mini|Die Lage von Vetus Salina am niederpannonischen Donaulimes.

Das Kastell Vetus Salina war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) bereitstand. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die sich unmittelbar an der Donau befindlichen Reste des Kastells liegen in den Gemarkungen der ungarischen Gemeinde Adony im Komitat Fejér. Überregional bekannt wurde die Grabungsstätte durch ein Jupiter-Dolichenus-Heiligtum.

Lage Im Bereich von Kastell und dem Lagerdorf wurden während der Grabungen vorgeschichtliche Gräber der frühen Eisenzeit entdeckt. Spuren einer Siedlung aus dieser Epoche fanden sich jedoch nicht.László Barkóczi, Éva B. Bónis: Das frührömische Lager und die Wohnsiedlung von Adony (Vetus Salina). In: Acta archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. 4, 1954, S. 148. Die antike Situation des am flachen Westufer der Donau gegründeten Kastellplatzes lässt sich heute nur mehr in Ansätzen nachvollziehen, da der Strom in diesem Bereich seit der Antike sein Flussbett mehrfach geändert hat und dadurch einen Großteil der römischen Zeugnisse vernichtete. Einst lag die Fortifikation gegenüber der rund 48 Kilometer langen und bereits in der Antike bestehenden Csepel-Insel, die etwas weiter stromabwärts mündet. Diese Insel war nach den Markomannenkriegen (166–180) von den Römern zum militärischen Sperrgebiet für die am Ostufer lebenden sarmatischen Jazygen erklärt worden. Trotz einer offiziellen Bündnisverpflichtung gegenüber Rom war dieser Stamm oftmals zum Aufruhr bereit und eine stetige Bedrohung für die angrenzenden Provinzen.

In nachrömischer Zeit muss sich die Donau unmittelbar über die mittelkaiserzeitliche Garnison geschoben haben, da sich bis auf deren Südwestecke nichts mehr erhalten hat. Auch bedeutende Teile des Lagerdorfes (Vicus) sind dadurch zerstört worden. Heute liegt die erhaltene Kastellecke unter einem bewirtschafteten Feld, das sich im Westen unmittelbar an die Landstraße 6 anschließt. Südlich und westlich der rechteckigen landwirtschaftlichen Nutzfläche hat sich die Bebauung von Adony bereits bis an das Kastellareal herangeschoben, nördlich wurde direkt am Ortsausgang eine Tankstelle errichtet. Östlich der Landstraße zieht sich im Bereich der ergrabenen römischen Baureste ein 30 bis 40 Meter breiter bewaldeter Saum entlang, an den sich wiederum ein Donaualtarm anschließt. Dieser Nebenarm trennt eine kleine Insel vom Ufer ab. Westlich der Kastellecke wird die Limesstraße vermutet.

Name mini|Vetus Salina (Vetusallo) – zwischen Aquincum und Annamatia (heute Baracs) – im oberen Bildbereich der Tabula Peutingeriana. Vetus Salina wird in einigen der wichtigsten erhaltenen antiken Quellen genannt. So im Atlas Geographike Hyphegesis des Claudius PtolemäusPtolemäus 2, 15, 3. aus dem 2. Jahrhundert, im Itinerarium Antonini,Itinerarium Antonini 254, 4. einem Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert, der spätantiken Straßenkarte Tabula Peutingeriana aus dem 4. Jahrhundert, dem gleichfalls spätantiken Staatshandbuch Notitia dignitatumNotitia dignitatum occ. 33, 37. und beim byzantinischen Geographen von Ravenna,Geogr. Rav. 220, 8. der im 7. Jahrhundert schrieb.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 99. Zudem fand sich die Bezeichnung für dessen Bewohner auf einer nach Dunaújváros verschleppten Bauinschrift als Vetussalinenses..

Forschungsgeschichte Bereits 1780 bewies der Jesuit und Altertumskundler Stephan Schönwiesner (1738–1815) in seinem geographischen Kommentar In Romanorum iter per Pannoniae Ripam … Commentarius Geographicus anhand der verschiedenen erhaltenen antiken Schriften und örtlichen Befunde die Übereinstimmung von Adony mit dem antiken Vetus Salina. 1835 notiert die Oesterreichische National-Encyklopädie, dass Adony mancherley römische Alterthümer habe.Oesterreichische National-Encyklopädie Friedrich Beck’sche Universitäts-Buchhandlung, Wien 1835, S. 22. 1846 erschien eine Beschreibung von Elek Kovács zu den Ruinen der ehemaligen römischen Colonie und 1856 berichtete der Vorstand der k.u.k. Gouvernements-Bausection in Ungarn neben anderen damals aktuellen römischen Funden über die antike Siedlung.Notizenblatt. Beilage zum Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen. 6, 1856, S. 522. Die umfangreichsten Grabungen fanden von 1949 bis 1950 sowie 1954Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 8. im verbliebenen Kastellareal unter der Leitung von László Barkóczi statt, bevor der Neubau der Landstraße 6 durch diese Zone geführt werden konnte.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 97. Im Vicusbereich wurde unter anderem 1975 eine Notgrabung unter der Archäologin Zsuzsanna Bánki an einem Jupiter-Dolichenus-Heiligtum vorgenommen. Weitere Untersuchungen in diesem Bereich fanden 1997 und 2001 statt.

Von Juni bis November 2009 fand im Intercisa-Museum von Dunaújváros eine umfassende Ausstellung über das bis dahin entdeckte Fundgut und den Stand der Forschung in Adony statt.

Baugeschichte mini|Skizze zum Gesamtgrabungsplan mit einigen Forschungsergebnissen. Im Jahr 1969 wurden nördlich des Steinkastells, unmittelbar westlich der Landstraße 6 an der Abzweigung nach Iváncsa, die Umrisse eines rund 230 × 270 Meter großen, rechteckigen Holz-Erde-Lagers aus der Luft aufgenommen, an dem bisher aber noch keine Forschungen vorgenommen worden sind.Vetus Salina, Nordkastell, bei . Möglicherweise stammt diese Anlage noch aus dem 1. Jahrhundert.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 96. Die vier Ecken dieses Feldlagers liegen fast genau in west-östlicher bzw. nord-südlicher Richtung. Die Ostecke markiert die Kreuzung und die dort errichtete, ursprünglich aus dem Jahr 1726 stammende Szalma csárda. Über die Westecke läuft die neuzeitliche Straße nach Iváncsa. Nördlich des Lagers fließt ein Bach vorbei. Der das Steinkastell durchschneidende Altarm der Donau befindet sich im Osten, die von Norden kommende Limesstraße konnte bis kurz vor das Lager nachgewiesen werden.

Inwieweit diese nördlich entdeckte Holz-Erde-Anlage baugeschichtlich mit Vetus Salina zu tun hat, ist unbekannt, vielleicht stammen sie auch nur von einem kurzfristig belegten Marschlager. Als topographische Verbindung zwischen den beiden Befestigungen lässt sich jedoch deren Gesamtausrichtung festhalten. Beide Standorte sind mit ihren Achsen in eine südwestlich–nordöstliche Richtung ausgerichtet, was einen Hinweis auf den heute stark veränderten Donaulauf geben kann. Die noch nachweisbaren Vorgängerbauten des Steinkastells von Vetus Salina selbst konnten unter der erhaltenen Südwestecke aufgefunden werden. Das zahlenmäßig geringe Sigillatenmaterial aus Adony war für die zeitliche Bestimmung der verschiedenen Bauphasen von einiger Bedeutung.Dénes Gabler: Die Terra Sigillata-Forschung seit István Paulovics. In: Acta classica universitatis scientiarum Debreceniensis. Bd. 30, 1994, S. 83–105; hier, S. 89.

Holz-Erde-Phase mini|Skizze zur ersten Bauphase. Insgesamt wurden drei aufeinander folgende Perioden eines Holz-Erde-Lagers in Vetus Salina gefunden, die in die Zeit zwischen der Mitte des 1. Jahrhunderts und dem 2. Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts datiert werden konnten.

Phase 1a und 1b Die in einem Abstand von je 25 Metern errichteten, nachträglich eingebauten Türme der ältesten Anlage sprangen deutlich aus einer wahrscheinlich mit Steinen und Balken gestützten Erdmauer hervor und besaßen einen Innendurchmesser von 3,40 Metern. Das einfache Grabenwerk war bei der Untersuchung noch bis in eine Tiefe von 0,80 Meter erhalten und lag 1,50 Meter vor der Kastellmauer. Nachdem die Türme eingesetzt worden waren, reichten sie bis zur Mitte des frühesten Grabens und waren durch je vier Pfostenlöcher für die Archäologen als hölzerne Bauwerke erkennbar. Der nachträgliche Einbau der Türme zeigte deutlich, dass aus dem bisher nur provisorisch angelegten Lager nun eine für einen längerfristigen Gebrauch bestimmte Anlage entstand.

Die für diese Phase relevante stratigraphische Schichtung weist an mehreren Stellen deutliche Brandspuren auf. Als Fundmaterial konnten Münzen aus der Zeit des Kaisers Claudius (41–54), padanische Sigillaten und Gläser geborgen werden, die eine Datierung vor dem Regierungsantritt Kaiser Domitians (81–96) verdeutlichen. Im Einklang mit der zeitlich vergleichbaren Entwicklung und den neueren Forschungen am nördlicher gelegenen Kastell Budapest-Albertfalva ist auch für Vetus Salina wahrscheinlich von einer Gründung unter Kaiser Vespasian (69–79) auszugehen, wie dies schon Barkóczi nahelegte. Die Brandspuren im Lager könnten mit dem im Jahr 91/92 erfolgten Großangriff der Jazygen zusammenhängen, die bis nach Brigetio vorstießen und dabei die Legio XXI Rapax vernichteten.Marcelo Tilman Schmitt: Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n. Chr. Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07106-7, S. 84–85.

Phase 2 Diese Phase soll laut Barkóczi als einzige nicht am Platz des späteren Steinkastells stattgefunden haben, sondern etwas weiter südlich, denn dort wurde ein weiteres Holz-Erde-Kastell entdeckt, das nach Fundausweis gegen Ende des 1. Jahrhunderts belegt war.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 98. Das antike Laufniveau ließ sich zwar nicht mehr feststellen, jedoch konnte die ungefähre zeitliche Zuordnung über die Keramik ermittelt werden, die in dem 4 Meter breiten und 1,8 Meter tiefen umlaufenden Graben der Befestigung geborgen wurde. In seiner Beschreibung über Vetus Salina hat Zsolt Visy 1988 diesen dritten Kastellstandort bei Adony zwar nur am Rande erwähnt, ihn aber dennoch aus dem Kontext der eigentlichen Garnison herausgenommen.

Phase 3 Die anschließende Phase wurde wieder am Ort des ersten Kastells direkt über dessen Grundriss errichtet, wobei alle Bauten offensichtlich komplett neu aufgezogen wurden. Die Palisade mit dem Wehrgang bestand nun aus einer doppelten, hintereinanderliegenden Pfostenreihe, die zur Via Sagularis (Lagerringstraße) mit schräg angesetzten Balken abgestützt wurde. Der Abstand dieser Stützbalken untereinander betrug 1,5 Meter. Im Bereich der Südwestecke des Kastells konnte ein rechteckiger Turm untersucht werden. Die neuerrichteten Gebäude hinter der Lagerringstraße – im Kastellinneren – waren auf steinernen Fundamenten errichtet worden, wie auch in Albertfalva beobachtet werden konnte.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 87. Dort ist das entsprechende Neubauprogramm von den Archäologen in die Zeit nach dem 91/92 erfolgten Jazygenangriff gelegt worden. Das Fundgut aus der stratigraphischen Schicht dieser Phase barg Münzen der Kaiser Nerva (96–98) und Trajan (98–117) sowie südgallische Terra Sigillata aus Banassac. Dieser Töpferort gewann im späten ersten Jahrhundert an Bedeutung. Der einzige Graben dieser Anlage war 3 Meter breit und 2 Meter tief. Diese, sowie die nächsten beiden Bauphasen wurden in der Vergangenheit allesamt in die Regierungszeit des Kaisers Hadrian (117–138) taxiert.

Phase 4