Albrecht Vinzens Siegfried Fleckenstein (* 3. Mai 1917 in Aschaffenburg; † 4. April 1992 in St. Ulrich bei Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Pharmakologe und Physiologe. Besonders bekannt wurde er als Entdecker der Arzneistoffgruppe der Calciumantagonisten.H. Antoni: Zum Gedenken an Professor Albrecht Fleckenstein. In: Sonderheft Calcium Antagonismus aktuell. 1992, S. 24–26.Hermann Antoni, Rainer Greger: Das Physiologische Institut der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. In: Physiologie. Eine Zeitschrift der Deutschen Physiologischen Gesellschaft. 4, 1995, S. 10–17. mini|hochkant|Albrecht Fleckenstein

Leben Sein Elternhaus war vor allem über die Mutter, Margareta geb. Haus, mit der Deutschen Zentrumspartei verbunden. Bald nach Albrechts Geburt übersiedelte die Familie nach Pirmasens, wo der Vater, Anton Fleckenstein, Staatsbankrat bei der Bayerischen Staatsbank war, bis er 1937 aus politischen Gründen seines Postens enthoben wurde. Die Familie zog dann – Albrecht hatte eben die Abiturprüfung abgelegt – nach Würzburg. Von 1937 bis 1942 studierte er in Würzburg – mit einem zwischengeschalteten klinischen Semester in Wien – Medizin. Noch während des Studiums publizierte er in der physiologischen Zeitschrift Pflügers Archiv einen in der Medizinischen Klinik der Universität Würzburg erstellten wissenschaftlichen Aufsatz. Er galt dem Mechanismus der Muskelkontraktion, einem Problem, das ihn sein Leben lang begleitete.A. Fleckenstein: Beitrag zum Mechanismus der Muskelkontraktion und zur Entstehung der Aktionsströme. In: Pflügers Archiv. 246, 1942, S. 411–427. Der Klinikleiter Erich Grafe bot ihm daraufhin ein Dissertationsthema an, und 1942 wurde er mit einer Arbeit Zur Lebenslage der Diabetiker im Krieg. zum Dr. med. promoviert.

Von 1943 bis 1945 war er im Rahmen des Wehrdienstes als Oberarzt zu Forschungsaufgaben an das von Ferdinand Flury geleitete Pharmakologische Institut Würzburg abkommandiert. Hier entstand seine zweite wissenschaftliche Arbeit, veröffentlicht in der pharmakologischen Zeitschrift Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie.A. Fleckenstein: Beitrag zum Mechanismus der experimentellen serösen Entzündung durch Allylformiat. In: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 203, 1944, S. 151–170. Auch deren Fragestellung, der Mechanismus der Entzündungsentstehung, wirkte in seiner späteren Forschung nach.

Im April 1945 geriet Fleckenstein in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Anfang 1947 entlassen, trat er eine Oberassistentenstelle am Pharmakologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg bei Fritz Eichholtz (1889–1967) an. Schon 1947 habilitierte er sich dort für Pharmakologie und Toxikologie mit einer Schrift Zum Mechanismus der peripheren Schmerzauslösung, in die auch seine Versuche aus der Würzburger Pharmakologie eingingen. 1951 bis 1952 verbrachte er als einer der ersten Deutschen nach dem Krieg ein Jahr als British Council Exchange Lecturer am Pharmakologischen Institut der Universität Oxford bei Joshua Harold Burn und am Biochemischen Institut der Universität Sheffield bei Hans Adolf Krebs, dem 1953er Empfänger des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin.

1956 erhielt er – ungewöhnlicherweise, da er für Pharmakologie und Toxikologie habilitiert war – einen Ruf auf den Lehrstuhl für Physiologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg als Nachfolger von Paul Hoffmann. Das Freiburger Institutsgebäude in der Hebelstraße war im Krieg völlig zerstört worden. Fleckenstein musste zunächst in Räumen des Pharmakologischen Instituts arbeiten und den Neubau eines gemeinsamen Physiologischen und Biochemischen Instituts in der Hermann-Herder-Straße betreuen. 1958 war der Neubau bezugsfertig, und 1960 wurde der neue gemeinsame Hörsaal der Physiologie und Biochemie eingeweiht. An dieser Wirkungsstätte entdeckte er die Wirkstoffklasse der Calciumantagonisten, und hier hielt er seine über den Kreis der Medizinstudenten hinaus bekannten Vorlesungen. 1957 wurde dem Physiologischen Institut ein Balneologisches Institut angegliedert, zuerst geleitet von Herbert Göpfert (1909–1991) und 1978 umgewandelt in ein separates – inzwischen wieder aufgelöstes – Institut für Angewandte Physiologie und Balneologie. 1975 wurde im Physiologischen Institut ein zweiter Lehrstuhl eingerichtet, zuerst besetzt mit Hermann Antoni (* 1929), der von 1968 bis 1975 das Physiologische Institut der Universität Frankfurt am Main geleitet hatte. Von 1959 bis 1962 war Fleckenstein Präsident der Deutschen Physiologischen Gesellschaft und im Amtsjahr 1961–1962 Dekan der Freiburger Medizinischen Fakultät. Rufe nach Basel und Graz lehnte er ab. Neben Hermann Antoni wurden drei weitere Schüler auf Lehrstühle für Physiologie oder verwandte Disziplinen berufen, nämlich Eckehard Gerlach (Aachen, später München), Raimund Kaufmann (Düsseldorf) und Helmut Tritthart (Graz).

1985 wurde Fleckenstein emeritiert, gehörte aber weiter einer Projektgruppe Calciumantagonismus seines Instituts an. Sein Grab liegt auf dem Friedhof von St. Ulrich neben der barocken Kirche des Ortes.

Albrecht Fleckenstein war in erster Ehe verheiratet mit Ilse Fleckenstein geb. Brabandt. Der Virologe Bernhard Fleckenstein, der Sauerstoffmedizin-Forscher Wolfgang Fleckenstein und die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Margareta Kampmann-Schwantes geb. Fleckenstein sind ihre Kinder.Wer ist wer? 21. Ausgabe (1981). S. 297.

In zweiter Ehe war Albrecht Fleckenstein mit Gisa Fleckenstein-Grün verheiratet. Die Architektin und Managerin Susanne Fleckenstein, die Rechtsanwältin Barbara Fleckenstein-Weiland und die Augenärztin Monika Fleckenstein sind ihre gemeinsamen Töchter.

Werk Fleckenstein wollte stets über Marginales zu Zentralem vordringen, Wesentliches schaffen, zerstreute Beobachtungen zusammenführen. Das beeindruckt auch da, wo die spätere Forschung zeigte, dass er irrte. Der Mechanismus der Skelettmuskelkontraktion Der Mechanismus der Skelettmuskelkontraktion war lange Zeit unklar und konnte erst in den 1950er Jahren aufgeklärt werden. Fleckensteins erste Arbeit dazu (seine erste überhaupt; s. o.), enthält kein einziges Experiment. Fleckenstein diskutiert darin vielmehr die Literatur. Er bezweifelt, dass es ein chemischer Vorgang wie die Spaltung von Adenosintriphosphat ist, der direkt zur Kontraktion führt. Er erinnert an die Abgabe von Kalium aus dem Muskel und die Aufnahme von Natrium in den Muskel bei der Kontraktion und die darauf beruhenden elektrischen Aktionspotentiale. Er errechnet – sein Hauptpunkt – dass die dem Konzentrationsgefälle folgenden Natrium- und Kaliumverschiebungen eine für die mechanische Kontraktion ausreichende Energie liefern. Er folgert, dass diese Ionenströme direkt, ohne zwischengeschaltete chemische Reaktion, die Kontraktion initiieren, und zwar vermutlich dadurch, dass die elektrischen Vorgänge „an der Membran … die Eiweißmoleküle der Faser zu strukturellen Änderungen im elektrischen Feld zwingen“; chemische Reaktionen kämen später und dienten der Wiederherstellung der Ionengradienten.

Viele seiner spätere Arbeiten widmeten sich der experimentellen Überprüfung, bis zu einer Monographie 1955.Albrecht Fleckenstein: Der Kalium-Natrium-Austausch als Energieprinzip in Muskel und Nerv. Springer-Verlag, Berlin 1955. In ihr schlägt Fleckenstein einen Bogen von Giovanni Alfonso Borellis (1608–1679) De motu animalium zu seiner Gegenwart. „Nach einem viel gebrauchten Gleichnis soll der Aktionsstrom die Bedeutung eines zündenden Funkens haben für das Pulverfaß, dem die Kontraktionsenergie entstammt. Der Aktionsstrom wäre dementsprechend ein Aktivierungsprozeß ohne direkte Beziehung zur Kontraktion.“ Dies aber, auch die Annahme einer ATP-Spaltung zwischen elektrischen Vorgängen und Kontraktion, sei falsch. „… tatsächlich fehlt am lebenden Muskel ein Anhaltspunkt dafür, daß zwischen das elektrophysiologische Phänomen der Depolarisation und dem mechanischen Akt der Kontraktion ATP-Umsetzungen obligatorisch eingeschaltet sind. Im Gegensatz dazu ist der enge Zusammenhang zwischen den elektrischen Prozessen (bzw. den zugrundeliegenden Ionenverschiebungen) und den mechanischen Zustandsänderungen durch eine Vielzahl von Untersuchungen bewiesen.“

Die heutige Theorie der Skelettmuskelkontraktion nimmt hingegen an, dass das Aktionspotential zunächst zu einer intrazellulären Freisetzung von Calcium-Ionen in den Muskelzellen führt, dass Calcium dann eine Spaltung von ATP an den kontraktilen Proteinen ermöglicht und ebendiese ATP-Spaltung zur Verkürzung der Proteine führt.

Schmerzauslösung und Schmerzausschaltung Seine zweite wissenschaftliche Arbeit (s. o.) weiterführend, zeigte Fleckenstein in seiner Habilitationsschrift, dass viele Stoffe, die auf Schleimhäuten oder beim Injizieren in die Haut Schmerz verursachten, zum Beispiel das Allylsenföl, den Citratzyklus blockierten. Andere Stoffe, hohe Kaliumkonzentrationen zum Beispiel oder das Veratrin aus dem Weißen Germer, riefen Schmerz hervor, ohne den Citratzyklus zu stören. Fleckenstein machte wahrscheinlich, dass das allen diesen „Schmerzstoffen“ gemeinsam eine Depolarisation der peripheren Schmerzfasern war. Auch Anlegen einer Kathode an die Haut erzeugte durch Depolarisation Schmerz. Fleckenstein nannte deshalb die Schmerzstoffe „Katelektrotonica“. Lokalanästhetika wirkten den depolarisierenden und damit schmerzauslösenden Einflüssen entgegen. „Der Nervenblock durch Lokalanästhetika ähnelt hiermit dem Anodenblock der Elektrophysiologie. Lokalanästhetika können daher als ‚Anelektrotonika‘ bezeichnet werden.“A. Fleckenstein: Über den Wirkungsmechanismus peripher schmerzerzeugender sowie lokalanästhetischer Stoffe. In: Acta neurovegetativa. 7, 1953, S. 94–105. Wenig später, in seiner 1955er Monographie (s. o.), ging Fleckenstein weiter: der Grundmechanismus einer Nerv- oder Muskel-Erregung sei eine „Permeabilitätserhöhung für Na+“; der Grundmechanismus einer Erregungshemmung sei eine „Dichtung der Membran gegen eindringendes Na+“.

Die Begriffe „Katelektrotonica“ und „Anelektrotonica“ sind heute obsolet. Mit seinen Grundmechanismen der Erregung und Erregungshemmung aber argumentierte Fleckenstein an der Wissensfront der Zeit. Noch 1966 gab ein Übersichtsartikel kaum genauere Auskunft: „It is, of course, extremely difficult to obtain unequivocal evidence in support of one or another theory for the mechanism of local anesthesia. ... Nevertheless, ... a variety of evidence ... strongly suggests that local anesthetics act in their cationic, rather than their uncharged, form at or in the nerve membrane, through modifying the physicochemical state of its lipid constituents. The result is an alteration of ion permeability followed by conduction block.“J.M. Ritchie, Paul Greengard: On the mode of action of local anesthetics. In: Annual Review of Pharmacology. 6, 1966, S. 405–430.

Heute weiß man, dass Lokalanästhetika spannungsabhängige Natriumkanäle blockieren, und zwar durch Bindung an Proteine der zelleinwärts liegenden Kanalöffnung.

Die Pharmakologie der Sympathomimetika Joshua Harold Burn am Pharmakologischen Institut Oxford interessierte sich für die Empfindlichkeitsänderung von Geweben gegenüber Sympathomimetika, die eintrat, wenn die sympathischen Nerven der Gewebe durchschnitten wurden: Die Wirkung von Noradrenalin und Adrenalin wurde gesteigert, die Wirkung von Tyramin und Amphetamin dagegen abgeschwächt oder aufgehoben. Hierüber handelt auch Fleckensteins Publikation aus Oxford.A. Fleckenstein, J.H. Burn: The effect of denervation on the action of sympathomimetic amines on the nictitating membrane. In: British Journal of Pharmacology and Chemotherapy. 8, 1955, S. 69–78.