Die St.-Jakobi-Kirche in Stralsund beherbergte im Verlauf ihrer Geschichte vier Orgeln. mini|hochkant|Die Orgel der St.-Jakobi-Kirche in Stralsund (2020) Das erste Instrument stammte aus dem 16. Jahrhundert. Sein Nachfolger, eine barocke Orgel, wurde in den Jahren 1732 bis 1741 von Christian Gottlieb Richter mit dem noch heute erhaltenen barocken Prospekt geschaffen. Die dritte Orgel der Jakobikirche, im 19. Jahrhundert von Friedrich Albert Mehmel mit vier Manualen, Pedal und 69 Registern gebaut, war die größte der in den drei Stralsunder Pfarrkirchen vorhandenen Orgeln. Diese legendäre Mehmel-Orgel war seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr spielbar; eine zunächst geplante Rekonstruktion wurde zugunsten eines Neubaus aufgegeben. Die heutige Orgel wurde hinter dem historischen Prospekt im Stil des Barock 2019/2020 von der Orgelwerkstatt Wegscheider gebaut. Sie verfügt über 51 Register, die auf drei Manuale und Pedal verteilt sind, und bezieht drei Mehmel-Register im Pedal ein.

Hauptorgel Erste Orgel (16. Jahrhundert) Die Orgel der Jakobikirche in Stralsund wird erstmals in einem „anno 82“ datierten Text erwähnt; wahrscheinlich ist das Jahr 1582 gemeint. In diesem, im Archiv der Kirchgemeinde erhaltenen Text werden Arbeiten an der Orgel, wie die Vergoldung des Instruments, eine Verlegung des Orgelchores sowie verwendete Materialien und ein Orgelbauer Nicolai erwähnt. Bei diesem Orgelbauer könnte es sich um Nikolaus Maaß handeln.Prost: Stralsund als Orgelstadt. 1996, S. 55.

In einem Reparaturvorschlag vom 2. März 1633 wird diese Orgel wieder genannt. Dieser sieht die Reinigung der Laden, das Stimmen und „gelindere“ Intonieren der Pfeifen, die Anfertigung neuer Mundstücke, den Ersatz des Kornetts durch einen kleinen Schalmeienbass sowie Arbeiten am Rückpositiv und weitere Ergänzungen vor. Eine Quittung über den für die Arbeiten erhaltenen Lohn ist durch Paul Ludemann unterzeichnet. Dieser stammte nach Hellmuth Heyden aus Pasewalk.Hellmuth Heyden: Die Kirchen Stralsunds und ihre Geschichte. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1961, S. 216.

Der Orgelbauer Johann Jaster, nach Heyden aus Altentreptow stammend, zeichnete einen weiteren Reparaturvorschlag dieser Orgel. Aus diesem geht auch die Disposition hervor, ohne allerdings Angaben zu den Fußtönen zu machen:Prost: Die Orgel in der Jakobikirche zu Stralsund. 1979, S. 162. Prost: Stralsunds Orgeln. 1996, S. 100. Die Abkürzungen G, K und W werden von Prost 1996 nicht erklärt, erschließen sich aber: G steht offensichtlich für „Groß“ zur Bezeichnung der 16′-Lage, K für „Klein“ und damit für die 8′-Lage, der von Prost als W gelesene Buchstabe ist wohl in Wirklichkeit ein VV = voces variae, lat. für „mehrfache Stimmen“ (also Mixturen).

I „Rückpositiff“ G–g2K Principal Quintaden? Gedackt Octava Querflöth Sup octava Cimbel Trumpten Harpen II „Das Groß Werck“ G–g2G PrincipalG GedacktK Principal Octava SüpvetK Gedackt OffenflöhtW Cimbel, Mixtur Vagruth „Baß stimmen“ (Pedal)Unter SatzGedacktFlöhten BasTrumptenSchalmeyCornet

Der Umfang der Manualklaviatur ist aus späteren Angaben zum Werk anzunehmen.

Der Organist Friedrich Schuck forderte am 2. Juli 1653 eine Reparatur der Orgel; er wollte die Anwesenheit Friedrich Stellwagens, der gerade die Orgel der Stralsunder Johanniskirche gefertigt hatte, ausnutzen. Im Jahr 1659 reparierte Friedrich Stellwagen nach Fertigstellung der Orgel der Marienkirche die Orgel in St. Jakobi. Eine von Stellwagen gezeichnete Quittung stammt vom 9. November 1659.

Am 19. August 1699 urteilte der Orgelbauer Johann Engelbrecht Gerhardi aus Rostock, dass die Orgel „(…) ein altes zerstücktes und zerpflücktes Werck und nichts nutze (…)“ sei.Prost: Stralsund als Orgelstadt. 1996, S. 56.

Zweite Orgel (18. Jahrhundert) Die Provisoren St. Jakobis brachten einen Antrag auf Neubau einer Orgel in den Senat der Stadt ein, der am 5. März 1732 verhandelt wurde. Am 24. März 1732 stimmte der Senat dem Antrag zu, den Orgelbauer Christian Gottlieb Richter aus Stettin mit einem Neubau zu beauftragen. Vorgesehen war seitens der Provisoren, den Neubau auf einer Empore an der Südseite der Kirche zu errichten. In dem Vertrag zwischen Senat und Christian Gottlieb Richter vom 7. Juli 1732 wurde die Standortfrage allerdings offengelassen. Der Senat legte am 20. August 1732 den Standort auf einer Empore über dem Westportal der Kirche fest, was die bisherige Projektierung des Orgelbauers hinfällig machte. Richter verzichtete jedoch auf einen Zusatzvertrag – später schrieb er, er habe unter hohem Konkurrenzdruck gestanden – und unterzeichnete den Vertrag. Die Arbeiten des Orgelbauers waren fortan von Streitigkeiten zwischen ihm und dem Senat überschattet. Die ausgeführte Disposition wich letztlich von der ursprünglich geplanten grundlegend ab.

Unter Verwendung einer größeren Zahl von Registern der ersten Orgel baute Richter bis 1741 an dem neuen Instrument.

Der neue Standort ließ eine neue, weit größere Dimensionierung der Orgel zu. Für die Arbeiten sah ein Antrag der Provisoren der Kirche vom 5. März 1732 Kosten in Höhe von 2592 Reichstalern vor. Davon entfielen 1672 Reichstaler auf Richters Vorschlag zum Bau, weitere 350 Reichstaler für die Arbeit des Bildhauers Michael Müller, 270 Reichstaler für den Zimmermann Höppner und 300 Reichstaler für den Tischler Pirlstiber. Christian Gottlieb Richter reichte einige Nachforderungen ein, da das Werk von den Plänen stark abwich. Am 10. Februar 1740 korrigierte Richter seine Forderung, die sich nun auf 1826 Reichstaler und 44 Schillinge belief. Die Provisoren von St. Jakobi verweigerten ihm allerdings das gewünschte Zeugnis über seine Arbeit mit der Begründung, dass die Orgel defekt sei. Nach wochenlangem Streit wurde am 19. Juli 1741 eine Endabnahme des Instruments durchgeführt. Die drei Organisten der Jakobikirche, Christopher Raupsch, Daniel Schön und Jacob Artmer bescheinigten, dass die Orgel „ein gutes werck“ sei. In dem Zeugnis wird auch die Disposition genannt:

I Unterwerk CD–c3Prinzipal 8′Gedackt 8′Gedackt 4′Flöte Travers 4′Octave 4′Super octave 2′Quinta ′Cimbel Mixtur III II Hauptwerk CD–c3Prinzipal 16′Octave 8′Octave 4′Octave 2′Gedackt 8′Gedackt 4′Quinta 3′Mixtur VI Tertian in duplo Quintadena 16′Spielflöte 8′Trumpete 16′Vox humana 8′Cimbelstern Tremulant III Oberwerk CD–c3Prinzipal 8′Gedackt 8′Quintadena 16′Octave 4′Superoctave 2′Quinta 3′6 quialter in duplo Mixtur V Trumpete 8′Gemshorn 16′ Pedal CD–d1Prinzipal 16′Subbass 16′Gedackt 8′Octave 8′Octave 4′offene Flöte 4′Fagot 16′Trumpete 8′Schalmey 4′Posaune 16′Groß Untersatz 32′

Hauptwerk, Oberwerk, Pedal und Unterwerk waren in einem Hauptgehäuse zusammengefasst; klanglich wurden damit das Oberwerk und das Unterwerk zu Nebenwerken. Die Gestaltung des Prospekts zeichnete sich durch abgewogene Proportionen aus und wurde bewundert.Prost: Die Orgel in der Jakobikirche zu Stralsund. 1979, S. 166.

Im Jahr 1751 musste die Orgel jedoch wegen baulicher Mängel generalüberholt werden. Der Lübecker Orgelbauer Christoph Julius Bünting stellte die Mängel in einer Aufstellung mit Kostenvoranschlag zusammen („Specification Denen Defecten die sich bey hisiger Orgel in der St:Jacobi Kirche gemercket sind“). Danach gab es Mängel an den Windladen und Ventilen, eine schwerfällige Mechanik, zu wenig Windkanäle und zudem eine schlechte Windkanalführung und schlecht konstruierte Blasebälge. Auch an den Pfeifen sind diverse Mängel benannt. Bünting forderte zudem einige Veränderungen an den Pfeifen. Bis zu 1000 Pfeifen wollte er neu anfertigen lassen. Für seine Arbeiten veranschlagte er zwischen 800 und 1000 Reichstaler. Am 28. Mai 1751 wurde ihm ein gutes Zeugnis für die Arbeiten ausgestellt.

Der Rostocker Orgelbauer Paul Schmidt attestiert der Orgel allerdings schon zwölf Jahre nach der Generalüberholung durch Bünting in einem Gutachten vom 12. August 1763 erhebliche Mängel; u. a. würden die größeren Pfeifen, obwohl bereits mit Riemen angebunden, herausfallen. Schmidt erhielt jedoch keinen Auftrag zur Reparatur.

Der Berliner Ernst Julius Marx wurde am 2. März 1778 vertraglich zum Ausbau der Orgel in St. Jakobi verpflichtet. Marx war zu jener Zeit mit Arbeiten an der Orgel der Marienkirche in Stralsund beschäftigt. Bereits an der dortigen Orgel wurden Marx allerdings unlautere Geschäfte nachgesagt, und auch an der Orgel in St. Jakobi versprach er vertraglich teilweise Verbesserungen und Neubauten, die letztlich ausblieben. Die Umgestaltung der Orgel, die Marx selbst unzutreffend als Neubau seinerseits erklärte, veranschlagte er zunächst mit 2800 Reichstalern, was aber nicht eingehalten wurde.

Die Disposition nach Marx’ Umgestaltung sah wie folgt aus:

I Unterwerk CD–c3Prinzipal 8′Lieblich Gedackt 8′Quintadon 8′Rohrflöte 4′Nasard 3′Fugara 4′Viola di Gamba 4′Octave 2′Mixtur III Vox humana 8′ Schwebung Sonnenzug II Hauptwerk CD–c3Prinzipal 16′Bordun 16′Octave 8′Gemshorn 8′Viola di Gamba 8′Rohrflöte 8′Quinta 6′Octave 4′Quinta 3′Octave 2′Cornet Disc. III Scharfe Mixtur VI Cimbel IV Trompet 16′Tremulant III Oberwerk CD–c3Prinzipal 8’Große Quintaden 16’Salicional 8’Gedackt 8’Klein Gedackt 4’Octave 4’Quinta 3’Lamento 8’Octava 2’Mixtur V Trompet 8’ Pedal CD–d1Prinzipal 16′Subbass 16′(Violon)? 16′Gemshorn 8′Bassflöte 8′Quinta 6′Octav 4′Nachthorn 4′Mixtur V Posaune 16′Posaune 8′

Die Orgel wurde erst am 1. September 1783, nachdem der Organist Johann Christoph Escherich sowie der zur Abnahme vorgesehene Johann Joachim Meyer aus Wismar diesbezüglich nachgefragt hatten, durch Meyer und die Stralsunder Organisten Anton Friedrich Mahlstädt (St. Marien) und Escherich (St. Jakobi) abgenommen. Dietrich W. Prost beurteilt 1979 das Abnahmeprotokoll von 1783 als in einem „ungewöhnlich schmeichlerische(n) Ton“ abgefasst und mutmaßt, dass Marx die Organisten bestochen habe.Prost: Die Orgel in der Jakobikirche zu Stralsund. 1979, S. 169. Prost urteilt, dass Marx eher eine Instandsetzung als einen Neubau vorgenommen habe, worauf auch die Bauzeit von zwei Jahren deute. Tatsächlich ziehen sich Schriftwechsel zwischen Ernst Marx und dem Provisorat bezüglich Finanz- und Fachfragen noch bis 1787 hin.

Der seit 1792 in Stralsund beheimatete Orgelbauer Christian Erdmann Kindten wurde mit der Pflege aller Stralsunder Orgeln betraut. Nach seinem Tod 1803 übernahm der Instrumentenmacher Weith die Pflege der Orgel in St. Jakobi.

Nachdem Carl August Buchholz die Arbeiten an der Orgel der Marienkirche abgeschlossen hatte, reparierte er die Orgel in St. Jakobi. Zu Himmelfahrt 1829 wurde die Wiedereinweihung des Instruments gefeiert.Prost: Die Orgel in der Jakobikirche zu Stralsund. 1979, S. 170.

Ende der 1860er Jahre war die Orgel jedoch erneut in einem solchen Zustand, dass ein Neubau beschlossen wurde.

Dritte Orgel (19. Jahrhundert)

Im Jahr 1868 begannen die Verhandlungen zwischen der Kirchgemeinde und dem Senat der Stadt. Am 26. Juli 1870 wurde der Stralsunder Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel vertraglich für einen Neubau verpflichtet. Am 10. Mai 1870 reichte Mehmel einen Kostenvoranschlag ein. Er erklärte:

Mehmel übernahm von der alten Orgel den Prospekt. Da dieser Prospekt eine barocke Werkaufteilung vorgesehen hatte, geriet Mehmel durch diese Entscheidung in größere technische Schwierigkeiten, da seine Disposition einen anderen Werkaufbau vorsah. Die Fertigstellung und Abnahme verzögerte sich mehrfach wegen betrieblicher Schwierigkeiten. Der Endpreis erhöhte sich merklich. Am 7. November 1877 wurde die Orgel von Otto Wangemann begutachtet. Die Disposition sah wie folgt aus: