nach Palästina auswandern wollten. Da nach den Einreiseregeln der britischen Mandatsbehörden eine abgeschlossene Ausbildung Grundvoraussetzung für die Erlaubnis zur Einreise ist, schafft sie in ihrem Betrieb Ausbildungsplätze. Etwa vierzig Jugendliche, denen anschließend die Emigration gelang, haben auf dieser Basis eine Berufsausbildung bei der Reederei abgeschlossen.Ulrich Bauche (Hrsg.): Die Geschichte der Juden in Hamburg. Hamburg 1991, S. 450

1935 wurde das Unternehmen in eine Offene Handelsgesellschaft umgewandelt und Kurt Borchardt trat in die Geschäftsleitung ein. Jens Borchardt, ein weiterer Sohn Lucy und Richard Borchardts, hatte Anfang der 1930er Jahre in Palästina die Reederei Atid Navigation Company mitgegründet. Die Unternehmen hielten engen Kontakt, 1935 übereignete die Fairplay Reederei drei Motor- und Frachtschiffe an die Firma in Haifa. Mit dem Transfer der Schiffe konnten jeweils jüdische Auswanderer nach Palästina gelangen.

Fairplay-Stiftung unter nationalsozialistischer Herrschaft Ab 1936 häuften sich die Repressionen gegen die Reederei, Konkurrenzfirmen wiesen auf die „nichtarische Firma“ hin, die Hamburger Devisenstelle nahm Überprüfungen vor, beanstandete zu hohe Außenstände und entzog die „Allgemeine Devisenverwendungsgenehmigung“. Auch die Reichsstelle für Devisenbewirtschaftung schaltete sich ein und forderte Sicherungsmaßnahmen nach § 37a des Devisengesetzes, was die Festsetzung des Betriebsvermögens wegen nicht genehmigter Devisengeschäfte bedeutet hätte. Dies war nach der Einführung der Nürnberger Gesetze ein probates Mittel des nationalsozialistischen Deutschlands, Juden zur Emigration zu bewegen und gleichzeitig große Teile ihres Vermögens einzuziehen. Da der Verdacht von den Devisenprüfern nicht bestätigt werden konnte, nahm die Oberfinanzdirektion von einer Sicherungsanordnung Abstand, doch wurde der Reederei ein Verwarngeld in Höhe von 15.000 Reichsmark (RM) wegen nachlässigen Verhaltens auferlegt.

Nachdem Lucy Borchardt von dem Bankier Max Warburg den Rat erhalten hatte, das Unternehmen so schnell wie möglich zu verkaufen, erhielt sie von der Königlich Niederländischen Stoomboot Maatschappij am 2. Juni 1938 ein Angebot, die Schlepperei für 2 Millionen Reichsmark zu übernehmen. Doch die Reederin entschied sich anders und trat mit Reichsstatthalter Karl Kaufmann und Gauwirtschaftsberater Carlo Otte in Verhandlung und machte den Vorschlag, die Reederei an ihrem Standort in Hamburg zu erhalten und eine Stiftung zu gründen. Damit konnte das Unternehmen offiziell in die Hand ihrer Mitarbeiter gegeben werden, allerdings vor dem Hintergrund des Stiftungsgesetzes, das es zugleich unter die direkte Kontrolle des Reichsstatthalters stellte. Im Gegenzug erreichte Lucy Borchardt, dass sie bei ihrer Emigration drei ihrer Schiffe mit in das Ausland nehmen konnte, um sich eine neue Existenz aufzubauen.

Am 11. August 1938 wurde die Stiftungssatzung unterzeichnet. Kaufmann bestellte mit dem Hauptsachbearbeiter Otto Wolff und dem Reeder Heinrich Christian Horn zwei persönliche Vertraute in den Stiftungsvorstand. Als Betriebsführer wurde der „Parteigenosse“ und langjährige Mitarbeiter der Fairplay-Reederei Wilhelm Algermissen eingesetzt, doch stellte sich heraus, dass dieser nicht als „willfähriger Handlungsgehilfe“ agierte und sich mehrfach den Versuchen, die Stiftung aufzulösen, widersetzte.Frank Bajohr: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945, Hamburg 1997, S. 262 Algermissen wurde 1946 auf Anweisung der britischen Behörden entlassen, doch bestätigte die Familie Borchard, dass er in der Stiftungszeit mit ihnen verbunden geblieben war. Er wurde nach der Rückübertragung wieder als Geschäftsführer eingesetzt und blieb bis zu seinem Ruhestand 1966 in dieser Position.

Lucy Borchardt und ihrem Sohn Kurt Borchardt gelang im Sommer 1938 die Emigration nach Großbritannien. Im Oktober 1938 wurde vom Oberfinanzpräsidenten eine so genannte Reichsfluchtsteuer in Höhe von 75.000 RM festgesetzt und das gesamte inländische Vermögen der Familie Borchardt, darunter drei Grundstücke in Hamburg, beschlagnahmt. Nach Verkauf dieser Grundstücke wurden wegen angeblicher Steuerrückstände 71.000 RM gepfändet, weitere 42.000 RM kamen als Wertzuwachssteuer hinzu. Nach Ablösung von Hypotheken und Gebühren verblieb ein Rest von 20.000 RM, die auf ein Sperrmark-Konto gezahlt wurden. Im November 1940 entzog man Lucy Borchardt nach dem Reichsbürgergesetz die deutsche Staatsangehörigkeit, so dass dieses Restgeld am 27. November 1940 von der Hamburger Gestapo als „staatspolizeiliche Sicherstellung“ eingezogen wurde.