mini|Salustios auf einem Kontorniaten (Medaillon) des späten 4. oder frühen 5. Jahrhunderts Salustios () war ein spätantiker Philosoph der neuplatonischen Richtung. Seine schriftstellerische Tätigkeit fällt in die sechziger Jahre des 4. Jahrhunderts. Er befasste sich vor allem mit metaphysischen Themen und mit der Mythendeutung.

Identität

Der Philosoph und Schriftsteller Salustios ist nur als Verfasser der Schrift Über die Götter und die Welt bekannt. Seine Identifizierung mit anderweitig bekannten, in der Reichsverwaltung tätigen Personen wird in der modernen Forschung seit dem 19. Jahrhundert diskutiert. Dabei sind die hohen Beamten Flavius Sallustius und Saturninius Secundus Salutius in Betracht gezogen worden. Beide spielten unter Kaiser Julian (360–363) eine wichtige Rolle.

Flavius Sallustius wurde 361 von Julian zum Prätorianerpräfekten von Gallien (praefectus praetorio Galliarum) ernannt und bekleidete 363 das ordentliche Konsulat zusammen mit dem Kaiser. Er riet Julian von dem Feldzug gegen das persische Sasanidenreich ab, auf dem der Kaiser 363 ums Leben kam. Damals stand Sallustius bereits in hohem Alter.

Saturninius Secundus Salutius – oft nur Secundus genannt – stammte aus Gallien. Er wurde von Kaiser Constantius II. zum Berater Julians bestimmt, als dieser noch im Rang eines Caesars für Gallien zuständig war. 359 berief ihn Constantius aber von diesem Posten ab und holte ihn nach Konstantinopel, denn dem misstrauischen Kaiser missfiel die Vertrautheit zwischen dem militärisch erfolgreichen Caesar und dessen Berater. Julian war über die Trennung von seinem Berater, mit dem er Freundschaft geschlossen hatte, sehr betrübt. Nachdem Julian 361 in Konstantinopel als Nachfolger des Constantius die Macht übernommen hatte, ernannte er Secundus Salutius zum Prätorianerpräfekten für den Osten (praefectus praetorio Orientis). Der neue Präfekt blieb in der Umgebung des Kaisers; er war maßgeblich an der Vorbereitung von Julians Perserkrieg beteiligt und nahm an dem Feldzug teil, wobei er in Lebensgefahr geriet. Nach Julians Tod, bei dem er anwesend war, zogen ihn die maßgeblichen Offiziere als Nachfolger in Betracht, doch lehnte er die Kaiserwürde mit dem Hinweis auf sein hohes Alter und seine schlechte Gesundheit ab. Das Amt des Prätorianerpräfekten behielt er jedoch unter den folgenden Kaisern bei.

Gegen die Gleichsetzung des Schriftstellers mit Secundus Salutius scheint der Unterschied im Namen zu sprechen; der zeitgenössische Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus unterscheidet stets klar zwischen Salutius und Sallustius. In den griechischen Quellen werden jedoch beide Prätorianerpräfekten Saloustios genannt, und diese Namensform ist auch für den Schriftsteller überliefert. Daher steht einer Identifizierung des Schriftstellers mit Salutius grundsätzlich nichts im Wege, doch bleibt sie hypothetisch. Zur Begründung der Hypothese wird angeführt, dass der Schriftsteller ein Anhänger der paganen Religion war und die philosophischen und religiösen Interessen und Neigungen Kaiser Julians teilte, was auch auf Salutius zutrifft. Julian wollte das Christentum, das von seinen christlichen Vorgängern stark begünstigt worden war, zurückdrängen und die alte pagane Religion erneuern und wieder zur Staatsreligion machen. Salutius zählte zu den paganen Gelehrten, die Julian schätzte und in seiner Umgebung hielt. Daher liegt es nahe anzunehmen, dass der vorzüglich gebildete Prätorianerpräfekt die religiöse Weltanschauung, die er mit Julian teilte, für ein breiteres gebildetes Publikum in einer Abhandlung erläutert hat. Diese Hypothese wird von den meisten Altertumswissenschaftlern für plausibel gehalten; sie ist wesentlich besser begründet als die Annahme, dass Flavius Sallustius der Autor ist, denn für eine philosophische Betätigung des Flavius Sallustius gibt es keinen Beleg.Für die Identität des Schriftstellers mit Salutius treten u. a. ein: Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser, Stuttgart 2006, S. 269 f.; Glen W. Bowersock: Julian the Apostate, London 1978, S. 125; Giancarlo Rinaldi: Sull’identificazione dell’autore del . In: ΚΟΙΝΩΝΙΑ 2, 1978, S. 117–152; Gabriel Rochefort (Hrsg.): Saloustios: Des dieux et du monde, 2. Auflage, Paris 1983, S. XII–XXIII; Emma C. Clarke: Communication, Human and Divine: Saloustious Reconsidered. In: Phronesis 43, 1998, S. 326–350, hier: 347–350. Für Flavius Sallustius plädiert u. a. Robert Étienne: Flavius Sallustius et Secundus Salutius. In: Revue des études anciennes 65, 1963, S. 104–113.

Werk

Der Autor der griechischen Abhandlung Über die Götter und die Welt (Peri theōn kai kósmou) will eine allgemeinverständliche Darstellung der paganen Religion bieten. Daher wird in der Forschung oft angenommen, dass er beabsichtigte, für die an Julians Hof propagierte Weltanschauung zu werben und die religiösen Bestrebungen des Herrschers literarisch zu unterstützen. Demnach ist die Schrift zur Zeit der Alleinherrschaft Julians entstanden, also 362 oder in der ersten Hälfte des Jahres 363.Dies meinen u. a. Gabriel Rochefort (Hrsg.): Saloustios: Des dieux et du monde, 2. Auflage, Paris 1983, S. XXIV f. (Frühjahr 362); Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser, Stuttgart 2006, S. 270; Giancarlo Rinaldi: Sull’identificazione dell’autore del . In: ΚΟΙΝΩΝΙΑ 2, 1978, S. 117–152, hier: 126, 152; Enrique Angel Ramos Jurado: La teoría política de Salustio, prefecto de Juliano. In: Habis 18–19, 1987/88, S. 93–100, hier: 94, 100; Polymnia Athanassiadi-Fowden: Julian and Hellenism, Oxford 1981, S. 154. Anderer Ansicht sind jedoch Franz Cumont und ihm folgende Forscher. Sie meinen, dem Schluss des vierten Kapitels, wo von den Seelen verstorbener Mythographen die Rede ist, sei zu entnehmen, dass Julian zum Zeitpunkt der Abfassung bereits tot war, was zu einer Datierung nach dem Sommer 363 führt.Zu den Befürwortern dieser Spätdatierung zählt Riccardo Di Giuseppe (Hrsg.): Salustio: Sugli dèi e il mondo, Milano 2000, S. 53 f. Gegen diese Argumentation hat Karl Praechter gewichtige Einwände erhoben.

Der Titel ist nicht handschriftlich überliefert; er wurde erst im 17. Jahrhundert eingeführt und wird seither allgemein verwendet. Wie der Verfasser selbst sein Werk nannte, ist unbekannt.

Das Werk stellt den Platonismus und dessen Bildungskonzept aus spätantiker neuplatonischer Sicht zusammenfassend dar. Die Kapitel 1–12 enthalten eine für Anfänger geeignete Einführung in die Grundlagen des Neuplatonismus, die restlichen Kapitel (13–21) sollen zu einem vertieften Verständnis führen und Einzelfragen klären. Anregungen erhielt Salustios von einer Rede Julians und vom Gedankengut des berühmten Neuplatonikers Iamblichos.Giancarlo Rinaldi: Sull’identificazione dell’autore del . In: ΚΟΙΝΩΝΙΑ 2, 1978, S. 117–152, hier: 146–150; Arthur Darby Nock (Hrsg.): Sallustius: Concerning the Gods and the Universe, Cambridge 1926, S. XCVI–CI.

Zu Beginn erklärt Salustios, welche Eigenschaften jemand, der Kenntnis über die Götter erlangen will, aufweisen müsse und von welchen Grundannahmen in der Götterlehre auszugehen sei. Anschließend beantwortet er im dritten Kapitel die Frage, warum Dichter und Philosophen das Wissen über die Götter in mythisch verhüllter Form darbieten und auch die Götter selbst sich in ihren Orakeln so ausdrücken. Dies sei der Fall, weil diese Ausdrucksweise dem Thema angemessen sei; ein Mythos sei auf verschiedenen Verständnisebenen deutbar, und so könne jeder so tief in die Wahrheit eindringen, wie es sein Auffassungsvermögen gestatte. Im vierten Kapitel klassifiziert er die Mythen. In den Kapiteln 5–12 behandelt er die erste Ursache, die Einteilung der Götter in Gruppen, das Wesen des Kosmos, die Seelenlehre, die Vorsehung und das Schicksal, Tugend und Laster, die Staatsformen und den Ursprung des Übels. Zu den anschließend erörterten Themen des zweiten, für fortgeschrittenere Leser bestimmten Teils gehören das Verhältnis der Götter zum Kosmos und zu den Menschen, die Unzerstörbarkeit des Kosmos, der „Atheismus“ (gemeint ist das Christentum) und die Seelenwanderung.

Lehre

Götterlehre

In der Götterlehre stellt Salustios eine hierarchische Ordnung zwischen den verschiedenen Arten von Göttern auf. Das Unterscheidungsmerkmal sind ihre unterschiedlichen Funktionen bei der Erschaffung, Gestaltung und Bewahrung verschiedener Dinge. Das „Erschaffen“ ist nicht im Sinne einer Schöpfung aus dem Nichts oder Erzeugung zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeint, sondern im Sinne einer zeitunabhängigen Ursächlichkeit. Salustios hält das physische Universum ebenso wie die geistige Welt für unentstanden und unzerstörbar. Die Götter teilt er in zwei Hauptarten auf: die überkosmischen (hyperkósmioi) und die innerkosmischen (enkósmioi).

Die überkosmischen Götter sind in drei Rangklassen gegliedert. Der ersten Klasse gehören diejenigen an, welche die Wesenheiten oder Substanzen (ousíai) der (übrigen) Götter hervorbringen. Den zweiten Rang nehmen die Götter ein, welche den Intellekt (Nous) erschaffen. Zur dritten Rangklasse zählen die Götter, die für die Erschaffung der Seelen zuständig sind.

Die innerkosmischen Götter sind die Schöpfer der sinnlich wahrnehmbaren Welt, in der die Menschen leben. Bei ihnen unterscheidet Salustios vier Arten. Jede Art umfasst drei Götter und hat eine besondere Aufgabe mit den drei Aspekten Anfang, Mitte und Ende, für die jeweils einer der drei Götter zuständig ist. Daraus ergibt sich, dass die Anzahl der innerkosmischen Götter zwölf beträgt. Dies entspricht der traditionellen, auch von Platon vertretenen Lehre von den zwölf „großen“ Göttern, wobei allerdings die in den Quellen überlieferten Listen teils verschiedene Namen nennen. Die erste Art bilden bei Salustios die drei Götter, welche die Existenz des Kosmos bewirken: Zeus, Poseidon und Hephaistos. Die Götter der zweiten Art, Demeter, Hera und Artemis, beseelen das Universum und verleihen ihm damit Leben. Zur dritten Art zählen diejenigen, welche für die harmonische Ordnung unter den verschiedenartigen Bestandteilen des Kosmos sorgen: Apollon, Aphrodite und Hermes. Die vierte Art besteht aus den Göttern, die den Kosmos bewachen und beschützen und seinen Fortbestand gewährleisten: Hestia, Athene und Ares.

Die Zuordnung der Götter zu ihren Zuständigkeitsbereichen macht teilweise einen willkürlichen Eindruck. Salustios begründet seine Zuweisungen mit Eigenheiten der Götter, die auf deren Statuen kenntlich gemacht seien. Als Beispiel nennt er die Lyra, ein Attribut Apollons. Indem Apollon die Lyra stimmt, weist er auf seine Rolle bei der Gestaltung der harmonischen Weltordnung hin. Das Musikinstrument steht für musikalische Harmonie und symbolisiert so den kosmischen Einklang. Athenes Bewaffnung deutet ihre Aufgabe an, den Kosmos zu bewahren.Salustios, Über die Götter und die Welt 6,2–4.

Die Götter, die nicht zur Zwölferordnung gehören, hält der Philosoph für bloße Erscheinungsformen der zwölf Götter seines Systems; er bestreitet ihre eigenständige Existenz. So macht er aus Dionysos eine Erscheinungsweise des Zeus und aus Asklepios eine Erscheinungsweise von dessen Vater Apollon.Zur Göttersystematik des Salustios siehe Heinrich Dörrie, Matthias Baltes u. a.: Der Platonismus in der Antike, Band 7.1, Stuttgart-Bad Cannstatt 2008, S. 172–175 und 528–533.